Shumona Sinha – Erschlagt die Armen! | Ein Desaster

Shumona Sinha - Erschlagt die Armen!

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!
a. d. franz. übersetzt von Lena Müller. Hamburg, Edition Nautilus, 2015, 127 S.

Die Autorin Shumona Sinha wurde 1973 in Kalkutta geboren. Seit 2001 lebt sie in Paris und arbeitete als Dolmetscherin in einer Asylbehörde. Täglich übersetzt sie das Jammern und die Lügen der Asylbewerber, deren Elend der Behörde nicht reicht. Nach Veröffentlichung des Buches verlor sie ihren Übersetzerjob.

 

BEVOR ICH MT DIESEM TEXT BEGINNE
bedarf es einer Erklärung, einer Anmerkung und einer Handlungsanweisung.

Die ERKLÄRUNG braucht es, weil die Leserinnen und Leser wissen müssen, dass ich mit diesem Text keine klassische Buchbesprechung versuche, vielmehr werde ich versuchen, mein Leseerlebnis hier wiederzugeben und damit vielleicht eine Art Erwiderung auf die Besprechung von Claudia auf Ihrem Grauen Sofa. Und im Grunde auf fast alle unten per Link angeführten Besprechungen zu diesem Buch.

Die ANMERKUNG ist notwendig, weil die ursprüngliche Idee eigentlich eine etwas andere war: In Ihrem Post Leseschwerpunkt II: Flucht und Entwurzelung hat Claudia eben dieses Projekt vorgestellt. Dazu gab es dann eine kleine Diskussion in den Kommentaren und das Ende war, dass wir uns darauf geeinigt haben, jeder eine Besprechung des Buches von Shumona Sinha zu schreiben, auf den eigenen Blogs zu veröffentlichen und einen Link zur anderen Besprechung schalten – in der Hoffnung, dass sich dadurch eine kleine Diskussion entfachen liesse. Diese Hoffnung haben wir immer noch!

Das Ende vom Lied, Claudia war schneller mit Ihrem Post, ich habe ihn gelesen – und dann kam mir die Idee, meine Besprechung ein wenig als kontroverse Erwiderung anzulegen denn mein Leseerlebnis mit diesem Buch weicht offensichtlich  von den überwiegend positiven Reaktionen ab, und auch thematisch habe ich da einen anderen Fokus gesehen, als den offensichtlichen.  – Möglicherweise sorgt das für noch mehr Gesprächsstoff.

Weil es in meinen Augen redundant wäre, an dieser Stelle noch einmal den Inhalt des Buches zu repetieren – und weil Claudia das in einer chronologischen Art und Weise geordnet hat, wie ich es nie hinbekommen hätte, gibt es an dieser Stelle für alle Leserinnen und Leser, die sich auf dieses Abenteuer einlassen möchten, die HANDLUNGSANWEISUNG, vor meinem Text den von Claudia zu lesen (falls nicht schon geschehen). Das ist aus zwei Gründen wichtig: zum Verständnis, denn ich setze in meinem Text die Kenntnis des Inhalts voraus – und, damit man die unterschiedlichen Herangehensweisen im Kopf hat.

Wenn Ihr also jetzt noch dabei seid, lest bitte, bevor es hier losgeht den Text vom Grauen Sofa.

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LOS GEHT ES – UND ES ENDET MIT EINEM GESTÄNDNIS

Die Sozialfigur des Dolmetschers ist eigentlich eine großartige Chiffre für kommunikatives Handeln, für moderne Kompromissbereitschaft, für die Abwendung von Gewalt.
So beginnt Lukas Latz seine kluge Besprechung im Freitag, Nr. Nr. 40, 1.10.2015, unter der Überschrift: Heißes Wasser auf den Kopf; im Freitag online, gefunden am 21.10.2015

Die Protagonistin ist, wie wir wissen, Dolmetscherin. Als solche hatte sie einen Job  bei dem zuständigen Amt, in dem die Flüchtlinge, dem auch in Frankreich üblichen Befragungsverfahren unterzogen werden. Dabei soll festgestellt werden, ob sie aylberechtigt. Die Bedingungen sind klar formuliert:

Kein Gesetz erlaubte ihnen die Einreise in dieses Land Europas, wenn sie keine politischen oder religiösen Gründe vorbrachten, wenn sie keine sichtbaren Spuren einer Verfolgung an sich nachweisen konnten.
Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!  S. 9

Bezogen auf das erste Zitat: Ich habe nicht gesehen, dass die Dolmetscherin kommuniziert. An keiner Stelle der Geschichte. Und so hat auch das Buch leider nicht mit mir kommuniziert.

Das zweite Zitat stellt nicht nur die Rahmenbedingung klar, die erfüllt werden muss, um Asyl zu erhalten, sondern ist sozusagen die technische Begründung dafür, weshalb so viele Flüchtlinge Geschichten erzählen ‚müssen‘, erfinden müssen, denn auch wenn sie aus dem grössten Elend geflohen sind, werden sie im o.g. Sinne nicht verfolgt und haben so von vornherein keine Chance auf Asyl oder ein Bleiberecht.

An dieser Stelle nun endlich das GESTÄNDNIS
Lange habe ich diesen Text mit mir herumgetragen – (weshalb ich jetzt auch erst so verdammt spät damit herausrücke, ich hoffe, ihr und vor allem Claudia könnt mir das Nachsehen), immer wieder umformuliert, immer wieder im Buch gelesen – und wie es mit mit dem Buch selber ging, so ging es mir mit diesem Text: ich habe einfach keinen vernünftigen, stringenten Weg gefunden, ins Schreien hinein zu kommen. Und so muss ich an dieser Stelle das GESTÄNDNIS machen: Ich bin an diesem Buch GESCHEITERT!

