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Zitat des Tages (02) – Ruth Klüger | Zerreißproben – ein besonderes Gedicht

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Ruth Klüger: Zerreißproben

Ruth Klüger | Zerreißproben

Erde behütet und Erde beschwert,
Wasser ertränkt, Wasserstoff nährt,
Luft ist das Nichts und ein All.
Schwankend zwischen den Gegensätzen
lernten wir die haltlosen Frühlinge schätzen –
Ewigen Sommer gab’s nur vor dem Fall.

Die zwei Waagschalen Pech oder Glück
kontrolliert weiß Gott welche Hand.
Noahs Taube kam nie zurück,
denn sie fand kein trockenes Land. –
Das Zeug, aus dem die Träume sind,
hält eher stand.

Zerreißproben       Das Gedicht handelt von den Widersprüchen der Wirklichkeit, die man nur mit Hilfe von Träumen lösen kann. Es hinterfragt eine der schönsten und zurecht eine der beliebtesten Geschichten der hebräischen Bibel, nämlich die vom Ende der Sintflut, wo Noah die Taube in die überschwemmte Welt ausschickt, und siehe, sie kehrt prompt mit grünem Laub im Schnabel zurück. Ich dachte, die hat Glück gehabt, sie hätte sich ebenso verirren können – sicher gab’s damals mehr Wasser als festen Boden. Dann wäre sie nicht der Vogel, der triumphierend zur Versöhnung von Mensch und Natur beitrug und über die Jahrhunderte hinweg zum Friedenssymbol wurde, sondern ein verängstigtes Tier, das draußen blieb.

Ruth Klüger:  Zerreißproben; kommentierte Gedichte. Wien, Paul Zsolny Verlag 2013, S. 114-115

Ruth Klüger | Leben und Werk

Leben       Ruth Klüger wurde am 30. Oktober 1931 in Wien geboren und lebt heute als Literaturwisschenschaftlerin und Autorin in Kalifornien. Zusammen mit Ihrer Mutter wurde sie von den Nazis in die Konzentrationslager  Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt deportiert. Kurz vor Kriegsende gelang ihr die Flucht. 1947 emigrierte sie in die USA, wo sie in New York Bibliothekswissenschaften und in Berkeley  Germanistik studierte. Sie lehrte als Professorin unter anderem von 1980 bis 1986 in Princeton und hat später verschiedene Gastprofessuren in Deutschland angenommen. Bis heute lebt sie in Kalifornien.

Werk       Bekannt geworden ist Ruth Klüger in Deutschland besonders durch Ihr autobiographisches Buch Ruth Klüger: weiter leben – Eine Jugend, das zuerst 1992 im Wallstein Verlag erschien. Der Verlag schreibt dazu treffend: „»weiter leben« ist kein Holocaust-Buch, das ein weiteres Mal das Grauen der KZs vor Augen bringt. Hier wird nicht das brutale Detail geschildert, sondern es werden die Auswirkungen des Erlebten auf die Entwicklung eines Menschen beschrieben und reflektiert. Erinnerung und Bewältigung zweifacher Rechtlosigkeit – als Jüdin und als Frau – sind zentrale Anliegen dieses Buches.“
Im Zsolnay Verlag erschien dann 2008 der zweite Teil der Autobiographie unterwegs verloren – Erinnerungen.

Keinesfalls vergessen darf man, dass Ruth Klüger sich, als Frau, als Autorin und auch als Wissenschaftlerin immer auch als Feministin begreift. Und zwar als eine, die sich völlig zurecht mit der heute weit verbreiteten postfeministischen Position, die annimmt, der Feminismus würde nicht mehr gebraucht, ganz und gar nicht einverstanden erklärt. Auch dazu hat sie publiziert. Die beiden wichtigsten Bücher sind die unter dem Titel Frauen lesen anders, 1996 im dtv veröffentlichten Essays und das 2010 im Zsolnay Verlag erschienene Aufsatz- und Besprechungsband Was Frauen Schreiben. In beiden Büchern verbindet Sie die Themen Literatur und Feminismus.

Über die oben genannten, wohl bekanntesten Titel hinaus, publizierte Ruth Klüger  als renommierte Literaturwisschenschaftlerin zahlreiche literaturwisschenschaftliche Bücher und Aufsätze, bis in die 80er Jahre auch als Ruth K. Angress (sie war in den 50er Jahren mit dem Historiker Werner Angress verheiratet).

