Fisherman’s Son oder: Der Himmel über Greene Harbor

Nick Dybek - Der Himmel über Greene Harbor

Nick Dybek
Der Himmel über Greene Harbor

Nick Dybek : Der Himmel über Greene Harbor. – Hamburg : marevarelag, 2013, 319 S.;  Originaltitel: When Captain Flint was still a good man. a.d.Engl. übers. von Frank Fingerhuth. ISBN 978-3-86648-160-2, € 19,90

Um dieses Buch soll es also heute gehen, und das, obwohl es nun schon auf so vielen Blogs und von  so vielen Radiosendern besprochen und bejubelt worden ist, dass ich eigentlich gedacht habe, ich sollte meinen Senf lieber bei mir behalten – wie bei so vielen Büchern, die ich gerade lese, es aber nicht schaffe, sie hier vorzustellen.

klitzekleine Abschweifung – 1
Mir fiel übrigens bei der Recherche auf, dass erstaunlich wenig Rezensionen in den einschlägigen Feuilletons der einschlägigen Zeitungen und Zeitschriften zu finden sind. Das ist schade. Ob das wohl mit den vielen Literaturblogs zusammenhängt. Hoff ich mal nicht, aber lustig ist es schon, dass da manche den Schuss nicht gehört haben.
Ende der Abschweifung

Ich habe also auf jeden Fall mal unter dem Artikel einige Links der für mich gelungensten und aussagekräftigsten Besprechungen in Blogs und in Kultursendern/-sendungen aufgelistet um einen kleinen Überblick zu schaffen und nicht zuletzt, um denjenigen, die das Buch noch nicht gelesen haben (aber unbedingt lesen sollten) einen tieferen Einblick in das zu geben, was sie da erwartet – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit.

Denn das ist genau das, was ich hier nicht tun möchte – eine ausführliche Inhaltsangabe mit einer alle Aspekte des Buches abdeckenden Besprechung  verfassen –  denn ehrlich gesagt: Diejenigen, die das Buch über den grünen Klee gelobt haben, ja mei, die haben alle so recht und ausserdem schon so fast alles über dieses Buch gesagt.

Ich werde mich hier also auf dieses ‚fast‘ beschränken und hier noch ein paar Beobachtungen und Assoziationen zu diesem Buch hinschreiben, die mir beim Lesen, eigentlich aber viel mehr beim Nachlesen und Nachdenken eingefallen sind.

Ganz kurz zur Orientierung
Die Handlung des Buches ist im Norden von Washington, State angesiedelt. Loyalty Islands soll dabei eine Halbinsel der Olympic Islands und Green Harbor eben der Hafen von Loyalty Island sein, von dem im Herbst die Krabbenkutter mit der erwachsenen männlichen Häfte der Bevölkerung des Ortes für einige Monate die weite Reise nach Alaska zum Krabbenfischen unternimmt. Denn von den Erträgen dieser Fangreisen lebt der ganze Ort, also auch die Protagonisten Cal und sein Freund Jamie. Alles andere über den Inhalt könnt Ihr z.B. HIER viel besser nachlesen – und ich brauch es nicht nochmal hinschreiben…

klitzekleine Abschweifung – 2
Ich habe Loyalty Island nicht gefunden, der einzige Ort, den ich ausmachen konnte ist Port Angeles, aber das passt gut zu diesem Buch, das auf jeder Seite irgendwie ein Geheimnis zu bergen scheint. Ausserdem ist der Name, also der Bezug zu Loyalität sich selbst, anderen, der Moral und der Wahrheit gegenüber ein grosses unterschwelliges Thema des Buches und so ist der Name natürlich Programm.
Ende der Abschweifung

So, und nun endlich zum ‚fast‘ bzw. dem, was mir an dem Buch noch aufgefallen und zu dem Buch noch eingefallen ist.

Es ist nicht nur ein Meer-Roman, ein Coming of Age-Roman (für uns über 50-jährigen: wir nannten das früher Entwicklungs- oder Bildungsroman) und noch vieles mehr, sondern vor allem auch ein literarischer Krimi, denn das Buch ist tatsächlich spannend bis zum Schluss.
Es ist auch ein Roman über Musik und was sie mit einem machen kann. Im Nachgang schade finde ich, dass der Autor aus diesem Komplex nicht mehr gemacht hat, als eine permanente Begleitmusik.

