Suhrkamp – Streit um Streit und das was bleibt

irreSTREIT
Der Suhrkamp Verlag hat Ende Mai einen Antrag auf ein sogenanntes  Schutzschirmverfahren gestellt. Aus Sicht des Verlages und des  nun eingesetzten General-bevollmächtigten Frank Kebekus war das wohl der letzte Weg, den Verlag vor der wirklichen Isolvenz zu retten, nachdem der mit  39 %  an Suhrkamp beteiligte Gesellschafter Hans Barlach eine Gewinn-Auszahlung von 2,2 Mio € vor Gericht erstritten hatte. Der Grund für diesen ganzen Zirkus ist ein jahrelanger Streit der Gesellschafter, auf der einen Seite die Ulla und Siegfried Unseld Familienstiftung  mit der Verlegerin, Autorin und Siegfried-Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz als Mehrheitsgesellschafterin (61 %), auf der anderen Seite der Minderheitsgesellschafter (39 %) und Medienunternehmer Hans Barlach.

Das ganze Ding ist inzwischen dermassen kompliziert und im Grunde völlig absurd und ich will an dieser Stelle diese ganze Geschichte gar nicht erzählen. HIER gibt es für alle Interessierten eine ganz gute Zusammenfassung über den aktuellen Stand der Dinge, inklusive der neuesten Entwicklung, nämlich der Rücknahme der Barlachschen Forderung nach Rendite-Auszahlung.  Ausserdem findet ihr am Ende des Posts noch einige weiterführende Links zum Suhrkamp-Rauschen im Blätterwald, auf das Mara im Mai auf  buzzaldrins Bücher schon hingewiesen hatte.

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UM STREIT
Nun ist mir beim Betrachten der Verlagsgeschichte eingefallen, dass Streitigkeiten und Querelen quasi zum Urschleim dieses Verlages gehören – was mich am Ende dann doch ganz optimistisch stimmt, dass er trotz des derzeitigen absurden Theaters weiter bestehen wird.
Dazu muss man sich ein wenig mit der Geschichte des Suhrkamp Verlages vertraut machen – und die hängt ganz eng zusammen mit dem Schicksal des jüdischen S.Fischer Verlags in der Zeit des Nationalsozialismus. Ab 1932 war Peter Suhrkamp Mitarbeiter bei S.Fischer, genauer gesagt zunächst Leiter der Neuen Rundschau, einer der bis heute renommiertesten Literatur-Zeitschriften in  Deutschland. Geschäftsführer und Eigentümer war zu dieser Zeit der Verlagsgründer Samuel Fischer. Als Samuel 1934 starb, man möchte fast zynisch sagen, noch grade rechtzeitig, übernahm sein Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer die Verlagsleitung. 1936 dann mussten die jüdischen Eigentümer des S.Fischer Verlages das Land der Nazis verlassen, um wenigstens ihr Leben zu retten. Peter Suhrkamp wurde der neue Geschäftsführer. Im Jahre 1942 wurde der Verlag umbenannt in Suhrkamp Verlag KG.

Im Alleswisser kann man dazu lesen:
Als im Dritten Reich die Zensur den S. Fischer Verlag, zu dessen Autoren auch viele regimekritische und jüdische Schriftsteller zählten, in seiner Existenz gefährdete, schloss Gottfried Bermann Fischer 1935 mit dem Propagandaministerium ein Abkommen, gemäß dem er mit den dem Regime nicht genehmen Publikationen nach Wien ging, während Peter Suhrkamp den „arisierten“ anderen Teil des Verlages mit den Autoren, die in Deutschland weiterhin erscheinen durften – darunter auch nationalsozialistisch orientierte Autoren – als Geschäftsführer und Gesellschafter übernahm. Als Geldgeber für diesen Zweig engagierten sich Philipp Reemtsma, Christoph Rathjen und Clemens Abs.
HIER findet Ihr die komplette Quelle
 unter dem Kapitel ‚Geschichte‘. Kommen einem die zuletzt genannten Namen nicht verdammt bekannt vor?

Bermann Fischer jedenfalls gründete auf seiner Flucht vor den Nazis erst in Wien, dann in Stockholm und New York  Exil-Verlage, um die Bücher der jüdischen Autoren des S.Fischer Verlages weiterhin verlegen zu können, um dann 1948 in Amsterdam zusammen mit Fritz H. Landshoff vom Querido Verlag den Verlag Berman Fischer/Querido zu führen.

