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Oma Berlin II – Kartoffelpuffer

Vor ein paar Tagen habe ich schon einen ersten Text über meine Oma hier reingestellt. Komisch, das hat eine Menge Erinnerungen wieder hervorgerufen, anscheinend nicht nur bei mir – und deshalb stelle ich Euch heute auch meinen Reibekuchentext hier hin. Ist auch schon was älter – und Reibekuchen will ich ja schon lang mal wieder machen (Running Gag, nur für Eingeweihte).

 

Oma BerlinKartoffelpuffer

Kartoffelpufferessen war das schönste Kinderessen. – Häufig, wenn die Eltern abends fort gingen und die Oma auf uns aufpasste, gab es Reibekuchen. Gegessen wurde in der Küche. Reibekuchenessen ist ein Küchenessen, außerdem sollten die Eltern nichts über den wunderbaren, fettigen Reibekuchenbackgeruch – vulgo Gestank – im Wohnzimmer zu schimpfen haben.

Wir saßen also am immer fettiger werdenden Küchentisch, damals hellgrau kleinkariertes Resopalfurnier, vor uns den großen Teller. Drum herum stand Apfelmus, Pflaumenmus, Zucker und Senf, der von Löwen natürlich, extra scharf. Am Herd stand die Oma, die uns die knusprigen, goldgelbbraunen Reibekuchen direkt aus der Pfanne auf den Teller legte. Die uns dabei Geschichten aus Pommern, nein Hinterpommern, erzählte. Aus ihrer Kindheit, die auch im ersten Krieg stattfand. Aus dem zweiten Krieg, aus Berlin in der Zeit von Blockade und Luftbrücke, von Dem Russen. Von Opas Heimkehr aus der Gefangenschaft beim Russen ins kaputte, frierende und hungernde Luftbrückenberlin. Und von der anderen Frau, von seinen Besäufnissen und immer wieder von Hunger und Kälte. Und davon, wie sie mit Lungenentzündung und bis auf die Knochen abgemagert im Krankenhaus lag und einfach nicht mehr konnte aber die Kinder Gottseidank doch durchgebracht hatte und Sorgen hatte man ja immer.

Aber am liebsten doch erzählte sie von Pommern, nein Hinterpommern. Und daß der Vater bei der Eisenbahn war und ein Onkel, mindestens. Und was für schmucke Eisenbahneruniformen die hatten und wie wenig Geld trotzdem bloß da war und wie viele Brüder im Krieg gefallen waren und alle beim Russen.

Dabei produzierte sie fortwährend köstlichen Reibekuchennachschub, rührte zwischendurch den angelaufenen Teig noch mal um und aß die ganze Zeit selber nichts. – Wer redet, bäckt und schwitzt, der kann dabei nicht auch noch essen.

Vielleicht aber war sie in solchen Momenten auch ganz woanders, in Hinterpommern eben. Sah den Dorfbahnhof von Gramenz vor sich, ihren, ihres Vaters Bahnhof und für sie die Welt. Vielleicht sah sie dann sich da in Hinterpommern, mit ihren acht Geschwistern, sah, wie die Mutter die Hühner und die eine Gans versorgte, was fürs Überleben so wichtig war. Fürs fleischliche Überleben, bei so einer großen Familie und einem kargen Eisenbahnergehalt, obwohl der Vater ja Stationsvorsteher war, wenn, ja wenns denn stimmt, was sie erzählte, denn sie hatte viel Phantasie, die Oma, und die brauchte man wohl auch in einem Dorf in Hinterpommern.

Und wir, meine Schwester und ich, wir saßen an dem Küchentisch mit der praktischen Tischplatte, hörten zu und aßen und warteten auf die nächsten Puffer, Kartoffelpuffer, wie die Oma sie nannte. Das ging solange, bis wir nicht mehr konnten. Den Rest des Teigs, es war nie viel, was da übrig blieb, den Rest hat dann die Oma für sich selber gebacken, setzte sich nach vollbrachter Tat hin, endlich, nach der ganzen Steherei, und aß. – Wir schauten zu mit diesem wohligen Völlegefühl im Bauch, das die Grenze zur Übelkeit so gerade noch nicht überschritten hatte.

