Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Wolfgang Herrndorf | Cover: Arbeit und Struktur

Wolfgang Herrndorf | Cover: Arbeit und Struktur

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur. Rowohlt Berlin, 2013

Wolfgang Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren, hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.

Wolfgang Herrndorf hat Malerei studiert. 2002 erschien sein Debütroman „In Plüschgewittern“, 2007 der Erzählband „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“, 2010 und 2011 folgten die Romane „Tschick“ und „Sand“.

25.3.2013 15:50
(….) Ein großer Spaß, dieses Sterben. Nur das Warten nervt.
AS, Seite 401

Arbeit und Struktur ist das Buch gewordene Blog gleichen Namens, das Wolfgang Herrndorf  bis kurz vor seinem selbstgewählten Tod mit Hilfe von Freunden, darunter Kathrin Passig und Sascha Lobo, geführt hat. Dass das Blog zum Buch wurde, war sein Wille, offensichtlich hat Herrndorf dazu eigene Vorgaben schriftlich festgelegt. So nachzulesen im Nachwort der Buchausgabe von Kathrin Passig und Marcus Gärtner, auf Seite 444.

Das Schreiben des Blogs – und die fieberhafte Fertigstellung der Romane ‚Tschick‘ und ‚Sand‘ (zu beiden hatte er vorher schon mehrere Jahre Vorarbeit geleistet, sie kamen also nicht aus dem Nichts)  – gehörten zu seinem Plan, wie er das verbliebene Leben verbringen, ertragen, meistern wollte nach der tödlichen Diagnose Glioblastom. Mit Arbeit und Struktur eben. So ganz nebenbei bekommt man, weil er auch das dokumentiert, im Buch eine ganz besondere Art der Entstehungs- oder Werkgeschichte der beiden (Erfolgs-)Bücher geliefert.

Ansonsten hat Herrndorf alles das aufgeschrieben, was er mitteilen wollte. Schmerzhaft ehrlich beschreibt er seine Gedanken, seine Befindlichkeiten, das, was er am Tag so macht, nämlich denken und schreiben, mehr oder weniger ziel-und späterhin orientierungslos mit dem Fahrrad durch Berlin fahren oder laufen.

Er beschreibt seine manischen Phasen, seine Aufenthalte in der Charité, sowohl in der Psychiatrie als auch in der Onkologie und Neurochirurgie. Er ist schonungslos mit sich und nicht weniger mit seiner Umwelt, die er teilweise wie durch ein Brennglas sieht, seziert und gnadenlos beschreibt.

Herrndorf beschreibt seinen körperlichen Verfall, teilweise fassungslos, teilweise sarkastisch:

27.1.2012 14:14
Nacheinander drei Teile vom Backenzahn ausgespuckt. Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst.
AS, S. 300

Immer wieder wird sein Vorhaben thematisiert, seinem Leben selber ein Ende zu setzen, bevor der Tumor sein letztes Denkvermögen zerstört, bevor er also gar nicht mehr er selber ist und eigene Entscheidungen treffen kann. Dabei geht er alle möglichen Methoden durch, am Ende bleibt allein der Revolver, der ihm sicher und zuverlässig scheint. Den er sich besorgt und in manchen Phasen als Halt mit ins Bett nimmt, sich ängstlich und Halt suchend daran festhält.

Das alles geschieht beeindruckend sachlich, häufig fast distanziert, jedenfalls ohne jede Larmoyanz, ohne Selbstmitleid.

