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Karl Kraus: An den Bürger

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Totenmaske Karl Kraus von Hans Freiberger, Buenos Aires nach einer Fotografie

 

KARL KRAUS

An den Bürger

Daß im Dunkel die dort leben,
so du selbst nur Sonne hast;
dass für Dich sie Lasten heben,
neben ihrer eignen Last;
dass du frei durch ihre Ketten
Tag erlangst durch ihre Nacht:
was wird von der Schuld dich retten,
dass du daran nie gedacht!

Ausgewählte Gedichte, S. 116
Zürich/New York : Oprecht, 1939

 

ERSTE NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG
Rechts oben auf meinem Blog finden sich unter der Überschrift Wochengedicht  Gedichte, die ich in unterschiedlichen Zeitintervallen austausche. Dazu gibt es auch eine Seite des selben Namens, auf der ich alle Wochengedichte in chronologischer Reihenfolge zum Nachlesen archiviere. Was es mit den Wochengedichten auf sich hat und warum die Wochengedichte Wochengedichte heissen und trotzdem nur unregelmässig wechseln und schon gar nicht im wöchentlichen Rhythmus das könnt Ihr alles auf der Seite Wochengedichte nachlesen. Sie ist auch oben bei den Tabs noch einmal verlinkt.
Ende der Abschweifung

Warum heute ein eigener Beitrag für das neue Wochengedicht?
Weil ich sehr gerne darauf hinweisen möchte, daß Karl Kraus, den die  meisten wohl als Publizisten, Satiriker, Begründer, Herausgeber und einzigen Autor der in knallroten Heften zwischen 1899 und 1936 publizierten Politik-, Kultur- und Satire-Zeitschrift  Die Fackel oder vielleicht noch als Autor des dramatischen Mammutwerkes Die letzten Tage der Menschheit kennen, war auch ein wunderbarer Lyriker. Er konnte zärtlich, poetisch, traurig und sehr klar sein. So, wie in dem Gedicht An den Bürger, das ich oben noch einmal zitiert habe.

ZWEITE NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG
Die letzten Tage der Menschheit wurden übrigens von drei Autoren (David Boller, Reinhard Pietsch, Jörg Zeller) als Graphic Novel sehr interessant umgesetzt – und was das schönste ist, man kann das Werk in Gänze online betrachten, und zwar HIER
Ende der Abschweifung

Warum gerade dieses Gedicht?
Weil mir, als ich es gestern wieder einmal las, die Aktualität der Aussage derart ins Hirn traf, daß ich es einfach hier weitergeben wollte. Vielleicht sollte man mal drüber nachdenken, angesichts all der Flüchtlinge auf der Welt, die niemand aufnehmen möchte.

Und gibt es noch einen Grund?
Na klar: Weil ich mir damit die Gelegenheit verschaffe, ein anderes, mir wichtiges Gedicht von Kraus hier vorstellen zu können, das bei mir auf der zweiten Spur bei fast jeder Nachrichtensendung, die ich mir antue mitläuft. Es heißt

Zwei Soldatenlieder

In einem totenstillen Lied
vom Weh zum Wort die Frage zieht:
Wer weiß wo.

Wer weiß, wo dieses stille Leid
begraben liegt, es lärmt die Zeit
vorüber so.

Sie schweigt nicht vor der Ewigkeit
und stirbt und ist doch nicht bereit
zur letzten Ruh.

In einem lebenslauten Lied
vom Wahn zum Wort die Frage zieht:
Wer weiß, wozu!

Ausgewählte Gedichte, S. 84
Zürich/New York : Oprecht, 1939

 und ist auch aus den Ausgewählten Gedichten. – Das war es eigentlich schon und ich hoffe, ich habe niemanden gelangweilt – aber was soll ich sagen: Es war mir ein Bedürfnis.