Versuch, zu erklären, wie ich das meine
Das Buch, das in den Besprechungen, die ich gelesen habe, beschrieben wird habe ich nicht wiedergefunden. Oder richtiger formuliert, ich habe nur die offensichtliche Geschichte wiedergefunden – aber ich hatte stets das Gefühl, dass da noch etwas fehlt, dass das nur die eine Seite der Geschichte darstellt. Auf die allerdings quasi mit überdimensionalen Zaunpfählen hingewiesen wird. Zu den Zaunpfählen gehört natürlich der Titel, angelehnt an ein berühmtes Prosagedicht von  Charles Beaudelaire, das allerdings damit endet, dass die Armen sich zu wehren beginnen.
Und dazu gehört auch die Kafka-Ranschmeisse in den Verhörsituationen der Protagonistin mit dem zunächst unnahbaren Beamten Herrn K., der aus Kafkas unvollendeter Erzählung  „Der Prozeß“ stammen könnte. Aber natürlich könnte man die Verwendung von Herrm K. auch als Hinweis auf die Brecht’schen Keunergeschichten lesen. Das wäre dann ein  ganz anderer Blick auf die ‚Sache‘ des Hern K.

Kurz und gut oder schlecht: Ich meine, da steckt eigentlich noch eine ganz andere Geschichte drin, die als Vehikel die Geschichte der Flüchtlinge und ihr Verhalten und Verhältnis zu ihnen benutzt.

Noch einmal zu meinem Leseerlebnis
Von den oben geschilderten Eindrücken war mein Lesen dieses Roman genannten Textes bestimmt. Dazu kam: Immer, wenn ich glaubte, zu verstehen, was gerade wo passiert und wieso, wechselt die Ich-Erzählerin die Perspektive, die Erzählebene, die beschriebene Hölle. Ich habe  mich in diesem Roman meist vollkommen orientierungslos gefühlt.

Die Protagonistin erklärt diese ‚Methode‘ allerdings im Grunde an einer Stelle im Verhör mit dem Beamten K.: 

„Lassen Sie uns zum Ausgangspunkt zurückkommen, dorthin, von wo sie geflohen sind“, sagte Herr K. gestern bei der ersten Befragung zu mir.
„Man kann niemals zum Ausgangspunkt zurück. Er ist nicht mehr da:“

„Wer ist nicht mehr da?“
„Der Ausgangspunkt natürlich.“
„Warum?“
“ Der Raum hat sich mit der Zeit fortbewegt. Das ist die unmögliche Geometrie des Lebens.“
„…“

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen! S.34

Das beschreibt übrigens noch einmal sehr anschaulich, warum viele Flüchtlinge sich mit ihrer bzw. ihren Geschichten, die sie erzählen letztlich so schwer tun: der Ausgangspunkt ist einfach nicht mehr da, es gibt unglaublich viele Lücken in der eigenen Geschichte, in der erfundenen Geschichte, nichts schiebt sich mehr passend wie eine Schablone über das Erzählte, Zeit und Raum sind voneinander getrennt. So entstehen die sogenannten Lügengeschichten, die die Dolmetscherin mit der Zeit ebenso so hasst, wie die Menschen, die sie erzählen.

Absurder weise passiert der Protagonistin  in ihren Verhören mit Herrn K. dann genau dasselbe, denn natürlich sind auch in ihrer Geschichte Raum und Zeit auseinander gedriftet. Leider, finde ich, wird dieser Aspekt der Geschichte von der Autorin nicht seiner Wichtigkeit entsprechend vertieft.

Hilfe! Wo bleibt die Struktur in diesem Text?
Ich fürchte, die bleibt auf der Strecke – aber ich will doch, um wenigstens ein bisschen Struktur in diesen wirren und verwirrten Text reinzubringen, hier das aufzählen, worauf wir uns vermutlich einigen können, was wir haben und wissen.

Worauf wir uns einigen können
Hoffentlich darauf, dass

– die Geschichte der Dolmetscherin, ihr Hass auf die Befragten, ein bisher fast tabuisiertes Thema in unserem Lande ist – genau so, wie es das in Frankreich war, so stark, dass die Autorin, nach der Veröffentlichung mehr oder weniger als Rassistin gebrandmarkt wurde und Ihren Job als Dolmetscherin für Flüchtlinge umgehend verlor.

– gerade deshalb die Geschichte eine gesellschaftspolitisch sehr wichtige Funktion haben könnte.

– die Sprache der Autorin sehr von starken (aus meiner Sicht auch negativ, weil sehr oft mir einfach aufdringlichen) Bildern geprägt ist

– die Sprache sowohl für die Autorin, als auch für die Protagonistin ein wichtiges Mittel zur Identitätsfindung ist. So versucht sich die Hauptfigur in ihrem neuen Land intensiv und schnell zu Integrieren, Ihre eigene Herkunftssprache will sie verdrängen, ebenso das Englisch der verhassten Kolonialmacht, das französische steht für sie für ein neues Leben unter komplett anderen Umständen.

Sprache für die Protagonistin also ein Mittel ist, Menschen und Umstände einzuschätzen. So gibt es für die Protagonistin
>>> die Sprache der verglasten Büros,
>>> die Illegalen-Sprache
>>> die flehende Sprache und
>>> die Ghetto-Sprache.

Über die Protagonistin wissen wir ansonsten eigentlich nicht viel. Der Leser muss immer wieder versuchen, aus ihren Andeutungen etwas über sie herauszufinden.

sicher ist:
– sie ist von Beruf Dolmetscherin
– sie ist aus ihrem Heimatland vor einiger Zeit nach Frankreich ausgewandert
– sie hat einem Migranten in der Metro mit ähnlicher Hautfarbe, wie der Ihren vor Wut eine Flasche über den Kopf gezogen und schwer verletzt
– sie ist ständig wütend und voller Hass

STOP AUFHÖREN!

