Neues aus der Matratzengruft | 02

na altes haus
alt siehst du aus
den zinken kenn ich noch

matschblauen augs
glotzt du da raus
wer weiss wohin

schwer an den
tränensäcken tragend –
war da mal strahlenderes blau?

hast du je fröhlich
mal geschaut?

jetzt bist du
neu und alt
zugleich

und der versuch
dich zu
erkennen –

den der du warst
der du jetzt
bist

der endet in
der endet in –
ja was?

in
schallendem
gelächter

aler mann am morgen

 

Erste notwendige Abschweifung
Nachdem ich Aus der Matratzengruft |01 geschrieben und gepostet habe, bekam ich so viele berührende, wunderbare, ermunternde, mitfühlende und mitdenkende Kommentare, die mich geradezu überwältigten und ein bisschen sprachlos machten.

Ich habe versucht, jedem zu antworten. Sehr weit habe ich es noch nicht geschafft. Blöderweise musste ich dann kurz nach dem letzten Post Damals ist ja immer auch schon wieder mit einem Nierenversagen in die Klinik und erst, seit ich vor ein paar Tagen die ITS verlasssen und auf die Normalstation durfte, habe ich mich so langsam wieder an den Blog rangemacht.

In der Zwischenzeit haben sich so viele Dinge ereignet, sowohl mit meinem Körper als auch in meinem Innenleben, wie ich es noch nie in meinem Leben erfahren habe. Eine wahre Achterbahnfahrt zwischen Leben und Sterben, unter der meine Iris und alle meine Liebsten wohl viel mehr gelitten haben, als ich.

Ich will das hier nicht schon wieder alles ausbreiten, das Ende vom Lied (dass es natürlich gar nicht gibt) ist, dass ich nun wider Erwarten mit mehr Hoffnung vermutlich morgen hier wieder rausgehe, als ich reingekommen bin.  Es hat sich für mich überraschend eine Möglichkeit ergeben,weiterzuleben. Das hat viel mit Gesprächen, die ich mit mir selber führen musste, und solchen mit meinen wichtigsten Menschen zu tun. Und dass die das mit mir ausgehalten haben. Das Wort Danke ist für all das viel zu klein, deshalb lass ich es hier einfach weg. Das lass ich jetzt mal hier so stehen.

 

Zweite notwendige Abschweifung
in der ich nochmal einen Punkt der ersten Schweiferei aufgreifen möchte, denn: unter den  angesprochenen Kommentaren waren tatsächlich einige, die meine Gedichte gerne gelesen haben.

Ich hätte das nie gedacht, ich war da in den letzten Jahrzehnten eher nicht so mutig, die in irgendeiner Öffentlichkeit zu zeigen. Aber der Wunsch von einigen lieben Freunden und Bloggern, mehr davon zu lesen war auch in dieser Hinsicht eine Ermutigung für mich.

Und nun habt ihr also den Salat und ich werde hier des öfteren mal ein oder zwei von mir verbrochene Gedichte hinschreiben.

Weshalb Gedichte für mich wichtig sind, habe ich ja an anderer Stelle schon versucht zu erklären. und auch jetzt hilft mir diese Form, so manches in meinem Kopf für mich zu klären. Und genau deshalb steht da oben auch der Versuch über das alte Haus.

Letzte notwendige Abschweifung
die nun erklären soll, warum zum Schluss nochen Gedicht sein muss.

Ein Dauerthema ist für mich derzeit das Schreiben von Geschichten, genauer gesagt, das (biographische) Erinnern und die Frage, was bleibt, wenn wir unsere Wahrheit aufschreiben.

Meine Geschichte(n) schreibe ich selbst war da er Satz, der das ganze in Gang gesetzt hat – bitte entschuldige, Jutta, dass Du da schon wieder mit reingezogen wirst – aus dem sich für mich viele Fragen und Überlegungen ergeben haben, die nun auch dieses beiden Enden für mich verbinden, das Leben mit dem Tod eben.

Und: Wie werden die Erinnerungslücken aufgefüllt, wessen Geschichte ist es, wie wahrhaftig kann eine biographische Geschichte sein, wenn man weiss, dass man etwas hinzuerfunden hat, was man aber für echt hält, wenn man weiss, das so vieles Vermutung und Selbstvergewisserung bleibt.

Deshalb also hier noch dieses Gedicht über

alles
was war wird wieder verwendet
von der Tochter der Vater
von der Tochter die Mutter
vom Sohn die Mutter
vom Sohn der Vater

die Mütter die Väter
Geschichten Geschichten
die Trauer die Freude
gemeinsam sein einsam sein
das Gefühl und die Kälte
die Kräfte die Ängste
Sehnsüchte Verluste
alle Zeiten hindurch

wir erkennen uns wieder
wir erkennen uns nicht
wir schreiben Geschichte
ohne Kenntnis der Schlüsse

wer könnte mutiger sein

 

Allerletzte notwendige Abschweifung
weil ich noch zwei Dinge vergessen habe, die mir wichtig sind:

Erstes Ding: ich werde peu á peu versuchen, die wunderbaren Kommentare zum Post vom 18. August zu beantworten. Nein, nein, das soll keine Drohung sein…

Zweites Ding: ich werde den Blog in Zukunft immer wieder für meine Geschichte(n) nutzen, er IST ein bisschen meine Geschichte.
ABER ich werde natürlich demnächst auch wieder mit Freuden anfangen, über Literatur, Musik und anderes schreiben. Ideen gibt es jedenfalls schon genug.