Die zwei Hauptfiguren, die vierzehnjährigen Cal und Jamie gewinnen im Laufe des Romans immer mehr Kontur, wie eigentlich nur noch das Opfer Richard und einer der Täter, Don.
Auch das finde ich im Nachhinein ein bisschen schade, denn es gibt zwei Frauenfiguren, nämlich die Mütter der beiden Jungen, die in meinen Augen eigentlich noch viel mehr Ausformung verdient gehabt hätten. In beiden Frauen manifestiert sich für meine Begriffe eines der wichtigen Themen des Buches, das Gefühl von Verzweiflung, das Gefühl, dass Zeit und Raum in ihrem Leben nicht übereinstimmen, dass man, wo immer man auch ist, am falschen Platz, vielleicht im falschen Leben steckt. Über Betty, die Mutter von Jamie, heisst es auf Seite 255:

Wir lachten alle. Es sah so aus, als hätte Betty die Kraft, wenigstens einige Stunden lang und vielleicht ein paar mal im Jahr zu vergessen, was sie bedrückte. In diesem kurzen Augenblick konnte man sehen, was für ein Mensch sie hätte sein können – charmant, bezaubernd und witzig.

Genau um diese kurze Augenblicke geht es, die die Menschen in Green Harbor sich aus der Einsamkeit, der Verzweiflung versuchen, herauszudestillieren – so, wie wir das ja alle in irgend einer Weise versuchen. Und wie gesagt, über diese Figur, genau so wie über Cals Mutter hätte ich gerne noch einiges mehr gewusst.

Cals Mutter wiederum ist ganz stark mit dem Musikthema verbunden, sie wird als eine einsame, zerrissene Frau geschildert, die lieber wieder in Kalifornien leben würde, als ausgerechnet am Ende der Welt, bei ständig schlechtem Wetter über 3/4 des Jahres und mit einem Mann, der jedes Jahr monatelang mit den Krabbenkuttern in Alaska ist. Sie hat einen ‚Studio‘ genannten kleinen Raum im Keller des Hauses und verbringt möglichst viel Zeit allein dort unten. Der Raum ist schallisoliert und vollgestellt mit ihren Platten, die sie ständig hört. Nur, wenn Cal sein Ohr auf eine bestimmte Stelle des Bodens darüber legt, dringt die Musik und damit die Existenz seiner Mutter zu ihm durch. Ansonsten ist seine Mutter vollständig von ihm und seinem Vater isoliert – umgekehrt gilt dasselbe.
Anhand der Musik, die sie hört könnte man eine kleine Geschichte Amerikas im 20. Jahrhundert schreiben. Entlang der u.a. durch McCarthy und Vietnam, durch FlowerPower und Altamont  bestimmten und traumatisierten 50er bis 70er Jahre, die auf der anderen Seite baer auch diese hemmungslose Unbeschwertheit und dieses amerikanische Sendungsbewusstsein gepaart mit einer grossen Selbstgewissheit, eben  ‚God’s own country‘ transportierten.  – Na , wie auch immer, von diesen Figuren hätte ich gerne mehr gelesen. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie die eigentliche Geschichte, oder sagen wir, zumindest das Zerrbild davon in sich tragen. Vielleicht macht Dybek ja mal ein eigenes Buch draus, würd ich sofort lesen.

allwecoulddoissing

Port O’Brien
All we could do is sing

So, und zum Schluss ist mir noch was zu dem Buch eingefallen, was mich zunächst sehr verblüfft hat – am Ende aber doch ganz logisch erschien. Mich hat das Buch die ganze Lektürezeit hindurch an etwas erinnert, was ich aber nicht greifen konnte. Und dann ist es mir eingefallen – und natürlich hat es was mit Musik zu tun: 2008 ist eine CD von einer Gruppe namens Port O’Brien erschienen. Das Album heisst ‚All we could do is sing‘. Der Sänger der Band, Van Pierszalowski, arbeitete jeden Sommer in Kodiak, Alaska auf dem Lachskutter seines Vaters. Da war es dann wohl kein Zufall, dass eines der schönsten und bekannteste Lieder dieser melancholischen, teilweise dunklen Platte ‚Fisherman’s Son‘ heisst. Ach ja, und ein Band-Mitglied, der Bassist auf der Platte, heisst zufällig Caleb und wenn man sich das Cover ansieht, naja, ich finde, Parallelen über Parallelen.
Wenn Ihr auf das Cover-Bild klickt, dann könnt Ihr Euch Fisherman’s Son und noch ein paar andere Lieder anhören, darunter das schöne Woke up today. Den Text von Fisherman’s Son hab ich unten hingeschrieben, ich finde, auch da spiegelt sich wieder diese Zerrissenheit wieder, ob der Frage, wo man denn nun wirklich hingehört.

