Zora del Buono LESEN

Kaum drei Wochen sind vorbei, schon gibt’s ne neue Schreiberei. Das ist vom Abstand des Geschreibselveröffentlichungsdatums her (erst 3 Jahre, jetzt 3 Wochen) quasi ein Quantensprung. Wenn sich das in derselben Potenz fortsetzt, kommt das nächste Geschreibsel schon in 3 Stunden, dann in 3 Minuten, dann in 3 Sekunden…

Heute geht es ums Lesen im Allgemeinen und um Bücher von Zora del Buono im Besonderen.

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Erstmal LESEN lesen

Literatur und Musik sind und waren für mich schon immer Lebensmittel. In meinem ganzen Leben hab ich mit Büchern und Musik gelebt, mich wegtragen lassen, wenn das Leben grade mal wieder zu entschwinden drohte – aber auch Dinge über die Welt und mich selbst und meine Mitmenschen gelernt.

Mit Geschichten kann man leben, sozusagen ein zweites und drittes Leben leben und wenn man reisen will, kann man das auch.

Nach Lissabon zum Beispiel. Das ist die Stadt, in die ich immer schon mal reisen wollte. Ich war aus aus allen möglichen Gründen noch nie da – und vielleicht komme ich auch nie dahin, aber tatsächlich habe ich das Gefühl, schon ganz oft dort gewesen zu sein.

Weil ich schon mit Fernando Pessoa und seinen vielen Abspaltungen, mit Antonio Tabucchi und seinem Lissabonner Requiem, Erklärt Perreira und noch ein paar anderen Büchern – und vor allem mit Curt Meyer-Clason und seinen Portugiesischen Tagebüchern darin rumgereist und anderleuts Leben mitgelebt habe.

Grade die Portugiesischen Tagebücher sind ein Beispiel dafür, wie man sich mit Büchern auf die Reise machen kann. Ich habe das Buch 1981 gelesen, da waren gerademal die zweiten demokratischen Wahlen in Portugal nach der Nelkenrevolution vorbei. Ich habe das Buch quasi eingesogen – und war danach von der politischen Geschichte und von der Stadt Lissabon so fasziniert, dass ich im Laufe der Zeit immer mehr dazu lesen wollte. Und neben Sachbüchern, Reiseführern und Merian-Heften stösst man dann natürlich erstmal auf Fernando Pessoa. Von da war es kein weiter Weg zu den wunderbaren Büchern von Tabucchi.
Und wenn man dann da so ein bisschen drin ist, dann kommt natürlich noch die portugiesische Musik dazu, der Fado, die Saudade – und die portugiesische Kolonialgeschichte. Übrigens: die Seite, mit der ich Saudade velinkt habe ist toll, besonders der Name! So verselbständigt sich das immer und das ist das tolle am Lesen, wenn man seine Neugier nicht zügelt – falls man denn eine hat…

Warum schreib ich jetzt so lange übers Lesen und was das mit einem macht? Weil ich bis vor ein paar Monaten wirklich jahrelang nur noch im Urlaub richtige Bücher lesen konnte, weil ich das im Alltag furchtbar vermisst habe – und weil es plötzlich wieder geht.

Das ist großartig, fühlt sich an wie wiedergewonnene Lebensqualität. Ich glaube, das hat mit unserem neuen Wohnort auf dem ausgesprochen platten Lande (jetzt mal eher metaphorisch gemeint) und mit einem monatelangen massiven Ärger in meinem Job zu tun, der mich langsam aber sicher davon überzeugt hat, dass es noch ein Leben neben der Arbeit geben muss. Also, danke liebes Strietzeldorf, für den vielen Platz, der einem erlaubt, die Gedanken fliegen zu lassen und danke liebe Firma, für den vielen Ärger, das hast Du nun davon!

Sooooo, wie hieß nochmal dieser Text? Zora del Buono LESEN hieß er. Und damit das auch noch so halbwegs stimmt, erzähle ich nun auch noch etwas über eine meiner letzten literarischen Reisen.

