Ein kleiner Mensch ist ein ganzer Mensch, genauso wie ein großer

ZelenrodaHans Stilett: Eulenrod ; Biographisches Mosaik.  München 2013, Antje Kunstmann Verlag

Ein kleiner Mensch ist ein ganzer Mensch, genauso wie ein großer.

Dieses Zitat stammt von Michel de Montaigne. Hans Stilett stellt es seinem Buch Eulenrod quasi als Motto  voran. Und tatsächlich handelt es sich hier um Erinnerungssplitter des Autors als ca. Achtjähriger, ja um ein biographisches Mosaik, wie es der Untertitel anzeigt.

Hans Stilett , 1922 im hessischen Witzenhausen als Hans Adolf Stiehl geboren, wuchs im thüringisch-vogtländischen Zeulenroda auf. Im Buch wird  aus Zeulenroda Eulenrod. Stilett hat einfach den ersten und den letzten Buchstaben weggelassen.

Nicht, dass ich das selber herausgefunden hätte, nein, nein, das kann man in der schönen Besprechung von Mara auf BuzzaldrinsBücher nachlesen. Durch ihre Besprechung bin ich auch erst auf diesen mir bisher unbekannten Autor und sein Buch gestoßen (danke Mara, der Tipp war großartig).

Der Autor jedenfalls hat von 1953 bis 1983 als Redakteur beim Bundespresseamt in Bonn gearbeitet und nach seiner Pensionierung an der Universität Bonn noch Philosophie, Komparatistik und Germanistik studiert und über Michel de Montaigne promoviert. Bekannt geworden ist er danach durch seine komplette Neuübersetzung der Essais von Montaigne, herausgegeben in einer wunderschönen Ausgabe bei der Anderen Bibliothek. Außerdem hat er mehrere Lyrikbände veröffentlicht.

Das Montaigne-Zitat ist insofern wichtig und wegweisend, als Stilett seine Erinnerungsschnipsel vom Achtjährigen in dessen damaliger, thüringisch-vogtländisch geprägten Sprache erzählen lässt.

Dadurch ergibt sich eine Art von poetischer Direktheit, die mich sehr an die Dubliners von James Joyce oder vielleicht noch mehr an die Prosa von William Carlos Williams erinnert hat. Im Englischen gibt es den Ausdruck ‚a short glimpse‘, also einen kurzen Eindruck bekommen, ein kurzes, helles Aufflackern von Situationen, Erinnerungen, Begebenheiten. Man könnte es auch Epiphanie nennen. Diese lieterarischen Stilmittel prägen diesen Text:

Die Großmutter läßt gern einen fahrn. Sitz ich in der Ecke und schau mir Bilderbücher an, meint sie, ich merke nichts; dann tut sie so, als hätt sie am Gaskocher zu tun, greift sich an den Hintern und zieht eine Backe weg, so daß der Furz nur leise rausfaucht. Ich laß meine lieber knalln. (S. 25)

Ein sehr schönes Beispiel, wie ich finde, sowohl was die kindlich-poetische Direktheit betrifft, als auch den lakonischen Ton, der hier durchweg angeschlagen wird und das Buch so lesbar macht.

Hans Stilett erzählt aus der (seiner) Kindheit in einer Kleinstadt in den 20er Jahren. Er lebt zusammen mit seiner Mutter bei seinen Großeltern. Die Großmutter ist im Grunde seine wichtigste Bezugsperson, denn seine Mutter ist immer wieder abwesend um zu arbeiten. Sie wohnen in eher ärmlichen engen Verhältnissen, über die der Junge aber nicht lamentierend, sondern eher naiv-lakonisch berichtet:

Unsere Wohnung ist sehr klein, nur Stube und die Schlafkammer der Großeltern; dort passen grad zwei Betten nein, eins hinterm andern. Meine Mutter und ich schlafen in der Bodenkammer, mit Brettern abgeteilt. (15)

Das Zentrum der Wohnung ist

ein schwarzer Turmofen aus blankgewichstem Eisen, der bis zur Decke reicht; unten Dackelfüße. (S. 16)

Immer wieder wird denn auch davon berichtet, wie die Großmutter zusammen mit dem Enkel permanent nach Brennmaterial sucht, Fallholz im Wald sammelt oder auch schon mal verbotenerweise Fallholz ‚macht‘, indem sie Äste absägt, zerkleinert und so tut, als wär es Fallholz.

