Lesefrüchtchen – aus Oliver Sacks‘ Autobiografie ‚Onkel Wolfram‘

SacksWolfram

Photobooth macht ‚Spiegelbilder‘
und ich dachte, ich lass das jetzt mal so…

Das hier ist der Jarg schuld! Auf seinem wunderbaren Blog habe ich nämlich vor einiger Zeit die Besprechung von Oliver Sacks Autobiografie ‚Onkel Wolfram. Erinnerungen‘ (1) gelesen, und obwohl die Bücher von Sacks bisher nicht in meinem beschränkten geistigen Einzugsbereich lagen, hat mich die Besprechung so neugierig gemacht, dass ich mir das Taschenbuch gleich bestellt habe.

Und nun bin ich bei der Lektüre. Noch lange nicht fertig – und ich muss gestehen, ich habe etwas gebraucht, um reinzukommen. Auf den ersten 20 Seiten ging es nämlich gefühlt ausschliesslich darum, dass Sacks als Kind dieses und jenes und selles und nochmal ein anderes Metall irgendwie faszinierend fand – und ich dachte ehrlich gesagt schon ‚ach du s…..e‘, aber dann, so ab Seite 20, 21 habe ich mich irgendwie eingegrooved (schreibt man das so?) und das Buch ist richtig toll. Nicht nur für Menschen, die sich für naturwissenschaftliche Themen interessieren – obwohl es genau darum (auch) geht.

Eine Besprechung gibt es also hier ganz und gar nicht, da solltet Ihr lieber und unbedingt den Beitrag vom Jarg (2) lesen. Aber so ganz möchte ich meine Begeisterung doch nicht unterm Deckel halten. Deshalb hier also meine derzeitige Lieblingsstelle in einem längeren Zitat, und das ist dann auch endlich das Lesefrüchtchen.

Die Situation ist diese: Ende 1939, nach Ausbruch des 2. Weltkriegs wird die Tagesschule, die Oliver und sein älterer Bruder in London besuchen aus Sicherheitsgründen wegen der erwarteten und dann ja auch in fürchterlichster Weise gekommenen deutschen Fliegerangriffe auf London in eine ländliche Internatsschule im kleinen Ort Braefield verlegt. Dort, in dem kleinen Dorf in Mittelengland, entpuppt sich der Schulleiter als ein schrecklicher Schläger und die 4 Jahre, die die Brüder dort verbringen müssen erweisen sich als recht traumatische Zeit. Besuche von zu Hause gibt es sehr selten und selber dürfen die Jungs bloss einmal im Jahr, zu Weihnachten, nach Hause und ausserdem in den Sommerferien aufs Land zu ihrer Tante Len. Aus dieser Situation heraus sind die beiden Zitate zu verstehen:

Ich fand meine Zuflucht zunächst in den Zahlen. Mein Vater war ein Ass im Kopfrechnen, und auch ich konnte, obwohl erst sechs, schon rasch mit Zahlen jonglieren – mehr noch, ich hatte eine Leidenschaft für sie. Ich mochte Zahlen, weil sie zuverlässig und unabänderlich waren. Sie waren Fixpunkte in einer chaotischen Welt. s gab in den Zahlen und ihren Beziehungen etwas, was absolut sicher war, nicht infrage gestellt werden konnte und über jeden Zweifel erhaben blieb. (Quelle: Seite 33 unten, der rororo tb Ausgabe , 2. Aufl. 2009, Reinbek bei Hamburg, 2009, ISBN 978-3-499-61534-4)

Eine Seite weiter, Oliver ist jetzt n den Sommerferien bei seiner Tante Len, heisst es dann:

