Von Big Data zum Überwachungskapitalismus

Shoshana Zuboff

Rede von Shoshana Zuboff in: FAZ, Mo, 15. Sept 2014

Zum Themenkomplex Digitale Welt | Datensicherheit | Big Data | Digitale Zukunft  habe ich an dieser Stelle vor einigen Wochen auf ein interessantes Gespräch zwischen Juli Zeh und Philip Riedle hingewiesen.

Und weil uns das Thema ja so schnell nicht verlässt und auch nicht verlassen darf, wenn wir diese Zukunft verstehen und womöglich beeinflussen wollen, möchte ich heute auf eine Rede der emeritierten Harvard-Professorin für Wirtschaftswissenschaften, Shoshana Zuboff hinweisen, die sie letzten Freitag zur Eröffnung des 10. M100 Sanssouci Colloquiums in der Orangerie von Potsdam-Sanssouci hielt.

Das Kolloquium stand unter dem Oberthema Medienfreiheit im Zeitalter von Big Data, Frau Zuboff  hat es in ihrer Rede allerdings relevant erweitert, und zwar auf die Weiterentwicklung unseres gesellschaftlichen Systems durch und mit dem, was wir derzeit Big Data nennen – oder einfacher mit einer ihrer Zwischenüberschriften gesagt: Wie die Zukunft gestaltet wird.

Dabei skizziert sie den derzeitigen gesellschaftlichen Zustand als einen des Überwachungskapitalismus. Und dabei geht es natürlich bei weitem nicht nur um NSA, CIA, BND und Konsorten, sondern vor allem um das Überwachungskapital, das die grossen (und  auch die kleinen) Internetfirmen mit ihren Big Data generieren – und wie sie das tun. Und mit welchen Folgen für uns.

Die FAZ hat diese wichtige, weil nicht nur die altbekannten Diskussionsmodelle wiederkäuende Rede in ihrer Ausgabe von Montag, dem 15. September unter dem Titel Lasst euch nicht enteignen! dankenswerterweise abgedruckt. Auf der Homepage der FAZ kann man ihn komplett lesen, aber nicht nur das, es gibt dort auch den originalen Text der Rede in Englisch. Das ist insofern interessant, als der Text im Original heisst: A Digital Declaration – und genau diese will Shoshana Zuboff hier anschieben.

Als kleinen Leseanreiz zitiere ich hier aus den fünften Abschnitt der Rede:

Nach meiner Auffassung ist „Big Data“ ein großer Euphemismus. Nach Orwell werden Euphemismen in Politik, Krieg und Geschäft benutzt, um „Lügen wahr und Mord anständig klingen zu lassen“. Euphemismen wie „verbesserte Vernehmungsmethoden“ oder „ethnische Säuberung“ lenken uns von der hässlichen Wahrheit hinter den Worten ab. Die hässliche Wahrheit hier ist, dass ohne unsere Kenntnis oder unsere Einverständniserklärung vieles an „Big Data“ aus unserem Leben abgeschöpft wird. Diese Datenmengen sind die Frucht eines reichen Feldes von Überwachungspraktiken, die konstruiert sind, um für uns unsichtbar und unerkennbar zu bleiben, während wir uns durch die virtuelle und reale Welt bewegen. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklungen nimmt zu: Drohnen, Google Glass, tragbare Computersysteme, das „Internet von Allem“ (vielleicht der größte Euphemismus von allen)….
Quelle: FAZ online, gefunden am 16.09.2014

Die Links

Lasst euch nicht enteignen! – Rede Shoshana Zuboff (dt.)

A Digital Declaration – Rede  Shoshana Zuboff (engl.)

Shoshana Zuboff – Homepage

Harvard Business School – Homepage Shhoshana Zuboff (Faculty)

Honmepage M100 Sanssouci Colloquium 2014

Wikipedia (en) über Shoshana Zuboff

Schürfrechte am Leben | Die Google-Gefahr – Artikel von Shoshana Zuboff (30.04.2014)

Dark Google – engl. Original des Artikels ‘Schürfrechte am Leben (s.o.)

