Günter Grass – Kettenrauchen

KETTENRAUCHEN

Während ich meine Suppe und meine Bilanz
wie die Weichteile aller Schalentiere,
wacht meine immer vorletzte Zigarette und löst sich ab.

Nein sagt der Arzt und raucht.
Sie lebt vor sich hin.
Kippen zeugen von mir.

Nur keine Pause, das automatische Schifferklavier
und ein Film, der nicht reißt,
wenn sie sich küssen küssen.

Ich will nicht schlafen. Das läßt sich nicht träumen.
Monatelang einen Parkplatz suchen
und im Opel rauchend verhungern.

Mariechen von Guadeloupe, du hörst mir zu,
wenn ich bete, drei Päckchen pro Tag:
weiße Asche in deinem Schoß.

Nein, ich schnall mich nicht an,
laß glimmen in hohler Hand.
Sagt nicht Tod. Sagt Entwöhnung

in: Günter Grass: Ausgefragt – Gedichte und Zeichnungen, Luchterhand, 1967.
Hier zitiert aus:
Band 1, Gedichte und Kurzprosa
der Werkausgabe in 10 Bänden,
Büchergilde, 1987, S. 175

 

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Und nun ist er tot und wir müssen uns entwöhnen. Von dem alten Besserwisser. Manchen wird das gar nicht schwer fallen.

Ich will an dieser Stelle gar nicht näher auf sein riesiges, sehr vielfältiges und in grossen Teilen grossartiges Werk als Romancier, Lyriker, Essayist, Dramatiker und Bildender Künstler eingehen. Ich denke, das wäre Eulen nach Athen tragen.

Auch sein Wirken als sich Einmischender, das ich meist sehr geschätzt und was mich manchmal genervt hat, soll hier nicht Thema sein. Jeder hat dazu seine Meinung und wenn man die Nachrufe in den Feuilletons UND den Politikteilen der Zeitungen liest, kann man sich da ein schönes Bild machen.

Für mich als 1960 Geborener – und ich glaube, das trifft auf einige meiner Genration zu – war Grass neben Heinrich Böll, Max Frisch, Siegfried Lenz und am Ende noch Wolfgang Koeppen in den Siebziger Jahren der Anstoss, mich überhaupt mit sozialer Verantwortung zu beschäftigen. Mit der deutschen Vergangenheit und unserer Verantwortung für die Zukunft mit dieser Vergangenheit. Und mit Literatur. Und mit der Macht und Ohnmacht von Literatur.

Jetzt ist der alte Besserwisser Tod. Die anderen auch. Bloss den Enzensberger  gibt es noch, das alte Quecksilber. Wir müssen uns Entwöhnen und ich werde mit endlich Die Box  besorgen.

 

NOTWENDIGER NACHTRAG

Zwei sehr gute Texte zum Tod von Günter Grass und ein Video mit einem Gespräch zur Frage ‘Was bleibt?’ von und mit der Fotografin Bettina Flitner für möchte ich doch hier gerne noch anzeigen, und zwar

– einen kurzen, knackigen und in meinen Augen sehr schönen Text hat Jochen Kienbaum auf seinem Bog LUSTAUFLESEN.DE am 13. April veröffentlicht

– und einen nur wenig längeren von Nora Bossong im Freitext|Blog, von ZEIT online vom 14.April, der Grass und seine Wirkung, seine Wirkungsmacht recht gut in einen grösseren bundesrepublikanischen Zusammenhang stellt.

– das Video und noch einige andere interessante Gespräche findet Ihr auf der Webseite Mein Erbe tut Gutes – Das Prinzip Apfelbaum

Calcar – doch schon

Von Calcar zu Kalkar – vom schnellen Brüter zum Wunderland. Und jetzt auch noch das.

The times they are a changin’ – wenn auch manchmal gaaaanz langsam…

KSta - Fr. 10.04.2015

Kölner Stadtanzeiger, Freitag, 10.04.2015, S. 8

Dazu auch noch dies hier:
http://www.ksta.de/nrw/aberkennung-der-ehrenbuergerschaft–kalkar-diskutiert-ueber-seinen–ehrenbuerger–adolf-hitler,27916718,30283832.html

Warum das gerade hier so still ist

Es war im März 1991, es ging um den zweiten Golfkrieg (wenn man den Iran-Irak-Krieg 1980-1988 mitzählt), es ging um Embedded Journalism und es ging um die Operation Desert Storm. Es ging um ‘gerechten Krieg’,  um die deutsche Beteiligung… Ich lag verwirrt vor dem Fernseher und habe quasi mitgeschrieben