Erste notwendige Abschweifung | Woher
Woher       Dass ich überhaupt auf diesen aussergewöhnlichen Gedichtband und damit auch  auf das titelgebende und oben zitierte Gedicht gestossen bin, liegt – wieder einmal – an Maras Wunderblog Buzzaldrins Bücher. Dort hat sie im Januar 2014 eine sehr kluge  Besprechung von Zerreißproben gepostet. Das  Buch habe ich mir daraufhin sofort gekauft und die Gedichte und die Kommentare gelesen. Ich war sehr fasziniert, bin es immer noch – und habe mir vorgenommen, irgendwann bald unbedingt was dazu hier auf saobp zu posten. Nun ja, es hat dann doch satte 18 Monate gedauert, aber heute ist eben der Tag. – Dank also wieder einmal an Mara, die auf ihrem Blog übrigens bereits 2012 eine sehr lesenswerte Besprechung zu Klügers oben erwähnten Band Was Frauen schreiben veröffentlicht hat.

Zweite notwendige Abschweifung | Warum & Weshalb
Warum       Weil ich fasziniert war und bin ich von diesen Gedichten, die grossenteils mit wenigen Worten eindringlich ihre Kindheit und Jugend, d.h., auch die Zeit in den KZs verhandeln. Fasziniert und zu manchem Aha-Erlebnis verholfen haben aber auch und besonders die Kommentare der Autorin. Ich kenne sonst keine Gedicht-Publikation, zu der die Dichterin derart die Kommentare und Hintergründe gleich mitliefert. Das ist aussergewöhnlich und gewagt – aber überaus gelungen. Und Klüger liefert die Begründung für ihr aussergewöhnliches Vorgehen im Buch gleich mit. Sie schreibt da im Vorwort:

Schließlich fragte ich mich, aus welche, eigentlich nicht recht einzusehenden Grund wir davor zurückscheuen, die eigenen Verse selbst zu deuten, obwohl die Verfasser ja die einzigen sind, von denen die Leser mit Sicherheit annehmen dürfen, dass sie sich etwas gedacht oder zumindest geahnt haben.
Dieses Tabu möchte ich nun brechen.   …   Ich möchte Gedichte vorstellen, die etwas mit meinem Leben zu tun hatten, und sagen, was es war. Oft war es etwas, was ich verdrängen wollte und das sich nicht verdrängen ließ. Manchmal verstand ich es erst später. als das Gedicht fertig dastand, manches blieb undeutlich. Das brachte mich darauf zu erkennen, dass Gedichte, wie Träume, eine Möglichkeit sind, die sich das Freudsche Es vorbehält, um sich Luft zu verschaffen. Die Kommentare handeln von dem, was ich weiß, und dem, was ich glaube zu wissen.

Ruth Klüger:  Zerreißproben; kommentierte Gedichte. Wien, Paul Zsolny Verlag 2013, S. 9

Weshalb       nun genau dieses Gedicht, könnte man sich fragen. Na ja, da fallen wir dann eben doch wieder in den Bereich der persönlichen Interpretation zurück, die eben auch vom Rezipienten und dessen momentaner Verfasstheit abhängig ist. Und die befindet sich momentan, sowohl was den Blick auf die Welt als auch auf das eigene Ich (oder war es das Es) betrifft in einem Zustand, der die Idee dankbar aufnimmt, dass Gedichte, wie Träume, eine Möglichkeit sind, die sich das Freudsche Es vorbehält, um sich Luft zu verschaffen.“ Luft zum Leben und zum Überleben. – Im übrigen habe ich zum Thema Gedicht-Rezeption und Interpretation einen ellenlangen Kommentar auf Maras Blog hinterlassen. Ihr findet ihn hier (ziemich weit runterscrollen, da taucht er dann auf).

Dritte notwendige, sehr spezielle Abschweifung für Über das Schreiben von Geschichten wg B.C.
Liebe Jutta, so eine Abschweifung hatte ich auch noch nicht im Programm!  Aber ich glaube tatsächlich, auch hier – und ich beziehe mich insbesondere auf die letzten drei, vier Sätze des letzten grossen Zitats unter der zweiten Abschweifung – lässt sich wieder der Bogen spannen zu Boris Cyrulniks autobiographischen Text zur Resilienzforschung. Es ist manchmal einfach irre (im nicht-R.G.schen Sinne…).

