Edmund de Waal lesen: Der Hase mit den Bernsteinaugen

© Zsolnay Verlag

Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen. Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi. Wien :  Zsolnay, 2012.
im Original: The Hare with Amber Eyes. A hidden inheritance. London : Chatto & Windus (Random House), 2010

Jetzt also endlich der Hase mit den Bernsteinaugen. Ich schrub hier schon einmal kurz darüber. Unsere liebe Wiener Freundin S. (die sich neuerdings ‚die unschuld aus der fernen grossstadt‘ nennt – also zumindest Grossstadt stimmt…) hat es mir geschenkt, als Sie im April ein paar Tage während Ihrer Galerientour West bei uns im Strietzelort verbrachte, um das Landleben zu geniessen.

Dieses Buch finde ich aus vielen Gründen ziemlich besonders – und es hat mich fast traurig gemacht, als ich auf Seite 397 und damit am Ende angekommen war.

Besonders natürlich wegen der vielschichtigen, in einem unprätentiösen, genauen und trotzdem sehr ‚beteiligt‘ klingendem Stil geschriebenen Geschichte der Familie Ephrussi und ihrer Netsuke-Sammlung.

Besonders aber auch deshalb, weil die ‚unschuld aus der fernen grossstadt‘ (ab jetzt nur noch: duadfg) mir diese tolle, mit vielen Abbildungen illustrierte Sonderausgabe geschenkt hat. In rotes Leinen gebunden, mit Lesebändchen, fadengeheftet und mit einer gut lesbaren Schrift (leider wird sie im Impressum nicht genannt) auf einem angenehm anzufassenden Papier, gedruckt und gebunden von Ebner & Spiegel in Ulm.

Das findet ihr jetzt ein wenig geschmäcklerisch? Tja, kann man nix machen. Ich jedenfalls schätze es sehr, wenn bei einem  Buch Inhalt und Form sich derart ergänzen, dass das Ergebnis so etwas wie ein Gesamtkunstwerk darstellt. Und wenn das Ding, das man doch eine ganze Weile in der Hand hält oder jedenfalls ständig anfasst, eine angenehme Haptik hat.

Notwendige Abschweifung I – die Übersetzerin
Weil ich oben vom Stil sprach: die Übersetzerin des Buches heißt Brigitte Hilzensauer. Nach allem, was ich über sie herausbekommen konnte ist sie in Wien ansässig, hat ebenfalls Bücher von Graham Greene und einigen anderen Autoren aus dem englischen übersetzt – und sie hat hier eine großartige Arbeit abgeliefert. – Ich erwähne das hier, weil die ÜbersetzerInnen oftmals unter den Tisch fallen, obwohl sie bei literarischen Werken eine so große Rolle spielen.
Gute ÜbersetzerInnen  übersetzen ja nicht einfach eins zu eins, sondern übertragen den Grundtenor, den Sinn/Inhalt, den Stil, die Stimmungen eines Werkes in eine andere Sprache. Das gelingt mal mehr und mal weniger gut. In diesem Fall finde ich es sehr gelungen und das Buch ‚klingt‘ im deutschen genauso fein, wie im englischen Original (jedenfalls nach dem, was ich im Original gelesen habe).
Ende der Abschweifung

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© Edmund de Waal | Steven Joyce

Besonders ist das Buch auch wegen des Autors Edmund de Waal.  Er wurde 1964 in Nottingham geboren und ist ein Nachfahre von Charles Joachim Ephrussi (1792-1864), einem aus Odessa stammenden jüdischen Getreidehändler. Dessen Emkel Charles Ephrussi war Bankier und Kunsthistoriker und als solcher begründete er eine große Kunst- und Gemäldesammlung, zu der auch die Sammlung von 256 Netsuke gehörte, die de Waal von seinem Großonkel Ignaz Ephrussi nach dem Tod von dessen japanischen Lebensgefährten im Jahr 1994 geerbt hat. NETSUKE? In meinem oben erwähnten Post vom 24.April schrub ich, Netsuke sind ‚japanische Handschmeichler aus glattpoliertem, geschnitzten Holz oder aus Elfenbein‘. Hier ist eine deutlich bessere Definition zu finden…

Wie auch immer, die Erbschaft der Netsukesammlung war letztlich der Anlass für de Waal, der Geschichte dieser Sammlung und gleichzeitig seiner Familie nachzuspüren und sie am Ende aufzuschreiben. Einer Geschichte, die ausgehend von Odessa über Paris, Wien und Tokio am Ende in London endet. Und der Hase mit den Bernsteinaugen ist natürlich ein Stück dieser Sammlung.

Aber jetzt nochmal zurück zum Autor: er studierte Englisch in Cambridge, machte eine Töpfer-Ausbildung und lernte gleichzeitig japanisch an der Sheffield University. Im Rahmen dieses Studiums erhielt er ein Stipendium, das es ihm ermöglichte, zwei Jahre in Tokio im Mejiro Ceramics Studio zu arbeiten. In Tokio hat er dann seinen dort lebenden Großonkel Ignaz Ephrussi und bei der Gelegenheit auch die zu der Zeit Ignaz gehörende Netsukesammlung kennengelernt. Heute ist de Waal ein bedeutender Keramiker und lehrt gleichzeit seit 2004 als Professor für Keramik an der University of Westminster in London.

