Zitat des Tages (01) – Boris Cyrulnik

Boris Cyrulnik - Fotografie von Hégésippe Cormier verwendet unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic Licence

Boris Cyrulnik – Fotografie von Hégésippe Cormier
verwendet unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic Licence

Die narrative Wirklichkeit ist nicht die historische Wahrheit; sie ist die Bearbeitung, die das Leben erträglich macht.

Wenn die Wirklichkeit wahnsinnig ist, verleihen wir ihr Schlüssigkeit, indem wir eine Vereinbarung mit unserem Gedächtnis treffen.

in: Boris Cyrulnik: Rette dich, das Leben ruft, Berlin, 2013, Ulster, S. 142

Boris Cyrulnik ist ein französischer Neurologe, Psychologe und Autor. Er hat sich insbesondere mit der Resilienzforschung beschäftigt.

Resilienzforschung beschreibt, sehr vereinfacht gesagt, wie Menschen mit ihren Lebenskatastrophen umgehen und weiterleben (können), wie sich also Widerstandsfähigkeit entwickeln kann (ganz unten gibt es einige Links zum Thema.

Boris Cyrulnik verwendet in seinen Lebenserinnerungen, aus dem ich das Zitat entnommen habe, in beeindruckender  Weise sich selbst als Fallbeispiel für Resilienz.

Für mich persönlich wurde in diesem Buch – und insbesondere mit diesem Zitat – noch einmal sehr deutlich, was Erinnerung, Schreiben, Geschichten erzählen eigentlich bedeutet, wofür es steht und wie ambivalent der Begriff und die Bedeutung von Wirklichkeit tatsächlich ist. Und zwar im literarischen wie im nichtliterarischen Kontext.

Zu guter Letzt, es mag sich komisch anhören, habe ich hier zum ersten mal zumindest ein wenig verstanden, warum ich immer noch lebe.

Die Lektüre dieses grossartigen, wichtigen Buches verdanke ich übrigens Claudia vom Grauen Sofa. Ihre Besprechung findet ihr unten bei den Links.

Erste notwendige Abschweifung
So langsam wird es mir selber unheimlich: nach dem Song of the day, der Songline of the day und den Wochengedichten, habe ich nun beschlossen, eine neue kleine Rubrik zu eröffnen, nämlich das Zitat des Tages. Hier werde ich, natürlich ebenso unregelmässig wie  bei den anderen Vorhaben auch, mir wichtige, interessante, im besten Falle einen Sachverhalt erhellende (oder auch  verdunkelnde) Zitate aus den vielen Büchern bringen, die ich lese aber doch nicht hier auf dem Blog bespreche.

Zweite notwendige Abschweifung
Diese Art der Rubrik ist nun wahrlich keine Neuerfindung, ähnliches findet sich auf vielen Blogs. Als von mir besonders geschätztes Beispiel sei hier der Blog von  Susanne Haun genannt. Hier heisst die Rubrik Zitat am Sonntag, in der Susanne in bewundernswerter Regelmäßigkeit interessante Textstellen zitiert und mit phantastischen eigenen Zeichnungen illustriert.

DIE LINKS

Für die, die des französischen mächtig sind hier die Webseite des Institut Petite Enfance – Bosis Cyrulnik

Wikipedia-Eintrag zu Boris Cyrulnik

Claudias Besprechung auf dem Grauen Sofa vom 11.03.2014

Susanne Billig: Bleiernes Schweigen, wacher Blick.
Beitrag über das Buch auf Deutschlandradio Kultur vom 13.11.2013

Corina Wustman: Die Blickrichtung der neueren Resilienzforschung.
Hier wird sehr verständlich beschrieben, worum es sich handelt.

Sehr informative Webseite zur Resilienz des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg

Boris Cyrulnik: La mémoire traumatique – ein Vortrag von Boris Cyrulnik auf Youtube

12 Antworten zu “Zitat des Tages (01) – Boris Cyrulnik

  1. Pingback: (4) Meine Geschichte schreibe ich selbst | Über das Schreiben von Geschichten

  2. Pingback: Zitat des Tages (02) – Ruth Klüger | Zerreißproben – ein besonderes Gedicht | skyaboveoldblueplace

  3. Lieber Kai, mittlerweile habe ich das Buch gelesen und ich bin sehr begeistert! Es gibt für mich eine kleine Anzahl Bücher, die mir etwas sehr Wesentliches erzählen – über mich und über „das Leben“ und ich war, schon als ich die Zitate hier bei dir las, relativ sicher, dass dieser Autor dazu etwas beisteuern könnte und jetzt bin ich dennoch fast ein wenig überrascht, wie sehr das zu meinen Interessen und Fragestellungen „passt“. Wirklich großen Dank!

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    • Liebe Jutta,
      das freut mich ausgesprochen, zumal mir das mit diesem Buch sehr ähnlich geht und ich, tja, wie soll ich sagen, nach der Lektüre wirklich so etwas wie Dankbarkeit dem Buch und dem Autor gegenüber empfunden habe. Mit Hilfe seiner Gedanken trat plötzlich an vielen Stellen des und meines Lebens ein augenöffnendes Ach so! anstelle meiner bisherigen dicken Fragezeichen.

