Von Big Data zum Überwachungskapitalismus

Shoshana Zuboff

Rede von Shoshana Zuboff in: FAZ, Mo, 15. Sept 2014

Zum Themenkomplex Digitale Welt | Datensicherheit | Big Data | Digitale Zukunft  habe ich an dieser Stelle vor einigen Wochen auf ein interessantes Gespräch zwischen Juli Zeh und Philip Riedle hingewiesen.

Und weil uns das Thema ja so schnell nicht verlässt und auch nicht verlassen darf, wenn wir diese Zukunft verstehen und womöglich beeinflussen wollen, möchte ich heute auf eine Rede der emeritierten Harvard-Professorin für Wirtschaftswissenschaften, Shoshana Zuboff hinweisen, die sie letzten Freitag zur Eröffnung des 10. M100 Sanssouci Colloquiums in der Orangerie von Potsdam-Sanssouci hielt.

Das Kolloquium stand unter dem Oberthema Medienfreiheit im Zeitalter von Big Data, Frau Zuboff  hat es in ihrer Rede allerdings relevant erweitert, und zwar auf die Weiterentwicklung unseres gesellschaftlichen Systems durch und mit dem, was wir derzeit Big Data nennen – oder einfacher mit einer ihrer Zwischenüberschriften gesagt: Wie die Zukunft gestaltet wird.

Dabei skizziert sie den derzeitigen gesellschaftlichen Zustand als einen des Überwachungskapitalismus. Und dabei geht es natürlich bei weitem nicht nur um NSA, CIA, BND und Konsorten, sondern vor allem um das Überwachungskapital, das die grossen (und  auch die kleinen) Internetfirmen mit ihren Big Data generieren – und wie sie das tun. Und mit welchen Folgen für uns.

Die FAZ hat diese wichtige, weil nicht nur die altbekannten Diskussionsmodelle wiederkäuende Rede in ihrer Ausgabe von Montag, dem 15. September unter dem Titel Lasst euch nicht enteignen! dankenswerterweise abgedruckt. Auf der Homepage der FAZ kann man ihn komplett lesen, aber nicht nur das, es gibt dort auch den originalen Text der Rede in Englisch. Das ist insofern interessant, als der Text im Original heisst: A Digital Declaration – und genau diese will Shoshana Zuboff hier anschieben.

Als kleinen Leseanreiz zitiere ich hier aus den fünften Abschnitt der Rede:

Nach meiner Auffassung ist „Big Data“ ein großer Euphemismus. Nach Orwell werden Euphemismen in Politik, Krieg und Geschäft benutzt, um „Lügen wahr und Mord anständig klingen zu lassen“. Euphemismen wie „verbesserte Vernehmungsmethoden“ oder „ethnische Säuberung“ lenken uns von der hässlichen Wahrheit hinter den Worten ab. Die hässliche Wahrheit hier ist, dass ohne unsere Kenntnis oder unsere Einverständniserklärung vieles an „Big Data“ aus unserem Leben abgeschöpft wird. Diese Datenmengen sind die Frucht eines reichen Feldes von Überwachungspraktiken, die konstruiert sind, um für uns unsichtbar und unerkennbar zu bleiben, während wir uns durch die virtuelle und reale Welt bewegen. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklungen nimmt zu: Drohnen, Google Glass, tragbare Computersysteme, das „Internet von Allem“ (vielleicht der größte Euphemismus von allen)….
Quelle: FAZ online, gefunden am 16.09.2014

Die Links

Lasst euch nicht enteignen! – Rede Shoshana Zuboff (dt.)

A Digital Declaration – Rede  Shoshana Zuboff (engl.)

Shoshana Zuboff – Homepage

Harvard Business School – Homepage Shhoshana Zuboff (Faculty)

Honmepage M100 Sanssouci Colloquium 2014

Wikipedia (en) über Shoshana Zuboff

Schürfrechte am Leben | Die Google-Gefahr – Artikel von Shoshana Zuboff (30.04.2014)

Dark Google – engl. Original des Artikels ‚Schürfrechte am Leben (s.o.)