Mein Fazit
Ein ausgesprochen lesenswertes, spannendes, von Frank Fingerhuth adäquat übersetztes Buch, das an manchen Stellen ein bisschen  zu bemüht philosophisch daher kommt, dafür auf der anderen Seite ein paar Chancen auf gute Geschichten  vergibt. Ich habe es sehr gerne gelesen, ja geradezu verschlungen, und empfehle es den wenigen, die es noch nicht gelesen haben mögen gerne weiter.Und nun hoffe ich auf das nächste Buch dieses ziemlich untypischen amerikanischen Autors.

So, das war es auch schon zu dem Buch. Weiter will ich Euch hier nicht mit meinen Eindrücken langweilen.

Am Ende findet Ihr wie gesagt noch den gesamten Text von Fisherman’s Son, ein paar Links zu Port O’Brien und, wie versprochen die kleine Linkliste mit den Rezensionen zum Buch.

——————–

Port O’Brien – Fisherman’s Son 
(Album: All we could do is sing, 2008, City Slang|Universal)

I’m doing fine in Alaska
I don’t mind the storms
When all the wind contorts me
Let the diesel engine roar
But I don’t know why I came here
Was it because I was born this way?
Or have I just learned to accept it?
Like I do every other day

Oh whatever is the cause
I will find another job
And I will stay until I’m far away
This is not what I’m here for
I was made to live indoors
And I will weather out this storm from them

But I hear it screaming loud
Over everything somehow
Saying, “Hey boy. Listen up. You’re a liar.”
And you are a fisherman’s son
And that is what you’ll become
You are a fisherman’s son
That is what you’ll become

I’m doing fine in the city
I don’t miss the stars
And I have all my needs here with me
And I don’t adventure far
And I’m doing okay for a young man
I’ve got a place to stay

But I don’t go out come night time
No matter what my friends here say
All the while I am here
I’ll have some liquor and some beer
And I’ll wait for another year to come
And I will fall into the pack
With the devil on my back
And I will take another crack at this

Oh but I could never win
No, my blood is just too thin
And my eyes, all they crave is affection

Cause I am a fisherman’s son
That is what I’ll become
I am a fisherman’s son
That is what I’ll become

Port O’Brien Links
https://myspace.com/portobrien/music/songs
http://www.portobrien.com
http://www.youtube.com/watch?v=E0UszUyLgS8
http://www.lastfm.de/music/Port+O’Brien/_/Fisherman’s+Son

—————————–

Links zu Rezensionen

Buzz Aldrin’s Bücher | Ein Blog über zeitgenössische Literatur – Besprechung
CULTurMAG | Literatur, Musik & Positionen
DeutschlandRadio – Besprechung
DeutschlandRadio – Gespräch über das Buch
Literaturen | Ein Streifzug durch Literatur und Kultur – Besprechung
Washington Independent Review of Books – Besprechung
WDR 2 Kultur | Buchbesprechung von C. Westermann
Zeilenkino | wo Film und Literatur sich treffen – Besprechung

2 Antworten zu “Fisherman’s Son oder: Der Himmel über Greene Harbor

  1. Lieber Kai,

    eine wunderbare Besprechung, mit wiedereinmal sehr interessanten Abschweifungen, dank der ich noch einmal eintauchen konnte in die Welt von Loyalty Island. Ich danke dir dafür.🙂

    Liebe Grüße
    Mara

    Gefällt mir

    • Hallo Mara,
      das freut mich sehr. Habe mich sehr bemüht, nix bereits gesagtes bloss zu wiederholen und wollte eigentlich gar nix schreiben – aber dann kam das Buch nach dem Lesen quasi nochmal zu mir zurück und es musste doch sein.
      Liebe Grüsse
      Kai

      Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s