Nicolas Born – Abonnement | Gedicht zur derzeitigen Befindlichkeit

 

Born - Gedichte 1967-1978

Born – Gedichte 1967-1978

Abonnement

Viel passiert zwischen meinen paar Wänden
manches habe ich unter Putz gelegt.
Die Zeitungen bringen Unruhe und Hitze herein
halb ohnmächtig krieche ich durch die Nachrichten.
          Gerädert von Todesarten, gefüllt mit Suppe
mach ich mich fit für die Nachtausgabe
dazu gehört ein Gang durch die Umgebung.
          Vom Lesen und Blättern wund und schwarz
hat es mir wenig genützt
täglich für Groschen
die Lügen der Welt zu kaufen
          Ich bin abonniert
auf Stapel von Unglück und Revolution
Berichte von der Gartenschau machen mich befangen.

Nicolas Born: Gedichte 1967 – 1978, Reinbek, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1981, S. 16.
urspr. veröffentlicht in: Nicolas Born: Marktlage, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1967

Erste notwendige Abschweifung
Wenn ich mir all die digitalen Quellen, die ich heutzutage wie besinnungslos nutze, um mich vermeintlich zu informieren, wenn ich mir also vorstelle, all diese Quellen wären richtige, gedruckte Zeitungen, dann beschreibt Nicolas Born in seinem bereits 1967 erschienen Gedicht genau den Zustand, in dem ich mich als Rezipient all dieser Wahrheiten derzeit so häufig befinde. Ob das anderen auch so geht?

Zweite notwendige Abschweifung – über Nicolas Born
Nicolas Born (eigentlich Klaus Jürgen Born) wurde am am 31. Dezember 1937 in Duisburg geboren und starb am 7. Dezember 1979 in seinem Hus in Breese in der Marsch (bei Dannenberg, Landkreis Lüchow-Dannenberg) an Lungenkrebs.
Er veröffentlichte seit Mitte der 60er Jahre Gedichte, Aufsätze und Romane. In seinem literarischen Umfeld findet man Autoren wie F.C. Delius, Rolf Haufs, Hermann Peter Piwitt, R.D. Brinkmann, Jürgen Theobaldy, H.C. Buch, Günter Grass und andere damals neue ‚realistische Dichter‘. Beeinflusst war er vom Werk Ernst Meisters, mit dessen Unterstützung er 1965 ins LCB Literarische Kolloquium Berlin Aufnahme fand. Ein wichtiger Mentor war auch Dieter Wellershoff, der damalige Lektor vom Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Für mich waren und sind seine frühen Gedichtbände wichtig, in denen er zeigte, dass Ästhetik und politisches Gedicht durchaus zusammengehen können, wie Alltag poetisch und realistisch beschrieben werden kann.
Bekannt wurde Born auch durch seine Romane ‚Die erdabgewandte Seite der Geschichte‘ und ‚Die Fälschung‘, der erst 1979 nach seinem Tode veröffentlicht wurde. ‚Die Fälschung‘ wurde von Volker Schlöndorff 1981 mit Bruno Ganz als Reporter Gregor Laschen und Hanna Schygulla in der Rolle seiner Frau verfilmt. Gerade dieser Roman erscheint, auch im Zusammenhang mit dem zitierten Gedicht und der Darstellung von Nachrichten/Informationen ganz aktuell und ist absolut zur Lektüre empfohlen.

 

Dritte notwendige Abschweifung – Herkunft + Definition: Zeitung
          1) seit der Zeit um 1300 ist zīdunge „Botschaft, Nachricht“ belegt, das auf mittelniederdeutsch/mittelniederländisch tīdinge „Nachricht“ zurückgeht.
Duden, Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. In: Der Duden in zwölf Bänden. 4. Auflage. Band 7, Dudenverlag, Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2006, ISBN 978-3-411-04074-2, Stichwort: „Zeitung“.