9 Antworten zu “Von Big Data zum Überwachungskapitalismus

  1. Hallo Kai!
    Bei den unzähligen Überwachungspraktiken steig ich nicht mehr durch. Diese schnelllebige und reizüberflutete Zeit – allein der Alltag – macht es fast unmöglich, sich umfassend mit diesen wichtigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Themen zu befassen. Vielleicht fehlt mir auch das politische Interesse, welches nicht so ausgeprägt ist, wie das von dir oder von meinem Mann, der hier sicherlich einiges zur Diskussion beitragen könnte. Ich finde deinen Beitrag incl. den Verlinkungen zur FAZ äußerst informativ. Kein Wunder das Bücher wie „Drohnenland“, „Zero“ und aktuell der meist besprochene Roman von Dave Eggers „The Circle“ sich derzeit gut verkaufen lassen. Der Artikel von Shoshana Zuboff zum Thema Informations- und Überwachungskapitalismus, unsere Zukunft mit „Big Data“ ist Anregung genug um ihr Buch, welches 2015 erscheinen soll, zu lesen.

    Gegen-Deklaration / direkte Demokratie
    Wenn es jedoch darum geht die Zukunft positiv zu gestalten, ihr eine neue Richtung zu geben, da fehlt es an Idealisten. Wie wir alle wissen steht der Machterhalt in Wirtschaft und Finanzpolitik über allem. Hierzulande wünschen sich die Bürger laut Umfragen die direkte Demokratie und damit die Möglichkeit an Volksabstimmungen, ähnlich wie in der Schweiz, mitwirken zu können. Ich sehe diesem Wunsch mit gemischten Gefühlen entgegen.

    Resignation
    Die Unzufriedenheit der Bürger, hat sich mit der katastrophalen Beteiligung der letzten Landtagswahlen deutlich bemerkmar gemacht. Das sollte der jetzigen Koalition und anderen Parteien ein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Die „Was wäre wenn Frage“ mag ich mir gar nicht vorstellen und bereitet mir große Sorge. Dass ich mich einmal zu politischen Äußerungen hinreißen lasse ist unfassbar. Da kannst du sehen, was dein Blog-Posting bei mir ausgelöst hat. So jetzt brauch ich erstmal einen Beruhigungstee! *hihi*

    Liebe Grüße,
    Tanja

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    • Liebe Tanja,
      was für ein toller Kommentar. Hat mir sehr gefallen und könnte eigentlich der Anfang eines eigenen Post sein, oder? Zum Beispiel anknüpfend an das, was Du – völlig zu Recht – unter der Überschrift ‚Gegen-Deklaration / direkte Demokratie‘ schreibst. Und dass Du Dich, wie Du schreibst, zu einer politischen Äusserung hast hinreissen lassen finde ich ja prima, ich fürchte ja, es ist viel mehr politisch und erfordert unser Mit- und Nachdenken und möglicherweise Aktion, als wir in unserem privaten Leben so denken möchten (um nicht den guten alten linken Satz vom Privaten, das immer auch politisch ist zu bemühen).
      Liebe Grüsse
      Kai

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  2. Lieber Kai,
    ich muss gestehen, dass ich es gar nicht gemerkt habe – ehrlich. Ich habe mich so über Deinen Kommentar gefreut (und wünschte Du würdest mich morgen im Unterricht besuchen), dass ich auf die Anrede nicht geachtet habe. Im Übrigen habe ich schon Birgit von Sätze und Schätze – auch – mit Petra (hat der Name wohl irgendein besonderes Geheimnis?) angeredet. Kann also alles im Eifer des Gefechtes vorkommen, kein Problem. Hat bestimmt etwas mit unserem methusalemischen Alter zu tun, oder?
    Dir und Deiner dbH einen tollen sonnigen Sonntag, Claudia

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  3. danke lieber Kai für den Link und das Aufmerksammachen, es wäre mir sonst, wie so manches andere, sicher entrutscht. Liebe Grüsse Susanne

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    • Liebe Susanne und uadfg,
      immer gerne doch. Mir rutscht da natürlich auch einiges durch, wie Du schreibst, aber auch das ist ja ein zeitgenössisches Problem, was mit dieser digital bedingten Informationsschwemme zu tun hat. Man muss filtern, filtern und nochmals filtern…
      Liebe Grüße in die seltsame östliche Grossstadt mit den lustigen Politikern
      Kai

