Lausige Akrobaten | Zitat zum Montag

Eigentlich sind wir doch verdammt lausige Akrobaten, aber wir machen manchmal ein paar richtig tolle Sprünge, alter Freund, und es gibt all die anderen Akrobaten, die nicht springen“

Zitiert aus einem Brief von Hemingway (KeyWest, 28. Mai 1934) an F. Scott Fitzgerald. Zitiert aus:
Ernest Hemingway/F.Scott Fitzgerald : Wir sind verdammt lausige Akrobaten ; Eine Freundschaft in Briefen. hrsg. von Benjamin Lebert, Hamburg, 2013, Hoffmann und Campe Verlag. S. 127

Briefwechsel Hemingway - ScottBöses unterstellend, könnte man dieses Zitat als Beispiel dafür hernehmen, wie die Zeitung mit dem roten Stempel auf der ersten Seite Zitate zerschnipselt, aus dem Zusammenhang reist – um dann eine neue Wahrheit zu schaffen.

Ganz so schlimm finde ich es hier nicht, aber ich hätte dem Herausgeber Benjamin Lebert doch ein glücklicheres Händchen bei der Auswahl des Titels gewünscht.

So bleibt es also bei den ‚lausigen Akrobaten‘  – und jeder Hemingway-Leser weiss, dass der sich so etwas niemals angezogen hätte. Und dass der entscheidende Punkt natürlich im hinteren Satzteil steht, in dem er sich und Scott eben abhebt von den anderen lausigen Akrobaten. – So, aber mehr will ich dazu gar nicht schreiben.

 

Zum Buch,
das eine wahrhaft wunderliche Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher zeitgenössischer Schriftsteller tatsächlich ganz wunderbar darstellt noch dieses:
Lebert setzt dem Briefwechsel eine profunde Einleitung voraus und hat die Briefe chronologisch angeordnet, Der erste von Hemingway an Scott ist datiert vom 1. Juli 1925. Der letzte, von Scott am Hemingway, vom 8.November 1940. Am 21. Dezember 1940 erlag Scott dann in Hollywood den Folgen seines schweren Alkoholismus.

Es ist ein schmaler, aber wirklich lesenswerter Band –   158 S.,  mit Anmerkungen im Anhang zum Verständnis jedes einzelnen Briefes. –  Es stellt die beiden Freunde und ihr nicht immer einfaches Verhältnis zueinander sehr schön aus der Nähe dar.

 

Nicht völlig überflüssige Abschweifung zum Ende
Wenn denn ein Zitat aus dem Buch als Titel herhalten sollte, dann hätte mir das von Seite 74/75 deutlich besser gefallen:

„Im Herbst gab es den Krieg noch immer, aber wir gingen nicht mehr hin.“

So, jetzt weiß man auch, woher das kommt, das Zitat ist aus Scotts‘ Brief an Hemingway vom 18. April 1927. Und der Krieg, der gemeint ist, ist der Spanische Bürgerkrieg, in den beide Schriftsteller als Reporter und Beobachter involviert waren.

 

Ganz wichtige allerletzte Abschweifung obendrauf
Falls ihr denn die klugen und kenntnisreichen Kommentare von Erich vom Blog mannigfaltiges  und von Stefan vom Blog Freiraum gelesen haben solltet – und ihr solltet unbedingt – dann wisst ihr auch, dass ich diesmal mit ein paar meiner Ausführungen einen ganz schönen Bock geschossen habe. Da habe ich wohl diesmal rund um das Buch nicht gründlich genug  recherchiert. Shit happens und nun ist das Dingen auch raus. Die Zitate sind nach wie vor richtig für mich, so wie das ganze lesenswerte Buch! Statt aber jetzt meine Klöpse nachträglich zu reparieren lass ich sie einfach so stehen, Man muss auch zu seinen Fehlern stehen!
Aber was für ein Glück, dass ich so aufmerksame und kenntnisreiche Leser habe, wie Erich und Stefan – und nun mach ich es mir ganz einfach und verweise bei meinen Klöpsen einfach auf die Kommentare von Erich und Stefan. Die sind sowieso sehr lehrreich.
Vielen Dank also an Erich und Stefan, eine dicke Entschuldigung an alle und zum alleeallerletzte Schluss noch einmal eine uneingeschränkte Empfehlung für das Buch!

12 Antworten zu “Lausige Akrobaten | Zitat zum Montag

  1. Lieber Kai,
    das Vorwort von Lebert fand ich zwar „lausig“ und mir fehlten im Buch auch umfassendere Informationen zum Leben der beiden – aber die Briefe selbst sind herrlich! Ja, eine wunderliche Freundschaft, wenn dabei aber soviel Esprit aufs Papier kommt, wie schön!