Tante Len bereitete mir immer die grösste Freude, indem sie mir alle möglichen botanischen und mathematischen Besonderheiten zeigte. Im Garten wies sie mich auf die Spiralmuster im Blütenkorb der Sonnenblumen hin und forderte mich auf, ihre Samen zu zählen. Dabei erklärte sie mir, dass sie entsprechend einer mathematischen Reihe angeordnet seien – 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 usw. – , wobei jede Zahl die Summer der beiden vorhergegangenen bildete. Und wenn man jede Zahl durch die nächstfolgende teilte (1/2, 2/3, 3/5, 5/8 usw.), näherte man sich dem Wert 0,618. Diese Zahlenreihe heisse Fibonacci-Reihe (3), nach einem italienischen Mathematiker, der vor Jahrhunderten gelebt habe. Der Quotient 0,618 werde auch als Wert des goldenen Schnittes bezeichnet, ein ideales geometrisches Verhältnis, das häufig von Architekten und Malern verwendet werde. (Quelle: s.o., S. 34/35)

Und schliesslich noch der nächste Abschnitt, an dem man schon sehr deutlich den  sacks’schen naturwissenschaftlichen Blick auf die Welt erkennt:

Tante Len unternahm lange botanische Wanderspaziergänge mit mir, zeigte mir, dass auch Kiefernzapfen spiralige Anordnungen nach dem goldenen Schnitt aufweisen, liess mich an einem Flussufer die festen, knorrig gegliederten Stiele von Schachtelhalmen befühlen und schlug mir vor, sie abzumessen und die Längen der aufeinanderfolgenden Segmente in einer Kurve darzustellen. Als ich es tat und sah, dass die Kurve sich abflachte, erklärte sie mir, die Zuwächse seien ‚exponentiell‘. Und das sei die Art und Weise, wie Wachstum generell stattfinde. Diese Quotienten oder geometrischen Verhältnisse seien überall in der Natur zu finden – durch Zahlen werde die Welt zusammengehalten. (Quelle: s.o., S. 35)

Ja, was soll ich sagen? Ich finde diese Erkenntnisse, die für mich als Unwissenden fast alle neu waren total faszinierend und ebenso erklärt und dargestellt. Und dazu kommt diese Verquickung von persönlicher und historischer Geschichte  – und was so ein Kind draus für Schlüsse für sich zieht.

Im übrigen haben mich diese Textstellen auch noch an ein wunderbares Buch von Hans Magnus Enzensberger erinnert, das ich demnächst unbedingt nochmal lesen muss, nämlich den ‚Zahlenteufel‘ (4).

So, das war es schon, vielleicht hat die eine oder der andere durch dieses Lesefrüchtchen ja jetzt auch Lust bekommen auf Onkel Wolfram!

Und wie immer hier die Links

(1) http://www.rowohlt.de/buch/Oliver_Sacks_Onkel_Wolfram.20567.html
(2) http://jargsblog.wordpress.com/2013/06/22/sacks-oliver-onkel-wolfram/
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Fibonacci-Reihe
(4) http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-18900-3

4 Antworten zu “Lesefrüchtchen – aus Oliver Sacks‘ Autobiografie ‚Onkel Wolfram‘

  1. Oh toll, danke für diesen Beitrag und dafür, dass du mir den Mund wässrig gemacht hast … das Buch wird gleich morgen bestellt. Ich habe schon einiges von Sacks gerne gelesen, dieses hier kenne ich aber noch nicht, bin aber nach deinem Beitrag schon unheimlich gespannt darauf.🙂

    Liebe Grüße
    Mara

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  2. Hallo Sandra,
    danke für die Einordnung und die Tipps. Habe gerade in ZEITonline einen Besprechung des Buches von Schacter gelesen http://www.zeit.de/2000/04/Die_Knochenreste_des_Dinosauriers
    Klingt sehr interessant. Alles hängt immermit allem zusammen, man darf sich bloss nicht darin verlieren…
    Liebe Grüsse vom alten Zirkuspfeeeerd

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  3. Schöner Beitrag. Oliver Sacks‘ Bücher haben mir sehr geholfen, während meines Studiums einen Zugang zu Neuropsychologie zu bekomen. „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ und „Der Tag, an dem mein Bein fortging“ – beides Bücher, in denen es um die Auswirkungen von Hirnläsionen geht – haben mich fasziniert, ebenso „Zeit des Erwachens“ (wurde auch verfilmt). Mei Lesetipp zum Thema Gedächtnis und Persönlichkeit: „Wir sind Erinnerung“ von Daniel Schacter.

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