Wolfgang Herrndorf ist tot

Eigentlich ist mir grade nicht so nach Bloggen zumute, weshalb hier auch gerade ein bisschen Sendepause ist, bis wir wieder eine Heimat gefunden haben. Aber manchmal gibt es Ereignisse, die so berühren, dass es doch sein muss. Heute (bzw. offensichtlich bereits gestern) ist so etwas passiert.

Wolfgang Herrndorf

Wolfgang Herrndorf

Eben kam die Meldung im Spiegel , dass Wolfgang Herrndorf gestorben ist. Er hatte schon länger einen Gehirntumor und hat sich nun, jedenfalls laut Kathrin Passig, mit 48 Jahren in Berlin am Hohenzollernkanal erschossen. Ehrlich gesagt, das kann ich gut verstehen. Vielleicht wollte er nicht dabei sein, wenn sein Gehirn und damit sein Ich so langsam verschwindet. Wäre mir auch so gegangen.

Wolfgang Herrndorf wurde zwar nur 48 Jahre alt, aber er hat der Welt, also in erster Linie uns Leserinnen und Lesern, ein paar richtig gute und ein wirklich tolles Buch hinterlassen. Die guten sind  ‚In Plüschgewittern‘, ‚ Diesseits des Van-Allen-Gürtels‘ (Deutscher Erzählerpreis 2008) und zuletzt der Roman ‚Sand‘ (Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik, 2012).

Tschick

Tschick

Mein Lieblingsbuch aber ist, egal, wie populär das Ding geworden ist, der ‚Tschick‘. Dieses zärtlich-raue Roadmovie über die beiden 15-jährigen Berliner Schüler Andrej Tschichatschow, genannt Tschick und seinen  Freund Maik Klingenberg, der auch der Ich-Erzähler ist, wurde als Jugendroman bezeichnet und ist sicher auch einer.
Aber jeder Erwachsene, den dieses Buch nicht berührt hat, der war niemals selber jung. Sag ich jetzt mal so.

Die beiden Protagonisten verbringen die Sommerferien damit, sich einen alten Lada Niva zu klauen und damit einfach mal abzuhauen. Auf Ihrer Fahrt erleben sie einen Haufen legale und eher nicht legale Abenteuer, es geht um Liebe, Freundschaft, ums Erwachsen werden und um das Gute und Schlechte im Menschen.

Der Roman ist so oft besprochen worden, dass ich das hier nicht auch noch tun möchte (dafür gibt es ein paar Links am Ende), aber um das Berührende darin aufzuzeigen reicht auch ein Zitat vom Ende des Buches (und der Reise der beiden). Maik sagt da:

„Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. Wenn man Nachrichten kuckte: Der Mensch ist schlecht. Wenn man Spiegel TV kuckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.“

Das wollen wir doch, oder? So oft wie möglich diesem einen Prozent begegnen. Schauen wir zu, dass wir selber so oft wie möglich dazugehören.

Gut, dass es ihn gab, den Wolfgang Herrndorf. Und nun lest seine Bücher, liebe Leute, das ist, was bleibt. Mehr wollte ich gar nicht sagen.

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DIE LINKS
Rezension G. Seibt, Süddeutsche vom 12.10.2010 >>> hier klicken
Rezension auf ‚Atalantes Historien‘ am 24.02.2011 >>> hier klicken
Wikipedia über Wolfgang Herrndorf >>> hier klicken
Autoren-Seite Wolfgang Herrndorf, Rowohlt, Berlin >>> hier klicken

9 Antworten zu “Wolfgang Herrndorf ist tot

  1. Ich habe „Tschick“ nie gelesen, weil ich mich bewusst dem ganzen Bestseller-Listen-Rummel entziehe und das Wort intuitiv völlig falsch assoziiert habe mit dem Genre „Chick“, das mich nicht interessiert.
    Alleine schon weil ich Stunden auf dem Blog von W. Herrndorf verbracht habe, im Spektrum aller möglichen Empfindungen, werde ich das nun ändern. Vielen Dank Kai🙂
    (Und seltsam, dass deine Artikel nicht im WP-Reader erscheinen, obwohl ich dein Blog abonniert habe. Ich sehe diesen hier erst heute.)
    Liebe Grüße
    Heike