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    • Liebe Birgit,
      das mit dem Vorwort, also zugegeben, ich wollte einfach nicht noch mehr auf den Lebert draufhauen…
      Aber das Buch an sich ist wunderbar, weil, wie ich es besser nicht sagen könnte „soviel Esprit aufs Papier kommt“. Das war letztlich auch der Grund für diesen unausgereiften Schnellschuss meinerseits: ich war einfach so begeistert von dem Briefwechsel…
      Liebe Grüße
      Kai

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  2. Lieber Kai,
    danke für den Lese-Tipp. Jetzt habe ich auch bei mir nachgeschaut. Scott Fitzgerald trat zwar, mit Eintritt der USA 1917 in den 1. Weltkrieg, auch in die Armee ein, kam aber nie als Soldat ins Ausland und blieb in den Staaten. 1918 lernte er als Soldat seine spätere Frau Zelda kennen. Über ihre Ehe, bzw. die Gespräche beim Psychiater, gibt es auch einen hörenswertes Hörbuch, gelesen von Birgit Minichmayr und Tobias Moretti. Was für eine Beziehungsschlacht.
    Hemmingway war bereits als junger Mann beim Roten Kreuz im 1. Weltkrieg mit dabei und später als Reporter bei diversen Kriegen. Ob Scott-Fitzgerald beim Spanischen Bürgerkrieg mit dabei war, bezweifle ich, da er in der Zeit anfing für Hollywood zu arbeiten, hin und her jettete zwischen Europa und den Staaten, der Große Gatsby erschien und seine Frau den einen und anderen Zusammenbruch hatte. Und dazu sein exzessiver Lebensstil und der Alkohol…
    Liebe Grüße,
    Stefan

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    • Lieber Stefan,
      auch Dir einen ganz herzlichen Dank für Recherche und Korrekturen – und den Hinweis auf das Hörbuch. Tja, was für eine Beziehungsschlacht, wirklich noch einmal ein Thema für sich.
      Inzwischen habe ich übrigens doch eine allerletzte Abschweifung in den Text eingebaut, in der auf Erichs und Deine Kommentare verwiesen wird, Ich hoffe, das ist für Dich ok.
      Liebe Grüsse und ein dickes Dankeschön sagt
      der Kai

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      • Lieber Kai,
        vielen Dank. Das ist natürlich ok. So ergänzt man sich auch gut. Deinen Dank teile ich gern. Über Scott-Fitzgerald könnte man noch viel schreiben. Beide konnten nicht miteinander aber auch nicht ohne einander.
        Liebe Grüße,
        Stefan

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  3. Lieber Kai, vielen Dank für diesen schönen Hinweis – habe ich sehr gerne und interessiert gelesen!

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  4. Ich habe unlängst „Moveable Feast “ von Hemingway gelesen und da habe ich verstanden, dass die beiden nicht wirklich Freunde waren. Vielen Dank für diesen Tipp, lieber Kai. Cari saluti Martina

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  5. Lieber Kai,
    wieder mal sehr schön von Dir zu hören.
    Als alter Hemm-Fan muss ich ein kleine Anmerkung loswerden: Dein bevorzugtes Zitat stammt wohl eher aus dem Buch „In einem anderen Land“ und jenes spielt in ersten Weltkrieg an der italienischen Front um 1917. Scott Fitzgerald war auch nie in einem Krieg und für den Spanischen Bürgerkrieg war er wohl auch zu besoffen. Leider habe ich zu meinen Hemm-Büchern momentan keine Zugriff um das zu überprüfen.
    Nixfürungut.
    Besserwisserische, aber trotzdem herzliche Grüße
    von Erich

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    • Lieber Erich,
      da hab ich ja mal richtig danebengegriffen. Ich muss gestehen, dass ich nicht so der Hemingway-Spezialist bin, ich wollte bloss grade ganz spontan a) dieses Buch empfehlen und b) diese beiden Zitate, die ich tatsächlich grossartig finde, loswerden. Ach ja und c) wollte ich, weil mich sowas ärgert, auf diese Zitatverkürzungen und was dabei rauskommt, nämlich die Verbreitung einer falschen „Wahrheit“.
      Auf jeden Fall eindickes Dankeschön an den Hemingway-Spezialisten für die Korrektur und die Anmerkungen. Beim spanischen Bürgerkrieg bin ich nicht sicher. Auf jeden Fall hat Hemingway die Rebellen unterstützt (wie auch immer) und wenn ich nicht ganz irre, Fitz auch, zumindest geistig – wenn sein geistiges Getränk dies zuliess…
      Liebe Grüsse vom etwas zu voreiligen Kai

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      • Ich hab jetzt nachgeguckt. Das Zitat steht fast wortwörtliche unter der Kapitelüberschrift „In einem anderen Land“ in „Schnee am Kilimanscharo“. Es geht darin um den ersten Weltkrieg. Zum erstmal wird er es wohl in dem von Dir erwähnten Brief verwendet haben. Ja, Hemingway war als Korrespondent in Spanien wie auch in einigen anderen Kriegen. Immerhin hat er Paris befreit – im Alleingang – oder zumindest die Whiskey-Vorräte der Bar im Hotel Ritz.
        Fitzgerald definitiv nicht. Er wurde zwar im ersten Weltkrieg eingezogen, verließ aber damals die USA nicht mehr. Nichtsdestotrotz ist das Buch große Klasse. Und nochmal: nix für ungut. Manchmal kann ich mein rechthabergen einfach nicht zügeln.
        Herzlichst,
        Erich

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        • Und noch einmal a big thank you. Zumindest bin ich ja dann bezüglich Hemingway und dem Spanischen Bürgerkrieg halbwegs rehabilitiert. Mit Scotty lag ich aber wohl total daneben. Vielleicht hat er aus den USA brieflich seinen Senf dazugegeben – oder ich verwechsel ihn mit jemand ganz anderem.
          Liebe Grüsse,
          Kai

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  6. Es wäre so schön, wenn Hemingway auch zu heutigen neuen Parteien und ihren Versammlungen etwas sagen könnte, das wie „und keiner tritt ein“ lauten könnte.
    Ganz liebe vorösterliche Grüße zu dir

    Gefällt 2 Personen

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