Nein, so geht das nicht. Ich bekomme diesen Text einfach nicht auf die Reihe. Seit mehr als zwei Wochen brech ich mir hier einen ab. Mal schreib ich einen Satz am Tag, mal zehn – und am Ende lösch ich doch wieder die Hälfte. Herausgekommen ist dabei das, was Ihr da oben seht, nix halbes und nix ganzes. Ich habe das Gefühl, dass es keinen Sinn für mich macht, das so weiter zu treiben.

Also lass ich den ganzen Kram da oben stehen, denn trotz meiner Unfähigkeit, richtig auszudrücken, was ich meine, sind ja ein paar mir wichtige Gedanken drin versteckt.

Hier schreib ich einfach mal ungeschminkt und gänzlich unstrukturiert meine Gedanken zu der Anderen Geschichte hin, die mir in diesem Buch zu stecken scheint und die der offensichtlichen meiner Meinung nach ebenbürtig ist.

Von Anfang an schien mir dieses Buch eine Art emanzipatorisches und feministisches Dokument zu sein. Die Energie, der Hass und die Wut, mit dem dieses Buch geschrieben wurde geht vor allem gegen Männer. Ich habe das so aus den immer wieder auftauchenden Andeutungen auf Unterdrückung, und zwar vorwiegend männliche Unterdrückung herausgelesen. Es geht dabei zunächst einmal um die Stellung der Frau im indischen (hinduistischen) Kastenwesen. Wie ja inzwischen der letzte Nachrichten hörende West-Europäer wissen kann, werden Frauen auf dem Subkontinent verbreitet nicht sehr hoch geschätzt. Gruppenvergewaltigungen scheinen ein Hobby der männlichen (Land-) Bevölkerung zu sein, und im Widerspruch zur indischen Regierung und zu den indischen Gesetzen kommen die Täter allzu häufig gut davon, die Frauen aber sind ab sofort ihr Leben lang Outlaws, also noch weniger wert, als schon zuvor.

Aus Andeutungen könnte man herauslesen, dass die Protagonistin sehr darunter gelitten hat und vielleicht selbst betroffen war und vor allem deshalb aus ihrem Land nach Frankreich emigrierte. Übrigens weiss man bei der Protagonistin nie, ist sie nun auch ein (anerkannter) Flüchtling, oder ist sie einfach ‚umgezogen‘. Wie dem auch sei, es spricht aus all ihren Aussagen und Gedanken ein unbändiger Hass, eine unbändige Wut und Ziel dieser Wut und dieses Hasses sind Männer. Vorwiegend ihrer eigenen Provenienz. Das erklärt auch die Gewalttat, wegen derer sie am Ende ihren Job verliert und von Herrn K. verhört wird.

Andererseits hat sie ein unbändiges Verlangen nach Liebe und Geborgenheit, das sich auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die Stadt als sexuelles Verlangen ausdrückt. Sie sucht sich die nächstbesten Männer aus, nur weisse Männer, die am Ende für sie aber auch bloss Objekte ihres Hasses sind, die sie versucht, kleinzumachen, zumindest verbal und in ihren Nachtgedanken. Wahre Liebe sucht sie bei Frauen, ganz besonders bei einer bestimmten Frau, die sie bei den Verhören als Dolmetscherin kennen gelernt hat und die sie bewundert, verehrt, begehrt  und die doch am Ende nicht wirklich für sie erreichbar ist.

Also: neben dem feministischen, wütend emanzipatorischen Anteil, ist es auch die Geschichte einer ganz persönlichen Suche nach Geborgenheit und Liebe, die die Protagonistin in ihrem bisherigen Leben nicht finden konnte.

Und her kommt nich ein weiterer, ganz wichtiger Aspekt hinein, den ich ebenfalls bei allen Besprechungen, bei der ganzen Rezeption dieses Buches vermisse, nämlich die dringliche Suche nach sich selbst. Dies ist das Buch einer total einsamen Frau und ihrer verzweifelten Selbstfindung. Im hinteren zweiten Drittel des Buches gibt es ein kleines Kapitel mit dem Titel ‚Lieben heißt verraten‘ (S. 83 ff.).  Darin schildert sie einen geradezu gespenstisch anmutenden Besuch bei ihren Eltern. Die Schlusssätze dieses kleinen, für mich zentralen Kapitels lauten

Vater, meine kleine Mutter, ich liebe euch nicht, ich habe euch nie geliebt. Wenn meine Stimme heute liebevoll ist, dann nur, weil ich weiß, dass ich euch nicht lieben kann. Ich habe euch benutzt wie eine Rakete die Abschussrampe, ich habe die Beine zusammengepresst, euch einen Tritt versetzt und mich in die Leere katapultiert, die vor mir lag.
Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!  S.88

Und eine Seite zuvor heisst es da:

Wenn lieben verstehen heißt, wird Unverständnis zu Hass. Der Hass, den ich in ihren Augen erahne, ist mein eigener. Meine trotzige Ablehnung ihrer Wahrheit.
ebda, S. 87

Nun könnte ich noch hiervon ausgehend noch ein bisschen über das Thema Wahrheit schwadronieren, das ja u.a. auch wieder zu den Verhören mit den Flüchtlingen führt und so zwischen den Geschichten eine Verbindung schafft. Tu ich aber nicht. Ich lass hier meine abenteuerlich erscheinenden mögenden Gedanken über die eigentliche Geschichte des Buches stehen. Sehr gerne zur Diskussion – wenn denn nach so langer Zeit nach Claudias Post noch jemand Interesse daran haben sollte.

Bei Claudia vom Grauen Sofa möchte ich mich noch einmal für die ellenlange Verzögerung entschuldigen und für ihre ebenso ellenlange Geduld danken!

 

MEIN FAZIT
Und zwar mein ganz persönliches und subjektives!