Nach 1945, um noch einmal Alleswisser zu bemühen, ging es dann so weiter:
Am 8. Oktober 1945 erhielt Peter Suhrkamp als erster deutscher Verleger von den britischen Militärbehörden die Verlagslizenz zur Weiterführung des Suhrkamp-Verlags. Es folgten Auseinandersetzungen mit den Erben von S. Fischer über die Rückgabe des Verlages an die Erben. Gottfried Bermann Fischer erhob in seiner Autobiographie schwerwiegende Vorwürfe gegenüber Suhrkamp, der den Verlag trotz eindeutiger vertraglicher Regelungen behalten wollte.
Quelle siehe vorheriger Absatz.

Damit beginnt also die eigentliche Geschichte des Suhrkamp Verlags, nämlich standesgemäss mit einem Streit, und wer das nachlesen  und dabei beide Seiten kennenlernen will, dem seien diese beiden Bücher empfohlen:

Gottfried Bermann Fischer:
Bedroht – Bewahrt. Wege eines Verlegers
Erstaufl.: Frankfurt am Main. S.Fischer Verlag, 1967

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Siegfried Unseld:
Peter Suhrkamp. Zur Biographie eines Verlegers in Daten, Dokumenten und Bildern.
Erstaufl.: Frankfurt am Main. Suhrkamp Verlag, 1975.

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Im weiteren Verlauf der Geschichte des Suhrkamp Verlages, die man prima in der oben bereits genannten Quelle nachlesen kann, wurde nach Suhrkamps Tod im Jahre 1959 sein langjähriger Mitarbeiter Siegfried Unseld Verlagsleiter. Zum Gesellschafter hatte ihn Suhrkamp bereits im Jahr 1958 gemacht worden. Und tatsächlich kann man sagen, dass S. Unseld den Suhrkamp Verlag in den späten 50er, vor allem aber in den 60er Jahren zu dem bedeutenden Verlag gemacht hat, als der er heute immer noch gilt.

Auch nach der Übernahme durch Unseld gab es immer wieder Streitigkeiten, sei es mit Mitarbeitern, sei es mit seinem im Verlag tätigen Sohn Joachim, sei es, nach Unselds Tod die Querelen / Erbstreitigkeiten zwischen dem ausgebooteten Joachim Unseld und der Witwe und Erbin Ulla Berkewicz. Man kann das alles mit ganz wenig Recherche-Aufwand wunderbar nachlesen und man wird erkennen: irgendwas war immer los beim Suhrkamp Verlag. Und nicht zu vergessen: Sohn Joacim führt seit 1994 bis heute die renommierte Frankfurter Verlagsanstalt, hat also das Verleger-Gen des Vaters durchaus geerbt.

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UND DAS ,WAS BLEIBT
Was bleibt ist ganz bestimmt die Tatsache, dass der Suhrkamp Verlag seit Beginn an die Kultur- und Geistesgeschichte der Republik durch seine Publikationen nicht nur gespiegelt, sondern teilweise mitbestimmt hat.

Das fängt an mit den Autoren, die Peter Suhrkamp – wie auch immer – von S.Fischer mit in seinen Verlag nehmen konnte, und das waren so unterschiedliche wie Bertolt Brecht und Hermann Hesse, beide ob ihrer Longsellerhaftigkeit (sorry, ich liebe solche Wortungetüme) lange Jahre und vermutlich bis heute, die Existenzgrundlage des Verlages.

Der Einritt von Siegfried Unseld brachte dann viele neue Ideen und spannende Autoren mit sich. Als einen der in meinen Augen wichtigsten Autoren sei hier  stellvertretend Hans Magnus Enzensberger genannt. Dessen drei Lyrikbände verteidigung der wölfe (1957), landessprache (1960) und blindenschrift (1964) brachten einen ganz neuen Ton und neue Themen in die deutschsprachige Lyrik nach 45 ein, die für die frühe Bundesrepublik und insbesondere die Studentenbewegung von Bedeutung war. Immerhin, sein Gedicht an alle fernsprechteilnehmer aus dem Band landessprache fand sich zumindest bis in die späten 90er Jahre in den Schulbüchern der Republik wieder (würde gerne wissen, ob das immer noch so ist).

Andere wichtige und prägende Autoren waren und sind Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Wolfgang Koeppen, Uwe Johnson, Jurek Becker und viele andere, die ich hier alle gar nicht aufführen kann.

