Archiv der Kategorie: Erinnerungen

Neues aus der Matratzengruft | 01

I | nichts besonderes

nun ist das ja nichts besonderes
eine tödliche Krankheit zu haben
letztlich hat sowas jeder der lebt
manche 90 manche 30 Jahre lang

und trotzdem:
da entsteht die Wut und der Zorn
da wo einen die tödliche Krankheit
in zweifacher Ausführung erwischt hat:

DASLEBENDERKREBS

mit 26 habe ich angefangen
doppelt zu lebensterben
das ist eine sehr anstrengende
Tätigkeit

Doppelleben : Doppelsterben

es verdoppelt sich:
die Fähigkeit wahrzunehmen
der daraus resultierende Schmerz
die daraus resultierende Freude

manchmal tut es sehr weh
das ist der Wahrnehmungszwang

jeder begrabene Tag ist
doppeltes Sterben

jeder gelebte Tag
ist doppeltes Leben

diese Ambivalenz ist immer da
auch wenn ich versuche sie auszublenden
um beide Leben in die eine Zeit zu kriegen
das ist schon ein ganz schönes

DURCHEINANDER

 

II | Infusionsschlauch – Freiheit für saure Nierchen

von End zu End sinds sieben Schritte
wenn ich die kleinen nehm
in Metern genau viereinhalb
das ist schon recht bequem

ich gehe hin und gehe her
und denk dabei ich denke
und denke schließlich gar nichts mehr
weil ich mirs Denken schenke

dann – auf der nächsten Siebner-Tour
nehm ich mir freudig dies Geschenk
ich pack es aus ich nehm es auf
und siehe da: ich denk

ich denk zum Beispiel an paar Menschen
auch denk ich Bäume Wiesen Meer
an Ferne Nähe Leben eben
und denk: das lieb ich alles sehr

.

DIESE STILLE HIER

Ja, diese Stille hier. Seit dem 16. Juli habe ich hier nichts mehr geschrieben. Ich habe es nicht mal geschafft, eine kleine Meldung von wegen Blogpause hier hinzuschreiben. Das tut mir leid, und ich verspreche, ich versuche ab jetzt wieder  öfter zu posten. Ist ja nicht so, dass mich die Lust zu bloggen verlassen hätte, ganz im Gegenteil. Und auch an Ideen fehlt es nicht. Woran es fehlt, ist oftmals einfach die Kraft.

Um es zu erklären muss ich wohl heute etwas weiter ausholen und ein bisschen persönlicher werden.

Das heisst, alle, die finden, dass so persönliche Sachen auf einem Blog, der sich eigentlich mit Büchern, Musik und politischem Geschehen beschäftigt, fehl am Platz sind, können jetzt was anderes machen…

Vollstes Verständnis dafür, habe ich mich doch selber ein bisschen schwer damit getan, mich aber jetzt doch dazu entschieden, weil der Blog zu mir gehört, und das, was jetzt kommt eben auch.

 

ALSO, WARUM DIE BLOGPAUSE

Vor ziemlich genau einem Jahr und einem Monat gab es schon einmal so eine lange Pause – aus dem selben Grund, und der hiess damals und heisst heute immer noch akute Niereninsuffienz. Ich will Euch nicht mit Details langweilen, es ist nicht schön, es ist lebensbedrohend. Die wirklich grossartigen Ärzte im Krankenhaus haben damals das befürchtete multiple Versagen meiner geschädigten Organe abwenden können – und das haben sie dieses mal auch wieder geschafft. – Nach zwei Wochen bin ich mit verschiedenen Verhaltensmassregeln, einem neuen, besser auf mich abgestimmten Medikamentenplan und einem nochmaligen Plus an Lebenszeit aber auch dem Wissen, dass ich gar nicht mehr arbeiten kann, mein Problem chronisch und das Leben sehr endlich ist, nach Hause entlassen worden.

 

WIESO STEHT DA EIN GEDICHT ÜBER KREBS AM ANFANG

Krebs, genauer ein Morbus Hodgkin, der festgestellt wurde, als ich 26 war ist der Ausgangspunkt von allem.
Innert 7 Jahren wurde diese Krankheit mit einer heftigen Strahlentherapie, mehreren schweren Chemos und am Ende mittels einer autologen KMT (in meinem Fall einer Stammzellentherapie) erfolgreich behandelt. Seit 1993 bin ich absolut symptomfrei. Angst vor einem Rezidiv habe ich schon lange nicht mehr.