Für mich ist das eine Geschichte um eine sehr einsame, sehr wütende, ja, geradezu hasserfüllte und sich verletzt fühlende Frau (der Grund der Verletzung wird bis zum Ende nicht offenbar, Männer und Unterdrückung spielen eine Rolle). Zur Liebe scheinbar unfähig, aber doch eben  nach Liebe und Geborgenheit suchend. Eine Frau, die sich in einem verzweifelten Sebstfindungsprozess befindet

Und es ist eine Geschichte von einer Frau, die als Dolmetscherin in einer französischen Ausländer/Flüchtlings/Asylbehörde arbeitet und die Aussagen der Asylsuchenden übersetzt und dabei zwischen allen Stühlen, nämlich zwischen der Erwartungshaltung der Verhörenden, der Erwartungshaltung der Anwälte und den wirren Geschichten der Asylsuchenden festhängt bei der Frage, nach der wirklichen Wahrheit.
Anfänglich scheint sie auf der Seite des Asylsuchenden zu sein, nach all den immer wieder gleichen Geschichten, die sich allzuoft als ‚Lügengeschichten‘ herausstellen kippt das aber und sie wechselt die Seiten. Zumal ihr vor allem in den männlichen Flüchtlingen immer wieder auch die männlichen Unterdrücker aufscheinen, die ihre Wut und ihren Hass forcieren.

Es sind für mich zwei Geschichten, die sich ‚irgendwie‘ miteinander verschränken – und doch sind es zwei sehr unterschiedliche Geschichten und mir ist immer noch nicht klar, in welche Richtung das Ganze gehen soll.

Ganz am Ende des Buches steht unvermittelt  der Satz der Protagonistin: „Es wird Zeit, nach Hause zu gehen.“ Wohin? Was ist zu Hause? Nichts ist klar.

Noch kurz zur Sprache, der so herrlich bilderreichen: Mich haben sie eher erschlagen, die Bilder, ich fand sie oftmals einfach übertrieben schwülstig und grundsätzlich zu gehäuft. Aber das ist sicher Geschmackssache

Das Provokante an diesem Buch, nämlich die Möglichkeit, dass sich da jemand scheinbar gegen nach Hilfe suchende Flüchtlinge exponiert, sehe ich auch. Auch, dass man uch als fremdenfeindlich zu brandmarken – wenn man nicht genau hinliest. UNd ganz klar ist: Das genaue Hinschauen und das nicht Wegsehen bei realen Problemen, wie dem der möglichen Unterdrückung z.B. muslimischer Frauen durch muslimische Männer und die sich daraus ergebenden Probleme ist ein wichtiges Thema, das enttabuisiert werden muss.

Alles in allem für mich: zwei Geschichten in einem Buch, denen die Autorin in meinen Augen beiden nicht gerecht wird. Es fehlt mir bei aller Bildmächtigkeit an analysierender Tiefe.

Ein Buch der vergebenen Chancen – ich finde es dennoch lesenswert für Menschen, die sich für die Flüchtlingsthematik interessieren und/oder gerne der ‚versteckten‘ Geschichte nachgehen möchten.

 

Unbedingt notwendige nachträgliche Abschweifung – I
Mit Veröffentlichung ihres Posts zu Shumona Sinhas Buch hatte Claudia mir einige Fragen zugesandt. Ich wollte antworten und unser gemeinsames Ziel war, dass sich daraus nicht nur ein Dialog, sondern vielleicht auch eine offene Diskussion ergeben könnte. – Claudias Fragen werde ich nun, soweit es geht, in den nächsten Tagen beantworten und Fragen und Antworten hier einstellen. Vielleicht ergibt sich ja etwas daraus. Wir würden uns nach wie vor freuen.

 

Unbedingt notwendige nachträgliche Abschweifung – II
Direkt nach der Lektüre des Textes von Shumona Sinha habe ich das Buch von Wolfgang Bauer gelesen. Es heisst ‚Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa ; Eine Reportage‘. Erschienen in der edition suhrkamp, 2014. Darin schildert Wolfgang Bauer genauestens und aus eigenem Miterleben, wie so eine Flucht übers Meer ablaufen – und wie sich die ‚Fronten‘ zwischen Gut und Böse fast unbemerkt verschieben. Ich kann es, sagen wir, als Ergänzung zu Sinha, nur empfehlen. Man kann das Buch im Bild oben unter dem von Sinha erkennen. Ebenfalls auf dem Bild sieht man nicht umsonst eine Ausgabe der Wochenzeitung  ‚Der Freitag‚. Da findet sich in der Ausgabe 40/2015 nicht nur eine Besprechung des Sinha-Buches, sondern seit einigen Monaten schon, regelmässig sehr differenzierte, kluge Artikel über die Flüchtlingsproblematik, die oft einen anderen als den von den ÖR Medien gewohnten Blickwinkel einnehmen. Der Freitag sei also ebenfalls, nicht nur wegen der Berichterstattung über die Flüchtlingsströme, zur gelegentlichen Lektüre empfohlen.

 

DIESES DESASTER ENDET HIER

 

 

D I E    L I N K S

Claudias Besprechung des Buches auf dem Grauen Sofa:    https://dasgrauesofa.wordpress.com/2015/10/02/shumona-sinha-erschlagt-die-armen/

Tobias Lindemanns Besprechung des Buches auf Libroskop: https://libroskop.wordpress.com/2015/09/11/shumona-sinha-erschlagt-die-armen/

Charles Beaudelaires Originaltext ‚Assommons les pauvres‘ : http://baudelaire.litteratura.com/pop/texte/187-assommons-les-pauvres.html#.VhMCYRPtmko

Besprechung in der Berliner Zeitung von Sabine Rohlf, online am 13.09.2015:  http://www.berliner-zeitung.de/literatur/skandalbuch-von-shumona-sinha-ein-zorniger-roman-ueber-asylsuchende,10809200,31786746.html