Von Susan Sontag zu Patti Smith – Bücher, Liebe, Leidenschaft

Susan Sontag - The Doors und Dostojewski

Susan Sontag: The Doors und Dostojewski Das Rolling Stone Interview mit Jonathan Crott

Susan Sontag und Jonathan Cott: The Doors und Dostojewski. Das Rolling Stone-Interviewmit Jonathan Cott. 
Hoffmann und Campe: Hamburg, 2014. 160 S., ISBN 978-3-455-50330-2, 18 €

 

WARNUNG
Das hier ist mitnichten eine vollständige Buch-Besprechung, eher so eine Art Spezial-Abschweifung der absolut notwendigen Art, hervorgerufen durch innere Begeisterungsstürme und tiefe Dankbarkeit dafür, dass uns manche Menschen so grossartige Kunst- und Denkwerke überlassen, wie die beiden, von denen hier die Rede sein wird. Es ist also mal wieder eine, für mein Schreiben und Lesen (und Leben) so typische ‘vom-Hölzchen-auf-Stöckchen’ Geschichte. Man liest was, assoziiert ein bisschen vor sich hin, lässt sich inspirieren, wird neugierig und schon… aber bitte:

 

SUSAN SONTAG
Durch die Besprechung des Sontag-Buches auf Mara’s buzzaldrins quasi gezwungen – und natürlich, weil ich Frau Sontag und ihr Werk sowieso faszinierend finde – habe ich mir das oben genannte Buch mit Susan Sontag‘s berühmten Rolling Stone-Interview bestellt und  sofort zu lesen begonnen. Ein grossartiges, geistreiches und sehr informatives Interview-Buch. Frau Sontag beantwortet Fragen nicht einfach so, sondern tatsächlich in kleinen, in der Regel fast druckreifen Vorträgen  oder Mini-Essays.

Im Vorwort von Jonathan Cott, (Autor zahlreicher Bücher, u. a. Interviewbände über Glenn Gould, Henry Miller und zuletzt über John Lennon und Yoko Ono, redaktioneller Mitarbeiter des Rolling Stone) zitiert er einen Satz Susan Sontags’ über ihr Verhältnis zu Interviews:

Ich mag Interviews … und zwar deshalb, weil ich die Unterhaltung, den Dialog, mag und weiss, dass viele meiner Gedanken im Gespräch entstehen.”
in: The Doors und Dostojewski, S. 16

In der Tat fühlt sich man sich immer wieder an Heinrich von Kleist’s Aufsatz von 1805 Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden erinnert. Cott selbst hat in einem sehr interessanten Artikel für Utne über seine Beziehung zu Susan Sontag und über dieses lange Interview geschrieben.

Themen des Interviews sind unter anderem ihre beiden Essay-Bände Über Fotografie und der aus der Erfahrung einer eigenen Krankheit heraus entstandene (aber nicht die Bohne darüber berichtende) Band Krankheit als Metapher.

Ich habe diese beiden brillanten Bände gelesen und auch angenommen, die Texte einigermassen verstanden zu haben, allein: in diesem Interview bringt Sontag noch einige wichtige, mir neue Aspekte ins Spiel, die mich die Bücher, insbesondere das Metaphern-Buch, noch mal ganz neu lesen und verstehen lassen.

Es gibt noch eine Fülle von weiteren (existenziellen) Themen, die ich hier gar nicht alle auflisten möchte, das würde dem Buch einfach nicht gerecht. Eine Sequenz aus Sontags Text ‘Ein Brief an Borges’ aber, die für mich als Leser und Mensch, der mit und in Büchern lebt, eine ganz besondere ist, möchte ich hier noch umkommentiert zitieren. Cott stellt sie ans Ende seines Vorwortes:

Sie haben gesagt, dass wir der Literatur fast alles schulden, was wir sind und was wir gewesen sind. Wenn Bücher verschwinden, wird die Geschichte verschwinden. Ich bin sicher, dass Sie recht haben. Bücher sind nicht nur die beliebige Summe unserer Träume und unser Gedächtnis. Sie bieten uns auch das Vorbild für Selbsttranszendenz. Manche Leute halten Lesen bloss für eine Art von Flucht: eine Flucht aus der ‘wirklichen’ Welt des Alltags in eine imaginäre Welt, die Welt der Bücher. Bücher sind viel mehr. Sie sind eine Art und Weise, ganz und gar Mensch zu sein.
in: The Doors und Dostojewski, S. 18 ff.