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Zora del Buono

Die Bekanntschaft mit den Texten von Zora del Buono habe ich einer meiner anderen merkwürdigen Leidenschaften, nämlich der für besondere Zeitschriften, zu verdanken. Und die Zeitschrift mare ist für mich so eine Zeitschrift, die ich fast genau so gerne lese, wie meine Lieblingszeitschrift, die von HM Enzensberger und Gaston Salvatore zwischen 1980 und 1991 herausgegebene und dann leider das zeitliche gesegnet habende wunderbare und wundertütenhafte Transatlantik.

Zu Enzensberger muss man ja sicher nix sagen, aber dieser Gaston Salvatore war, wie HME, nicht nur Herausgeber, sondern auch Schriftsteller. Und als solcher hat er ein ganz wunderbar bösartiges Buch veröffentlicht, nämlich Waldemar Müller. Ein deutsches Schicksal, und es enthält die wundersamen Heldentaten eines ewigen Verlierers. So, hab ich das auch noch erwähnt.

Vielleicht sollte ich den Blog umbenennen in ‚Die Abschweifung‘? Egal. Das Buch ist damals übrigens in der Anderen Bibliothek, (die wiederum damals gegründet und) herausgegeben vom wunderlichen HME, erschienen, auch ne tolle Sache – aber gut ich lass es jetzt…

Also zurück zu Zora del Buono: Die war Mitgründerin von mare und ich kannte sie vor allem als Autorin von tollen Reisereportagen eben in mare. Sie hat aber auch irgendwann angefangen, Bücher im mare Verlag zu veröffentlichen. Bisher sind von ihr die Romane Canitz‘ Verlangen und  Big Sue und der Reisebericht Hundert Tage Amerika – Begegnungen zwischen Neufundland und Key West erschienen.

Zuerst fiel mir in der Buchhandlung meines Vertrauens Big Sue in die Hände – und fast hätte ich es schon im Laden ausgelesen, habe es aber dann natürlich doch gekauft. Lest lieber die Rezension, die ich oben verlinkt habe, bevor ich mir hier einen abbreche, aber kurz gesagt: der lakonische Schreibstil, die spannende, verrückte Geschichte an sich und dass es letztlich auch wieder ein faszinierendes Reisebuch (in die amerikanischen Südstaasten) ist, fand ich einfach toll.

Und wenn ich ein tolles Buch gelesen habe, dann will ich sofort wissen, was der oder die sonst so geschrieben hat. Und so habe ich dann, weil es gerade neu rauskam, die Hundert Tage Amerika gelesen. Ein ganz anderes Buch, aber genauso lakonisch und genau beobachtend – und voller Geschichten. Es ist tatsächlich eine Reise, die sie zusammen mit Ihrem Hund Lino mit dem Auto an der amerikanischen Küste entlang von Neufundland bis Florida gemacht hat. Auch hier lest Ihr am besten mal die verlinkte Rezension. Mir hat diese Reise bzw. del Buonos Bericht darüber jedenfalls sehr gefallen.

Notwendige Abschweifung I
Beim Lesen von Hundert Tage ist mir immer wieder John Steinbecks Reise mit Charley – Auf der Suche nach Amerika eingefallen. Ein vom Ton her ganz anders geartetes Buch, aber wer was über Amerika wissen will, muss auch das unbedingt lesen. Und für die, die es nicht wissen: Charley ist natürlich ein Hund. Und mit diesem, einem Pudel,  und einem zum Wohnmobil umgebauten Auto namens Rosinante (nun, auch hier könnte man wieder eine kleine Abschweifung einfügen) ist Steinbeck 1960 einmal rund um die USA gefahren. Tolles Buch, lohnt sich zu lesen.

Notwendige Abschweifung II
Während ich das hier schreibe höre ich grade die wunderbare Scheibe (Scheibe, wat fürn Anachronismus, aber iPod ist nicht halb so schön, oder) American Stars’n Bars vom guten alten Chamäleon Neil Young, passt wunderbar.

Aber weiter im Text: natürlich habe ich dann auch noch del Buonos drittes Buch, Canitz‘ Verlangen, was eigentlich ihr erstes war, gelesen. Und wieder ist es eine ganz andere Art von Buch, eine Reise (sic!) durch die deutsche Geschichte nach 45 bis in die Gegenwart, eine Familiengeschichte – und irgendwann auch sowas wie ein Krimi. Jedenfalls spannend, großartig geschrieben, ohne alle Klischees – und wenn Ihr mehr darüber lesen wollt, dann ist hier die bessere Adresse.