Besprechung des Buches auf Jorinde Reznikoff – Der Graue Blog: http://www.jorinde-reznikoff.de/shumona-sinha-erschlagt-die-armen-assommons-les-pauvres/

Frauen leiden, Männer lügen, Beitrag von Claudia Kramatschek, online am 24.08.2015: http://www.deutschlandradiokultur.de/shumona-sinha-erschlagt-die-armen-frauen-leiden-maenner.1270.de.html?dram:article_id=329111

Lukas Latz im Freitag Nr. 40, 1.10.2015, S.18, Lukas Latz, Heißes Wasser auf den Kopf, Besprechung Shumona Sinha, Erschlagt die Armen!, Freitag online, gefunden am 21.10.2015
https://www.freitag.de/autoren/lukaslatz/heisses-wasser-auf-den-kopf

 

18 Antworten zu “Shumona Sinha – Erschlagt die Armen! | Ein Desaster

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  5. Dein Text ist für mich das Gegenteil eines Disasters🙂 Habe ihn mit großem Interesse gelesen, er hat mir geholfen, mir ein Bild von einem Buch zu machen, von dem ich nur den Klappentext kenne. Natürlich ist es jetzt nur ein „Bild“, aber eines, dem ich glaube vertrauen zu können. LG, Anna

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  6. Lieber Kai, das ist interessant. Nicht nur das Buch, offenbar, sondern noch mehr die Diskussion (die sich ja sehr wohl schon entfaltet hat unter euch) und eure verschiedenen Zugänge und sehr wohl auch dein Ringen, das seinen ganz eigenen Charme und seine Ehrlichkeit hat. Da stimme ich Claudia zu: Es ist eine Besprechung, die du lieferst.
    Herzliche Grüße
    Holger

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  7. Lieber Kai, ich freue mich immer über kontroverse Meinungen zu einem Buch. Dank deines Textes werde ich mir nun das Buch besorgen. – Gerade las ich ein Interview mit der Autorin mit der Süddeutschen Zeitung. Darin nennt sie als Motivation für das Buch das Elend der Asylsuchenden mit dem sie bei ihrer Arbeit täglich konfrontiert wurde. Frankreich bezeichnet sie als ihre Heimat, auch weil sie dort als Frau respektiert wird. Ohne das Buch zu kennen, vermute ich, dass du recht hast mit deinen Gedanken zu einer durchaus tiefer liegenden Motivation, die danach verlangte, sich schreibend zu entlasten. Neben diesen interessanten Spekulationen zum persönlichen Schreibanlass der Autorin, interessiert mich allerdings auch dieser Konflikt, den ich im persönlichen Kontakt mit männlichen Flüchtlingen/Migranten in der Flüchtlingshilfe auch immer mal wieder spüre: zwischen Empathiegefühlen für die Menschen in Not und ihrem manchmal auch nur von mir gefühlten archaischen Verhältnis zu Frauen. Viele Grüße, Claudia

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  8. Lieber Kai, ich bin deiner Aufforderung nachgekommen, zuerst die Inhaltsangaben auf dem grauen Sofa zu lesen – doch dann wurde es mir zu viel, dann hat mein Zeitfaktor gedrückt und gerügt, dass ich hier nicht stundenlang sitzen soll, sondern raus soll und einkaufen muss – sei mir nicht böse, ich habe es wenigstens versucht.
    Ganz, ganz liebe Grüße zu dir!

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    • Liebe Clara,
      der Versuch ehrt Dich – und man muss sich nicht für alles interessieren, wir sind ja alle freiwillig hier am palavern. Und überhaupt, Einkaufen geht vor, vor allem, wenn es um die notwendigen Dinge zur Nahrungsaufnahme geht, das kann ich sehr gut nachvollziehen…
      Liebe Grüsse
      Kai

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  9. Lieber Kai, was würde sich die Autorin meines Typs freuen über eine so um Verständnis, um Zugänge, um Hintergründe ringende Lektüre wie du sie hier „vorführst“. Und dazu jetzt auch noch der Austausch mit Claudia – das ist eine Form der Auseinandersetzung mit Literatur, die ihr unbedingt fortsetzen solltet, weil es doch darum geht: sich offen und ehrlich und respektvoll über Lektüren auszutauschen. Über das, was wir verstehen und was uns unverständlich bleibt, was uns berüht oder empört und wie sich das alles auf die Welt beziehen lässt, in der wir leben. Sehr herzliche Grüße!

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    • Meine liebe Jutta,
      was ist denn nun eine ‚Autorin meines Typs‘? Und ich habe doch nicht gerade wenige sehr schöne und nicht oberflächliche Rezensionen und Besprechungen von ‚Wiederholte Verdächtigungen gelesen‘! Wobei ich ja Deine vier Erzählungen aus ‚Es wäre schön‘ mindestens genauso gut finde, weil Du da in sehr kompakter Form ebenfalls so ungeheuer präzise schreibst. Das übrigens hätte ich mir von Frau Sinha ebenfalls mehr gewünscht…
      Ansonsten freut es mich, dass Dich unser Experiment angesprochen hat – wobei ich ja mit meinem Teil immer noch sehr hadere, denn es fühlt sich nach wie vor wie ein Desaster an, oder veilleicht besser gesagt, ich habe mich sehr bemüht, dem Buch gerecht zu werden, habe aber nicht das Gefühl, das adäquat hinbekommen zu haben.
      Wie auch immer, der Austausch über Literatur, das hat die ganze Sache auf jeden Fall gezeigt, kann ein sehr fruchtbarer sein und ich hoffe immer noch, dass sich noch der eine oder die andere daran beteiligt.
      Und da hast Du auf jeden Fall recht, und das ist wiederso ein sehr schöner Satz:
      “ … weil es doch darum geht: sich offen und ehrlich und respektvoll über Lektüren auszutauschen. Über das, was wir verstehen und was uns unverständlich bleibt, was uns berüht oder empört und wie sich das alles auf die Welt beziehen lässt, in der wir leben.“
      Ich glaube, ich lass das jetzt mal genau so stehen, denn da habe ich nichts mehr hinzuzufügen, ausser, dass ich ihn gerne selber gefunden hätte…
      Liebe Grüße und eine schöne Lesung morgen in der Bremer Stadtwaage, auf die hier noch einmal mit Naschdruck hingewiesen sei
      Kai