LINKS

Auf verlassenem Spielplatz wirbelt der Sand. Besprechung Zerreißproben HIER auf Fixpoetry, 20.02.2014

Das Gegenbild zu den Berserkern. Besprechung Zerreißproben HIER auf FAZ online, 01.10.2013

Gespräch mit Ruth Klüger über Zerreißproben HIER in der Badischen Zeitung online vom 10.09.2013

Bio- und Bibliografie zu Ruth Klüger HIER auf der Homepage von FemBio | Frauen.Biographieforschung

Von Susan Sontag zu Patti Smith – Bücher, Liebe, Leidenschaft

Susan Sontag - The Doors und Dostojewski

Susan Sontag: The Doors und Dostojewski Das Rolling Stone Interview mit Jonathan Crott

Susan Sontag und Jonathan Cott: The Doors und Dostojewski. Das Rolling Stone-Interviewmit Jonathan Cott. 
Hoffmann und Campe: Hamburg, 2014. 160 S., ISBN 978-3-455-50330-2, 18 €

 

WARNUNG
Das hier ist mitnichten eine vollständige Buch-Besprechung, eher so eine Art Spezial-Abschweifung der absolut notwendigen Art, hervorgerufen durch innere Begeisterungsstürme und tiefe Dankbarkeit dafür, dass uns manche Menschen so grossartige Kunst- und Denkwerke überlassen, wie die beiden, von denen hier die Rede sein wird. Es ist also mal wieder eine, für mein Schreiben und Lesen (und Leben) so typische ‚vom-Hölzchen-auf-Stöckchen‘ Geschichte. Man liest was, assoziiert ein bisschen vor sich hin, lässt sich inspirieren, wird neugierig und schon… aber bitte:

 

SUSAN SONTAG
Durch die Besprechung des Sontag-Buches auf Mara’s buzzaldrins quasi gezwungen – und natürlich, weil ich Frau Sontag und ihr Werk sowieso faszinierend finde – habe ich mir das oben genannte Buch mit Susan Sontag’s berühmten Rolling Stone-Interview bestellt und  sofort zu lesen begonnen. Ein grossartiges, geistreiches und sehr informatives Interview-Buch. Frau Sontag beantwortet Fragen nicht einfach so, sondern tatsächlich in kleinen, in der Regel fast druckreifen Vorträgen  oder Mini-Essays.

Im Vorwort von Jonathan Cott, (Autor zahlreicher Bücher, u. a. Interviewbände über Glenn Gould, Henry Miller und zuletzt über John Lennon und Yoko Ono, redaktioneller Mitarbeiter des Rolling Stone) zitiert er einen Satz Susan Sontags‘ über ihr Verhältnis zu Interviews:

Ich mag Interviews … und zwar deshalb, weil ich die Unterhaltung, den Dialog, mag und weiss, dass viele meiner Gedanken im Gespräch entstehen.“
in: The Doors und Dostojewski, S. 16

In der Tat fühlt sich man sich immer wieder an Heinrich von Kleist’s Aufsatz von 1805 Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden erinnert. Cott selbst hat in einem sehr interessanten Artikel für Utne über seine Beziehung zu Susan Sontag und über dieses lange Interview geschrieben.

Themen des Interviews sind unter anderem ihre beiden Essay-Bände Über Fotografie und der aus der Erfahrung einer eigenen Krankheit heraus entstandene (aber nicht die Bohne darüber berichtende) Band Krankheit als Metapher.

Ich habe diese beiden brillanten Bände gelesen und auch angenommen, die Texte einigermassen verstanden zu haben, allein: in diesem Interview bringt Sontag noch einige wichtige, mir neue Aspekte ins Spiel, die mich die Bücher, insbesondere das Metaphern-Buch, noch mal ganz neu lesen und verstehen lassen.

