Root Leeb | Die dicke Dame und andere kurze Geschichten

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Root Leeb : Die dicke Dame

Root Leeb : Die dicke Dame und andere kurze Geschichten
Cadolzburg, ars vivendi verlag, 1.Aufl. 2013, 144 S.

BiographieRoot Leeb, 1955 in Würzburg geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Sozialpädagogik. Sie arbeitete zwei Jahre als Deutschlehrerin für Ausländer, danach sechs Jahre als Straßenbahnfahrerin in München. Heute lebt sie als Autorin, Malerin und Zeichnerin in der Nähe von Mainz. Bei ars vivendi erschien 2001 „Mittwoch Frauensauna“, 2003 folgte »Tramfrau, Aufzeichnungen und Abenteuer der Straßenbahnfahrerin Roberta Laub« und 2012 ihr Roman „Hero. Impressionen einer Familie“.
Quelle bis hier: Verlagsinformation, Autorenwebsite ars vivendi verlag
2013 erschien, ebenfalls bei ars vivendi, „Die dicke Dame“ und ganz aktuell ist ebendort im September 2015 der Roman „Don Quijotes Schwester“ erschienen.


ERSTE NOTWENDIGHE ABSCHWEIFUNG
Warum Root Leeb und wer ist das überhaupt
Root Leeb kenne ich schon lange – und wusste das in meiner Ignoranz eine ganze Weile lang gar nicht. Ähnlich wird es vermutlich vielen anderen Leserinnen und Lesern gehen, die wie ich die Bücher von Rafik Schami schätzen. Denn Root Leeb macht all die schönen, farbenfrohen Umschlag-Illustrationen für Schamis Bücher – und natürlich noch für viele andere Titel, besonders im dtv, aber auch im Malik Verlag, bei Herder, ars vivendi, Hanser etc. (1).

Nachdem mir das endlich mal auffiel und mir auch klar wurde, daß Rafik Schami ihr Mann ist, habe ich mich näher für sie interessiert und eine hochinteressante, kreative Künstlerin mit einer veritablen Mehrfachbegabung kennengelernt. Neben der Malerin und Zeichnerin finden wir in ihr auch eine bildende Künstlerin und – und jetzt kommen wir endlich zur heutigen Sache – eine hochbegabte Autorin von kürzeren und längeren Texten. Und genau dabei, auf der Suche nach Kürzest-Geschichten bin ich auf Root Leeb gestossen.

Allen, die sich einen Eindruck von ihrem Schaffen machen möchten, sei ihre Homepage Atelier Root Leeb (2) wärmstens empfohlen.


ZWEITE NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG
W
ieso war ich üerhauptb auf der Suche nach Kürzest-Geschichten?
Weil Jutta Reichelt in der Diskussion über das Buch von Shumona Sinha, „Erschlagt die Armen“ eine Kürzestgeschichte von Reinhard Lettau aus dem Jahr 1968 mit dem Titel „Klage des Einwanderungsbeamten“ ins Spiel gebracht hat, die tatsächlich einen sehr verwirrenden Bezug zu Sinhas Roman zu haben scheint. Es gibt unten einen Link zu diesen Kommentaren (3), da kann man das nachvollziehen, wenn man möchte. Einen Link zu Jutta Reichelts lesenswertem Blog (4) gibt es dort auch, außerdem verlinkt findet Ihr unten die Geschichte von Reinhard Lettau (5), die man online im ZEIT-Archiv lesen kann.

Auf diese Diskussion und auf das Buch von Sinha möchte ich hier nicht mehr eingehen, man kann das ja alles nachlesen (6a+b),  aber plötzlich habe ich mich gefragt, wer eigentlich noch solche Kurz- und Kürzest-Geschichten schreibt. Also gut, Lettau natürlich, dann Peter Bichsel mit seinen Eisenbahn- und Kindergeschichten, Peter Altenberg natürlich (7) aber sonst. Naja, dann hab ich ein bisschen recherchiert und bin auf die Webseite  (2) von Root Leeb gekommen – und habe mir stante pede „Die dicke Dame und andere kurze Geschichten“ bestellt.

Man sieht auch hier wieder ganz deutlich, wie anregend Literatur und die Diskussion darüber sind und noch einmal ganz neue Horizonte öffnen können. Womit wir endlich zum Buch selber kommen…

 

DAS BUCH
In diesem schmalen Band von 144 Seiten sind 72 Kurz- und Kürzest-Geschichten versammelt, unterteilt in die Kapitel Trotz, Eigensinn und kleine Spiele, Der Lauf der Dinge, So stark, Höhere Mächte und Tiere, mit und ohne Menschen.