Dazu die Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Hannah Arendt, Jürgen Habermas,  Ernst Bloch, Peter Sloterdijk oder auch dem Politologen, Sozialwissenschaftler und Friedensforscher Dieter Senghaas. Alle diese und noch viele mehr haben die gesellschaftlichen Diskussionen der Republik in den 60er, 70er und 80er Jahren stark geprägt und sind teilweise heute noch am gesellschaftlichen Dialog, sofern es ihn denn noch gibt, beteiligt.

Schliesslich müssen  unbedingt noch die verschiedenen Reihen erwähnt werden, die den Verlag geprägt haben und prägen:

Da wäre neben dem belletristischen Hauptprogramm zunächst die Bibliothek Suhrkamp und die nicht minder prägende edition suhrkampBeide Buchreihen gestaltete der Designer und Buchgestalter Willy Fleckhaus Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre. Er gab ihnen so das charakteristische, vom kompletten Farbspektrum bestimmte, charakteristische Aussehen. Nicht nur der Inhalt, sondern auch die neue, moderne und minimalistische Gestaltung verhalf beiden Reihen sicherlich zu ihrem grossem Erfolg. In einem ZEIT-Artikel vom Februar dieses Jahres schreiben die AutorInnen Elisabeth Raether und Tilmann Prüfer:
Fleckhaus wählte als Gestaltung 48 Farben aus dem Spektrum des Sonnenlichts von Blauviolett über Rot, Orange, Gelb, Grüngelb, Grün, Blau, bis die neue Reihe wieder mit Blauviolett startete. Plötzlich leuchteten schwer verdauliche Inhalte wie die von Theodor W. Adorno, Ludwig Wittgenstein und Max Horkheimer in allen Farben. Intellekt wurde emotional. Und im grauen Nachkriegsdeutschland leuchtete plötzlich aus jedem bildungsbürgerlichen Bücherregal ein Regenbogen. Mehr als 40 Jahre lang erschienen die Bände unverändert, bis die Typografie etwas überholt wurde. Lange nach Willy Fleckhaus’ Tod 1983.
Zitiert aus: Große Werke des Minimalismus, Teil 6, edition suhrkamp, ZEITonline, 11.02.2013

Neben der Bibliothek und der edition sind im Laufe der Zeit zahlreiche Reihen dazu gekommen. Wichtig war die 1971 gegründete Reihe der suhrkamp taschenbücher, in denen der Verlag die Möglichkeit hatte, seine im Hauptprogramm erscheinenden Titel noch einmal und günstiger zu vermarkten. Dazu kommen noch die Reihen Suhrkamp Wissenschaft und nicht zuletzt zwei Reihen, mit denen der Verlag ganz offensichtlich wieder aktuelle Trends aufnehmen und bearbeiten möchte, nämlich die wissenschaftlich orientierte edition unseld .

Foto am 04.06.13 um 15.23Ja, und last not least die edition suhrkamp digital, die sich mit aktuellen Themen der (nicht nur) digitalen Welt auseinandersetzt. Mit den Büchern dieser Reihe will man wohl möglichst kurzfristig aktuelle Themen aufgreifen, meist sind es kurze Publikationen von 60 – 100 Seiten, broschiert und günstig zu haben – und ausserdem, entsprechend dem Reihennamen alle als eBooks erhältlich. suhrkamp digital finde ich derzeit die spannendste Reihe des Verlages, weshalb ich auch hier sehr gerne auf einen sehr lesenswerten Titel hinweisen möchte. Der Autor ist Robert Misik, sein Buch heisst Halbe Freiheit –  Warum Freiheit und Gleichheit zusammen gehören. Das Buch ist 2012 erschienen, hat 64 Seiten und ist ein spannender, wichtiger Beitrag zu einem, wie ich finde, in unserer so ätzend neoliberal geprägten Zeiten gar nicht ernst genug zu nehmenden Thema.

Was ich nicht erwähnt habe (weil ich doch keinen Roman verfassen wollte) sind die zahlreichen Seitenlinien des Verlages, angefangen mit dem verdienstvollen Insel Verlag, dem Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag, dem Deutschen Klassiker Verlag und dem erst 2007 gegründeten Verlag der Weltregionen.

