Haiku oder Heiko? Tanka!

Auch, wenn es mir so schien, dass mit meinem letzten Blog-Beitrag nicht allzuviele meiner wenigen Lesern etwas anfangen konnten möchte ich das Thema doch nochmal aufgreifen – insbesondere, weil eine Elfe den Hüter des Blogs und seine deutlich bessere Hälfte  mit humorigem Hintersinn ernsthaft nachfragen ließ, ob wohl der Heiko aus Ihrer Klasse gemeint sein könnte.

Zur Erinnerung: es ging im letzten Post um ein Buch von Siri Hustvedt (Sommer ohne Männer, hab es jetzt zu Ende gelesen, großartiges Buch, das zum Ende hin immer besser wird) und um ein kleines Gedicht über Leben und Tod, das formal ein quasi in der Form gebrochenes Haiku ist.

Ich schreib es hier im Original nochmal hin und dann versuche ich kurz zu erklären, was es mit dem Haiku auf sich hat:

That
was fast.
I mean life.
(Ron Padgett)

Also in Kürze: Haiku ist eine alte japanische Gedichtform aus dem 13. Jahrhundert, die formal aus 17 Silben, eigentlich Lauteinheiten (jap.: Moren) besteht und traditionell versucht, einen Gegenstand der Natur oder auch Gedanken oder erlebte Augenblicke  zu beschreiben, ohne dabei Gefühle zu benennen. Im japanischen werden die 17 Silben oft einfach hintereinander geschrieben (und ein Zeichen ist meist eine Silbe), deutsche und amerikanische Lyriker machen aus dieser Form meist 3-Zeiler (5-7-5 Lauteinheiten, was i.d.R. Silben sind) – oft aber auch ganz frei, d.h., die Form wird aufgebrochen und verändert. Das steht alles viel besser beschrieben hier und es lohnt sich wirklich, das mal nachzulesen.

Eine andere schöne Seite ist Haiku heute und dort gibt es auch ein paar weitere Haiku-Beispiele. Eines der berühmtesten japanischen Haikus ist von Matsuo Basho (15. Jahrhundert), und das geht in der Übersetzung so:

Der alte Weiher:
Ein Frosch springt hinein.
Oh! Das Geräusch des Wassers.

Die Variante geht so:

Uralter Teich.
Ein Frosch springt hinein.
Plop.

Mir gefällt die zweite Version besser. Haiku-Schreiber nennt man im japanischen Haijin – und seit kurzem gibt es eine vielversprechende Haijin hier in Striezel. Es ist niemand anderes als meine deutlich bessere Hälfte (im folgenden stets ‚dbH‘). Sie hat mir heute ein ganz tolles Haiku geschenkt und das kommt hier:

Herzen flattern wild
wie Deine Haare im Wind
Defilibrator.

Es kann sein, dass wir zu viele Arztserien ansehen, in denen sehr häufig Sätze wie diese fallen: ‚Schnell, beeilt Euch, er geht mir gleich vom Tisch‘ oder, noch Haiku-näher: ‚Achtung! Weg vom Tisch‘ und dann ein paar Sekunden ein erleichtertes ‚Er ist wieder da‘.

So, und nicht dass Ihr denkt, nun hat er’s aber endlich, nein, nun kommt noch das Tanka aus dem Titel. TANKA ist nämlich der große Bruder vom Haiku (liebe Elfe, schau Dich bitte grad mal retrospektiv in Deiner Klasse um, gab es da auch einen Tankwart?), d.h. das ist die deutlich ältere Gedichtform und in der Form ist das ein 5-zeiliges Gedicht mit der Silbenfolge 5-7-5-7-7. Da will ich mich jetzt nicht weiter drüber auslassen, obwohl ich das alles ausgesprochen interessant finde, aber auch dazu gibt es einen ganz guten Artikel im  Scheinbar-Alles-Wisser .

Es gibt übrigens einen sehr schönen Band von F.C. Delius, der heißt Japanische Rolltreppen – Tanka Gedichte, ist leider vergriffen und hat nichts zu tun mit dieser sprechenden japanischen Rolltreppe obwohl, man weiß es nicht…

Jedenfalls, ein schönes Beispiel aus diesem Buch ist dieses hier:

Eilig hier eine
Sekunde ersparen, dort
eine Minute.
Sie dreht, sie dreht sich, die Welt!
Bleib stehen, fühle den Schwung!

Ich hab es heute schon den Elfen in einen Kommentar geschrieben – und seitdem ist es nicht schlechter geworden.