Im Laufe des Schreibens entwickelt er dem Leser seine Weltsicht, die er an einer Stelle als ‚vom Atheismus zum Nihilismus‘ bezeichnet.  Für mich ist das hier die Essenz seines diesbezüglichen Denkens:

20.8.2012 16:20
Wiederholt habe ich jetzt schon meine in der Psychiatrie gewonnene und seitdem relativ unverändert mit mir herumgeschleppte Ansicht geäußert, wir existieren nicht, nichts existiere; ohne Begründung (…) Meine derzeitige Ansicht ist (…), dass der winzige Bruchteil der Sekunde, in dem ich zwischen Vergangenheit und Zukunft zu Bewusstsein komme, im Vergleich zur Unendlichkeit dieses Universums auf ein Nichts zusammenschrumpft, auf mathematisch null. Ein Wimpernschlag, und der Wimpernschlag ist vergangen. Ein Wimpernschlag, und 12,5 Milliarden Jahre sind vergangen. Was sich ändert, existiert nicht. (…)

Am Ende, wenn die Welt vergeht
Und kein Gedicht weiß, wer wir waren,
Wenn kein Atom mehr von uns steht
Seit zwölf Milliarden Jahren,

Wenn schweigend still das All zerstiebt
Und mit ihm auch die letzten Fragen,
Wird es die Welt, Die’s nicht mehr gibt,
Niemals gegeben haben.
AS, Seiten 83-84

Es gibt in diesen Aufzeichnungen viele wunderbare Beobachtungen der ganz kleinen Dinge, die durch die Art der Beschreibung ganz groß werden:

19.9.2013 10:43
Zweieinhalb Meter von meinem Arbeitstisch entfernt trapst und schlittert ein Spatz über das Laminat. Den Weg zurück durch das Labyrinth zweier Fensterfronten ins Freie findet er leicht. Wie befohlen schütte ich die Frühstückskrümel auf die Terrasse. AS, Seite 357

Und es finden sich beim genauen Hinlesen eine Menge Stellen, bei denen sich Hermsdorfs lakonischer Humor offenbart:

Fragmente 2 | ca. 29.3.2013
Was für eine befriedigende Tätigkeit ist doch das Entlüften der Heizung, einfach und ohne die Möglichkeit des Scheiterns. Ich glaube, wenn ich das nächste Mal ins Krankenhaus gehe, nehme ich den Entlüftungsschlüssel mit. Egal, wie viel sie mir aus dem Hirn noch schneiden, es wird mir doch immer möglich sein, unter den teils wohlwollenden, teils prüfenden Blicken der Schwestern sämtliche Heizungen auf der Station zu entlüften. Behaute ich jetzt.
AS, Seite 429

 Es gäbe hier noch so viele wunderbare Sätze und Gedanken zu zitieren, aber ich belass es jetzt mal bei den genannten. Man muss es lesen.

Herrndorf hat für seine Aufzeichnungen einen erstaunlichen Ton gefunden, der dem Inhalt in meinen Augen völlig entspricht – und der das Buch tatsächlich zu grosser Literatur macht.

Mich hat dieser Ton in das Buch hineingezogen  – und das Lesen ging viel viel schneller vorbei, als es die über 400 Seiten vermuten lassen. Seit zwei Wochen lese ich jetzt rückwärts, blättere immer wieder, lese immer wieder Stellen und entdecke neue Gedanken, die ich überlesen oder beim ersten Lesen nicht kapiert habe.

Wer Bücher liest, tut das zwingend auf eine ganz individuelle, subjektive, von seinen Lebenserfahrungen geprägten Weise. So ging mir das natürlich auch. Tod und Sterben bestimmt mein halbes Leben – und während der Lektüre durch das aus nächster Nähe erlebte Sterben meiner Mutter ganz besonders.

Und trotzdem: Es geht nicht darum, Herrndorfs Gedanken, Meinungen und Postulate richtig oder falsch zu finden, irgendwie zu interpretieren (abgesehen davon, dass man das als Leser durch die zwingend subjektive Wahrnehmung ganz automatisch tut, s.o.).

Es geht bei diesem Buch auch nicht um das Brechen von irgendwelchen Tabus,  ums ‚Aufrütteln‘ an sich oder darum, ein Thema, z.B. Suizid, ins Tagesgespräch zu bringen.