Was ich ebenfalls ganz und gar nicht ausreichend erwähnt habe ist das grosse Verdienst von Siegfried Unseld um diesen Verlag und um zahlreiche seiner Autoren, die es ohne ihn nicht oder nicht so gegeben hätte (zB. Koeppen, Johnson). Das wäre mal ein eigener Post aber das weiss ich nach deisem Mammut-Projekt hier noch nicht wirklich…

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MEIN FAZIT
und meine Hoffnung ist jedenfalls, dass dieser Verlag uns weiterhin erhalten bleibt, und zwar möglichst in dieser von irgendwelchen Konzernen bzw. branchenfremden, renditegeilen Finanziers oder Gesellschaftern unabhängigen Form. Ich  drücke da dem Herrn Kebekus und der Frau Berkewicz alle Daumen.

Die versprochenen LINKS zur Debatte
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/suhrkamp-hans-barlach-will-vorerst-auf-millionen-verzichten-a-906735.html

http://www.fr-online.de/frankfurt/suhrkamp-verlag-die-ueberbleibsel-einer-legende,1472798,23465304.html

http://www.taz.de/!99600/

http://www.cicero.de/salon/fischer-wie-peter-suhrkamp-sich-den-verlag-ergaunerte/54562

http://www.stern.de/kultur/buecher/joachim-unseld-die-boese-stiefmutter-maerchen-haben-halt-immer-recht-521063.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/joachim-unseld-der-inbegriff-eines-verlegers-1382122.html

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/suhrkamp-schutzschirm-insolvenzverfahren-nach-streit-mit-barlach-a-902345.html

http://www.sueddeutsche.de/kultur/traditionsverlag-suhrkamp-in-not-1.1682468

http://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article116606158/Suhrkamp-in-Not.html

http://www.fr-online.de/kultur/suhrkamp-verlag-es-ist-ernst-bei-suhrkamp,1472786,22888138.html

http://www.haz.de/Nachrichten/Kultur/Buecher/Was-bleibt-von-der-Suhrkamp-Culture

http://www.focus.de/finanzen/news/forderungen-von-8-2-millionen-euro-suhrkamp-verlag-hat-insolvenz-angemeldet_aid_999920.html

4 Antworten zu “Suhrkamp – Streit um Streit und das was bleibt

  1. danke kai für die zusammenschau!

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  2. Alles klar Herr Insche…äh…Bibliothekör Da bin ich aber froh, dass Du dem olle Suhrkamp, zumindest was die Persönlichkeitsakzentuierung angeht, nicht allzu ähnlich bist.
    By the way: Wir müssen gestern einen Suhrkamp-Verwandten aus der verarmten Linie getroffen haben. Zitat: „Fotografieren sie mich ruhig, ich bin bekennender Narzisst. Ich bin auch in einer Selbsthilfegruppe für Narzissten – natürlich leite ich diese.“
    Solltest Du Iris am Dienstag zu einem Ausflug nach Porz verführen – bei einem Abstecher nach Wahnheide gäbe es ab ca. 18 Uhr Elfenkaffee ☕☕☕☕

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  3. Wahnsinn, woher weißt Du das alles? Frisch recherchiert oder „normales“ Bibliothekarswissen?

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    • naja, sagen wir so, dem Bibliothekör ist nix zu recherschwör, auauau

      aber ernsthaft, über Suhrkamps Probleme steht grad ja viel in den Zeitungen und Zeitschriften – vor allem, wenn man sich mal im Kulturteil umschaut.
      Und dann gab es auf den Blogs, die ich so lese, einigeinteressante Posts. Und dieser hier http://buzzaldrins.wordpress.com/2013/05/29/ein-traditionsverlag-in-noten/ hat mich dann quasi angefixt, denn als ehemaliger Ex-Germanist mit Schwerpunkt Zeitgenössische Literatur, DDR-Literatur, Exilliteratur, jüdische Autoren usw. interessiere ich mich halt für solche Sachen.
      Und um Suhrkamp kommt man dann nicht rum. Zumal ich dunnemals die Gelegenheit hatte, dem Herrn Unseld bei verschiedenen Veranstaltungen und Gelegenheiten im Tübinger Brechtbau und bei der meine Magisterarbeit betreuenden Professorin Hanna Weischedel (selig) zu begegnen.
      Ein genialer Verleger, im Umgang mit Autoren wie ein Vater, oder besser höchst fürsorglicher Papa, im Gespräch ein faszinierender, eitler Charmebolzen der profilneurotischsten Art und am Ende ein knallharter Geschäftsmann, dem es aber tatsächlich vor allem um die Literatur und seine Autoren ging. Eigentlich eine Romanfigur. Ich sehe schon, ich habe den Mann in meinem Beitrag gar nicht genug erwähnt und gewürdigt. Aber jetzt.
      Liebe Grüsse in die Wahner Heide sagt der Kai

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