Die Oma sah dann sehr zufrieden aus – und sehr müde. War sie fertig mit essen zog sie die Rolladen, die bei den Kartoffelpufferessen merkwürdigerweise immer unten waren, ein Stück hoch, öffnete den kleineren Flügel des Küchenfensters und hoffte, so den Geruch vulgo Gestank bis zur Rückkehr unserer Eltern, ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes, aus der Küche zu vertreiben. Das gelang nie. So ein Geruch bleibt mindestens noch einen Tag im Raum hängen und so muß das sein.

Wenn ich heute Kartoffelpuffer mache ist das ganz anders. Schon weil ich die Kartoffeln vorher reiben muß, was mir als Kind nie klar war: die Oma hatte den Teig natürlich immer schon vorher gemacht, das heißt Zwiebel, Apfel und eine Unmenge Kartoffeln auf unserer alten Reibe gerieben. Dazu kamen ein bis zwei Eier und kein Mehl. Besonders kein Mehl ist wichtig für ordentliche Kartoffelpuffer! – Und doch ist es immer auch eine Reise nach Pommern, nein Hinterpommern, nach Luftbrückenberlin. Zu Dem Russen und dem Opa, der nichts dafür konnte; der Krieg, die Gefangenschaft und natürlich die andere Frau, ja die war an allem Schuld. So eine Reise ist das immer, wenn ich Kartoffeln reibe für Reibekuchen. Und eine Reise in diese Küche da in meinem Hinterkopf, in diese kartoffelpufferfettmiefige Küche, an den verschmierten Tisch.

Reibekuchen darf ich nur ganz selten machen bei uns – wegen dem Geruch vulgo Gestank. Aber wenn, dann kommen die Dinger gleich frisch aus der Pfanne auf den Teller. Beim Reibekuchenbacken kann man nicht essen, da reist man in alte Küchen, rührt immer mal wieder den Teig um und schwitzt und ist ganz weit weg. Maikäfer flieg...

Gekotzter Hund

Dass ich nun unter dieser seltsamen Überschrift, die übrigens nichts mit chinesischer Küche zu tun hat, nach über 3 Jahren diesen Blog doch noch reaktiviere ist dem vielfachen Wunsch einer einzelnen Person geschuldet, die sich tatsächlich für den oben erwähnten GEKOTZTEN HUND interessierte und mich ernsthaft aufgefordert hat, aus diesem meinem Blog doch einen Rezepte-Blog zu machen.

Also erstens kommt das natürlich gar nicht in Frage, denn dafür gibt es zuviele andere interessante Themen, zu denen ich mich immer schon gerne mal unqualifiziert aber mit großer Empathie äussern wollte (und es in den letzten 3 Jahren trotzdem gelassen habe).

Und zweitens ist der GEKOTZTE HUND tatsächlich der Name eines ausgesprochen leckeren Resteessens, dass ich am vorletzten Sonntag zu Ehren des BVB und der satten Niederlage von Herrn Röttgen bei einer politischen Veranstaltung in NRW und nach ziemlich 10 Jahren Anlaufzeit endlich mal gemacht habe – und hier gibt es heute das Rezept für den GEKOTZTEN HUND.

Wie gesagt, Gekotzter Hund ist ein Resteessen und man macht das am besten, wenn man an einem der Tage davor eine lecker Suppe mit richtig Suppenfleisch mit Knochen und Suppengemüse gemacht hat.

Das Suppenfleisch ist am Ende der Suppenkochung dann so richtig schön mürbe und ausserdem mit dem Geschmack des Suppengemüses versehen und lässt sich wunderbar verwenden.

