BIRLIKTE – Zusammenstehen – und warum wir die Stadt Köln DOCH loben wollen (II)

Birlikte - Zusammenstehen - Online-Artikel auf Netz gegen Nazis vom 6. Juni 2014

Nach meinem kurzen Beitrag zur Feierei wg 65 Jahre Grundgesetz, der eine erstaunliche und für mich ausserordentlich erfreuliche Resonanz in der Bloggergemeinde nach sich zog, muss heute unbedingt der Hinweis auf dieses Ereignis in Köln sein. Hier geht es ebenfalls um die Würde des Menschen – und letztlich darum, dass es auch in unserem Land manchmal heißt: Die Würde des Menschen ist antastbar.

 

Notwendige Abschweifung I
Mein Verhältnis zu dieser Stadt Köln ist ein sehr ambivalentes – mir geht diese fürchterliche Selbstverliebtheit, dieses Geklüngel und Geschunkel zu wirklich  jedem Anlass, also dieser ewige Karneval total auf den Keks. Ich habe das schon einmal detaillierter in einer anderen kleinen Abschweifung manifestiert, und bevor ich mich wiederhole, kann man bei Bedarf HIER nachlesen, was genau ich meine.
Ende der Abschweifung

 

Ja, ABER!!!
Ja, ABER!!! Weil: immer wieder sind diese Kölner dann doch zu großartigen Sachen fähig, die so vermutlich nirgendwo anders passieren könnten. Und sowas ist eben auch BIRLIKTE  – und das ist eben die andere Seite der Kölner, die wirklich tolle und bewundernswerte.

 

BIRLIKTE – ein Kunst- und Kulturfest
Der Reihe nach: Vor genau 10 Jahren im Juni 2004 haben die drei Schweine von der sogenannten NSU (ob es noch mehr Beteiligte gab hat man bis heute angeblich immer nicht nicht sicher klären können) in der Kölner Keupstrasse eine Nagelbombe zur Explosion gebracht und damit nicht nur 22 Menschen teilweise schwer verletzt und traumatisiert, sondern eigentlich eine ganze Strasse, ach eine ganze Stadt.

Skandalös, ja geradezu rassistisch und unmenschlich möchte ich die folgenden Ermittlungsarbeit von Polizei, BKA, LKA, BND und wie sie alle heißen nennen. Ein Verdacht in Richtung Rechtsradikale kam nicht auf bzw. wurde sofort verworfen. Vielmehr wurde unter anderem dahingehend ermittelt, dass die Einwohner der Keupstrasse selbst, überwiegend Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (ich hasse diese Wort, das sind alles Kölner), oder etwa  ‚Menschen aus dem Milieu‘, die Täter wären.

Da war die Keupstrasse in Köln und ihre Bewohner  also zum ‚Milieu‘ geworden, womit natürlich ‚kriminelles Milieu‘ gemeint war. Sie, die OPFER mussten sich infolge dieser ‚heißen Spur‘ erniedrigenden Befragungen stellen, was am Ende für viele von Ihnen eine doppelte Traumatisierung bedeutet.  Ja, es führte soweit, dass teilweise selbst die Freunde und Verwandten in der Türkei sich von Ihnen, den OPFERN, abwandten und an diese Mär glaubten.

2011 hat man dann im Zuge der NSU-Ermittlungen eher zufällig herausgefunden, dass diese drei NSU-Schweine das gemacht haben.

Sieben Jahre hat es gedauert, bis die Einwohner der Mülheimer Keupstrasse auch offiziell rehabilitiert wurden – durch einen Zufall sozusagen. Das gehört auch zu unserem Rechtssaat: Sein wiederholtes Versagen, wenn es um rechte Terrorgruppen, um Rassismus, um Faschismus geht. Es sitzen an den entscheidenden Stellen in all diesen datensammelnden Behörden immer noch zu viele Typen, die auf dem rechten Auge blind sind.

An all das soll nach 10 Jahren mit dem BIRLIKTE-Fest erinnert werden. Ja, mal wieder auf die kölsche Art, mit einer Kundgebung und einem sich daran anschließenden Kunst- und Kulturfest. Und bestimmt wird irgendwo auch wieder geschunkelt…

„Für Köln ist es wichtig, aufzuarbeiten was bei dem Anschlag und in den Jahren danach passiert ist . Köln braucht immer auch eine groß Bühne, um sich etwas in Sicherheit u schunkeln. Aber Birlikte bietet eine große Chance. Das Attentat war ein Angriff auf unsere Freiheit.“ (Carolin Kebekus im KSTA, Birlikte Extra, Seite III, vom 7.6.2014)

Das Aktionsbündnis BIRLIKTE ein Zusammenschluss meherer Gruppen und Institutionen, die sich in Köln und anderswo für Respekt und Toleranz im Umgang miteinander einsetzen. Sie schreiben über sich selber

„Gemeinsam gegen Rassismus und Ausgrenzung – für eine gerechte und solidarische Gesellschaft“: Unter diesem Motto hat sich das „Birlikte“-Aktionsbündnis zusammengetan. Viele geben viel in dieses Bündnis hinein: Kreativität, Organisationsfähigkeit, Geld und Engagement – ohne Rücksicht auf die eigenen Ressourcen und immer der gemeinsamen Sache verpflichtet. (von der Webseite Birlikte.info)

Das wirklich Schöne ist, dass man merkt, quasi ganz Köln ist mit Herzblut an dieser Sache, an diesem Fest der Erinnerung beteiligt. Die meinen das wirklich ernst. Das ist keine Alibi-Veranstaltung, wie es so viele gibt. In allen Medien wird berichtet, der Kölner Stadtsanzeiger bringt eine Extra-Titelseite, auf der sich die einschlägigen Artikel zu Birlikte sowohl auf Türkisch als auch auf Deutsch finden, es gibt eine Informationsseite im Online-Auftritt der Zeitung und vieles mehr.

