Warum das gerade hier so still ist

Es war im März 1991, es ging um den zweiten Golfkrieg (wenn man den Iran-Irak-Krieg 1980-1988 mitzählt), es ging um Embedded Journalism und es ging um die Operation Desert Storm. Es ging um ‘gerechten Krieg’,  um die deutsche Beteiligung… Ich lag verwirrt vor dem Fernseher und habe quasi mitgeschrieben

26.3.1991 / Tübingen liegend

: es ist nichts passiert :

im Studio Expertenrunde
          egal der Krieg und wo

hier : der bekannte Nahost-Experte
hier : der berühmte Wildwest-Experte
(beide selbstredend gewaschen mit allen Wassern)                            :         
hinter Gläsern weißen Weines
wichtig 
sitzend schwitzend

und dort: der moderate Moderatortor
           dezent keawattiert, unange-
strengt  unkonzentriert

vermittelt zwischen Diskutanten und Sendezeit
(Moment,
 die Regie sagt mir gerade)

hintan auch: der Zuschauerraum
(leider
 konnten wir nicht so viele
Mikros verteilen wie Meinungen, äh)

JETZT
             noch ein kurzes Statement
             (schnell in einem Satz)

DANN
              Sendeschluß
                       es ist nichts passiert
                                       egal der Krieg und wo
                                                      wir sind wie immer alle
gerettet

POWER OFF

 

Heute, am 26.März 2015 hat sich – außer in ein paar Nuancen und Redewendungen –  nichts geändert. Immer noch wird eine Sau nach der anderen durchs Dorf getrieben, immer noch sprach DRECK zuerst mit den Toten und immer noch ist morgen die Sau von gestern schon längst das Gammelfleisch von Dunnemals.
Doch, vielleicht hat sich etwas geändert. Vielleicht gibt es heute wieder viel offeneren Rassismus, Antisemitismus, Inhumanismus, Drecksnationalismus. Und vielleicht ist das alles heute oftmals viel skrupelloser. Vielleicht fällt heute viel mehr unter den alles legitimierenden Deopenspruch ‘Das wird ,man ja wohl mal sagen dürfen’.

Mich hat das in den letzten Wochen und Monaten sprachlos gemacht. Deshalb war es hier seit Ende Januar so still. So wütend still.

Die Wut ist nicht vergangen, aber ich fang jetzt wieder an.

Das war das – und ich habe es hingeschrieben, weil ich so langsam das Gefühl hatte, meinen wenigen treuen Leserinnen und Lesern, die selbst in diesen stillen lauten Zeiten, diesen Blog immer wieder besucht haben, eine Erklärung schuldig zu sein.  Und weil erstaunlicherweise in dieser Zeit sogar ein paar neue Leserinne  und Leser hinzugekommen sind und sich so manche durch ein paar meiner spärlichen 74 Beiträge gekämpft, geliked und kommentiert hat. Das hat mich sehr gefreut und ich danke dafür allen, die dabei waren und sind!

 

ERSTE NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG
Dies vor allem für die Wenigen, die bemerkt haben, dass auch Jo Hart, mein Alter Ego  auf Facebook, geschwiegen hat. Nein, der hat nicht geschwiegen, den habe ich für immer kalt gestellt. Ich habe den eine Zeit lang benutzt, um endlich herauszufinden, was so toll an diesem Facebook ist. Ich habe es leider nicht gefunden, das Tolle.
Was ich gefunden habe, waren einige von Euch (wegen denen ich im Übrigen vor allem diesen Jo Hart erfunden habe) und Ihre häufig sehr witzigen, erhellenden und informativen Einträge. Schön.
Was ich aber auch gefunden habe beim Stöbern in diesem Facebook: eine unglaubliche Menge an Müll, an Meinungen und Deinungen ausserhalb  der Grenzen der (meiner) Erträglichkeit. Unglaublich viel vorgefertigten Stammtischsprech, unglaublich viele Vorurteile, Ressentiments gegen egal wen, ach, so viel unerträgliches Zeug.
Und was ich gefunden habe ist, dass mir dieses Facebook einfach bloß Zeit weg nimmt. – Nun ja, und als die Firma Facebook dann vor einigen Wochen Ihre ‘Datenschutz’-Richtlinien noch einmal einen Schritt weiter in Richtung Ausspähung geändert hat, da habe ich beschlossen, den Jo Hart zu löschen. Was nicht grade einfach war, weil Facebook die Möglichkeit, dass sich jemand ihm entziehen könnte offensichtlich gar nicht ertragen kann.