Das soll es über dieses grossartige Gespräch gewesen sein. Es ist ein schmales Bändchen von 160 Seiten – aber es ist wirklich ein grosses intellektuelles Erlebnis, und zwar deshalb, weil Sontag in einer sehr verständlichen, klaren Sprache ohne jeden Intellektualismus spricht. Wer mehr wissen möchte, der lese bitte die sehr treffende Besprechung auf buzzaldrins.

 

PATTI SMITH
Und wie kriegen wir nun die Kurve zu Patti Smith? Ganz einfach. Natürlich mit einem Zitat aus dem Interviewband mit Susan Sontag. Im Zusammenhang mit Gedanken über die Art, wie Sontag liest und vor allem über ihren ‘Glauben’ an die Geschichte sagt sie:

Ich glaube ernsthaft an die Geschichte, und das ist etwas, woran heute kaum noch jemand glaubt. Das, was wir tun und denken, sind historische Errungenschaften. Ich habe nur wenige Überzeugungen, aber dies ist gewiss einer meiner Grundsätze: dass beinahe alles, was wir für naturbedingt halten, geschichtlich ist und seine Wurzeln hat … Uns wurde ein Vokabular gegeben, das zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt entstand. Wenn ich also zu einem Patti-Smith-Konzert ins CBGB’s gehe, dann geniesse ich, habe teil und lasse mich ein, und das kann ich umso besser, weil ich Nietzsche gelesen habe.
in: The Doors und Dostojewski, S. 54

Allein um die Sache mit Nietzsche zu verstehen, sollte jetzt übrigens jede geneigte Leserin, jeder geneigte Leser, sogleich zum Fernsprechgerät greifen und das Buch bei der Buchhandlung des Vertrauens bestellen… Es geht dann ein wenig später im Gespräch so weiter:

Cott   Und wie, glauben Sie, steht Patti Smith damit in Verbindung?

Sontag   Durch die Art, wie sie redet, wie sie auftritt, wonach sie strebt, durch ihr Wesen. Sie ist Teil der heutigen kulturellen Situation, und deren Wurzeln reichen weit zurück. … Rock’n’Roll hat wirklich mein Leben verändert.
in: The Doors und Dostojewski, S. 55

Bäng, da isses, Sontag kommt wirklich von Hölzchen auf Stöckchen – und ist dabei immer klar, immer stringent im Sinne der Erkenntnis, dass alles zusammengehört. Sie ist eine Meisterin der Notwendigen Abschweifung, allein deshalb bewundere ich sie…

Also Patti Smith! Als ich die oben zitierten Stellen gelesen habe durchzuckte mich stante pede meine Begeisterung für Patti Smith.  (autsch, aber sorry, dieser Satz musste einfach genau so raus).

Und warum? Im Zusammenhang mit dem Interview besonders deshalb, weil sie für mich die personifizierte Zusammenführung von Poesie und Rock’n’Roll (!!!), Intellekt und Empathie, Wut und Liebe, ja als eine Mischung aus früher Poetry-Slammerin,  und Rocksängerin ist.

Ausserdem ist sie auch noch eine veritable Schriftstellerin autobiographischer Prosa und nicht zuletzt ist sie geprägt durch ihr frühes Zusammenleben mit Robert Mapplethorpe. So, und nun sollen die Bilder und die mit den Bildern damit verlinkten Videos sprechen, denn im oben genannten Moment des Durchzuckend habe ich sofort angefangen, mal wieder Patti Smith zu hören.

 

Patti Smith performing We are the Future |  Rock'n'Roll Nigger

Patti Smith performing
We are the Future | Rock’n’Roll Nigger
gefunden auf Youtube am 22. August 2014

LEIDENSCHAFT
Wenn Ihr auf dieses Bild klickt, kommt Ihr zum Video. – Rock’n’Roll Nigger ist eines meiner liebsten Stücke von Patti. Sie kombiniert es bei ihren Auftritten immer mit einem gesprochenen oder besser gesagt gerappten Text. Der geht dann umstandslos in den Song über. Zuerst hat sie den Song auf Ihrer 1978er LP Easter herausgebracht.  Da kombiniert sie den Song mit dem grandiosen Babelogue.