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      • Lieber Kai, vielen Dank für die freundlichen Worte zu den „Wiederholten Verdächtigungen“ und gerade auch zu den Erzählungen – ich freue mich darüber sehr! Und wollte mit dem Hinweis auf die „Autorin meines Typs“ auch ganz sicher nicht das Ausbleiben gehaltvoller Reaktionen beklagen (im Gegenteil!), sondern nur zum Ausdruck bringen, dass ich mich, wenn jemand sich so ernsthaft und ausdauernd mit einem meiner Texte beschäftigt, darüber freuen würde – auch wenn das „Ergebnis“ unvollständig, bruchstückhaft und letztlich auch „kritisch“, in einigen Punkten „ablehnend“ bleibt.
        Welche Resonanzen ruft ein Text bei uns hervor? Welche der darin enthaltenen Geschichten (es sind ja meist mehrere) lesen wir? Ich habe vor einiger Zeit auf meinem Blog über meine Vorstellung geschrieben, dass wir aus ganz vielen „Kügelchen“ (meine rheinische Herkunft😉 bestehen, mit denen wir auf andere Menschen und eben auch auf Texte reagieren und dass wir das berücksichtigen sollten, wenn wir über Texte sprechen. Ich sollte diesen Beitrag mal überarbeiten, weil er zunächst hier und da zu dem Missverständnis geführt hat, ich wolle die sachliche Diskussion oder kritische Auseinandersetzung über/mit Texten für unmöglich erklären, aber das war überhaupt nicht meine Absicht! Was ich aber tatsächlich gut und wichtig finde, ist sie eben eben um genau die Aspekte zu erweitern, die du, bzw. ihr beide hier eingeführt, vorgeführt habt.
        Ich werde mir das Buch auf jeden Fall besorgen, habe eine Vermutung, wie es mir damit gehen wird und werde auf jeden Fall darüber berichten!
        Und freue mich, dass ich gestern bei der Suche nach einer guten, treffenden Bezeichnung für Reinhard Lettau auf den „lächelnden Kafka“ gestoßen bin, als den ihn sein Verleger Michael Krüger bezeichnet hat – das freut dich vielleicht auch …
        Allerbeste Grüße!

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        • Liebe Jutta,
          habe es schon verstanden – aber das mit den Kügelchen ist eine gute Idee (wieso rheinisch, müsste ich doch wissen, als eschter Oescher Jung…).
          Ich bin jedenfalls gespannt, wie Du das Sinha-Buch liest.
          Was ich tatsächlich sehr schön finde ist die Vorstellung von Reinhard Lettau als ‚lächelndem Kafka‘, das könnte es tatsächlich treffen. Michael Krüger ist ein kluger Mensch. Umso schlimmer, dass der Hanser Verlag, kaum ist Michael Krüger nicht mehr da, den Lettau komplett aus den lieferbaren Büchern gestrichen hat. Kein einziges Buch von ihm, nicht mal das dünnste (und er hat viele dünne publiziert) ist mehr regulär lieferbar. Sehr schade.
          Liebe Grüße
          Kai

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        • Lieber Kai, so sehr ich mich immer freue, von dir zu lesen – das sind ja schlechte Nachrichten, die du da überbringst: Lettau nicht mehr lieferbar? Ich hatte (ohne das zu wissen) Hanser angeschrieben wegen dieses Textes, verbunden mit der Frage, ob der nicht etwas für die Hanser-Box oder dergleichen sein könnte. Habe bislang eine sehr freundliche und um etwas Geduld bittende Antwort erhalten und bin jetzt noch gespannter, was dabei herauskommt … Und ja, Sinha, da werde ich dich auf dem Laufenden halten … Sehr herzliche Grüße!

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  10. Lieber Kai,
    das Warten auf Deine Besprechung, so möchte ich Deinen Text auf jeden Fall nennen, hat sich gelohnt! Es hat sich gelohnt, dass Du den Text ganz ernst genommen und wochenlang mit Dir herumgetragen hast. Denn mit Deiner Deutung der zweiten Geschichte hinter der ersten, offensichtlichen, hast Du für mich noch einmal eine weitere, ganz wichtige Facette des Textes erschlossen, die irgendwie in meinem Hinterkopf herumschwirrte (Warum verliebt sich die Protagonistin, die doch nachts auf Männersuche ist, in Lucia?, Was bedeutet die ständige Abwertung von Frauen durch die doch in Frankreich hilfesuchenden indischen Männer für sie?, Welche Erfahrungen bringt sie zu diesem Problemkomplex aus ihrem Land mit?, Warum glaubt sie den asylsuchenden Frauen mit ihren Vergewaltigungsgeschichten eher als den Männern mit ihren abenteuerlichen Geschichten?), über die ich mir aber ganz offensichtlich nicht ausreichend Zeit zum Erschließen genommen habe.
    Nach dem Lesen Deiner Besprechung macht Sinhas Roman plötzlich noch viel mehr Sinn, bekommt noch viel mehr Tiefe, erklärt noch viel besser diese unglaubliche Wut der Ich-Erzählerin. Und macht auch den Bezug zu Baudelaires Gedich viel deutlicher: Sie fängt an, sich zu wehren. Damit bekommen Täter-Opfer-Strukturen noch einmal eine andere Dimension, verrücken sich die Grenzen zwischen Tätern und Opfern noch einmal ganz deutlich. Die Männer, die hier in Europa Bittsteller sind, in einer bemitleidenswerten Situation geradezu, denn sie sind ja wirtschaftlich gezwungen zu emigrieren, hier aber gar nicht willkommen, tragen noch immer ihre kulturelle Identität mit sich herum, fühlen sich immer noch dominant, haben immer noch vermeintlich einen anderen Wert als Frauen und zeigen dies auch ganz unverholhen, zumindest untereinander.
    Wenn wir dieser Lesart folgen, dann trägt der Roman, neben der Darstellung der problematischen rechtlichen Situation, noch eine Menge weiteren gesellschaftlichen Sprengstogff in sich, nämlich die Frage nach den Möglichkeiten des Zusammenlebens. Dabei müsste dann eine wesentlich differenziertere Diskussion entstehen, die meiner Ansicht nach in der Öffentlichkeit momentan kaum geführt wird, da die öffentliche Diskussion hier und heute stark polarisiert (und ich polarisiere jetzt auch) in die sehr euphorische „Willkommenskultur“ auf der einen Seite und die ablehnend-ausgrenzende-hassende Haltung auf der anderen Seite.
    Du siehst, was Du mit Deiner Besprechung alles an Überlegungen bei mir angstiftet hast! Es lohnt sich ganz offensichtlich doch, über Literatur ins Gespräch zu kommen, es lohnt sich vor allem aber, sich für Texte Zeit zum Nachdenken zu nehmen. Super, dass Du das gemacht hast! Ich freue mich schon auf Deine Interviewantworten. Vielleicht ergänze ich sie noch, sodass sich wirklich eine Art schriftliches Gespräch ergibt.
    Viele liebe Grüße, Claudia