So weit, so gut. Was aber passiert ist, das sind die ‚Nebenwirkungen‘ der ganzen Therapien und damit die fortschreitende Schädigung von Herz, Leber und schliesslich der Nieren. Die Lunge, die, wie leider auch das Herz, im direkten Strahlenbereich lag (man konnte damals noch nicht so dosiert und genau bestrahlen, wie heute üblich), war relativ direkt betroffen, funktioniert aber noch mit gut 60 %, unverändert seit 1987. Damit kann man gut leben, man atmet bloss flacher, als andere.

Die Freude, das Glück
So betrachtet bestimmt dieser Krebs seit 29 Jahren mein Leben. 29 Jahre sind eine lange Zeit und ich hätte nie gedacht, dass ich das alles so lange überlebe. 29 Jahre ist mir das Leben eine grosse Freude und ich bin unendlich dankbar, für jeden Tag, wirklich für jeden, auch den bescheidensten Tag (und davon gibt es einige).
Und ich weiss um mein grosses Glück, dass ich mit meiner Familie, meinen Freunden, meinen Ärzten und vor allem mit meiner wunderbaren Frau, meine Tochter, meinem kleinen Enkel habe, ohne die ich längst nicht mehr hier wäre.

Der Kampf, die Ambivalenz
29 Jahre ist es aber auch jeden Tag ein Kampf, mal mehr, mal weniger hart, in den letzten Jahren eher mehr. Das ist die Ambivalenz meines Lebens, die ich in diesem Gedicht ‚nichts besonderes‚ thematisieren wollte.   Weil ich meine, so kann ich es besser und wahrhaftiger beschreiben, als z.B. in diesem holperigen Text hier.

Das Misstrauen und die Liebe zur literarischen (Auto-)Biographie
Ich misstraue diesen direkten Sätzen, die ich da hinschreibe, sobald es um mich selber geht fast immer, warum weiss ich nicht so genau.
Meine Vermutung ist aber, dass es sich dabei so verhält, wie mit aller Prosa: ich liebe Geschichten und lese sie gerne, allein wenn es um biographisches geht misstraue ich der Prosa immer, egal von welchem Autor, erst recht also von mir selber.
Dabei ist es ist nicht so, dass ich biographische Prosa nicht gerne läse, ganz im Gegenteil, ich liebe gute (Auto-)Biographien. Man muss eben nur wissen:  die wahrhaftige Wahrheit über ein Leben erfährt man da nicht, man erfährt die Geschichte, so wie sie der Autor gesehen hat oder gerne gesehen hätte – und das ist völlig ok.

Da kommt die Abschweifung ins Spiel, endlich
Denn: Viele Sätze erlauben viele Abschweifungen, erlauben Variationen und erlauben vor allem, Lücken in der Erinnerung so zu füllen,wie man es gerne gehabt hätte. Ich vermute, deshalb auch meine Liebe zur Abschweifung…

Das Wahrhaftige im Gedicht
Im Gedicht dagegen meine ich, dass durch das Komprimierte, dadurch, dass manches nicht explizit gesagt, sondern vielleicht zwischen de Zeilen zu lesen ist, durch das Suchen und Finden des genau richtigen Wortes mehr Wahrheit vermittelbar ist, zumindest potenziell. Ichweiss nicht, ob mir das in meinen Gedichten gelingt, aber das ist das Ziel. Und deshalb steht da oben dieses Gedicht. Es ist mir wichtig, es ist der Ausgangspunkt von dem aus bei mir alles passiert – oder eben nicht passiert. Auch hier auf diesem Blog und auch bei allen biographischen Versuchen, die hier noch kommen mögen.

 

WIESO STEHT DA EIN GEDICHT ÜBER SAURE NIERCHEN

Ach,das müsstet Ihr Euch inzwischen denken können. – Das Gedicht ist einfach, man kann es getrost eins zu eins verstehen, aber selbst hier liegt zwischen den Zeilen noch so etwas, wie eine zweite Wahrheit.

Richtig verstanden repräsentiert diese letzten Strophe

ich denk zum Beispiel an paar Menschen
auch denk ich Bäume Wiesen Meer
an Ferne Nähe Leben eben
und denk: das lieb ich alles sehr

meinem Ausgangspunkt, von dem mir das Weitermachen möglich ist.

 

FERTIG SOWEIT

Fertig ist natürlich erst ganz am Ende, so gesehen ist auch dieser Post nur eine Haltestelle von hoffentlich noch vielen. Aber, wie sagt man so schön, die Einschläge kommen näher, die lebenswerte Zeit wird wertvoller und ich mache mir Gedanken darum, ab welchem Stadion des Kampfes die Ambivalenz kippt. Ich weiss genau, was ich nicht will, da wird es höchste Zeit, sich im Klaren zu werden, was ich will, wenn es kippt. Und wie es zu machen ist.