Patti Smith - Bücher

Die Bücher

LIEBE & BÜCHER
Das war also die Poetry-Slammerin und Rock’n’Rollerin. Jetzt kommen wir zur Autorin. Sie hat zwei Bände mit autobiographischer Prosa veröffentlicht, der eine heisst Traumsammlerin und ist eine Sammlung erzählter Kindheitserinnerungen. Keineswegs stringent, äusserst poetisch, und wenn man Patti Smiths’ Songs kennt, dann gibt es einiges zu entdecken, aber natürlich lohnt sich der Band auch für alle anderen Leserinnen, die für eine ungewöhnliche und poetische Prosa offen sind. Nicht zufällig findet sich auch zu diesem Buch eine sehr schöne Besprechung von Mara bei buzzaldrins.

Der andere Band heisst Just Kids – Die Geschichte einer Freundschaft und erzählt von ihren ersten Jahren in New York, von ihrer Freundschaft und Liebe zu Robert Mapplethorpe – und es ist die Geschichte ihrer Künstlerwerdung. Ein tolles, zuweilen sehr zärtliches Buch und sicher einfacher zu lesen, als die Traumsammlerin. Wenn Ihr auf das Bild klickt, dann kommt Ihr zu einem Artikel von Verena Lueken aus der FAZ vom 17. März 2010.

Patti Smith reading from Just Kids and performing Because the Night

Patti Smith liest aus ‘Just Kids’ und
singt a cappella ‘Because the Night’
gefunden auf Youtube am 23. August 2014

Hier sieht man Frau Smith, wie sie aus Just Kids liest. Natürlich kann sie auch eine Lesung nicht gestalten, ohne, dass sie mal kurz zur Rock’n’Rollerin wird. Wenn Ihr auf dieses Bild klickt, dann könnt Ihr das Video von Ihrer Lesung/Performance sehen. Sie kommt zu einer Stelle, an der sie über den von ihr gecoverten Springsteen-Song Because the Night, ihrem einzigen wirklichen Hit, wie sie nicht zu erwähnen vergisst. Und dann fängt sie an zu singen. A capella. Es ist beeindrucken, zärtlich und rührend zugleich.

THAT WAS IT
Falls Ihr es bis hierher durchgehalten habt, ganz lieben Dank. Falls nicht, lest Ihr das hier ja eh nicht mehr. Und: Nein, ich kann einfach nicht kurz, nicht mal, bei so einem Spontan-Post wie diesem hier. Aber ich werde es immer wieder probieren, doch doch…

Im Grunde war das hier eine Art Tour de Force durch meinen armen Kopf, die ich da aufgeschrieben habe. So geht das immer, und da soll man dann eine Ordnung reinbringen. Andererseits: dieses Hölzchen-auf-Stöckchen-Ding, dieses ewige Assoziieren, dieses hin-und-her-Springen zwischen den Themen liegt einfach daran, dass Literatur gierig macht, neugierig und gierig aufs Leben. Und damit schliesst sich der Kreis und wir sind wieder am Anfang, bei Susan Sonntag’s Satz von viel weiter oben, den ich hier noch einmal ans Ende stelle:

Manche Leute halten Lesen bloss für eine Art von Flucht: eine Flucht aus der ‘wirklichen’ Welt des Alltags in eine imaginäre Welt, die Welt der Bücher. Bücher sind viel mehr. Sie sind eine Art und Weise, ganz und gar Mensch zu sein.
in: The Doors und Dostojewski, S. 18 ff.