2) Zeitungf. , ein zuerst im gebiet der kölnisch-flämischen handelssphäre in der form zîdinge, zîdunge begegnendes wort, das aus diesem grunde als ein lehnwort aus mnd., mnld. tîdinge, f., botschaft, nachricht angesehen wird. die grundbedeutung folgt aus dem verhältnis des ags. tídung, f., nachricht (noch in ne. tidings, plur., nachrichtzu dem ags. verbum tídan sich ereignen, so dasz z. also ursprünglich so viel wie ‚bericht von einem ereignis‚ besagt. 
Deutsches Wörterbuch der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm, online auf wörterbuchnetz.de , recherchiert und gefunden am 7. Juli 2015

          3) Zeitung: Medienprodukt aus der Gruppe der Print­medien. Wesensmerkmale von Zeitungen sind die Periodizität (regelmäßige, fort­gesetzte Erscheinungsweise), die Publizität (Ansprache der breiten Öffent­lichkeit), die Aktualität (tägliche/ wöchent­liche Nachrichtenübermittlung) und die Universalität (keine thematische Ein­schränkung).
Gabler Wirtschaftslexikon online , recherchiert und gefunden am 7. Juli 2015

 

LINKS
Homepage zu Nicolas Born – betreut von seiner Frau Irmgard und seiner jüngsten Tochter Katharina.
Nicolas Born auf Wikipedia – sehr gut als Kurzinfo mit weiterführenden Links

 

16 Antworten zu “Nicolas Born – Abonnement | Gedicht zur derzeitigen Befindlichkeit

  1. Lieber Kai, das von dir ausgewählte Gedicht liest sich ja wirklich unglaublich aktuell – ich dachte zunächst, es sei etwas Zeitgenössisches. Danke dir für die Vorstellung!
    Liebe Grüße
    Petra

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    • Liebe Petra,
      sehr gerne! Ja, die Aktualität empfand ich auch beim Wiederlesen, es fiel mir quasi wie Schuppen aus den Augen… deshalb musste es auch auf den Blog. Abgesehen davon, dass es sich lohnt, den Born wieder oder neu zu entdecken, sowohl die Prosa, als auch die Lyrik.
      Liebe Grüsse
      Kai

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  2. Ups, jetzt habe ich schon wieder den Kommentar- mit dem Antwort-Button verwechselt… sorry.

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  3. Lieber Kai, so wird das nichts mit dem Vorsatz, weniger zu lesen.😉
    Um hinten anzufangen: Delius‘ „Überlegungen“ machen mich in der Tat neugierig auf die „erdabgewandte Seite der Geschichte“. Ich bin ja selbst ein paar Jahre später „sozialisiert“ worden, aber wiederum nicht so viele, dass da nicht auch manches Erkennen wäre. „(Linke) Gewissheitskultur“ z.B. – was für ein Wort und was da gleich alles hochpoppt! Und der „trostlosen Aktualität“ der „Fälschung“ könnte ich auch glatt ein weiteres Mal erliegen… Aber, und das betone ich ausdrücklich, ich würde mich vor allem wirklich freuen, wieder öfter notwendige oder auch einfach nur geschehene „Abweichungen“ aus deiner Feder zu lesen. Muss wohl am (ebenfalls) zunehmenden Alter liegen…😉

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    • Liebe Maren,
      muss ja auch nicht unbedingt sein, kommt ja drauf an, was du liest. Und da ist die erdabgewandte Seite der Geschichte sicher nachhaltiger und von ganz anderer Qualität, als die tägliche Nachrichten- und Netz-Wimmelei. Allein schon der wunderbare Titel…
      Und Du hast recht, da kommt allerhand hoch, womit man sich in dieser Zeit ernsthaft beschäftigt hat, völlig zurecht übrigens, wenn auch oft auf eine sehr plakative, im Nachhinein vielleicht zu simpel erscheinende Art und Weise. Aber alles in allem finde ich, diese 68er Zeit wird heute sehr zu Unrecht von allzu vielen (auch solchen, die dabei waren und nun eher establishmentisiert sind) lächerlich oder schlecht gemacht. Nach den 50ern konnte man das vielleicht nicht anders. Diesen Beton in den Köpfen aufbrechen, meine ich.