 

DRINGEND NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG | I

Dank an alle, die bis hierher durchgehalten haben! Dies ist nun wohl der persönlichste Post, den ich bisher auf diesem Blog geschrieben habe, und einer der längsten   – und ich weiss nicht, ob ich noch einmal so persönlich werde. Genau so wenig, wie ich weiss, ob ich nochmals so hemmungslos meine eigenen Gedichte hier hinschreibe. Heute musste das alles sein.

Für mich,  denn ich hatte das Gefühl, einen Ausgangspunkt finden zu müssen, von dem aus ich hier weiter mein Unwesen treiben kann. Ich meine, ich habe ihn gefunden.

Für meine wenigen, aber deshalb umso wertvolleren, treuen Leserinnen und Leser, denen ich meinte, eine Erklärung schuldig zu sein.

 

Porträt Heinrich Heine in der Matratzengruft 1851 von Charles Geyre (1806-1874)

Porträt Heinrich Heine in der Matratzengruft 1851
von Charles Geyre (1806-1874)

DRINGEND NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG | II

In Anlehnung an meinen Lieblingsdichter, den Harry oder Heinrich Heine, habe ich das Ding hier ein wenig anmassend ‚Neues aus der Matratzengruft‚ genannt.

Für mich lag das nahe, denn tatsächlich ist das Bett (oder das Sofa) derzeit mein Hauptaufenthaltsort. Ich soll mich und mein Herz dauernd schonen und erholen. Na gut. Zugegeben, oft geht es gar nicht anders, meine Kräfte sind sehr begrenzt. Aber ich bin ganz sicher, dass ich mit der Zeit meinen Radius wieder etwas ausweiten kann.

Wie auch immer, weit werde ich wohl nicht mehr kommen. Im Garten wackele ich schon manchmal rum, in den Wald hinterm Haus mal wieder ein paar Schritte zu gehen ist ein Ziel. – So gesehen bin ich froh, in meinem Leben doch 55 Jahre lang eine Menge erlebt zu haben, das mir als Material dient für den Rest.

 

DRINGEND NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG | III

Jutta Reichelt hat auf Ihrem Blog Über das Schreiben von Geschichten‚ vor einiger Zeit einen Post veröffentlicht, der den scheinbar einfachen Satz Meine Geschichte(n) schreibe ich selbst zum Titel hat. Ich habe viel über diesen einfachen Satz nachgedacht und ihn mir auf meine Weise zu eigen gemacht. Liebe Jutta, ich hoffe, Du bist mir deswegen nicht böse, ich jedenfalls traue mich auch deshalb, hier noch ein letztes eigenes Gedicht hinzusetzen (ich habe es  bereits klammheimlich vor ca. Jahren schon einmal in die Wochengedichte-Rubrik eingeschmuggelt, und es ist für mich gültiger, denn je. Es hat keinen Titel und es geht so

all das Leben
aufgestapelt bis zum Hals
wer soll das ordnen
noch verstehn

all die Erinnrungen
in Kopf und Herz und Bauch
vor denen du wohl nie mehr
flüchten kannst

und all die Träume
über jeden Horizont
die du nicht mehr
lassen willst

 

 

Oma Berlin II – Kartoffelpuffer

Vor ein paar Tagen habe ich schon einen ersten Text über meine Oma hier reingestellt. Komisch, das hat eine Menge Erinnerungen wieder hervorgerufen, anscheinend nicht nur bei mir – und deshalb stelle ich Euch heute auch meinen Reibekuchentext hier hin. Ist auch schon was älter – und Reibekuchen will ich ja schon lang mal wieder machen (Running Gag, nur für Eingeweihte).

 

Oma BerlinKartoffelpuffer

Kartoffelpufferessen war das schönste Kinderessen. – Häufig, wenn die Eltern abends fort gingen und die Oma auf uns aufpasste, gab es Reibekuchen. Gegessen wurde in der Küche. Reibekuchenessen ist ein Küchenessen, außerdem sollten die Eltern nichts über den wunderbaren, fettigen Reibekuchenbackgeruch – vulgo Gestank – im Wohnzimmer zu schimpfen haben.