 

WEITERE LESENSWERTE BESPRECHUNGEN

Buzzaldrins Bücher

Literaturen – ein Streifzug durch Literatur und Kultur

Herzpotenzial – Bücher sind zum Lesen da

 

die Paris Review Interviews bei der Edition Weltkiosk

Paris Review Interviews

Paris Review Interviews

die Paris Review Interviews 01. – Aus dem Englischen von Alexandra Steffes, Judith Steffes und Henning Hoff, herausgegeben von Alexandra Steffes
Edition Weltkiosk : London, Berlin : 2011. 352 S., ISBN 978-3-942377-01-0, 19,90 €

die Paris Review Interviews o2. -Aus dem Englischen übertragen  und herausgegeben von Alexandra Steffes
Edition Weltkiosk : London, Berlin : 2014. 352 S., ISBN 9978-3-942377-07-2, 19,90 €
Beide im Vertrieb von Leske Verlag / Lilienfeld Verlag

 

DIE EDITION WELTKIOSK
Die Edition Weltkiosk kannte ich noch nicht. Klappentexterin hat sie erwähnt in Ihrem schönen Bericht über eine Veranstaltung des LCB auf we read indie, die jährlich am Wannsee stattfindet und ‘Kleine Verlage am grossen Wannsee’ heisst.

In der Edition Weltkiosk sind nun die beiden oben genannten Bände mit ausgewählten Interviews aus der vierteljährlich in New York erscheinenden Literaturzeitschrift Paris Review erschienen.

the Paris Review - Cover des ersten Heftes, 1953 Das Bild wurde entnommen aus Wkipedia en. Zum Original einfach auf das Bild klicken

the Paris Review – Cover des ersten Heftes, 1953
gefunden am 13.08.2014
in: Wkipedia en.

DIE ZEITSCHRIFT
Die Paris Review wurde 1953 in Paris von einer Gruppe amerikanischer Literaturfreunde um George Plimpton gegründet, zog mit ihrer Redaktion 1973 nach New York um und existiert bis heute als eine der wichtigsten literarischen Zeitschriften, die besonders bekannt ist für Vorab-Drucke von Texten unbekannter und bereits bekannter Autoren. Ausserdem veröffentlicht die Zeitschrift in jeder Nummer jeweils mindestens  ein grosses Interview mit einer Autorin oder einem Autor. Wer mehr über die Zeitschrift erfahren will (und das lohnt sich sehr) kann sich anhand der Links unter diesem Post informieren.

DIE INTERVIEWS
Die Paris Review Interviews erfreuten sich von Beginn an sowohl bei der Leserschaft als auch bei Autoren und Literaturkritikern grosser Beliebtheit und man kann, da es sich – im Nachhinein betrachtet – um ausschliesslich wirklich wichtige Autoren handelt, in der Tat von einem  Archiv oder Gedächtnis der zeitgenössischen Weltliteratur sprechen.

Und so ging es bereits im ersten Jahr hochkarätig los. In den ersten vier Heften im Jahr 1953 wurden die Schriftsteller E.M. ForsterFrançois MauriacGraham Greene und Irwin Shaw interviewt. Das Jahr 1954 begann dann mit William Styron und so geht das dann weiter bis zum aktuellen Heft, der Nummer 209. Darin kommen Joy Williams und Henri Cole zu Wort (seit den 2000er Jahren werden häufig zwei Interviews in einem Heft publiziert). Das tolle ist, man kann fast alle Original-Interviews im Interview-Archiv der PR-Homepage komplett nachlesen. Wer also Lust hat, sollte da mal da reinschauen. Es lohnt sich allemal.

WAS DIE INTERVIEWS AUSMACHT
Die Besonderheit und Güte dieser Interviews liegt in der Herangehensweise und in der Qualität der Interviewer begründet. Die Interviewer haben alle ein grosses literarisches Wissen und sind auf die Autoren stets äusserst gründlich vorbereitet.

Im Laufe der Jahre wurden und werden ausserdem immer wieder Interviews veröffentlicht, die über einen längeren Zeitraum geführt wurden, also auch einen Entwicklungsprozess der betroffenen Autoren zeigen. So werden z.B. im Falle Kurt Vonneguts’ 4 Interviews die zwischen 1967 und 1976 an verschiedenen Orten geführt wurden sozusagen zusammengesetzt und mit der Zustimmung des Interviewten 1977 veröffentlicht (in Band 1 der Weltkiosk-Ausgabe, S. 107)

Ein weiteres Interview-Format  erlaubt den Autoren über vorab versandte Fragen eine gewisse Vorbereitung. Hier ist das Interview mit Vladimir Nabokov aus dem Jahr 1967 ein schönes Beispiel (ebenfalls in Band 1 der Weltkioskausgabe, S. 87).