 

LETZTE DRINGEND NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG
In und um diese Zeit, in der hier nichts los war, haben mich, überraschender weise sowohl Heike von einem meiner Lieblingsblogs, dem Landglück (und Textwerk natürlich) als auch von Greta vom schönen und mir bis dato leider völlig unbekannten Blog Freudefinder (was für ein schöner Name) zum ‘Liebster Award’ nominiert. Bis jetzt habe ich darauf nicht reagiert, irgendwie war ich mit all dem oben Beschriebenen einfach überfordert.
Also Ihr beiden, falls Ihr dass hier lesen solltet: Ich habe mich sehr gefreut, ich danke Euch sehr dafür – und ich hoffe, Ihr seid mir nicht böse deswegen, daß ich bis heute nicht darauf reagiert hab!
Ich bin mir nicht sicher, ob ich es hinbringe, aber wenn, dann werde ich Eure insgesamt 22 Fragen mal in einem gemeinsamen Beitrag beantworten. Ob ich dann auch noch 2 x 11 neue Fragen finden werde, das steht in den Sternen…

Aber ich kapier auch oft nix

skyaboveoldblueplace:

Habe das gerade bei zweitselbst gefunden und musste das einfach rebloggen. Ab jetzt liebe ich diesen Song. Mama?

https://www.youtube.com/watch?v=tgbNymZ7vqY

Ursprünglich veröffentlicht auf Zweitesselbst's Blog:

The Muppets: Bohemian Rhapsody

oke, manchmal hab ich dann auch wieder Glück ^^

Original ansehen

Johannes Bobrowski – zwei Gedichte, kein Geschwätz

Sarmatische Zeit - Schattenland Srtröme

Johannes Bobrowski: Sarmatische Zeit – Schattenland Ströme | Einband-Gestaltung unter Verwendung eines Aquarells von HAP Grieshaber

 

Der 70ste Jahrestag ist vorbei, die Reden sind gehalten. Ein paar sehr mutige Überlebende bekamen grosszügig für ein paar kurze Tage ein grosses Podium.

Und nun wieder Tagesordnung. Und nun streiten wir wieder über Griechenland und den Euro und überall taucht diese mediokre, blonde Schlagersängerin auf.

Derweil gehen die Kriege weiter, der Terror hört nicht auf, Katar wird Handball-Weltmeister, irgendwer glaubt, der ganz gemeine Stammtischbürgertreff wird sich auflösen und die immer gleichen Experten versammeln sich wieder in den Talkshows und wissen alles besser.

Mir hat es spätestens seit den Anschlägen  bei all der Gewalt und dem Geschwätz schlicht die Sprache verschlagen. Deshalb gab es hier auch eine ganze Weile schon keinen eigenen Beitrag von mir.

Am 29. Januar, dem Tag vor 70 Jahren, an dem die jüdischen und all die anderen Nazi-Opfer aus dem Terrorlager in Auschwitz befreit wurden, fielen mir dann die Gedichte von Johannes Bobrowski ein. Mehr Worte braucht es nicht.

 


HOLUNDERBLÜTE

Es kommt
Babel, Isaak,
Er sagt Bei dem Prgrom,
als ich Kind war,
meinr Taube
riß man den Kopf ab.

Häuser in hölzerner Straße.
mit Zäunen, darüber Holunder.
Weiß gescheuert die Schwelle,
die kleine Treppe hinab -
Damals, weißt du,
die Blutspur.

Leute, ihr redet: Vergessen -
Es kommen die jungen Menschen,
ihr Lachen wie Büsche Holunders.
Leute, es möcht der Holunder
sterben
an eurer Vergesslichkeit.

Johannes Bobrowski: Sarmatische Zeit | Schattenland Ströme . – Neuausgabe in einem Band, Stuttgart, DVA 1962, S. 69/70

 

Johannes Bobrowski geb. 1917 in Tilsit/Sowetsk, Russland, nahe der litauischen Grenze an der Memel gelegen, gest.  1965 in Ost-Berlin, Lyriker, Erzähler, und Romancier, hat ein relativ kleines aber umso beeindruckenderes lyrisches und erzählerisches Werk hinterlassen. Sein Thema hat er selbst so beschrieben:

Ich befasse mich, nach meiner Ansicht, mit dem Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarvölkern. Ich benenne also Verschuldungen – der Deutschen – und versuche, Neigung zu erwecken zu den Litauern, Russen, Polen usw.