Dazu gibt es ein fast programmatisch zu nennendes ‚Statt eines Vorworts‘, dessen letzten Abschnitt ich hier zitieren möchte, denn darin findet sich eine, mit einem Augenzwinkern vorgebrachte Leseanweisung, die gleichzeitig als Warnung zu verstehen ist. Nämlich als  Warnung, die Geschichten nicht bloß auf ihre Oberfläche zu reduzieren:

„… Deshalb gibt es an dieser Stelle, wie bei diversen Genussmitteln üblich geworden, einen kleinen, fettgedruckten Hinweis: Kürzestgeschichten sind eine Herausforderung, sie stellen höchste Ansprüche an Ihre (der Leser) Disziplin und Selbstbeherrschung.“
in: Root Leeb: Die dicke Dame, S. 8

Die Geschichten sind zwischen einer 1/3 und 7 Seiten kurz und sie sind verfasst in einer gut lesbaren, schnörkellos klaren, hochkonzentrierten und auf den Punkt kommenden Sprache, die es ihr erst ermöglicht, die Geschichten so kurz zu halten.

So erschafft die Autorin aus scheinbar ganz banalen Alltagsdingen eine ganze Welt. Und noch einmal eine Welt dahinter. Die letztlich die Tragödien und Komödien eines Lebens deutlich sichtbar werden lässt.

Leeb setzt dazu als literarisches Mittel bei fast allen Geschichten ans Ende eine Pointe. Und diese hat es meist in sich, denn so banal und flach manche dieser Pointen auch zunächst wirken mögen – ich glaube, das ist ihr Trick – so abgründig macht es die Geschichte hinter der Geschichte, wenn man sich auf Assoziationen einlässt, wenn man also die Herausforderung annimmt…

Viel mehr gibt es zu diesem lesenswerten Buch von Root Leeb aus meiner Sicht nicht sagen, man muss es lesen. Und man sollte die Lektüre, angesichts der geringen Seitenzahl, durchaus nicht angehen nach dem Motto: schnell mal weggelesen. Das wäre schade, man würde mindestens die Hälfte des Buches verpassen.

Am Ende möchte ich noch aus drei Texten zitieren, die mir beispielhaft scheinen und zeigen sollen, was ich meine.

GEIZ
Ein sehr mürrischer und sparsamer Mensch kaufte sich ein Lotterielos mit einer Laufzeit von vier Wochen. Gleich in der ersten Woche gewann er den Jackpot mit mehreren Millionen Euro. Als siene Frau ihm die Nachricht überbrachte, war seine erste Reaktion eine Frage: Ob er die restliche Laufzeit kündigen könne.
in: Root Leeb: Die dicke Dame, S. 42

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DIE ERSCHEINUNG
Ein älterer, für seine scharfsinnigen Vorträge bekannter Professor der Philosophie hielt eines Tages in einem überfüllten Hörsaal eine Vorlesung über Realität und Wahrnehmung. Nachdem er eine Weile temperamentvoll gesprochen hatte, hielt er plötzlich inne und verharrte schweigend mit gesenktem Kopf.
Die Studenten  begannen unruhig zu werde  … , da sah der Professor auf und gab mit belegter Stimme bekannt: „Meine geschätzten Hörerinnen und Hörer, ich hatte soeben eine Erscheinung.“
Er beendete die Vorlesung …
 
Später in der Bibliothek, als der Assistent ihm einige Bücher mit den eingelegten Kopien überreichte, fragte er vorsichtig: „Aber Herr Professor, was war das denn für eine Erscheinung?“
Der Professor sah ihn für einen kurzen Moment an und antwortete trocken: „Eine Alterserscheinung.“
in: ebda., S. 43

Beide Geschichten finden sich  in dem Kapitel ‚Der Lauf der Dinge‘.

Zu guter Letzt, und weil mich diese Geschichte besonders beeindruckt hat, eine aus dem Kapitel ‚Tiere, mit und ohne Menschen:

DER AFFE
Als der Affe zum ersten Mal einen Menschen sah, war er neugierig. Und voller Mitleid. Das Tier, das ihm gegenüberstand, machte einen erbärmlichen Eindruck. Es gab unverständliche Laute von sich, litt offensichtlich unter einer Krankheit, die sein Fell zersetzte – nur oben auf dem Kopf gab es noch etwas, das diesen Namen verdient hätte – und hatte verkrüppelte Hände und Füße.
Er überlegte, es in seinen Clan aufzunehmen. Allein hätte das bedauernswerte Tier ja keine Überlebenschance.
Da sah ihm der Mensch in die Augen.
Und in diesem Blick erkannte der Affe, dass der Mensch sich niemals unterordnen würde, er sah die Gier, über andere zu herrschen, die vor nichts Halt machen würde, nicht einmal vor ihm, dem Führer und Beschützer seines Clans.
Da drehte sich der Affe um und lief davon.
in: ebda., S. 126