Ein weiteres wichtiges Kriterium: Kein Interview wird ohne das Plazet und ohne evt. gewünschte Korrekturen der Autoren (gemeinsam mit der Redaktion) veröffentlicht.

Jedem Interview vorangestellt wird eine Manuskriptseite eines aktuellen Werkes der oder des  Interviewten in Faksimile und eine ein- bis vier-seitige Beschreibung der Interview-Situation (in welchem Zeitraum, an welchen Orten, welche Form) und des Autors bzw. der Autorin. – Diese kurzen Texte sind teilweise brillant geschrieben, bringen häufig auch etwas über die Persönlichkeit der Interviewer zu Tage und darüber, wie einfach oder schwierig das Interview war, sprich, wie zugänglich oder nicht die Interviewten waren. Dadurch bekommt man eine gute Einstimmung und – zumindest mir ging es so – kann sich in die Interview-Situation gut einfühlen. Als schönes Beispiel dafür ein Zitat direkt aus dem Vorspann zum Interview mit Dorothy Parker:

Zur Zeit dieses Interviews (1956) lebte Frau Parker in einem New Yorker Hotel in Midtown Manhattan. Sie teilte ihr kleines Appartment mit einem jugendlichen Pudel, der sich dort austobte und schuld war, dass die Wohnung, wie Frau Parker entschuldigend sagte, etwas «Hogarth-esk» aussah: Zeitungen lagen auf dem Boden verstreut, angenagte Lammkoteletts hier und da eine Gummipuppe – den Hals von einem Ohr zum anderen durchtrennt – die Frau Parker linkshändisch von ihrem Stuhl aus in die Ecken des Raumes lobbte, damit der Pudel sie apportieren könne, was er tat, ohne der Sache müde zu werden. …  

Bd 1 der Weltkiosk-Ausgabe, s. 13

Der Ablauf der Interviews ist bestimmt von den genannten Formalien, hat also eine im Prinzip immer gleiche Struktur, die aber häufig durch die Antworten (oder Monologe) der Autoren immer wieder anders ausgefüllt wird. Häufig sind die Einstiegsfragen sehr persönlich und recht locker formuliert, so dass im besten Falle,  wie ebenfalls das Interview mit Dorothy Parker schön zeigt, gleich eine persönliche Atmosphäre für den Fortgang des Interviews geschaffen wird:

INTERVIEWER: Ihr erster Job war bei der Vogue, nicht wahr? Wie haben sie es angestellt, von denen genommen zu werden, und wieso die Vogue?

DOROTHY PARHER: Nachdem mein Vater starb, war kein Geld da. Ich musste arbeiten, sehen sie, und Herr Crowninshield (Frank Crowninshield, damaliger Hrsg. der Vogue, Journalist und Literaturkritiker), Gott hab ihn selig, zahlte zwölf Dollar für einen kleinen Vers von mir und gab mir einen Job für zehn Dollar die Woche. Nun – ich dachte, ich sei Edith Sitwell. …

Bd. 1 der Weltkiosk-Ausgabe, S. 14

Der literarische Fokus  wird bei allen Interviews auf Fragen der Schreib-Technik, den Schreib-Ort, die Schreib-Zeit und den Schreib-Anlass gelegt. Auf diese Weise erhält man einen Blick in die SchreibWerkstätten der Autoren, wie man ihn sonst kaum erhält  – und  kann dabei feststellen, wie unterschiedlich sie arbeiten. Den meisten gemein ist, dass sie alle zwischen 3 und 6 Stunden täglich schreiben (Ausnahmen wie David Grossmann bestätigen die Regel), dafür ist die Vorbereitung, die Recherche-Arbeit und die Ideenschöpfung doch ausgesprochen unterschiedlich.