Johannes Bobrowski: Benannte Schuld – gebannte Schuld? In: ders.: Die Erzählungen, Vermischte Prosa und Selbstzeugnisse. Hrsg. von Eberhard Haufe. Stuttgart 1999, S. 447.

Ich würde dem noch hinzufügen, dass es ihm auch und immer um das Erinnern ging, um das Nicht Vergessen.

 

DIE SPUR IM SAND

Der blasse Alte
im verschossenen Kaftan.
Die Schläfenlocke wie voreinst. Aaron,
da kannte ich dein Haus.
Du trägst die Asche
im Schuh davon.

Der Bruder trieb
dich von der Tür. Ich ging
dir nach. Wie wehte um den Fuß
der Rock! Es blieb mir eine Spur
im Sand.

Dann sah ich
manchmal abends
von der Schneise
dich kommen, flüsternd.
Mit den weißen Händen
warfst du die Schneesaat
übers Scheunendach.

Weil deiner Väter Gott
uns noch die Jahre
wird heller färben, Aaron,
liegt die Spur
im Staub der Straßen,
find ich dich.

Und gehe.
Und deine Ferne
trag ich, dein Erwarten
auf meiner Schulter.

Johannes Bobrowski: Sarmatische Zeit | Schattenland Ströme . – Neuausgabe in einem Band, Stuttgart, DVA 1962, S. 22/23 

Zwei Gedichtbände, ein Roman und zwei Bände mit Erzählungen hat Bobrowski zu Lebzeiten veröffentlichen können. Ausser dem grossen kleinen (149 Seiten) Roman Litauische Claviere  und einem Band mit ausgewählten Texten im Schrödel Verlag, einem Schulbuch-Verlag immerhin, ist von ihm nichts aktuell lieferbar. Man muss sich also antiquarisch auf die Suche machen.

Wer mehr über Johannes Bobrowski, sein Leben, seine Orte und sein schmales Werk wissen möchte, dem empfehle ich die verdienstvolle Homepage der Johannes-Bobrowski-Gesellschaft.

Ans Ende habe ich eine ausführliche Bibliographie angehängt. Es lohnt sich sehr, sich mit diesem Dichter zu beschäftigen, auch wenn seine wunderbare Sprache aufvden ersten Blick schwer zugänglich scheint. Ich habe ihn hier nicht umsonst Dichter genannt. Er ist ein grosser Sprachverdichter. Die Lesearbeit lohnt!

 

BIBLIOGRAPHIE

I. Einzelwerke – erschienen zu Lebzeiten

Sarmatische Zeit, Gedichte. 1961

Schattenland Ströme, Gedichte. 1962

Sarmatische Zeit | Schattenlamd Ströme, Gedichte, Doppelband, 1962

Levins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater, Roman. 1964

Boehlendorff und andere, Erzählungen. 1965

Mäusefest und andere Erzählungen. Berlin 1965

 

II. Einzelwerke – posthum erschienen

Litauische Claviere, Roman. 1966

Wetterzeichen, Gedichte. Berlin 1967

 

III. Aus dem Nachlass

Der Mahner, Erzählungen und andere Prosa aus dem Nachlaß. Berlin 1968.

Im Windgesträuch – Gedichte aus dem Nachlaß. Ausgewählt und hrsg. von Eberhard Haufe. Berlin 1970.

Bernd Jentzsch (Hrsg.): Poesiealbum 52, Gedichte. Berlin 1972.

 

IV. Werkausgabe

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band I: Die Gedichte.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
396 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063540

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band II: Gedichte aus dem Nachlaß.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
424 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063559

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band III: Die Romane.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
334 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063567

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band IV: Die Erzählungen, vermischte Prosa und Selbstzeugnisse.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
526 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063575

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band V: Erläuterungen der Gedichte von Johannes Bobrowski.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
412 Seiten, 32,70 EUR.
ISBN-10: 3421051666

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band VI: Erläuterungen der Romane, der Erzählungen, vermischte Prosa und Selbstzeugnisse von Holger Gehle.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
598 Seiten, 32,70 EUR.
ISBN-10: 3421051739

 

V. Über Johannes Bobrowski

Gerhard Wolf: Beschreibung eines Zimmers- 15 Kapitel über Johannes Bobrowski, Berlin, 1981

Christoph Meckel: Erinnerung an Johannes Bobrowski, München/Berlin, 1981