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© Edmund de Waal

Notwendige Abschweifung II – das keramische Werk des Autors
de Waal’s keramisches Werk ist deutlich geprägt durch seine Zeit in Tokio, was sich in einer äusserst zurückhaltenden Formensprache ausdrückt. Nun bin ich in der Tat nicht der große Keramikfreund und Kenner, aber ich habe gelernt, dass es in diesem Bereich tatsächlich einige wirklich beeindruckende Künstler gibt – und de Waal gehört eindeutig dazu. Man kann das HIER  sehr schön sehen. Eines der Werke, die mich sehr angesprochen haben ist dieses HIER . Es heißt ‚between two breaths‘. Man muss schon eine Weile genau hinsehen und seinem Hirn ein wenig Zeit zum Assoziieren geben. Dann ist es, finde ich, großartig.
Ende der Abschweifung

Und jetzt endlich zum Buch selber
Das Buch ist nicht schön im Sinne von nett, es ist großartig geschrieben und transportiert anhand der abenteuerlichen Reise der Netsuke-Sammlung eine jüdische Familiengeschichte über fast anderthalb Jahrhunderte, beginnend in Paris 1871, übers k.k. Wien, das Nazi-Wien, Tokio und Odessa (wo im Prinzip auch alles anfängt) schließlich nach London.  Oh nein, ich möchte hier keine ausführliche Inhaltsangabe hinschreiben und auch keine Buchbesprechung. Ich wollte einfach nur meine Begeisterung für dieses Kunstwerk ausdrücken und vielleicht den ein oder anderen zum Lesen oder von mir aus auch zum Hören (meine Herzallerliebste: oh ja, das Ding gibt es schon als Hörbuch, da geht also kein Weg dran vorbei) verleiten, denn es lohnt sich wirklich.

Abgesehen davon möchte ich auch das Rad nicht neu erfinden, denn auf der sehr informativen und schön gemachten Seite Bücherrezensionen.org von Petra Schwarz findet sich eine richtig gute Besprechung. Und die Seite von Frau Schwarz habe ich gleich mal in meine Blogroll rechts auf der Seite aufgenommen.

Letzte notwendige Abschweifung zum Ende
Lange habe ich überlegt,  diesen Titel in die Liste meiner Fünf Lieblingsbücher aufzunehmen, aber  am Ende kam es mir doch ein wenig pietätlos den Büchern gegenüber vor, die mich nun schon so lange begleiten…. Anyway, das Potenzial dazu hat der Hase auf jeden Fall.

Puuh sagt am Ende der alte Kai ohne Haiku – nicht, ohne der lieben duadfg (remember duadfg)  noch einmal einen ganz lieben Dank für dieses schöne Geschenk abzustatten, verbunden mit der Einladung,  gerne jederzeit wieder bei uns vorbei zu kommen, mit oder ohne Geschenk…

3 Antworten zu “Edmund de Waal lesen: Der Hase mit den Bernsteinaugen

  1. lieber kai, hier spricht duadfg, ich freue mich riesig, dass dir das buch so sehr gefallen hat wie ich es mir und dir nur wünschen konnte! und da ja auch ich besonders schön gestaltete und ausgestattete bücher liebe war es ja klar, dass du leidenschaftlichster leser vor dem herrn, die bebilderte ausgabe haben sollst!
    eben kam ich heim in meinen lieben pezzl (mein neues zuhause in der fernen grossstadt) und stellte fest dass ich meinen schlüssel in der galerie gelassen hatte, dies war aber nur das tüpfellchen auf dem i eines ausserordentlichen scheisstages, der auch noch mit husten und schnupfen untermalt war und ist – umso mehr hab ich mich gefreut deine schöne besprechung im blog gefunden zuhaben. und noch viel mehr freu ich mich dass ich in eurem striezelheim mich immer willkommen und gut aufgehoben fühle! das ist schon was besonderes. eh mir jetzt aber die tränen kommen werd ich ma lieber ne runde inhalieren, da ist das wasser sinnvoller …. liebe grüsse von der unschuld aus der fernen grossstadt
    so, und nu hab ichs doch noch geschafft zu posten….

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  2. Lieber Kai,

    ich danke dir für diese wunderbare Besprechung, bei der ich vor allem deine sehr interessanten Abschweifungen genossen habe, da sie mir Hintergrundwissen zu dem Buch vermitteln konnte, dass ich bisher im Detail noch nicht kannte. Meine Lektüre liegt mittlerweile aber auch schon einige Zeit zurück, es müssten bald zwei Jahre sein. Ich habe das Buch aber noch in sehr guter Erinnerung. Es konnte mich damals, vor allem auch durch die kleinen Verweise auf Marcel Proust, wirklich begeistern. Ich bin gespannt, ob und was wir von diesem Autor noch zu lesen bekommen werden.

    Liebe Grüße
    Mara

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    • Liebe Mara,

      danke für Deinen Kommentar. Ja, dieses Buch habe ich in jeder Hinsicht sehr genossen, auch diekleinen Proust-Einschübe. Nun bin ich auch gespannt, ob er noch mehr Geschichten zu erzählen hat. Bis dahin kann man sich ja z.B. hiermit http://www.amazon.com/Pot-Book-Edmund-Waal/dp/0714847992 vergnügen…

      A propos Abschweifungen: ich bin mir ja immer nicht sicher, ob ich die Menschen damit nicht nerve, aber oftmals während des Schreibens kommen mir so Assoziationen, die durch ein Thema ausgelöst worden sind. Und dann schreib ich es halt hin, weil ich es faszinierend finde, wie sich immer wieder eins aus dem anderen ergibt. Deshalb benutzeich diese Abschweifungen im Blog immer häufiger. So, hammer das auch noch gesagt.

      LG Kai

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