11 Antworten zu “Neues aus der Matratzengruft | 02

  1. Kann mich nur allen hier anschließen und freue mich auf alles, was Du hier verdichtest! Liebe Grüsse

    Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Kai, eigentlich wollte ich zu der ersten „Matratzengruft“ schreiben, dabei ist schon Post aus der nächsten da. Deine Gedichte gefallen mir ausgesprochen gut. Es ist schwer, ein richtig gutes Wort dafür zu finden, das nicht platt klingt. Besonders hat mir auch sehr gut gefallen, was du über Gedichte allgemein geschrieben hast – dass sie in komprimierter Form etwas erzählen. Und dann gibt es ja noch dieses Verstehen von Gedichten, ohne direkt zu verstehen, irgendwie mehr ein Erspüren. Weil Gedichte anders als Geschichten doch ein wenig mehr Spielraum lassen, bin ich ein großer Gedichtfreund und bin richtig gespannt, was hier bei dir zu lesen sein wird. Nun habe ich mit der Lyrik begonnen, ohne auf das viel Wichtigere einzugehen – deinen Gesundheitszustand. Es ist so schön zu lesen, dass es besser ist und wird! Von Herzen die besten Wünsche dafür, dass es weiter aufwärts geht. Mit dem Kommentarbeantworten bin ich selber IMMER im HIntertreffen und deshalb hier nur kurz ein Dank für deine Hund-Katz-Gedanken, auf die ich aber unbedingt noch gesondert antworten werde, denn der Fehdehandschuh zwischen diesen beiden Arten muss tatsächlich endlich begraben werden!
    Einen lieben Gruß aus Jena (unter Heinefreunden🙂 )von
    Marlis

    Gefällt 1 Person

  3. Alles, alles Gute dir, lieber Kai, wünschen dir die englischen Buchfeen Siri und Selma, die dir Gesundzauber senden, und Klausbernd und Dina, die dir alles Gute wünschen. We keep our finges crossed for you!
    Deine Gedichte berühren uns, obwohl es uns wie Trippmadam geht, dass wir normalerweise nicht gerade Freunde der Lyrik sind.
    Heute hatten wir empörenswerten blauen Himmel nachmittags über dem Meer, der sich den hohen Seegang beschaute🙂
    Dann halte dich wacker!
    Ganz liebe Grüße von
    The Fab Four of Cley
    🙂🙂🙂🙂

    Gefällt 1 Person

  4. Ach, lieber Kai, das klingt doch wirklich hoffnungsfroher, Gott sei Dank! Weiter alles Liebe & Gute für dich! Herzliche Grüße von
    Petra, die deine Gedichte sehr schätzt.

    Gefällt 1 Person

  5. Kai, zwei Dinge finde ich an deinem Blog so wunderbar:
    Du bist schon so oft am Tod vorbei geschrappt und verfällst dennoch nicht in Jammerei, sondern nutzt jede Chance, um deine Situation zu verbessern und vergisst nicht dabei, denen zu danken, die dich dabei unterstützen
    Und zweitens denkst du in deiner Situation so oft über den eigenen Tellerrand hinaus an Menschen, denen es aus anderen Gründen schlecht geht.
    DANKE!

    Gefällt 1 Person

  6. Lieber Kai,
    dein Post liest sich ja wirklich mit einem hoffnungsvollen Lichtblick. Hoffentlich, hoffentlich baut sich derLichtblick noch weiter aus und wird zu einem schönen blauen Himmel, der Dich zu vielen Gedichten und Geschichten inspiriert.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person

  7. Klingt gut, alles, auch die Drohung.
    Freu mich!
    Beste Grüße
    Erich

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  8. Das sind großartige Neuigkeiten, lieber Kai – ich freue mich sehr darüber und natürlich auch, wenn meine Überlegungen zum Erzählen von Geschichten, bei anderen, bei dir zu Resonanzen führen. Schön ist das! Gerade bin ich am Meer und denke auch deswegen öfter an dich, weil der empörenswert blaue Himmel sich dieser Tage recht gut hinter großen Wolkengebirgen versteckt😉 Sehr herzlich! Jutta

    Gefällt 1 Person

  9. „Schwer an den
    Tränensäcken tragend“ – noch fast kaum einen ehrlicheren Blog gelesen! Er wandert sogleich in meine Blogroll.
    Gruß von Sonja

    Gefällt 2 Personen

  10. Ich lese ja normalerweise kaum Gedichte, aber Ihre mag ich schon. Deshalb würde ich mich freuen, hier noch mehr davon zu lesen.

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