1993 April Mai Juni – Damals ist ja immer

1993 April Mai Juni

DAMALS ist ja IMMER

Scheißer reden daß reden
jetzt nicht mehr hilft
und erhöhen sich ihre
Diäten

Kowalski aus Essen in Polen sagt
daß er nichts hat gegen andere
außer die wären so anders
und nähmen ihm vielleicht sein Fressen weg

Wegerle aus Schwaben sagt
die wollen nur unsere Fettration
schreibt das seinem Vetter in USA
dessen Familie vor langer Zeit und einer Hungersnot
da Zuflucht fand und Brot

 

Soziologen erklären uns alles
graphische Darstellungen werden herangezogen
in den Tabellen fehlt nicht unser materieller Wohlstand
nur unsere innere Armut

 

Erste Notwendige Abschweifung
Ich wollte eigentlich erstmal all die wunderbaren Kommentare zu meinem letzten Post beantworten. Dazu brauche ich aber Ruhe, Zeit und Kraft,
Nun gibt es aber seit einiger Zeit Ereignisse in Deutschland, da bleibt einem die Spucke weg.  Und mich haben diese Ereignisse fatal an die 90er Jahre erinnert, da brannten sie auch schon, die Asylantenwohnheime. Deshalb dieses alte Gedicht, das mir damals einfiel.
Zu der Zeit fand man meinen drastischen Sprachgebrauch überrtrieben. Heute finde ich es fast untertrieben. Leider.
Die Geschichte wiederholt sich auf unfassbare weise.

Zweite notwendige Abschweifung – Blogger für Flüchtlinge, Menschen für Menschen
Immerhin, heute  wie damals gibt es eine grosse Menge Freiwilliger, die helfen. Was natürlich auch heisst, heute wie damals lassen die Regierenden das Volk die notwendige Arbeit tu und schauen zu. Jedenfalls:, hier könnt ihr spenden und was tun. Klickt einfach auf das Bild:

Blogger für Flüchtlinge - Menschen für Menschen

Blogger für Flüchtlinge – Menschen für Menschen

Mehr dazu könnt Ihr auf Jochen Kienbaums grossartigen Blog Lust auf Lesen und auf  unermesslichen Blog Sätze & Schätze Lesen! Der hat mich mit seinem Beitrag nämlich zusätzlich motiviert, dieses Gedicht heute zu posten.
WIll sagen: man kann sogar aus der Matratzengruft tun – und wenn es nur eine kleine Spende sein ist.

Wer mehr tun kann und mag findet bei PRO ASYL Infos dazu.

Und: DRÜBER SPRECHEN!!!

 

Neues aus der Matratzengruft

I | nichts besonderes

nun ist das ja nichts besonderes
eine tödliche Krankheit zu haben
letztlich hat sowas jeder der lebt
manche 90 manche 30 Jahre lang

und trotzdem:
da entsteht die Wut und der Zorn
da wo einen die tödliche Krankheit
in zweifacher Ausführung erwischt hat:

DASLEBENDERKREBS

mit 26 habe ich angefangen
doppelt zu lebensterben
das ist eine sehr anstrengende
Tätigkeit

Doppelleben : Doppelsterben

es verdoppelt sich:
die Fähigkeit wahrzunehmen
der daraus resultierende Schmerz
die daraus resultierende Freude

manchmal tut es sehr weh
das ist der Wahrnehmungszwang

jeder begrabene Tag ist
doppeltes Sterben

jeder gelebte Tag
ist doppeltes Leben

diese Ambivalenz ist immer da
auch wenn ich versuche sie auszublenden
um beide Leben in die eine Zeit zu kriegen
das ist schon ein ganz schönes

DURCHEINANDER

 

II | Infusionsschlauch – Freiheit für saure Nierchen

von End zu End sinds sieben Schritte
wenn ich die kleinen nehm
in Metern genau viereinhalb
das ist schon recht bequem

ich gehe hin und gehe her
und denk dabei ich denke
und denke schließlich gar nichts mehr
weil ich mirs Denken schenke

dann – auf der nächsten Siebner-Tour
nehm ich mir freudig dies Geschenk
ich pack es aus ich nehm es auf
und siehe da: ich denk

ich denk zum Beispiel an paar Menschen
auch denk ich Bäume Wiesen Meer
an Ferne Nähe Leben eben
und denk: das lieb ich alles sehr

.