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    • Liebe Claudia,
      erstmal danke für die unverdienten Blumen, sprich, dass Du meinen Text eine Besprechung nennst. Wenn man das Ding so nennen will, dann ist zumindest sicher, dass sie ohne Deine wirkliche Besprechung als Auslöser und Wegweiser durch den Sinha-Text auf keinen Fall so zustande gekommen wäre.
      Mich freut auf jeden Fall sehr, dass Du aus meinen Auslassungen doch noch die eine oder andere Facette diesem Buch in Deiner Lesart hinzufügen konntest. Das ist aber für mich auch ein Ärgernis an dem Buch, dass so viele Geschichten ein bisschen untergehen, die zumindest ich nich darin gelesen habe.
      Besonders wichtig ist mir übrigens dieser Gedanke inDeinem Kommentar. Du schreibst:
      „Wenn wir dieser Lesart folgen, dann trägt der Roman, neben der Darstellung der problematischen rechtlichen Situation, noch eine Menge weiteren gesellschaftlichen Sprengstogff in sich, nämlich die Frage nach den Möglichkeiten des Zusammenlebens. Dabei müsste dann eine wesentlich differenziertere Diskussion entstehen, die meiner Ansicht nach in der Öffentlichkeit momentan kaum geführt wird, da die öffentliche Diskussion hier und heute stark polarisiert (und ich polarisiere jetzt auch) in die sehr euphorische “Willkommenskultur” auf der einen Seite und die ablehnend-ausgrenzende-hassende Haltung auf der anderen Seite.“

      Ja, da gibt es in der Tat noch jede Menge weiteren gesellschaftlichen Sprengstoff, der uns hier in D’land ganz konkret betrifft bzw. betreffen wird.

      Auf jeden Fall hast Du Recht, es lohnt sich, über Literatur ins Gespräch zu kommen. Weiter Nachzudenken und vielleicht auch vorschnelle Einschätzungen zu überdenken oder zumindest zu ergänzen.

      So, in diesem Sinne wir mal jetzt mal ab, was passiert, wenn wir unsere gegenseitige Befragung auf den Blogs publizieren.

      Liebe Grüsse
      Kai

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  11. Deinen Mut, einzugestehen, dass Du an dem Buch gescheitert sein könntest, finde ich bewundernswert. Aber Dein Urteil kann ich nicht nachvollziehen.
    Ein paar Fragen, die mir einfallen:
    Du erwähnst Kafka – ist Shumona Sinhas Roman klarer oder weniger klar strukturiert wie Kafkas „Prozess“?
    Wie sehr muss man mit der Ich-Erzählerin des Romans (jedes Romans) übereinstimmen in Meinungen oder Taten?
    Wenn die Ich-Erzählerin von Hass, Wut und Angst spricht, wo finde ich IM TEXT Gründe, wo diese Gefühle herkommen könnten? Du führst Themen wie Kastenwesen und Vergewaltigungen in Indien an – aber hat das mit dem Buch zu tun oder sind es Herleitungen aus andere Quellen (Nachrichten etc.)?
    Ich glaube, dass Sinha aus einer Tradition schreibt, die vielen LeserInnen fremd geworden ist – Baudelaire, Bataille, Genet, Artaud etc. Das hat mit den realistischen Romanen a la USA wenig zu tun. Es ist eine andere Poetik, die anders zu uns spricht. Gerade deshalb feiere ich dieses Buch.
    Viele Grüsse, Tobias

    Gefällt mir

    • Hallo Tobias,
      um es gleich vorweg zu sagen: Keinesfalls möchte ich Blogleser dazu ‚überreden‘ mein Urteil zu unterschreiben! Dass Du es nicht nachvollziehen kannst liegt womöglich daran, dass ich selber, wie ich ja in meinem unstrukturierten weil vom Text völlig orientierungslos gelassenen Desaster-Post geschrieben habe, sehr lange nicht wirklich wusste, wie mit dem Text umgehen. Und dann kam ich eben auf diese zweite Geschichte.

      Im übrigen gefällt mir das Wort ‚Urteil‘ in diesem Zusammenhang gar nicht. Ich habe eine Meinung geäussert und meine Leseeindrücke geschildert, so verwirrend sie teilweise für mich waren.