Faszinierend ist, dass bei der durch die genannten Formalien, die von den Interviewern fast immer eingehalten, aber je nach Autor unterschiedlich, mal sehr vorsichtig, mal sehr forsch oder gar provozierend platziert werden, im Laufe der Interviews eine Art Vertrauen entsteht, das die Autoren dazu bringt, mehr und mehr über sich selbst und die Entstehung einzelner Werke preiszugeben. Das klappt sogar bei dem von Beginn an ausgesprochen spröden Hemingway, der  sehr gerne kurze Ein-Satz-Antworten oder gar Ein-Wort-Antworten gibt:

INTERVIEWER: Sind diese Stunden während des eigentlichen Arbeitsprozesses vergnüglich?

HEMINGWAY: Sehr.

Bd. 1 der Weltkiosk-Ausgabe, S. 61

Daraus entsteht dann aber doch, als Antwort auf  die folgende Frage,  eine sehr persönliche Antwort, ja geradezu intime Antwort, die man zunächst niemals erwartet hätte und in der er offenbart, wie groß und leidenschaftlich seine Liebe zum Schreiben ist:

INTERVIEWER: Könnten Sie über den Arbeitsprozess etwas sagen? Wann arbeiten Sie? Halten Sie sich an einen strikten Zeitplan?

HEMINGWAY: Wenn ich an einem Buch oder einer Geschichte sitze, schreibe ich jeden Morgen, sobald es hell wird. Es gibt niemanden, der einen stört, und es ist kühl oder kalt, und man geht an die Arbeit und wärmt sich auf, während man schreibt. Man liest, was man geschrieben hat, und da man immer dann aufhört, wenn man weiß, was als nächstes passiert, fährt man von da fort. Man schreibt, bis man an die Stelle kommt, wo man noch Saft besitzt und weiß, was als nächstes passiert, und hört auf und versucht, durchzuhalten bis zum nächsten Tag, wenn man wieder loslegt. Du hast morgens um sechs angefangen, sagen wir, und machst vielleicht weiter bis Mittag oder bist schon vorher fertig. Wenn man aufhört, fühlt man sich so leer und gleichzeitig niemals leer, sondern erfüllt, als hätte man mit jemandem geschlafen, den man liebt. Nichts kann dir wehtun, nichts passieren, nichts bedeutet etwas, bis zum nächsten Tag, wenn du es wieder tust. Es ist das Warten bis zum nächsten Tag, das schwer fällt.

Bd. 1 der Weltkiosk-Ausgabe, S. 61

An dieser Stelle möchte ich aufhören zu zitieren. Ich habe mir ungefähr dreihundert vierundfünfzig Stellen angestrichen, die ein Zitat wert wären, aber man muss es einfach selber lesen.

WAS BISHER NICHT ERWÄHNT WURDE
Angesichts der aktuellen Sach- und Lachgeschichten um Spione im In- und Ausland, um NSA und CIA, um Kanzlerinnen-Handys und von Israelis abgehörte  US-amerikanische Regierungsmitglieder wirkt es fast wie ein Witz, dass sich unter den Mitbegründern der Paris Review mit Peter Matthiessen ein CIA-Agenten befand.
Es stellt am Ende die Arbeit der amerikanischen (und wahrscheinlich nicht nur dieser) Geheimdienste in eine böse Tradition. – Wer mehr darüber wissen möchte, klickt einfach auf den letzten Link unten in der Link-Liste.
Der Qualität der Zeitschrift übrigens hat es keinen Abbruch getan, dennoch ist es ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ihrer Gründung, der einen erschreckenden Bezug zum damals herrschenden Kalten Krieg herstellt.

MEIN FAZIT
Ich glaube, jedem auch nur ein wenig an der Literatur und ihren Erschaffern interessierten Menschen ist mit diesen beiden Bänden, die nun 2011 und 2014  auf deutsch erschienen sind, ein grosses Lesevergnügen garantiert.

Dabei bekommt man eine Menge Einblicke nicht nur in die unterschiedlichen Schaffensprozesse der Autorinnen und Autoren, sondern bisweilen auch tiefe Einsicht in ihre persönlichen und politischen Standpunkte und auch,  ja man könnte schon sagen, in ihre Seelen. Man lernt ihre Glücksmomente und ihre (zuweilen kreativen) Verzweiflungen kennen und wird damit in die Lage versetzt, sich von der anderen Seite der Lektüre an das Werk und die Autoren anzunähern.