DIESE STILLE HIER

Ja, diese Stille hier. Seit dem 16. Juli habe ich hier nichts mehr geschrieben. Ich habe es nicht mal geschafft, eine kleine Meldung von wegen Blogpause hier hinzuschreiben. Das tut mir leid, und ich verspreche, ich versuche ab jetzt wieder  öfter zu posten. Ist ja nicht so, dass mich die Lust zu bloggen verlassen hätte, ganz im Gegenteil. Und auch an Ideen fehlt es nicht. Woran es fehlt, ist oftmals einfach die Kraft.

Um es zu erklären muss ich wohl heute etwas weiter ausholen und ein bisschen persönlicher werden.

Das heisst, alle, die finden, dass so persönliche Sachen auf einem Blog, der sich eigentlich mit Büchern, Musik und politischem Geschehen beschäftigt, fehl am Platz sind, können jetzt was anderes machen…

Vollstes Verständnis dafür, habe ich mich doch selber ein bisschen schwer damit getan, mich aber jetzt doch dazu entschieden, weil der Blog zu mir gehört, und das, was jetzt kommt eben auch.

 

ALSO, WARUM DIE BLOGPAUSE

Vor ziemlich genau einem Jahr und einem Monat gab es schon einmal so eine lange Pause – aus dem selben Grund, und der hiess damals und heisst heute immer noch akute Niereninsuffienz. Ich will Euch nicht mit Details langweilen, es ist nicht schön, es ist lebensbedrohend. Die wirklich grossartigen Ärzte im Krankenhaus haben damals das befürchtete multiple Versagen meiner geschädigten Organe abwenden können – und das haben sie dieses mal auch wieder geschafft. – Nach zwei Wochen bin ich mit verschiedenen Verhaltensmassregeln, einem neuen, besser auf mich abgestimmten Medikamentenplan und einem nochmaligen Plus an Lebenszeit aber auch dem Wissen, dass ich gar nicht mehr arbeiten kann, mein Problem chronisch und das Leben sehr endlich ist, nach Hause entlassen worden.

 

WIESO STEHT DA EIN GEDICHT ÜBER KREBS AM ANFANG

Krebs, genauer ein Morbus Hodgkin, der festgestellt wurde, als ich 26 war ist der Ausgangspunkt von allem.
Innert 7 Jahren wurde diese Krankheit mit einer heftigen Strahlentherapie, mehreren schweren Chemos und am Ende mittels einer autologen KMT (in meinem Fall einer Stammzellentherapie) erfolgreich behandelt. Seit 1993 bin ich absolut symptomfrei. Angst vor einem Rezidiv habe ich schon lange nicht mehr.

So weit, so gut. Was aber passiert ist, das sind die ‘Nebenwirkungen’ der ganzen Therapien und damit die fortschreitende Schädigung von Herz, Leber und schliesslich der Nieren. Die Lunge, die, wie leider auch das Herz, im direkten Strahlenbereich lag (man konnte damals noch nicht so dosiert und genau bestrahlen, wie heute üblich), war relativ direkt betroffen, funktioniert aber noch mit gut 60 %, unverändert seit 1987. Damit kann man gut leben, man atmet bloss flacher, als andere.

Die Freude, das Glück
So betrachtet bestimmt dieser Krebs seit 29 Jahren mein Leben. 29 Jahre sind eine lange Zeit und ich hätte nie gedacht, dass ich das alles so lange überlebe. 29 Jahre ist mir das Leben eine grosse Freude und ich bin unendlich dankbar, für jeden Tag, wirklich für jeden, auch den bescheidensten Tag (und davon gibt es einige).
Und ich weiss um mein grosses Glück, dass ich mit meiner Familie, meinen Freunden, meinen Ärzten und vor allem mit meiner wunderbaren Frau, meine Tochter, meinem kleinen Enkel habe, ohne die ich längst nicht mehr hier wäre.