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    • Liebe Claudia,
      dann bin ich beruhigt – oder sollten wir beunruhigt sein? Ach ne, lieber den sonnigen Sonntag geniessen! Ich würde ja in den Unterricht kommen, aber ich glaube, das wäre mir zu weit. Ausserdem wiss ich gar nicht, ob ich da so hilfreich sein könnte. Ich mach mir ja bloss Gedanken über das Thema, verfolge die Diskussion und überlege, was ich selber im Umgang mit eigenen und andern Daten ändern muss. Und das ist schon sehr schwierig, abgesehen davon, dass man nicht jeden seiner Schritte aufm Fratzenbuch oder dem Twitter verewigen sollte, möglichst noch mit Bildern. Oder was ich jetzt mit meiner Whatsapp-Nutzung mache, nachdem auch dieses praktische Tool der Fratzenbuch-Mann gekauft hat und Adressen und Telefonnummern absaugt. Das ist alles ziemlich schwierig und man schwankt ständig zwischen Bequemlichkeit und Sicherheit (die es am Ende nicht wirklich gibt). Und selbst die Bloggerei müsste man infrage stellen. Wollen wir das? Ich eigentlich nicht. Dadurch wurde mein Leben ja durchaus erheblich bereichert.
      Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man aufmerksam bleibt, nicht jeden Sch… mitmacht und Gesetzesvorlagen unterstützt, die zumindest eine (theoretische?) rechtliche Handhabe gegen Datenmissbrauch bieten. Unsere entsprechenden Gesetze sind ja alle noch aus dem letzten Jahrtausend und haben mit der digitalen Entwicklung gar nix zu tun.
      Oh, jetzt hab ich mich schon wieder zu so einer Suada hinreissen lassen, entschuldige bitte.
      Jedenfalls drück ich Dir die Daumen für den Unterricht , wünsche Dir aber trotzdem vorher noch einen wundervollen Restsonntag!
      Liebe Grüsse
      Kai

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  4. Lieber Kai,
    vielen, vielen Dank für Deinen Artikel und die vielen Links. Wenn Du wüsstest, wie toll Du mich bei der Vorbereitung meines Deutschunterrichts nun schon zum zweiten Mal unterstützt! Mein Ziel in diesem Jahr ist es ja, die Schülerinnen und Schüler ein bisschen aufmerksam zu machen, was das Thema Big Data angeht. Wir lesen Juli Zehs „Corpus Delicti“ und dazu passend dann weitere Artikel zum Thema – und vielleicht schaffe ich es ja, ein anderes, ein kritischeres Verständnis bei den Schülern zu erwecken. Dann wäre mein „heimlicher“ Lehrplan wunderbar umgesetzt. Und dazu hast Du dann – und die Technik🙂 – ein Stück beigetragen. Ist doch ein guter Schlachtplan, oder?
    Viele Grüße, Claudia

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    • Liebe CLAUDIA Petra,
      das freut mich ja nun ungemein, dass Du mit meinem Post bzw. Teilen daraus sogar was für Deine Unterrichtsvorbereitung brauchen kannst. Und ich kann nur sagen, ich finde Dein Vorhaben dabei ganz großartig. Das sollteim Wortsinne Schule machen, denn genau das ist es, was wir brauchen, nämlich ein neues Zeitalter der Aufklärung. Könntest Du vielleicht all die Neulandpolitiker in Deine Klasse aufnehmen? Die haben es besonders nötig und Frau Zuboff kann sich ja nicht um alle kümmern…
      Apropos Shoshana Zuboff: ihre Rede hat mich wirklich sehr beeindruckt. Zum einen, weil sie das Ganze mal richtig erklärt und in die uns alle betreffenden Zusammenhänge stellt, zum anderen, weil sie, zumindest in meiner Wahrnehmung, einen ganz eigenen Ansatz wählt, wie man reagieren kann.
      Naja, soweit dieses. Unter uns Gärtnerstöchtern noch dieses: Den Köhlmeier habe ich mit Begeisterung gelesen und bereits eine Besprechung angefangen, dann aber dummerweise einige der anderen, bereits erschienenen Besprechungen dazu gelesen – und nun frage ich mich, was ich dem noch hinzufügen kann. Jedenfalls fang ich jetzt nochmal von vorne an. Irgendwann wird’s was, aber wie gesagt: alter Mann ist nicht mal ein Regional-Express… ja, und solche Sachen wie dieser Hinweis zur shoshanischen Rede gehen mir aus unbekannten Gründen schneller und spontaner von der Hand. Über Literatur muss ich meist was länger simmelieren.
      Liebe Grüße
      Kai

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    • Oh Gott ist das wieder peinlich, liebe CLAUDIA,

      habe ich Dich doch mit Petra angeredet, irgendwie funktioniert mein Kopf manchmal nicht so richtig. Gestern hat es meine dbH gemerkt, ich bin sofort hochrot gewordenen nun muss ich Abbitte leisten! Ich hoffe, Du bist nicht allzu böse…
      Liebe Grüsse und ein paar wunderbare Urlaubstage wünscht der uralte Kai

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