Also, man braucht:

– das mürbe Suppenfleisch
– 1 normale Zwiebel, fein gewürfelt
– Salz
– Pfeffer
– Muskat (frisch gerieben, Menge nach Geschmack, ich mag es kräftig gemuskatnusst)
– 1 Esslöffel Mehl
– ein paar gehackte Liebstöckelblätter
– 1 TL ganze klitzekleine Kapern ungehackt (natürlich nur, wer Kapern mag)

Außerdem braucht man noch zwei bis vier (je nach Fleischmenge) ziemlich dünn, aber knusprig ausgebackene, herzhafte Pfannkuchen (da brauch ich kein Rezept hinschreiben, das wisst Ihr selber – und bei uns macht es eh die Iris) und das sieht so aus:

Pfannkuchen 1

und schließlich so

Pfannkuchen 2

Dann sind die Dinger perfekt und man muss sie nur noch aus der Pfanne holen und auf Küchenkrepp legen, damit das Fett bisschen rausgezogen wird.

Jetzt zur Füllung:

– Suppenfleisch vom Knochen trennen, evt. Fett und Zeux wegschneiden, von den Sehnen befreien und fein schneiden (so in etwa Zwiebelwürfelgrösse)
– kleingeschnittenes Fleisch zusammen mit der gehackten Zwiebel fein pürieren
– Kapern unter die Masse mischen
– salzen und pfeffern nach Geschmack
– ordentlich Muskatnuss drüberreiben und gut untermischen

So sieht das dann aus

Masse

und nun könnt Ihr Euch vielleicht auch so langsam den Namen erklären, jedenfalls, wenn man ihn umdreht und das ‚ge‘ in gekotzt weglässt…

Jetzt die ganze Masse in die Pfanne mit erhitztem Olivenöl (oder z.B. Rapsöl) geben, bisschen flach drücken, mit einem TL Mehl bestäuben, untermischen und dann drei bis vier Minuten in der Pfanne braten

Masse anbraten

Nach 3 – 4 Minuten wieder aus der Pfanne nehmen.
Wichtig: Die Masse muss geschmeidig bleiben. Das Mehl ist bloss dafür da, dass die Masse besser bindet.

Nun kommt das schönste an der ganzen Sache: Man legt einen der noch warmen Pfannkuchen auf eine glatte Fläche und bestreicht ihn komplett mit der köstlichen Masse, etwa so,

verstreichen

sodass am Ende alles zwar recht dünn aber gleichmässig quasi vollgekotzt ist.
Dann rollt man das Ding einfach schön eng auf,

einrollen

macht dasselbe auch noch mit den anderen Pfannkuchen, bis die Masse alle ist und dann werden die Pfannkuchenrollen in ca. 3 cm große Stücke geschnitten, etwa so

in Röllchen schneiden

Jetzt wieder ein wenig Öl in die Pfanne, schön heiß machen und die ganzen Röllekes anbraten, und zwar immer auf den Schnittstellen.

braten

Die sollen ruhig schön kross werden und das natürlich von beiden Seiten. Wenn Ihr meint, dass die Dinger gut ausehen, dann direktemang servieren und aufessen:

servieren und essen

Als Beilage ist alles mögliche denkbar, z.B. ein leckeres Kartoffel-Sellerie-Pürree – oder wenn man sie einfach so essen will passt auch ein bisschen lecker mit Kräutern und Zitrone angemachte Sour Cream.

So, jetzt wisst Ihr, was es mit dem gekotzten Hund auf sich hat. Rein etymologisch gesehen bin ich allerdings nicht wirklich weitergekommen. Meine Mutter, von der ich das Rezept habe, weiß nur, dass mein Vater immer sehr großen Spass an dem Namen hatte und diesen wiederum von seinem Vater kannte, der ebensoviel Spass dran hatte, am Namen und am Essen.
Bestimmt gibt es das in vielen Landstrichen in der einen oder anderen Form als Resteessen. Für mich ist und bleibt es aber GEKOTZTER HUND (muss mal überlegen, ob ich den Blog nicht umtaufen soll).

Die hübschen Fotos sind übrigens alle von meiner persönlichen Food-Fotografin namens Iris Kerpen!

Das war es für heute, mal sehen, wie lange jetzt die Pause bis zum nächsten Beitrag wird

sagt der stolze, alte Opa Kai