Mehr als diese drei Bücher sind von Zora del Buono meines Wissens noch nicht erschienen (wenn jemand was Neues weiß immer her damit). Dafür gibt es aber jede Menge Ihrer journalistischen Texte, die sie in mare und anderswo veröffentlicht hat. Ihr findet die Texte auf der mare-Seite  und auf ihrer eigenen, sehr schönen Webseite – und schließlich gibt es zu Ihrer Amerika-Reise noch einen tagebuchartigen, sehr gut lesbaren Blog, der auch noch mit einem wunderbaren Zitat aus Davy’s on the road again anfängt (bzw. endet) – und ja, so waren wir alle, also WIR jedenfalls…

So, falls Ihr Euch tatsächlich bis hierher durchgekämpft habt wisst Ihr jetzt schon wieder was mehr und könnt selber was draus machen oder auch nicht.

Ich  jedenfalls höre für heute an dieser Stelle mal auf,  nicht ohne noch ein passendes Springsteen-Zitat aus dem leider irgendwie vergessenen Song Sherry Darling (ok, es ist nicht sein essentiellstes Lied…) hier zu hinterlassen

I got some beer and the highway’s free
I got you, and baby you’ve got me
Hey, hey, hey what you say Sherry Darlin‘

So waren wir eben auch alle mal sacht heute der alte Kai

5 Antworten zu “Zora del Buono LESEN

  1. …dass Du aber auch Sherry Darlin‘ erwähnst, seuftz, weißteweißteweißte noch…?

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  2. Lieber Kai,
    ich bin ein wenig bange: sprichst Du jetzt noch mit einem normal-unwissenden Urlaubsleser wie mir? Und muss ich auch so einen blöden Arbeitgeber haben, um im Alltag wieder mehr Muße zum Lesen zu finden? Jedenfalls freue ich mich mit Dir, dass Du sie wiederentdeckt hast!
    Mich hast Du auch ein wenig neugierig gemacht. Und ein wenig sehnsüchtig nach Zeiten, in denen die Welt der Bücher ein selbstverständlicher Teil meines Alltags war.

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    • Liebe Sandra,
      was für eine Frage! Natürlich tu ich das – trotz Deiner netten Koketterie von wegen normal-unwissender Urlaubsleserin. Außerdem musst Du keinen blöden Arbeitgeber haben, es sei denn, Du bist selber zu Dir blöde als Deine eigene Arbeitgeberin, aber damit musst Du klar kommen… meiner ist ja auch nicht grundsätzlich blöde, meinen Job mach ich ja dort sehr gern, es gibt halt nur so Phasen, wo es nicht wirklich schön ist. Aber, wie man jetzt weiß, auch das hat seine Vorteile.
      Ich fände es ja übrigens mal sehr schön, wenn ich auch von Euch immer mal wieder was lesen könnte, nicht nur während der Pellworm-Zeit, sondern auch sonst so. Also nu mal los

      sagt der Kai, der jetzt mit dem Hund in den Regen muss!

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  3. Also ich musste mich nicht bis zum Schluß durchkämpfen, denn ich finde es ganz toll mit welcher Freude Du vom Lesen und von den Büchern von Zora del Buono schreibst. Ich als bekannter Lesemuffel bekomme gerade Lust zu Lesen. Dann der Bezug zu Enzensberger, schwupps habe ich wieder an meine Schulzeit gedacht, der ist mir da auch begegnet, wie schön!
    Aber am schönsten finde ich, dass Du wieder lesen kannst, Striefen sei Dank!!!
    Elke möchte mehr von Dir lesen!!!
    Grüße ins Striefener Land von Deiner Elfenfreundin Elke.

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    • Liebe Elke,
      das hat mich sehr gefreut, dass Dir der Artikel gefallen hat. Ich glaube, so langsam habe ich Blut geleckt und es wird nicht allzu lange dauern, bis der nächste Text kommt. Habe schon eins zwei drei Ideen, ist aber ne Wundertütensache bei mir.
      Grüsse in die Wahnheide an die eine beste Elfe vom ollen Kai

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