Der Kampf, die Ambivalenz
29 Jahre ist es aber auch jeden Tag ein Kampf, mal mehr, mal weniger hart, in den letzten Jahren eher mehr. Das ist die Ambivalenz meines Lebens, die ich in diesem Gedicht ‘nichts besonderes‘ thematisieren wollte.   Weil ich meine, so kann ich es besser und wahrhaftiger beschreiben, als z.B. in diesem holperigen Text hier.

Das Misstrauen und die Liebe zur literarischen (Auto-)Biographie
Ich misstraue diesen direkten Sätzen, die ich da hinschreibe, sobald es um mich selber geht fast immer, warum weiss ich nicht so genau.
Meine Vermutung ist aber, dass es sich dabei so verhält, wie mit aller Prosa: ich liebe Geschichten und lese sie gerne, allein wenn es um biographisches geht misstraue ich der Prosa immer, egal von welchem Autor, erst recht also von mir selber.
Dabei ist es ist nicht so, dass ich biographische Prosa nicht gerne läse, ganz im Gegenteil, ich liebe gute (Auto-)Biographien. Man muss eben nur wissen:  die wahrhaftige Wahrheit über ein Leben erfährt man da nicht, man erfährt die Geschichte, so wie sie der Autor gesehen hat oder gerne gesehen hätte – und das ist völlig ok.

Da kommt die Abschweifung ins Spiel, endlich
Denn: Viele Sätze erlauben viele Abschweifungen, erlauben Variationen und erlauben vor allem, Lücken in der Erinnerung so zu füllen,wie man es gerne gehabt hätte. Ich vermute, deshalb auch meine Liebe zur Abschweifung…

Das Wahrhaftige im Gedicht
Im Gedicht dagegen meine ich, dass durch das Komprimierte, dadurch, dass manches nicht explizit gesagt, sondern vielleicht zwischen de Zeilen zu lesen ist, durch das Suchen und Finden des genau richtigen Wortes mehr Wahrheit vermittelbar ist, zumindest potenziell. Ichweiss nicht, ob mir das in meinen Gedichten gelingt, aber das ist das Ziel. Und deshalb steht da oben dieses Gedicht. Es ist mir wichtig, es ist der Ausgangspunkt von dem aus bei mir alles passiert – oder eben nicht passiert. Auch hier auf diesem Blog und auch bei allen biographischen Versuchen, die hier noch kommen mögen.

 

WIESO STEHT DA EIN GEDICHT ÜBER SAURE NIERCHEN

Ach,das müsstet Ihr Euch inzwischen denken können. – Das Gedicht ist einfach, man kann es getrost eins zu eins verstehen, aber selbst hier liegt zwischen den Zeilen noch so etwas, wie eine zweite Wahrheit.

Richtig verstanden repräsentiert diese letzten Strophe

ich denk zum Beispiel an paar Menschen
auch denk ich Bäume Wiesen Meer
an Ferne Nähe Leben eben
und denk: das lieb ich alles sehr

meinem Ausgangspunkt, von dem mir das Weitermachen möglich ist.

 

FERTIG SOWEIT

Fertig ist natürlich erst ganz am Ende, so gesehen ist auch dieser Post nur eine Haltestelle von hoffentlich noch vielen. Aber, wie sagt man so schön, die Einschläge kommen näher, die lebenswerte Zeit wird wertvoller und ich mache mir Gedanken darum, ab welchem Stadion des Kampfes die Ambivalenz kippt. Ich weiss genau, was ich nicht will, da wird es höchste Zeit, sich im Klaren zu werden, was ich will, wenn es kippt. Und wie es zu machen ist.

 

DRINGEND NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG | I

Dank an alle, die bis hierher durchgehalten haben! Dies ist nun wohl der persönlichste Post, den ich bisher auf diesem Blog geschrieben habe, und einer der längsten   – und ich weiss nicht, ob ich noch einmal so persönlich werde. Genau so wenig, wie ich weiss, ob ich nochmals so hemmungslos meine eigenen Gedichte hier hinschreibe. Heute musste das alles sein.