 

DIE LINKS

(1 )ArsVivendi Verlags-Homepage – Root Leeb Die dicke Dame –>

(2) Atelier Root Leeb –>

(3) Kommentare von Jutta Reichelt –>

(4) Jutta Reichelts Blog ‚Über das Schreiben von Geschichten‘ –>

(5) Reinhard Lettau: Klages des Enwanderungsbeamten –>

(6a) Shumona Sinha – Erschlagt die Armen | Ein Desaster  –>

(6b) „Erschlagt die Armen“ – Warum Gespräche über Literatur so wertvoll und wichtig sind  –>

(7) Peter Altenberg – Übers Schreiben, Beitrag auf diesem Blog –>

8 Antworten zu “Root Leeb | Die dicke Dame und andere kurze Geschichten

  1. interessanter Tipp! Wegen der Pointen (Jutta Reichelt): Es kommt drauf an, wo die Geschichte endet. ZB die mit dem Affen könnte sehr gut enden bei „da sah er dem Menschen in die Augen“. Und die vom Professor: „Ich hatte eben eine Erscheinung“. Das reicht. Wenn die Lösung vorgegeben wird, ist es eben doch nur eine Anekdote, über die man kurz lacht und sie dann vergisst.

    Gefällt 3 Personen

    • Liebe Petra,
      bei den Pointen hast Du recht, auf jeden Fall bei den beiden zitierten Geschichten. Das ist eine super Idee und ich bin fast neidisch, dass ich nicht selbst drauf gekommen bin. Manchmal sollte eben man einfach mal einen Punkt machen.
      Trotzdem kann ich diese kleinen kurzen Geschichten sehr zur Lektüre empfehlen, mir haben sie jedenfalls sehr gfallen, quasi als kleine Lektüre für Zwischendurch (brauch ich manchmal) .
      Liebe Grüsse
      Kai

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  2. Es hat mir, lieber Kai, grosses Vergnügen gemacht deine Empfehlungen zu lesen. Im Frühjahr waren wir in Freiburg im Breisgau und da kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit Rafik Schami, weil unser Hotelzimmer so hiess und ich habe sein Buch „Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“ richtig gehend verschlungen. Ausserdem setze ich mich momentan zufällig mit Peter Bichsels „Über Gott und die Welt“ auseinander, und man kann dieses Buch wirklich nicht so schnell, schnell lesen! Die Kurzgeschichten von Root Leeb und ihre Pointen kommen bei mir sehr gut an! Ich danke dir sehr für deine Erklärungen. Cari saluti Martina

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Martina,
      vielen Dank für Deinen freundlichen Kommentar. Doe Geschichte vom Hotelzimmer, das Rafik Schami heisst und dass Dich zur Schami-Lektüre gebracht hat, gefällt mir sehr. Und die Geschichten von Peter Bichsel, insbesondere die über Gott und die Welt, sind zwar kurz, aber eigentlich kleine philisophische Abhandlungen.
      Liebe Grüsse
      Kai

      Gefällt 1 Person

  3. Lieber Kai, ich habe das mit großem Interesse gelesen und mich wie immer gefreut, dass unser Austausch wieder eine neue Kurve genommen hat. Und ich habe festgestellt, dass ich immer noch eine mir selbst absolut übertrieben vorkommende Unlust gegenüber Pointen habe. Ich habe das schon sehr oft bedauert und es gibt auch einige wenige Ausnahmen, aber fast immer, ja selbst bei deinen Beispielen, werde ich damit nicht glücklich. Allerbeste Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Jutta,
      Deine Pointen-Phobie kann ich absolut nachvollziehen – dennoch scheinen mir die Geschichten sehr lesenswert. Und ehrlich gesagt, ich war so zwischendurch einfach mal froh, etwas ganz anderes zu lesen… da kam die Kurve mit den Kürzestgeschichten grade recht. Und ganz nebenbei: inzwischen ist der Band mit allen Lettau-Werken bei mir angekommen und so in der Gesamtschau steht diese Literatur durchaus ziemlich einzigartig in der deutschen Literaturlandschaft herum. Und natürlich haben diese verwirrenden Texte eine ganz andere Tiefenwirkung.
      Dennoch, ich finde die Geschichten von Root Leeb sehr lesenswert. Vielleicht habe ich die falschen Geschichten ausgewählt. Auf jeden Fall aber hat Petras Einwurf in ihrem Kommentar ziemlich was für sich: die Geschichten müsste man zuweilen früher enden lassen.
      Liebe Grüße
      Kai

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  4. Danke für deine immer interessanten Abschweifungen, lieber Kai!

    Gefällt 2 Personen

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