Mich persönlich haben im ersten Band (den zweiten nehme ich demnächst in Angriff und es gibt gar keinen Anlass daran zu zweifeln, dass die darin publizierten Interviews nicht genau so gut wären) die Interviews mit Hemingway, Truman Capote, Philip Roth, Joan Didion, David Grossmann und Toni Morrison am meisten beeindruckt. – Nein, das ist eigentlich Quatsch,  denn wenn ich mir die Liste der Interviewten ansehe und die Interviews rekapituliere, so ist jedes einzelne eine grossartige, spannende Erzählung – und selbst schon wieder grosse Literatur.

DIE INTERVIEWTEN
Bd. 1 der Weltkiosk-Ausgabe
Dorothy Parker, Françoise Sagan, Truman Capote, Ernest Hemingway, Vladimir Nabokov, Kurt Vonnegut, Heinrich Böll, Philip Roth, Toni Morrison, Orhan Pamuk, Joan Didion, David Grossman

Bd. 2 der Weltkiosk-Ausgabe
William Faulkner, Evelyn Waugh, Simone de Beauvoir, Saul Bellow, Jorge Luis Borges, Jean Rhys, Elizabeth Bishop, Raymond Carver, Max Frisch, Alice Munro, V.S. Naipaul, Haruki Murakami 

 

DIE LINKS

Wikipedia, englisch
https://en.wikipedia.org/wiki/The_Paris_Review

Wikipedia, deutsch
https://de.wikipedia.org/wiki/Paris_Review

Paris Review, Homepage
http://www.theparisreview.org

Paris Review, Archiv aller bisher erschienenen Interviews http://www.theparisreview.org/interviews

Paris Review: alle bereits auf Englisch erschienenen Bände der Interviews http://store.theparisreview.org/collections/books

Spiegel, 20.08.1958: Zum Diktat. Über die Paris Review Interviews (Fokus Schreibtechnik)
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41762251.html

Cicero, 22.01.2008: Daniel Kehlmann über die Paris Review Interviews http://www.cicero.de/salon/kehlmann-liest-interviews-der-paris-review/38414

Deutschlandfunk, 26.08.2011: Ein Rundgang durch die Weltliteratur http://www.deutschlandfunk.de/ein-rundgang-durch-die-weltliteratur.700.de.html?dram:article_id=85216

Culturmag, 28.05.2014: Warum nicht mal blasphemisch sein. Über den zweiten auf Deutsch erschienenen Band der PR-Interviews
http://culturmag.de/rubriken/buecher/die-paris-review-interviews-teil-2/81359

lettre 2012: Paris Review und der CIA – über die fragwürdigen Ursprünge    https://www.lettre.de/beitrag/whitney-joel_kultur-und-geheimdienst

Meine Daten, Deine Daten – Juli Zeh und Philip Riederle im Gespräch

irreMan hat es ja fast schon wieder vergessen: nicht nur das Kanzlerinnen-Handy wird abgehört (was mir am Ende schnurz ist), sondern überhaupt fast alles wird abgehört und gesammelt, was an privaten Daten über uns sammelbar ist. Völlig willkürlich. Darüber habe ich ein sehr lesenswertes Gesprächsinterview im aktuellen Chrismon-Magazin gefunden, einem evangelischen Magazin, das in vielen überregionalen Tageszeitungen beiliegt und zuweilen sehr interessante weltliche Beiträge enthält. So auch in diesem Fall. Die Gesprächspartner sind die Autorin Juli Zeh (Nullzeit, Spieltrieb und in diesem Zusammenhang besonders: Angriff auf die Freiheit, zusammen mit Ilja Trowanow) und der sogenannte Digital Native (uff) Philip Riederle (19), der im letzten Jahr den Titel “Wer wir sind und was wir wollen” veröffentlichte und Vorträge vor Managern und anderen über ‘Die Lebenswelt seiner Generation’ hält.

Der Untertitel des Gesprächs lautet ‘Die Schriftstellerin und der Digital Native über Kundenkarten, internetfähige Brillen – und die totale Überwachung’

Es geht um die Privatsphäre eines jeden von uns, wie wir damit umgehen können und wer, ausser uns selbst, dafür Verantwortung trägt (genauer: tragen müsste).

Das Gespräch findet sich HIER