Nein, es geht einfach um einen ganz und gar großartigen Text. Einen Text, den es in dieser Art noch nicht gab. Zumindest nicht in der Literatur, die ich bisher kenne. Man muss es einfach lesen, dann wird man verstehen. Jeder anders, aber man wird verstehen.

Notwendiger Nachsatz I
Tja, was war das denn nun? Eine Besprechung ja nun eher nicht, oder. Lange habe ich mir überlegt, wie man so ein Buch besprechen soll, ob man es überhaupt besprechen soll. Und da habe ich beschlossen, es einfach zu lassen. Dabei ist dann dieser Text da oben herausgekommen. Ich stelle den hier hin, weil mir das Buch wichtig ist, wie selten eines zuvor.

Notwendiger Nachsatz 2
Ach ja, von wegen Kultbuch: Scheiß drauf!

Notwendiger Nachsatz 3
Das mit der Besprechung haben andere deutlich besser hingekriegt. Deshalb möchte ich Euch auf den zweiten und dritten der unten genannten Links hinweisen. Dort findet sich eine ausführliche und sehr gelungene Besprechung von Buzzaldrin sowie eine etwas kürzere, zu einem völlig anderen Schluss kommende von deep read. Und dass auch andere mit dem Besprechen dieses Buches so ihre Probleme hatten, das kann man sehr schön in dem bedenkenswerten Beitrag von Mützenfalterin unter dem vierten Link nachlesen.

DIE LINKS
http://www.wolfgang-herrndorf.de
http://buzzaldrins.wordpress.com/2013/12/11/arbeit-und-struktur-wolfgang-herrndorf/
http://deepread.wordpress.com/2013/12/11/arbeit-und-struktur-von-wolfgang-herrndorf/
http://muetzenfalterin.wordpress.com/2013/12/01/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/

14 Antworten zu “Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

  1. ich lese noch, und es ist so schmerzhaft & gleichzeitig gut & bewegend wie mir selten ein buch untergekommen ist. die komik & die tragik in einem hingerotzten nebensatz, das ist manchmal kaum auszuhalten.

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  2. Pingback: Die Sonntagsleserin – 3. KW 2014 | buchpost

  3. scheint doch zeit zu sein, mir das buch zu bestellen. irgendjemand ´ne idee, warum ich das nicht schon längst gemacht habe?

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  4. Beeindruckend, bewegend, bedrückend.

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  5. Lieber Kai,
    es ist schön, von Dir wieder eine Buchbesprechung zu lesen! Und Deine Art, dieses Buch zu besprechen, gefällt mir sehr gut. Beim Lesen habe ich mich an viele Stellen wieder erinnert – und auch eine neu entdeckt, nämlich das Zitat mit dem Heizungsentlüftungsschlüsel. Das steht in meinem Buch nicht, ganz bestimmt nicht, ich könnte mich sonst erinnern… Wahrscheinlich hast Du völlig recht damit, das Buch noch ein zweites Mal zu lesen, es enthält bestimmt noch eine Menge Gedanken und Ideen, die beim ersten Lesen überlesen werden. Es ist also eines der Bücher, die man gar ncht so weit in den Bücherschrank wegräumen sollte.
    Viele Grüße, Claudia

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    • Liebe Claudia,
      es freut mich, dass Du der Besprechung etwas abgewinnen konntest – wie ich ja schrub, hatte ich in diesem Falle wirklich Zweifel, ob ich das wohl angemessen hinkriege.
      Die Sache mit dem Heizungsentlüftungsschlüssel steht in meiner Ausgabe definitiv drin, als Fragment 2 auf S. 429. Auf dem Blog findet sich die Stelle allerdings wirklich nicht. Übrigens geht die Stelle im Buch noch recht absurd, lustig, traurig weiter, aber ich wollte den Post nicht ganz mit Zitaten vollkleistern. Wobei man ja im Grunde fast auf jeder Seite etwas zitierenswertes in diesem Text findet.
      Du hast recht, das Buch sollte man nicht so weit wegstellen. Ich habe es auch immer noch daliegen zum rein- und Wiederlesen. Es ist sicher das Buch, das mich im letzten Jahr (mindestens) am meisten beeindruckt und persönlich bewegt hat.
      Liebe Grüße, Kai