Für mich,  denn ich hatte das Gefühl, einen Ausgangspunkt finden zu müssen, von dem aus ich hier weiter mein Unwesen treiben kann. Ich meine, ich habe ihn gefunden.

Für meine wenigen, aber deshalb umso wertvolleren, treuen Leserinnen und Leser, denen ich meinte, eine Erklärung schuldig zu sein.

 

Porträt Heinrich Heine in der Matratzengruft 1851 von Charles Geyre (1806-1874)

Porträt Heinrich Heine in der Matratzengruft 1851
von Charles Geyre (1806-1874)

DRINGEND NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG | II

In Anlehnung an meinen Lieblingsdichter, den Harry oder Heinrich Heine, habe ich das Ding hier ein wenig anmassend ‘Neues aus der Matratzengruft‘ genannt.

Für mich lag das nahe, denn tatsächlich ist das Bett (oder das Sofa) derzeit mein Hauptaufenthaltsort. Ich soll mich und mein Herz dauernd schonen und erholen. Na gut. Zugegeben, oft geht es gar nicht anders, meine Kräfte sind sehr begrenzt. Aber ich bin ganz sicher, dass ich mit der Zeit meinen Radius wieder etwas ausweiten kann.

Wie auch immer, weit werde ich wohl nicht mehr kommen. Im Garten wackele ich schon manchmal rum, in den Wald hinterm Haus mal wieder ein paar Schritte zu gehen ist ein Ziel. – So gesehen bin ich froh, in meinem Leben doch 55 Jahre lang eine Menge erlebt zu haben, das mir als Material dient für den Rest.

 

DRINGEND NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG | III

Jutta Reichelt hat auf Ihrem Blog Über das Schreiben von Geschichten‘ vor einiger Zeit einen Post veröffentlicht, der den scheinbar einfachen Satz Meine Geschichte(n) schreibe ich selbst zum Titel hat. Ich habe viel über diesen einfachen Satz nachgedacht und ihn mir auf meine Weise zu eigen gemacht. Liebe Jutta, ich hoffe, Du bist mir deswegen nicht böse, ich jedenfalls traue mich auch deshalb, hier noch ein letztes eigenes Gedicht hinzusetzen (ich habe es  bereits klammheimlich vor ca. Jahren schon einmal in die Wochengedichte-Rubrik eingeschmuggelt, und es ist für mich gültiger, denn je. Es hat keinen Titel und es geht so

all das Leben
aufgestapelt bis zum Hals
wer soll das ordnen
noch verstehn

all die Erinnrungen
in Kopf und Herz und Bauch
vor denen du wohl nie mehr
flüchten kannst

und all die Träume
über jeden Horizont
die du nicht mehr
lassen willst

 

 

Zitat des Tages (02) – Ruth Klüger | Zerreißproben – ein besonderes Gedicht

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Ruth Klüger: Zerreißproben

Ruth Klüger | Zerreißproben

Erde behütet und Erde beschwert,
Wasser ertränkt, Wasserstoff nährt,
Luft ist das Nichts und ein All.
Schwankend zwischen den Gegensätzen
lernten wir die haltlosen Frühlinge schätzen –
Ewigen Sommer gab’s nur vor dem Fall.

Die zwei Waagschalen Pech oder Glück
kontrolliert weiß Gott welche Hand.
Noahs Taube kam nie zurück,
denn sie fand kein trockenes Land. –
Das Zeug, aus dem die Träume sind,
hält eher stand.

Zerreißproben       Das Gedicht handelt von den Widersprüchen der Wirklichkeit, die man nur mit Hilfe von Träumen lösen kann. Es hinterfragt eine der schönsten und zurecht eine der beliebtesten Geschichten der hebräischen Bibel, nämlich die vom Ende der Sintflut, wo Noah die Taube in die überschwemmte Welt ausschickt, und siehe, sie kehrt prompt mit grünem Laub im Schnabel zurück. Ich dachte, die hat Glück gehabt, sie hätte sich ebenso verirren können – sicher gab’s damals mehr Wasser als festen Boden. Dann wäre sie nicht der Vogel, der triumphierend zur Versöhnung von Mensch und Natur beitrug und über die Jahrhunderte hinweg zum Friedenssymbol wurde, sondern ein verängstigtes Tier, das draußen blieb.