      Wenn ich mir das ‚Heutzutage‘ so ansehe, dann sind wir schon einige Jahre heftigst auf dem Rückweg in die 50er und 60er. Allein schon die Ansichten junger Frauen und Mädchen zum Feminismus und zur Gleichberechtigung machen mir Angstschweiss. Das dreht so zurück derzeit, das finde ich manchmal schon beängstigend.

      Und es zeigt sich ja auch an der Griechenlandsache. Anscheinend ist es für fast niemanden mehr überhaupt eine Überlegung wert, was Syriza und ein paar versprengte Linke eigentlich meinen, nämlich dass dieses Kapitalismus- und Finanzmodell, an dem die EU, IWF, EZB etc. alle festhalten, menschenverachtend ist. Aber es ist eben scheinbar auch in Stein gemeisselt.

      Oh je, nun hab ich hier schon wieder meinen Gedanken freien Lauf gelassen, eigentlich wollte ich bloss schreiben, dass es sich lohnt die erdabgewandte Seite zu erlesen…

      Was nun zum Schluss meine ‚Abweichungen‘ betrifft, hier hast Du ja gleich wieder eine quasi provoziert. Und ich nehme mir auch vor, wieder mehr Blogartikel zu schreiben. Aber so wie hier, also im Dialog oder jedenfalls indem ich reagieren kann, macht es mir mindestens genauso Spass.

      Liebe Grüsse
      Kai

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      • Ja, den Roman werde ich mir schon wegen des wunderbaren Titels vornehmen – in Zeiten, in denen man sich (ich mich) immer wieder am liebsten mit Grauen abwenden möchte… Gerade nicht so sprachmächtig-diskutierfreudige, aber darum nicht weniger herzliche Grüße!
        P.S. Die „Abweichungen“ waren natürlich ein Verschreiber, „Abschweifungen“ trifft das Assoziative auch viel besser.😉

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  4. Lieber Kai,
    zeitlos ist es, das Bornsche Gedicht. Vielleicht wäre heute nicht mehr von Gartenschauen die Rede für leicht Verdauliches und die Wendung von der „Zeitung für einen Groschen“ können auch nur noch die Älteren verstehen. Aber verändert hat sich nichts, was die Inhalte, die Information – sowie unsere Betroffenheit betrifft.
    Wir sind gerade auf Reisen, unser Informationskanal das Internet, die Artikel auf den Homepages der großen Zeitungenrecht recht inhaltsleer, eine Zeitung mit Hintergrund und Einordnung fehlt schon. Aber: wahrscheinlich ist, dass es nach unserem Urlaub genauso ist wie vorher, uns die fehlenden Informationen eigentlich überhaupt nicht fehlen. Also genießen wir die Zeit mit recht übersichtlichen Informationen über „Unglück und Revolution“. Und lesen statt dessen lieber ein Buch.
    Viele Grüße, Claudia

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    • Liebe Claudia,

      ja, zeitlos ist es, das Gedicht. Ich war beim Wiederlesen der Bornschen Gedichte aus dieser Zeit (immerhin 60er Jahre) sowieso immer wieder erstaunt, wie wahr die sind. Und der Mann war in meinen Augen ein wirklich grosser (leider fast vergessener) Autor und Dichter mit einer sehr erstaunlichen ästhetischen Entwicklung in seinen Arbeiten.

      Ich wünsche Dir eine schöne Reise mit ganz vielen Büchern und wenig Nachrichtenaktualität, die holt einen ja i der Tat eh immer wieder ein.

      Liebe Grüsse
      Kai

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  5. Da ich diese Fülle an leider oft negativen Nachrichten nur mit Unwohlsein und schlechtem Schlaf bezahlt habe, kürzte ich rigoros die „Nachrichteneinnahme“ – ich weiß, dass Verdrängen keine Lösung ist, aber ich kann nicht anders.
    Aber ich kann ganz liebe Grüße zu dir schicken, lieber Kai!