Notwendige Abschweifung I
UND JETZT denkt Ihr Euch wahrscheinlich, warum das alles bloß? Nu, als ich diesen Blog angefangen habe, war meine Idee, über Musik, Poesie und Politik zu schreiben, daher der Untertitel. Aber da gab es ja auch noch keine Strietzeliana und der gekotzte Hund war auch noch ziemlich außer Reichweite.
Stattdessen habe ich mich damals ständig über irgendwelchen politischen Mist aufgeregt und wollte den Blog unter anderem als Ventil dafür benutzen.  Hab ich ja auch gemacht in den ersten beiden Artikeln. Aber dann fand ich das irgendwie zu aufregend, oder besser gesagt, beim Schreiben hab ich mich immer noch mehr über diese geballte Blödheit aufgeregt und es gab gar keinen Ventileffekt, sondern das Gegenteil.
Und statt dann eben über Musik oder Literatur oder sonst was zu schreiben, hab ich es ganz gelassen. Und gelassen scheint nun das entscheidende Adjektiv gewesen zu sein. Denn offensichtlich hat mich (und ich glaube auch, meine dbH) eine gewisse Gelassenheit erfasst, seit wir weg sind von unserer geliebten Bonner Südstadt und hier auf diesem wenig platten Land wohnen. Das kommt wohl durch die grössere Ruhe hier – wenn wir raus gehen, gibt es keinen Slalomlauf zwischen parkenden und fahrenden Autos mehr, kaum 50 Meter weiter können wir schon richtig in die Landschaft schauen usw.
Ja mei, und genau deshalb wird es auch in Zukunft sicher noch den ein oder anderen Post geben, der sich mit unverständlichen Dingen beschäftigt, die mir wichtig sind.

Notwendige (klitzekleine) Abschweifung II
Das Thema Zeit – Tod – Vergänglichkeit, was ja nun in That was fast. I mean life. so ziemlich drin steckt hab ich auch noch nicht vergessen, da kommt sicher noch das eine oder andere. Man wird ja schließlich alt und älter.

Puh, jetzt ist es aber gut, Ihr habt es mal wieder geschafft, FALLS Ihr es bis hierher geschafft habt.

Pötische Grüsse sendet der alte Haiku-Kai – der sich morgen wieder auf einen lustigen Blog aus Ostfriesland freut, vielleicht mit einem kleinen Torten-Tanka oder einem Wlan-Haiku

11 Antworten zu “Haiku oder Heiko? Tanka!

  1. Lieber Kai,
    da bin ich schon wieder. Denn mir fiel soeben ein, daß Du diese „Saite“ von mir ja schon längst kennst und mit Deinem Lesewohlgefallen geschmückt hast. Naja – vielleicht haben ja Deine Blogleser noch etwas von einer kleinen Haiku-Zugabe von mir😉
    Gutenachtgruß!

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  2. Lieber Kai,
    vielleicht magst Du auch bei mir an HAIKUS nippen und Haiku-Buchempfehlungen lesen. Ich winke Dir mal mit meinem entsprechenden Link: https://leselebenszeichen.wordpress.com/haiku/

    Zeitlose Grüße😉
    Ulrike von Leselebenszeichen

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  3. Pingback: Haiku-Manie oder: Japaner in Köln « skyaboveoldblueplace

  4. Pingback: Sauna-Haiku « Wenn Elfen reisen …

  5. Hier das gewünschte WLan-Haiku, inspiriert von meinem morgendlichen Gang in den Garten:

    Elfenreisen-Blog.
    Die Spinnen weben ihr Netz.
    Elfen haben keins.

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    • das ist jetzt aber wirklich ein ganz tolles Haiku, bin begeistert! Ich glaube, ich werde niemals einen Haiku-Versuch machen, nachdem ich nun soviele Haijins in meiner allernächsten Nähe habe…

      Plop
      sagt der alte Kai.

      P.S. habe heute morgen fast mitten in der Nacht einen gefährlichen Drachen getötet, mit einem Kosmetiktuch! Danach konnte meine dbH doch noch frisch und gesäubert zu Ihrer seltsamen Arbeitsstelle fahren.
      Dramen spielen sich ab in Strietzel, Ihr glaubt es nicht

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      • Wie wärs denn mit einem Drachentöter-Haiku? Lass Dich inspirieren, Haiku-Kai🙂

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      • Also hier muss ich mich dann doch mal kurz einmischen: NATÜRLICH war es ein Drachen, heute morgen im Bad, ein Drachen mit 6 Beinen und dickem pelzigen Körper *schüttel*, und der hat die Prinzessin, die grade im Begriff war ihren Alabasterleib unter der Dusche zu erfrischen ganz doll böse angepfunkelt und ausserdem auch sonst noch sehr bedroht! Sonst hätte ich doch nicht meinen Kai geweckt, also wirklich….

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  6. Lieber Kai!
    Meine dbH ist auch eine gute Haijin, findest Du nicht? Ich bin auf jeden Fall sehr froh mit ihr verheiratet zu sein, bei einem so schönen Haiku. Liebste Grüße in den Strietzelort zu unseren allerfeinsten Freunden senden die ostfriesischen Elfen.

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  7. Liebster Haiku-Kai, ich mag es sehr, wenn Du uns den Erklär-Bären machst🙂 Nein, ernsthaft: mit diesen Gedichtsformen habe ich mich noch nie beschäftigt. Also, das zweite Froschgedicht gefällt mir ebenfalls besser als das erste. Der Humor darin hat für mich was von Heinricht Heine (Ein Fräulein stand am Meere…). Doch den Heiku von Iris finde ich am allerbesten!

    Ob einer meiner Mitschüler Tankwart war? Damit kann ich nicht dienen, wohl aber mit einer überschminkten Mitschülerin, die Tangas trug…

    Passend zu unserem heutigen Ausflug ein Urwald-Haiku, das ich der besten aller Ehefrauen widme:

    Der Wald ist dunkel.
    Die Vögel zwischern leise –
    fliegen zu Dir hin.

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