      Übrigens habe ich inzwischen, nachdem ich mich durch die Lektüre Deiner (übrigens wunderschön gelogbuchten) vier Erzählungen im Bändchen ‚Es wäre schön‘ quasi selber angefixt habe Deinen Roman ‚Wiederholte Verdächtigungen‘ gelesen und bin noch immer sehr angetan.

      Ob ich eine Besprechung schriebe weiss ich allerdings noch nicht. Es gibt ja schon einige sehr schöne und dann ist esfür mich auch immer schwierig, gerade bei Büchern, deren Thematik mich doch sehr berühren, die richtigen Worte zu finden. Auf jeden Fall ist es ein wirklich grossartiges Buch. Und nun möchte ich gerne mehr von Dir lesen…

      Liebe Grüsse
      Kai

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      • Lieber Kai! Mir geht es mit dem Cyrulnik ganz ähnlich wie dir, ich empfinde Dankbarkeit dem Autor gegenüber – und dir gegenüber auch!
        Dass du die „Wiederholten Verdächtigungen“ großartig findest, macht mich ganz froh – zumal mir die Meinung von Menschen, die sich mit den betreffenden Phänomenen auskennen, schon besonders wichtig ist. Und die dürfen dann noch viel mehr als alle anderen, auch gar nichts sagen. Aber du hast ja sogar etwas gesagt … Sehr herzliche Grüße!

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  4. Wer resilient ist fragt als Erstes: „Was ist möglich?“, als Zweites: „Was kann ich tun?“ und als Drittes: „Wer oder was kann helfen?“

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  5. Lieber Kai,
    wie schön, dass Du durch Deinen Post – und Deine neue Rubrik – wieder einmal an Boris Cyrulniks Buch erinnerst und hier wiederum den einen und die andere zur Lektüre animierst. Und ich habe gleich einmal Deine Links betrachtet und vor allem den zusammenfassenden Artikel zur Resilienzforschung von Corina Wustman gelesen.
    Einen schönen Pfingstsonntag wünscht Claudia

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  6. Das Buch liegt auch bei mir auf dem Büchertisch, seit Claudias Besprechung. Nun folgst Du mit dem Zitat dazu und Deinen Gedanken, was mich wieder mal dazu bringt, zur Abwechslung keine Romane zu lesen, sondern ein Sachbuch. Das Thema Resilienz ist ein außerordentlich wichtiges – ich habed dazu derzeit auch das dtv-Buch vonChristina Berndt daliegen, ein recht anschaulich geschriebenes Sachbuch. Ich sehe in meiner Umgebung, wie viele Menschen an seelischer Widerstandskraft verlieren mit den Jahren und das gibt mir zu denken. Warum andere so verletzlich sind, auch ohne äußere Katastrophen, andere dagegen wiederum dieses dicke Fell haben. Und, um den Bogen zu Deinem ausgewählten Zitat zu schlagen: Die Literatur gibt mir viel, um mit manchen Widrigkeiten des Lebens fertigzuwerden. Lesen und das Schreiben darüber, das stärkt meine Resilienz.
    Ich wünsche Dir was! Birgit

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    • Liebe Birgit,
      ich fand die Lektüre wirklich beeindruckend, was das persönliche Schicksal Cyrulniks betrifft – und sehr erhellend und für mich vieles erklärend, auch das, was die seelische Widerstandskraft betrifft, die Du erwähnst. Wobei es für mich so interessant ist, dass z.B. sehr viele Opfer des Holocaust eine ungeheure Widerstandskraft entwickelt haben.
      Ach ja, und natürlich stärkt Literatur die Resilienz, wer wollte daran zweifeln.
      Liebe Grüsse
      Kai

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  7. Eine neue Rubrik und ich kann mich direkt herzlich bedanken – für einen Hinweis, der mich aus einer Vielzahl an Gründen interessiert. Vielen Dank, das Buch wird am Dienstag beim Buchhändler meines Vertrauens bestellt!

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    • Liebe Jutta,
      sehr gerne. Und sehr lustig, denn auch durch Deine angefangene Geschichte von der Frau, die plötzlich vor der Tür stand und dann besonders durch das Didion-Zitat, das Du zur Diskussion gestellt hast, habe ich sofort eine Verbindung zu Cyrulnik hergestellt. So haben Deine Beiträge im Grunde mit einen Anstoß zu meinem Post gegeben.
      Und auch seltsam: das Buch von Joan Didion habe ich auch vor kurzem gelesen. Ich hatte bis dahinnoch nichts von ihr gelesen. Ein schwerer Fehler, wie ich feststellen konnte.
      Auf jeden Fall ist das Cyrulnik-Buch sehr lesenswert. Es ist gut geschrieben, aber es ist keines, was man einfach so weglegen könnte. Deshalb hallt es wohl auch noch so nach.
      Liebe Grüße
      Kai

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      • Lieber Kai, das freut mich immer sehr, wenn es so „sinnige“ Zufälle gibt, wenn das eine zum anderen kommt oder passt oder führt! Ich habe einiges über den Zusammenhang von traumatischen Ereignissen und dem (nicht) erzählen Können von (Lebens)-Geschichten gelernt in dem Buch: „Das verfolgte Selbst. Strukturelle Dissoziation und die Behandlung chronischer Traumatisierung“ von Hart et al. – ist allerdings ein ziemlicher Brocken …
        Dir ein schönes Pfingst-Wochenende!

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