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    • Liebe Clara,
      danke auf jeden Fall für die Grüsse, sie sind wohlbehalten bei mir angekommen und haben mich sehr gefreut.
      Leider bin ich noch nicht ganz so weit wie Du. Zugegeben, ich versuche auch immer wieder, meine üblichen Kanäle zu reduzieren. Aber es holt mich einfach immer wieder ein. Irgendwie fühle ich mich doch, bei allem Sehnen nach Ruhe vor dem täglichen Geschwätz und Frieden für die Welt, immer wieder beteiligt und mitten drin. Es ist ja das Leben. Auch.
      Liebe Grüsse
      Kai

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      • Lieber Kai, es müssen sich ja auch Leute für Politik und das allgemeine Leben interessieren. – Ich interessiere mich momentan ein wenig viel für meine neue Wohnung, aber es ist schon ein ziemliches Projekt, was ich mehr oder weniger alleine stemme, natürlich mit Handwerkern. – Langsam bin ich selbst gespannt.
        Lasse es dir gut gehen!

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  6. Lieber Kai, den Autor kenne ich überhaupt nicht, aber das Gedicht ist der Hammer! 😃

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    • Liebe Sandra,
      das sehe ich auch so, es ist nicht nur der Hammer, nein, es trifft einen auch wie einer.

      Magst Du mal in die Gedichte reinlesen? Dann gebe ich sie morgen der Iris mit und über die andere beste aller Elfen wird das Buch dann bestimmt kurzfristig bei Dir einfliegen. Gib einfach kurz Bescheid und es fliegt morgen früh mit.

      Liebe Grüsse
      Kai

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  7. Feine Assoziationen sind das, lieber Kai. Von Nicolas Born kenne ich nur „Die Fälschung“. Ja, mir geht es in den vergangenen Monaten auch oft so, dass ich halb ohnmächtig durch die Nachrichten krieche. Für mich ist es – wieder einmal – Zeit, weniger zu lesen und mehr zu tun.

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    • Liebe Maren,
      danke für Deinen Kommentar – und danke dafür, dass meine Assoziationen bei Dir angekommen sind. Ich habe da ja manchmal so meine Zweifel an meinen eigenen Einfällen, eben WEIL ich so assoziierend durch die Welt laufe. Ständig fallen mir zu den Dingen, die ich wahrnehme, irgendwelche wirklichen oder vermeintlichen Spiegelungen ein.
      Vielleicht liegt das am zunehmenden Alter und daran, dass ich mir meiner Endlichkeit in die eine Richtung immer wieder bewusst werden darf. Ich bin mir nicht sicher. Jedenfalls führen meine Zweifel sehr oft dazu, dass ich weglasse, statt zu schreiben und zu bloggen. Das hat mich oft geärgert, aber inzwischen denke ich, Weglassen ist manchmal die bessere Methode.

      Beim Born, den ich sehr sehr schätze, war das anders. Das Gedicht sitzt einfach – und es ist, wie Claudia schreibt, zeitlos. Muss man sagen: leider?

      Die Fälschung ist ein wirklich wichtiger Roman – und für meine Begriffe ein, bezogen auf die nun schon seit einiger Zeit betriebene mediale Berichterstattung von allerlei Kriegen ein trostlos aktueller. Schon wieder leider.

      Der Roman, den ich besonders mochte, ist aber ‚Die erdabgewandte Seite der Geschichte‘. Die zeitgenössische Rezeption war sehr ambivalent, das lag wohl an den politischen Befindlichkeiten in der Mitte der 70er Jahre. Der Roman ist jedenfalls sehr anders und auch nicht leicht zu lesen – oder doch, wenn man will, kann man den ganz an der Oberfläche lesen, das geht schon leicht. Aber lohnender ist es doch, eine Etage tiefer zu gehen. F.C. Delius hat dazu einen sehr schönen Aufsatz geschrieben „Lies wenigstens Du es nicht als Schlüsselroman“ – nachträgliche Überlegungen zum Roman „Die erdabgewandte Seite der Geschichte“ , der sich unbedingt zu lesen lohnt.

      So, mit Delius hör ich jetzt auf, weiss der Geier,wo ich sonst noch hinmäandere – und vielleicht hast Du Recht mit dem Schlusssatz Deines Kommantars, mehr machen, weniger lesen, zumindest weniger sich ständig wiederholende Nachrichten.

      Liebe Grüsse
      Kai

      Gefällt mir

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