Interessant und wirklich bemerkenswert finde ich übrigens den Gastbeitrag des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Man kann ihn HIER nachlesen – und man kann sich ein bisschen vorstellen, was das für ein Präsident hätte sein können, ohne diese Barbie-Puppe, ohne diese grausliche Bildzeitungs-Connection, ohne dieses ganze jämmerliche Verhalten. Insofern wirklich schade.

Zur Erinnerung hier noch der Auszug aus seiner Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit:

Zu allererst brauchen wir aber eine klare Haltung. Ein Verständnis von Deutschland, das Zugehörigkeit nicht auf einen Pass, eine Familiengeschichte oder einen Glauben verengt, sondern breiter angelegt ist. Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland. Vor fast 200 Jahren hat es Johann Wolfgang von Goethe in seinem West-östlichen Divan zum Ausdruck gebracht: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ (aus der Bremer Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010)

HIER kann man übrigens die ganze Rede nachlesen. Ich finde es tatsächlich lohnend.

Der aktuelle BP, Herr Gauck, hat sich dazu mehrfach sehr distanzierend geäussert, nachzulesen z.B. HIER.
Nun ja, er wird bei der Kundgebung eine Rede halten, sicher wieder über Freiheit, die er meint. Ich bin mit diesem Mann leider nicht häufig einverstanden, finde es aber dennoch gut, dass auch seine Stimme als oberster Repräsentant der BRD zu hören ist – hoffen wir das Beste…  Leider gibt es inzwischen Proteste gegen seinen Auftritt, die ich im Vorhinein ziemlich dumm finde – erst mal anhören, dann reagieren. Wer übrigens seine Rede hören bzw. sehen möchte, das WDR Fernsehen überträgt die komplette Kundgebung, die am Pfingstmontag um 16 Uhr beginnt, inklusive der Rede von Herrn Gauck.

So, jetzt habe ich genug geschrieben und meiner Begeisterung für dieses Fest und die Art und Weise, wie die Kölner das angehen zum Ausdruck gebracht. Meine dbH und ich würden sehr gerne dort hingehen und dabei sein – aber nun sind wir beide recht malade und nicht transportfähig und  werden zumindest die o.g.  Kundgebung am Fernsehen erleben, das immerhin.

Birlikte - Plakat

Plakat Birlikte

Für solche unter den verehrten Leserinnen und Lesern, dIe in Köln-Nähe wohnen und Lust bekommen haben, die Veranstaltung zu besuchen hänge ich hier mal das Veranstaltungsplakat hin. Das Logo oben habe ich übrigens von der Birlikte-Homepage. Das darf man da runterladen. Und so hoffe ich mal, dass es Copyright-technisch in Ordnung ist, wenn ich auch das Plakat hier platziere. Ist ja immerhin für eine gute Sache. Wer genaueres über das Programm der drei Tage wissen möchte klickt einfach mal HIER rein.

Meine persönliche Empfehlung | Die Lücke – ein Stück Keupstrasse
auch, weil mich das besonders interessiert hätte: Heute, am 7.Juni findet im Depot des Schauspiels  Köln, Schanzenstrasse 6 – 20 und in der Keupstrasse selber die Premiere des Stückes ‚Die Lücke – ein Stück Keupstrasse‘ statt. Es ist ein Projekt von Nuran David Calis über das Leben in der Keupstraße und die Folgen des Anschlags. Das Stück  ist in enger Zusammenarbeit mit der IG Keupstraße und unter Beteiligung der Anwohner der Keupstraße entstanden.

 

Zum Schluss  die Links noch einmal in der Übersicht

Birlikte – Home | Der Aufruf

Birlikte – Tagesprogramm für alle drei Tage

Gastbeitrag Chjristian Wulff

Rede Christian Wulff zum 20. Jahrestag der dt. Einheit

Kölner Stadt-Anzeiger | alle KSTA-Artikel zu Birlikte

stern online über Birlikte vom 6. Juni 2014

Spiegel online – Gauck distanziert sich von Wulffs Islam-Rede

WDR Online – Bericht über Birlikte mit Hinweis auf Übertragung der Kundgebung

Protest gegen Gauchs Auftritt auf der Kundgebung – KSTA

Schaupiel Köln | Die Lücke – ein Stück Keupstrasse

 

5 Antworten zu “BIRLIKTE – Zusammenstehen – und warum wir die Stadt Köln DOCH loben wollen (II)

  1. Was für eine tolle Aktion, ich habe Bilder vom Fest auf der Keupstrasse gesehen, klasse wieviele Menschen da zusammengekommen sind. 👍 für diese Aktion in Köln. Auf das die braune Brut verschwindet und die Würde aller Menschen tatsächlich unantastbar bleibt.

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    • heute ab 15.45 wird im wer die Kundgebung live überragen – nur für den fall, dass ihr nix besseres vorhabt und auch noch das wer fernsehen empfangen könnt – aber du hast recht, liebe elke: auf dass die braune Brut im Orkus verschwindet – bloß derzeit scheint der europaweit ja gerne genommen zu werden, der braune dreck, siehe Frankreich. da hat jetzt Papa le pen wieder zugeschlagen und wird noch nicht ml verhaftet. weiss nicht, wer das noch verstehen soll.
      liebe grüße vom besorgten kai

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  2. Klasse Aktion, vor allem nach den braunen Wahlkampfplakaten mit „Wut im Bauch – lass es raus!“ Oder ähnlich skandalösen Aufrufen. Danke für die Info Kai, hier auf der Insel bekomme ich nicht viel Aktuelles mit…

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