26.3.1991 / Tübingen liegend

: es ist nichts passiert :

im Studio Expertenrunde
          egal der Krieg und wo

hier : der bekannte Nahost-Experte
hier : der berühmte Wildwest-Experte
(beide selbstredend gewaschen mit allen Wassern)                            :         
hinter Gläsern weißen Weines
wichtig 
sitzend schwitzend

und dort: der moderate Moderatortor
           dezent keawattiert, unange-
strengt  unkonzentriert

vermittelt zwischen Diskutanten und Sendezeit
(Moment,
 die Regie sagt mir gerade)

hintan auch: der Zuschauerraum
(leider
 konnten wir nicht so viele
Mikros verteilen wie Meinungen, äh)

JETZT
             noch ein kurzes Statement
             (schnell in einem Satz)

DANN
              Sendeschluß
                       es ist nichts passiert
                                       egal der Krieg und wo
                                                      wir sind wie immer alle
gerettet

POWER OFF

 

Heute, am 26.März 2015 hat sich – außer in ein paar Nuancen und Redewendungen –  nichts geändert. Immer noch wird eine Sau nach der anderen durchs Dorf getrieben, immer noch sprach DRECK zuerst mit den Toten und immer noch ist morgen die Sau von gestern schon längst das Gammelfleisch von Dunnemals.
Doch, vielleicht hat sich etwas geändert. Vielleicht gibt es heute wieder viel offeneren Rassismus, Antisemitismus, Inhumanismus, Drecksnationalismus. Und vielleicht ist das alles heute oftmals viel skrupelloser. Vielleicht fällt heute viel mehr unter den alles legitimierenden Deopenspruch ‘Das wird ,man ja wohl mal sagen dürfen’.

Mich hat das in den letzten Wochen und Monaten sprachlos gemacht. Deshalb war es hier seit Ende Januar so still. So wütend still.

Die Wut ist nicht vergangen, aber ich fang jetzt wieder an.

Das war das – und ich habe es hingeschrieben, weil ich so langsam das Gefühl hatte, meinen wenigen treuen Leserinnen und Lesern, die selbst in diesen stillen lauten Zeiten, diesen Blog immer wieder besucht haben, eine Erklärung schuldig zu sein.  Und weil erstaunlicherweise in dieser Zeit sogar ein paar neue Leserinne  und Leser hinzugekommen sind und sich so manche durch ein paar meiner spärlichen 74 Beiträge gekämpft, geliked und kommentiert hat. Das hat mich sehr gefreut und ich danke dafür allen, die dabei waren und sind!

 

ERSTE NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG
Dies vor allem für die Wenigen, die bemerkt haben, dass auch Jo Hart, mein Alter Ego  auf Facebook, geschwiegen hat. Nein, der hat nicht geschwiegen, den habe ich für immer kalt gestellt. Ich habe den eine Zeit lang benutzt, um endlich herauszufinden, was so toll an diesem Facebook ist. Ich habe es leider nicht gefunden, das Tolle.
Was ich gefunden habe, waren einige von Euch (wegen denen ich im Übrigen vor allem diesen Jo Hart erfunden habe) und Ihre häufig sehr witzigen, erhellenden und informativen Einträge. Schön.
Was ich aber auch gefunden habe beim Stöbern in diesem Facebook: eine unglaubliche Menge an Müll, an Meinungen und Deinungen ausserhalb  der Grenzen der (meiner) Erträglichkeit. Unglaublich viel vorgefertigten Stammtischsprech, unglaublich viele Vorurteile, Ressentiments gegen egal wen, ach, so viel unerträgliches Zeug.
Und was ich gefunden habe ist, dass mir dieses Facebook einfach bloß Zeit weg nimmt. – Nun ja, und als die Firma Facebook dann vor einigen Wochen Ihre ‘Datenschutz’-Richtlinien noch einmal einen Schritt weiter in Richtung Ausspähung geändert hat, da habe ich beschlossen, den Jo Hart zu löschen. Was nicht grade einfach war, weil Facebook die Möglichkeit, dass sich jemand ihm entziehen könnte offensichtlich gar nicht ertragen kann.

 

LETZTE DRINGEND NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG
In und um diese Zeit, in der hier nichts los war, haben mich, überraschender weise sowohl Heike von einem meiner Lieblingsblogs, dem Landglück (und Textwerk natürlich) als auch von Greta vom schönen und mir bis dato leider völlig unbekannten Blog Freudefinder (was für ein schöner Name) zum ‘Liebster Award’ nominiert. Bis jetzt habe ich darauf nicht reagiert, irgendwie war ich mit all dem oben Beschriebenen einfach überfordert.
Also Ihr beiden, falls Ihr dass hier lesen solltet: Ich habe mich sehr gefreut, ich danke Euch sehr dafür – und ich hoffe, Ihr seid mir nicht böse deswegen, daß ich bis heute nicht darauf reagiert hab!
Ich bin mir nicht sicher, ob ich es hinbringe, aber wenn, dann werde ich Eure insgesamt 22 Fragen mal in einem gemeinsamen Beitrag beantworten. Ob ich dann auch noch 2 x 11 neue Fragen finden werde, das steht in den Sternen…