Aus diesem uns heutigen Lesern völlig fremden Leben berichtet Hans Stilett aus kindlich-naiver Sicht in einer Sprache, die einem erst eher befremdlich vorkommt – es wird nicht nur der lokale vogtländische Dialekt mit seinen häufig weggelassenen Vorsilben und Vokalen (nein statt hinein, fahrn statt fahren etc.) benutzt, sondern auch noch viele zeitgenössische, lokal geprägte Wörter, sowohl Verben als auch Substantive – in die man sich aber sehr schnell einliest.

Bei aller Armut und Einfachheit ist das Leben für den Jungen Hans aber auch stets und ständig ein großes Abenteuer, sehr naturgeprägt und der Leser bekommt durch die vielen kleinen Szenen einen wunderbaren, genauen Eindruck des zeitgenössischen Alltags mit allen Merkwürdigkeiten und Banalitäten. Es sind dann auch scheinbare Kleinigkeiten, die einen aus heutiger Sicht immer wieder staunen lassen:

Der Großvater ist zuckerkrank, Er darf nur Gurkensalat essen, sagt der Doktor, stets eine große Schüssel voll, Tag für Tag. Daß die Großmutter sich streng dran hält, ärgert ihn – oft spricht er den ganzen Abend kein Wort mehr. (S. 35)

Auch die ganz existenziellen Dinge des Lebens kommen vor. Wenn es um den Tod geht, dann kann das zum Beispiel so klingen:

Ich werd von der Großmutter in die Hohe Straße geschickt, wo man einen aufgebahrt hat. Da ich einen Brief hinbring , krieg ich Plätzchen; dann darf ich ins Dämmrige nein, das süßlich riecht: mit spitzer Nase liegt er da, die Augen zu, die Lippen weg, und will nichts mehr. (59/60)

Kurz und lakonisch-knackig, alles ist gesagt, die Situation perfekt eingefangen, das Existenzielle kann man kaum klarer ausdrücken – und will nichts mehr. Aus der selben Abteilung, mitten aus dem Leben in kindlich gnadenloser Direktheit:

Wir haben in der Klasse einen Neuen, der kommt aus Bayern. Er spielt, sagt er, am liebsten auf dem Fotzhobel, oft stundenlang. Das muß der Schwanz sein. (S. 90)

Man könnte noch viele wunderbare Textstellen zitieren, aber dafür ist das Buch zu kurz und das Urheberrecht zu gefährlich.

Was mir am Ende an diesem wirklich völlig aus der Zeit gefallenen Buch so sehr gefallen hat, ist die ungewöhnliche Sprache, mit der der Autor seinen kindlichen Protagonisten und Ich-Erzähler sprechen läßt. Dazu die ungewöhnliche, weil ungewöhnlich direkte Perspektive und natürlich auch das völlig fremde alltägliche Leben, daß sich da wie ein Mosaik am Ende zusammenfügt. Es sind nur 100 Seiten, die der Autor benötigt, um das Bild einer Kindheit in den 20er Jahren zu schaffen. 100 Seiten, die sich wirklich zu lesen lohnen.

 

3 Antworten zu “Ein kleiner Mensch ist ein ganzer Mensch, genauso wie ein großer

  1. noch nacht, liebe Sandra, dafür kann ich um 6:23 noch selig schlafen…

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  2. Ein herzerfrischendes Buch und ein äußerst produktiver Kai. Aber was ist das denn für eine Uhrzeit? Noch Nacht oder schon Morgen? 😵

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