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      • Lieber Kai,
        natürlich steht die Heizungsentlüfterschlüsselgeschichte auch in meinem Buch. Ich habe sie schlicht überlesen… Und bestimmt gibt es noch wesentlich mehr wichtige Stellen, die erst beim zweiten Lesen, Du schreibst ja von ähnlichen Erfahrungen, richtig im Bewusstsein ankommen. Jedenfalls sollte Ich wohl bei meinem launigen Anmerkungen doch etwas freigiebiger lustige Smilies hinzufügen, damit auch die Leser meine (Selbst-)Ironie verstehen😉, sie haben ja außer den Worten sonst keine Hinweise. — Seit Tagen schiebe ich nun schon die Verfassung eines eigenen Textes zu „Arbeit und Struktur“ vor mir her, es fällt mir auch ziemlich schwer, meine Leseeindrücke in die digitale Form zu bringen.
        Viele Grüße und einen schönen Sonntag, Claudia

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  6. Lieber Kai,
    auch ich bedanke mich für die Verlinkung und finde, dass du sehr angemessene und passende Worte für ein wirklich schwieriges Lektüreerlebnis gefunden hast. In mir hallt die Lektüre des Buches immer noch nach, auch wenn ich einiges daraus bereits vorher im Blog gelesen hatte. Was mich gestört hat, war der Vorwurf des Weihnachtsmarketings, den ich an verschiedenen Orten gehört habe. Bei dem Erscheinen eines solch wichtigen Buches finde ich es immer schade, wenn Menschen sich dann in ihren Aussagen auf so etwas beschränken.

    Liebe Grüße
    Mara

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    • Liebe Mara,
      sehr gerne (Verlinkung) und vielen Dank für Deine positive Rückmeldung.
      Dies ist nun wirklich mal ein Buch, was ich einerseits unbedingt im Blog erwähnen wollte, mir andererseits nicht klar, war, ob ich das angemessen machen kann. Aber da dies für mich wirklich eine der wichtigsten Veröffentlichungen des letzten Jahres war, habe ich mich am Ende doch getraut.
      Den Vorwurf der Weihnachtsvermarktung habe ich auch schon mitbekommen. Keine Ahnung, ob das in dem Fall wirklich so war, aber wenn ich es richtig verstanden wurde das Blog als Buch noch von Herrnsdorf selber mitgeplant – und dann finde ich eine Veröffentlichung relativ zeitnah zu seinem Tod sehr angemessen. Abgesehen davon: ich hatte beim Lesen nicht den Eindruck, dass da was hingeschludert und nicht ordentlich lektoriert wurde, ganz im Gegenteil. Und mal ganz davon abgesehen: man kann sicher schlimmeres zu Weihnachten geschenkt bekommen haben, als dieses Buch. So what?
      Liebe Grüße, Kai

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  7. Liebe Karo,
    danke fürs Lob und für den Hinweis. Habe grade aus Frau Passiv passenderweise wieder Frau Passig gemacht, da war ich wohl unpässlich. UIuiui, ein dolles Wortspiel, ist noch so früh… aber das war kein Freudscher, das war das seltsame WordPress-Korrekturprogramm, das bei mir vor dem publizieren immer drüber läuft und das ich irgendwie bisher nicht abstellen konnte.
    Liebe Grüsse, Kai

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  8. Besten Dank fürs Verlinken, Kai! Ich finde, du hast das prima hingekriegt, für diesen unfassbare Tagebuch doch die richtigen Worte zu finden, von daher also bitte keine falsche Bescheidenheit🙂 Nur eins noch: Die Autorenkollegin von Herrndorf heißt Passig nicht Passiv, ist wohl sowas wie ein Freud’scher Verschreiber😉 lg, Karo

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