Wir saßen also am immer fettiger werdenden Küchentisch, damals hellgrau kleinkariertes Resopalfurnier, vor uns den großen Teller. Drum herum stand Apfelmus, Pflaumenmus, Zucker und Senf, der von Löwen natürlich, extra scharf. Am Herd stand die Oma, die uns die knusprigen, goldgelbbraunen Reibekuchen direkt aus der Pfanne auf den Teller legte. Die uns dabei Geschichten aus Pommern, nein Hinterpommern, erzählte. Aus ihrer Kindheit, die auch im ersten Krieg stattfand. Aus dem zweiten Krieg, aus Berlin in der Zeit von Blockade und Luftbrücke, von Dem Russen. Von Opas Heimkehr aus der Gefangenschaft beim Russen ins kaputte, frierende und hungernde Luftbrückenberlin. Und von der anderen Frau, von seinen Besäufnissen und immer wieder von Hunger und Kälte. Und davon, wie sie mit Lungenentzündung und bis auf die Knochen abgemagert im Krankenhaus lag und einfach nicht mehr konnte aber die Kinder Gottseidank doch durchgebracht hatte und Sorgen hatte man ja immer.

Aber am liebsten doch erzählte sie von Pommern, nein Hinterpommern. Und daß der Vater bei der Eisenbahn war und ein Onkel, mindestens. Und was für schmucke Eisenbahneruniformen die hatten und wie wenig Geld trotzdem bloß da war und wie viele Brüder im Krieg gefallen waren und alle beim Russen.

Dabei produzierte sie fortwährend köstlichen Reibekuchennachschub, rührte zwischendurch den angelaufenen Teig noch mal um und aß die ganze Zeit selber nichts. – Wer redet, bäckt und schwitzt, der kann dabei nicht auch noch essen.

Vielleicht aber war sie in solchen Momenten auch ganz woanders, in Hinterpommern eben. Sah den Dorfbahnhof von Gramenz vor sich, ihren, ihres Vaters Bahnhof und für sie die Welt. Vielleicht sah sie dann sich da in Hinterpommern, mit ihren acht Geschwistern, sah, wie die Mutter die Hühner und die eine Gans versorgte, was fürs Überleben so wichtig war. Fürs fleischliche Überleben, bei so einer großen Familie und einem kargen Eisenbahnergehalt, obwohl der Vater ja Stationsvorsteher war, wenn, ja wenns denn stimmt, was sie erzählte, denn sie hatte viel Phantasie, die Oma, und die brauchte man wohl auch in einem Dorf in Hinterpommern.

Und wir, meine Schwester und ich, wir saßen an dem Küchentisch mit der praktischen Tischplatte, hörten zu und aßen und warteten auf die nächsten Puffer, Kartoffelpuffer, wie die Oma sie nannte. Das ging solange, bis wir nicht mehr konnten. Den Rest des Teigs, es war nie viel, was da übrig blieb, den Rest hat dann die Oma für sich selber gebacken, setzte sich nach vollbrachter Tat hin, endlich, nach der ganzen Steherei, und aß. – Wir schauten zu mit diesem wohligen Völlegefühl im Bauch, das die Grenze zur Übelkeit so gerade noch nicht überschritten hatte.

Die Oma sah dann sehr zufrieden aus – und sehr müde. War sie fertig mit essen zog sie die Rolladen, die bei den Kartoffelpufferessen merkwürdigerweise immer unten waren, ein Stück hoch, öffnete den kleineren Flügel des Küchenfensters und hoffte, so den Geruch vulgo Gestank bis zur Rückkehr unserer Eltern, ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes, aus der Küche zu vertreiben. Das gelang nie. So ein Geruch bleibt mindestens noch einen Tag im Raum hängen und so muß das sein.

Wenn ich heute Kartoffelpuffer mache ist das ganz anders. Schon weil ich die Kartoffeln vorher reiben muß, was mir als Kind nie klar war: die Oma hatte den Teig natürlich immer schon vorher gemacht, das heißt Zwiebel, Apfel und eine Unmenge Kartoffeln auf unserer alten Reibe gerieben. Dazu kamen ein bis zwei Eier und kein Mehl. Besonders kein Mehl ist wichtig für ordentliche Kartoffelpuffer! – Und doch ist es immer auch eine Reise nach Pommern, nein Hinterpommern, nach Luftbrückenberlin. Zu Dem Russen und dem Opa, der nichts dafür konnte; der Krieg, die Gefangenschaft und natürlich die andere Frau, ja die war an allem Schuld. So eine Reise ist das immer, wenn ich Kartoffeln reibe für Reibekuchen. Und eine Reise in diese Küche da in meinem Hinterkopf, in diese kartoffelpufferfettmiefige Küche, an den verschmierten Tisch.

Reibekuchen darf ich nur ganz selten machen bei uns – wegen dem Geruch vulgo Gestank. Aber wenn, dann kommen die Dinger gleich frisch aus der Pfanne auf den Teller. Beim Reibekuchenbacken kann man nicht essen, da reist man in alte Küchen, rührt immer mal wieder den Teig um und schwitzt und ist ganz weit weg. Maikäfer flieg...