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    • diesen Bestsellerundstapelbüchervermeidungstick habe ich auch, meist liegt man damit ja auch nicht falsch. Aber in dem Fall ist es wirklich anders. Jedenfalls fand ich das Buch ziemlich verdammt gut. Sehr berührend – und das in einer völlig klischeefreien Sprache. Lohnt sich also wirklich.
      Das mit dem WP-Reader versteh ich auch nicht ganz, habe jetzt noch mal bei meinen Einstellungen nachgeschaut aber nichts gefunden, was das bewirken könnte. Mir geht es beim Abonnieren manchmal so, dass ich mich zweimal anmelden muss.
      Liebe Grüsse
      Kai

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  2. Den Autor kenne ich nicht, trotzdem Danke für die Erinnerung an die Jugendzeit. Ich bin kürzlich über meine gestolpert, ebenfalls in Buchform. Ein ehem. Mitschüler hat es geschrieben. Vielleicht nicht literarisch wertvoll aber mit viel Lokalcolorit und Zeitgeist: https://www.facebook.com/pages/Täubchen-und-Falken/499053076801686

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  3. Lieber Kai,
    vielen Dank für Deinen ganz persönliche Rückblick auf Deine Leseerlebnisse bei der Lektüre von Herrndorfs Büchern.
    Viele Grüße, Claudia

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  4. Lieber Kai,

    die letzten Tage lang habe ich mich bereits gefragt, wo du bist, da ich nichts mehr von dir lesen konnte und mir deine Kommentare und Blogeinträge fehlten. Auch bei uns steht bald ein Umzug an, dann werde ich wohl auch weder viel lesen noch viel schreiben können.

    Ich bedauere, dass der Anlass, dich zurückmelden ein solch trauriger ist. Ich habe die Nachricht des Todes von Wolfgang Herrndorf heute auch mit Erschütterung vernommen, wenngleich man ja damit rechnen musste, Ob Kathrin Passig richtig gehandelt hat, in dem sie die intimen Umstände des Todes publik macht, masse ich mir nicht an zu beurteilen.

    Betrübte Grüße sende ich dir
    Mara

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    • skyaboveoldblueplace

      Liebe Mara,
      danke für Deinen netten Kommentar. Da freu ich mich natürlich schon a weng drüber, dass mein Geschreibsel vermisst wird…
      Es kam so: nachdem uns wegen Eigenbedarf die Wohnung gekündigt wurde und noch ein paar andere weniger erfreuliche Sächelchen passiert sind, sind wir, also meine deutlich bessere Hälfte und ich derzeit vor allem damit beschäftigt, diesen Schock zu verkraften und uns eine neue, möglichst schöne Bleibe zu suchen.
      Wenn man nicht mehr ganz taufrisch ist (ich sag immer Quersumme 8 – und es ist leider nicht mehr die 44 und immerhin noch nicht die 62) und dazu noch ein wenig körperlich lädiert daher kommt, dann steckt man das nicht so einfach weg. Tja, und dann muss das geliebte Bloggen leider mal ein bisschen zurückstecken. ABER das wird auch wieder anders!!! Und gelesen habe ich Euch alle natürlich schon, hatte und habe bloss nicht so viel Platz imj Kopf zum Kommentieren.

      Zum Wolfgang Herrndorf fällt mir noch ein, dass ich mich gestern mal auf seinem Blog http://www.wolfgang-herrndorf.de/ ein bisschen umgeschaut habe – ich hatte den Blog nicht gekannt, muss ich zugeben. Jedenfalls, nach der Lektüre vermute ich schon, dass es für ihn schon ok ist, wie Frau Passig das gemacht hat. Trotzdem konnte ich da eine gewisse Verwunderung auch nicht verhehlen – aber ich bin sowieso nicht so Twitter-affin wie viele. Das kommt wahrscheinlich auch vom Alter…
      Liebe Grüsse und bis demnächst
      Kai

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