Ruth Klüger:  Zerreißproben; kommentierte Gedichte. Wien, Paul Zsolny Verlag 2013, S. 114-115

Ruth Klüger | Leben und Werk

Leben       Ruth Klüger wurde am 30. Oktober 1931 in Wien geboren und lebt heute als Literaturwisschenschaftlerin und Autorin in Kalifornien. Zusammen mit Ihrer Mutter wurde sie von den Nazis in die Konzentrationslager  Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt deportiert. Kurz vor Kriegsende gelang ihr die Flucht. 1947 emigrierte sie in die USA, wo sie in New York Bibliothekswissenschaften und in Berkeley  Germanistik studierte. Sie lehrte als Professorin unter anderem von 1980 bis 1986 in Princeton und hat später verschiedene Gastprofessuren in Deutschland angenommen. Bis heute lebt sie in Kalifornien.

Werk       Bekannt geworden ist Ruth Klüger in Deutschland besonders durch Ihr autobiographisches Buch Ruth Klüger: weiter leben – Eine Jugend, das zuerst 1992 im Wallstein Verlag erschien. Der Verlag schreibt dazu treffend: “»weiter leben« ist kein Holocaust-Buch, das ein weiteres Mal das Grauen der KZs vor Augen bringt. Hier wird nicht das brutale Detail geschildert, sondern es werden die Auswirkungen des Erlebten auf die Entwicklung eines Menschen beschrieben und reflektiert. Erinnerung und Bewältigung zweifacher Rechtlosigkeit – als Jüdin und als Frau – sind zentrale Anliegen dieses Buches.”
Im Zsolnay Verlag erschien dann 2008 der zweite Teil der Autobiographie unterwegs verloren – Erinnerungen.

Keinesfalls vergessen darf man, dass Ruth Klüger sich, als Frau, als Autorin und auch als Wissenschaftlerin immer auch als Feministin begreift. Und zwar als eine, die sich völlig zurecht mit der heute weit verbreiteten postfeministischen Position, die annimmt, der Feminismus würde nicht mehr gebraucht, ganz und gar nicht einverstanden erklärt. Auch dazu hat sie publiziert. Die beiden wichtigsten Bücher sind die unter dem Titel Frauen lesen anders, 1996 im dtv veröffentlichten Essays und das 2010 im Zsolnay Verlag erschienene Aufsatz- und Besprechungsband Was Frauen Schreiben. In beiden Büchern verbindet Sie die Themen Literatur und Feminismus.

Über die oben genannten, wohl bekanntesten Titel hinaus, publizierte Ruth Klüger  als renommierte Literaturwisschenschaftlerin zahlreiche literaturwisschenschaftliche Bücher und Aufsätze, bis in die 80er Jahre auch als Ruth K. Angress (sie war in den 50er Jahren mit dem Historiker Werner Angress verheiratet).

Erste notwendige Abschweifung | Woher
Woher       Dass ich überhaupt auf diesen aussergewöhnlichen Gedichtband und damit auch  auf das titelgebende und oben zitierte Gedicht gestossen bin, liegt – wieder einmal – an Maras Wunderblog Buzzaldrins Bücher. Dort hat sie im Januar 2014 eine sehr kluge  Besprechung von Zerreißproben gepostet. Das  Buch habe ich mir daraufhin sofort gekauft und die Gedichte und die Kommentare gelesen. Ich war sehr fasziniert, bin es immer noch – und habe mir vorgenommen, irgendwann bald unbedingt was dazu hier auf saobp zu posten. Nun ja, es hat dann doch satte 18 Monate gedauert, aber heute ist eben der Tag. – Dank also wieder einmal an Mara, die auf ihrem Blog übrigens bereits 2012 eine sehr lesenswerte Besprechung zu Klügers oben erwähnten Band Was Frauen schreiben veröffentlicht hat.