      Zu Deinen Fragen:
      Frage T: Du erwähnst Kafka – ist Shumona Sinhas Roman klarer oder weniger klar strukturiert wie Kafkas “Prozess”?
      Antwort K.: Ich finde nicht, dass man den Prozess und Sinhas Text vergleichen kann – zur Struktur des Romans von Shumona Sinha kann ich nur sagen, ich habe sehr lange gebraucht, um eine zu erkennen.

      Frage T:
      Wie sehr muss man mit der Ich-Erzählerin des Romans (jedes Romans) übereinstimmen in Meinungen oder Taten?
      Antwort K: Man muss mit den Meinungen und Taten einer Ich-Erzählerin selbstredend nicht die Bohne übereinstimmen. Habe ich das in meinem Text irgendwo behauptet? Dann wäre das falsch. Wenn Du die Stelle weisst, sag sie mir bitte, dann nehm ich es raus.

      Frage T: Wenn die Ich-Erzählerin von Hass, Wut und Angst spricht, wo finde ich IM TEXT Gründe, wo diese Gefühle herkommen könnten?
      Antwort K.: Genau das ist das Problem. Man kann es nur indirekt erschliessen, das habe ich getan aus verschiedenen Andeutungen, die die Ich-Erzählerin in ihren Verhörberichten insbesondere mit männlichen Flüchtlingen aus ihrer eigenen Herkunftsregion macht.
      Ein Textbeispiel dafür wäre vielleicht die Stelle, in der sie durch die Stadt geht und diesen Zusammenkunftsort der Flüchtlinge besucht. Da spricht sie über eine Fatwa und ist sich sicher, dass Sie selbst in anderen Umständen Opfer würde. Ich kann das grad leider nicht korrekt zitieren, das Buch ist hinter unser schweres Sofa gefallen und das kann ich nicht alleine bewegen. Muss gestehen, ich hab auch gerade keine grosse Sehnsucht nach dem Objekt der Diskussion…

      Frage T: Du führst Themen wie Kastenwesen und Vergewaltigungen in Indien an – aber hat das mit dem Buch zu tun oder sind es Herleitungen aus andere Quellen (Nachrichten etc.)?
      Antwort K: Meine Assoziationen sind wohl machmal etwas wild und unverständlich, das tut mir Leid. Deshalb schrieb ich in diesem Falle ja auch, dass mein Text keinesfalls als Rezension zu verstehen sei, sondern als persönliches Desaster. Wie komme ich also auf Kastenwesen und Vergewaltigungen: Ich habe mich, wie Du sicherlich auch, mit der Biographie der Autorin beschäftigt. Sie ist aus Indien. Und die Protagonistin habe ich nach allen Ihren Aussagen und Berichten zumindest auf dem selben Subkontinent angesiedelt. Dort leben verschiedene Religionen mehr oder weniger friedlich nebeneinander her. In Indien, einem eigentlich laizistischen Staat, sind z.B. ca. 80 % der Bevölkerung Hindus, ca. 14 % Muslime, sowie 1,7 % Sikhs (Quelle: CIA Factbook).
      Der Hinduismus und seine verschiedenen Ausprägungen beruht nun auf eben diesem Kastenwesen, wobei es folgende Kasten gibt:
      Brahmanen: oberste Kaste; Priester und Gelehrte
      Kshatriyas: die Kriegerkaste; Krieger, Aristokraten, Landbesitzer
      Vaishyas: Händler, Geschäftsleute, Handwerker
      Shudras: Diener, Knechte, Tagelöhner
      Quelle: Wikipedia und wissen.de . Hier finden sich auch weitere Infos dazu. Ich bin da kein Spezialist. Unter den Dienenden, also den Shudras gibt es onch die Dalits, die sogenannten Unberührbaren. Laut indischem Bundes-Gesetz ist diese Unterscheidung zwar heute verboten, aber die Durchsetzung scheint sehr schwierig zu sein.
      Wie auch immer, vielleicht eine unnötige Assoziation, jedenfalls gab es in jüngster Vergangenheit ja genügend Nachrichten über Vergewaltigungen von indischen Frauen durch ganze Gruppen von Männern, mit der Folge, dass immer noch allzu oft die Frauen, die Opfer also, gesellschaftlich als Aussätzige behandelt werden und die Täter mit lächerlichen Gefängnisstrafen davonkommen. Oder, um es auf die z.B. im Nachbarland Pakistan (96 % Muslime, s. CIA World Factbook) oder einige umliegende Länder herunter zu brechen: Dort ist die Stellung der Frau ebenfalls untergeordnet und dienend, keinesfalls jedenfalls gleichberechtigt. Das alles im Hinterkopf und dazu das Wissen, dass die Protagonistin (wie die Autorin) genau aus diesem Umfeld stammt, brachte mich auf diese Assoziationen. Du wist es mir Nachsehen, dass ich hier die entsprechenden Nachrichten nicht anführe. Die sollten eigentlich bekannt sein und sind leicht zu recherchieren.

      Ganz sicher hast Du Recht, wenn Du schreibst, dass Sinha aus einer Tradition heraus schreibt, die vielen Lesern fremd ist. Ob es nun die Tradition und Poetik ist, die Du anführst, oder vielleicht eine eher südasiatische vermag ich nicht zu sagen. Da bist Du sicher besser im Bilde. Wer die ‚realistischen Romane á la USA‘ zum Vergleich herangezogen hat, weiss ich nicht, ich war es jedenfalls nicht.

      So, lieber Tobias, nun hoffe ich, dass ich Dir alle Deine Fragen beantworten konnte, wenn nicht, tut es mir sehr Leid. Möglicherweise reden wir auch einfach ob der Komplexität des Buches ein wenig aneinander vorbei. Jedenfalls sehe ich für mich keinen Anlass, dieses Buch ‚zu feiern‘, drüber Nachzudenken ist es allemal wert!

      Viele Grüsse
      Kai

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