Zweite notwendige Abschweifung | Warum & Weshalb
Warum       Weil ich fasziniert war und bin ich von diesen Gedichten, die grossenteils mit wenigen Worten eindringlich ihre Kindheit und Jugend, d.h., auch die Zeit in den KZs verhandeln. Fasziniert und zu manchem Aha-Erlebnis verholfen haben aber auch und besonders die Kommentare der Autorin. Ich kenne sonst keine Gedicht-Publikation, zu der die Dichterin derart die Kommentare und Hintergründe gleich mitliefert. Das ist aussergewöhnlich und gewagt – aber überaus gelungen. Und Klüger liefert die Begründung für ihr aussergewöhnliches Vorgehen im Buch gleich mit. Sie schreibt da im Vorwort:

Schließlich fragte ich mich, aus welche, eigentlich nicht recht einzusehenden Grund wir davor zurückscheuen, die eigenen Verse selbst zu deuten, obwohl die Verfasser ja die einzigen sind, von denen die Leser mit Sicherheit annehmen dürfen, dass sie sich etwas gedacht oder zumindest geahnt haben.
Dieses Tabu möchte ich nun brechen.   …   Ich möchte Gedichte vorstellen, die etwas mit meinem Leben zu tun hatten, und sagen, was es war. Oft war es etwas, was ich verdrängen wollte und das sich nicht verdrängen ließ. Manchmal verstand ich es erst später. als das Gedicht fertig dastand, manches blieb undeutlich. Das brachte mich darauf zu erkennen, dass Gedichte, wie Träume, eine Möglichkeit sind, die sich das Freudsche Es vorbehält, um sich Luft zu verschaffen. Die Kommentare handeln von dem, was ich weiß, und dem, was ich glaube zu wissen.

Ruth Klüger:  Zerreißproben; kommentierte Gedichte. Wien, Paul Zsolny Verlag 2013, S. 9

Weshalb       nun genau dieses Gedicht, könnte man sich fragen. Na ja, da fallen wir dann eben doch wieder in den Bereich der persönlichen Interpretation zurück, die eben auch vom Rezipienten und dessen momentaner Verfasstheit abhängig ist. Und die befindet sich momentan, sowohl was den Blick auf die Welt als auch auf das eigene Ich (oder war es das Es) betrifft in einem Zustand, der die Idee dankbar aufnimmt, dass Gedichte, wie Träume, eine Möglichkeit sind, die sich das Freudsche Es vorbehält, um sich Luft zu verschaffen.” Luft zum Leben und zum Überleben. – Im übrigen habe ich zum Thema Gedicht-Rezeption und Interpretation einen ellenlangen Kommentar auf Maras Blog hinterlassen. Ihr findet ihn hier (ziemich weit runterscrollen, da taucht er dann auf).

Dritte notwendige, sehr spezielle Abschweifung für Über das Schreiben von Geschichten wg B.C.
Liebe Jutta, so eine Abschweifung hatte ich auch noch nicht im Programm!  Aber ich glaube tatsächlich, auch hier – und ich beziehe mich insbesondere auf die letzten drei, vier Sätze des letzten grossen Zitats unter der zweiten Abschweifung – lässt sich wieder der Bogen spannen zu Boris Cyrulniks autobiographischen Text zur Resilienzforschung. Es ist manchmal einfach irre (im nicht-R.G.schen Sinne…).

LINKS

Auf verlassenem Spielplatz wirbelt der Sand. Besprechung Zerreißproben HIER auf Fixpoetry, 20.02.2014

Das Gegenbild zu den Berserkern. Besprechung Zerreißproben HIER auf FAZ online, 01.10.2013

Gespräch mit Ruth Klüger über Zerreißproben HIER in der Badischen Zeitung online vom 10.09.2013

Bio- und Bibliografie zu Ruth Klüger HIER auf der Homepage von FemBio | Frauen.Biographieforschung