Es gibt noch eine Fülle von weiteren (existenziellen) Themen, die ich hier gar nicht alle auflisten möchte, das würde dem Buch einfach nicht gerecht. Eine Sequenz aus Sontags Text ‚Ein Brief an Borges‘ aber, die für mich als Leser und Mensch, der mit und in Büchern lebt, eine ganz besondere ist, möchte ich hier noch umkommentiert zitieren. Cott stellt sie ans Ende seines Vorwortes:

Sie haben gesagt, dass wir der Literatur fast alles schulden, was wir sind und was wir gewesen sind. Wenn Bücher verschwinden, wird die Geschichte verschwinden. Ich bin sicher, dass Sie recht haben. Bücher sind nicht nur die beliebige Summe unserer Träume und unser Gedächtnis. Sie bieten uns auch das Vorbild für Selbsttranszendenz. Manche Leute halten Lesen bloss für eine Art von Flucht: eine Flucht aus der ‚wirklichen‘ Welt des Alltags in eine imaginäre Welt, die Welt der Bücher. Bücher sind viel mehr. Sie sind eine Art und Weise, ganz und gar Mensch zu sein.
in: The Doors und Dostojewski, S. 18 ff.

Das soll es über dieses grossartige Gespräch gewesen sein. Es ist ein schmales Bändchen von 160 Seiten – aber es ist wirklich ein grosses intellektuelles Erlebnis, und zwar deshalb, weil Sontag in einer sehr verständlichen, klaren Sprache ohne jeden Intellektualismus spricht. Wer mehr wissen möchte, der lese bitte die sehr treffende Besprechung auf buzzaldrins.

 

PATTI SMITH
Und wie kriegen wir nun die Kurve zu Patti Smith? Ganz einfach. Natürlich mit einem Zitat aus dem Interviewband mit Susan Sontag. Im Zusammenhang mit Gedanken über die Art, wie Sontag liest und vor allem über ihren ‚Glauben‘ an die Geschichte sagt sie:

Ich glaube ernsthaft an die Geschichte, und das ist etwas, woran heute kaum noch jemand glaubt. Das, was wir tun und denken, sind historische Errungenschaften. Ich habe nur wenige Überzeugungen, aber dies ist gewiss einer meiner Grundsätze: dass beinahe alles, was wir für naturbedingt halten, geschichtlich ist und seine Wurzeln hat … Uns wurde ein Vokabular gegeben, das zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt entstand. Wenn ich also zu einem Patti-Smith-Konzert ins CBGB’s gehe, dann geniesse ich, habe teil und lasse mich ein, und das kann ich umso besser, weil ich Nietzsche gelesen habe.
in: The Doors und Dostojewski, S. 54

Allein um die Sache mit Nietzsche zu verstehen, sollte jetzt übrigens jede geneigte Leserin, jeder geneigte Leser, sogleich zum Fernsprechgerät greifen und das Buch bei der Buchhandlung des Vertrauens bestellen… Es geht dann ein wenig später im Gespräch so weiter:

Cott   Und wie, glauben Sie, steht Patti Smith damit in Verbindung?

Sontag   Durch die Art, wie sie redet, wie sie auftritt, wonach sie strebt, durch ihr Wesen. Sie ist Teil der heutigen kulturellen Situation, und deren Wurzeln reichen weit zurück. … Rock’n’Roll hat wirklich mein Leben verändert.
in: The Doors und Dostojewski, S. 55

Bäng, da isses, Sontag kommt wirklich von Hölzchen auf Stöckchen – und ist dabei immer klar, immer stringent im Sinne der Erkenntnis, dass alles zusammengehört. Sie ist eine Meisterin der Notwendigen Abschweifung, allein deshalb bewundere ich sie…

Also Patti Smith! Als ich die oben zitierten Stellen gelesen habe durchzuckte mich stante pede meine Begeisterung für Patti Smith.  (autsch, aber sorry, dieser Satz musste einfach genau so raus).

Und warum? Im Zusammenhang mit dem Interview besonders deshalb, weil sie für mich die personifizierte Zusammenführung von Poesie und Rock’n’Roll (!!!), Intellekt und Empathie, Wut und Liebe, ja als eine Mischung aus früher Poetry-Slammerin,  und Rocksängerin ist.

Ausserdem ist sie auch noch eine veritable Schriftstellerin autobiographischer Prosa und nicht zuletzt ist sie geprägt durch ihr frühes Zusammenleben mit Robert Mapplethorpe. So, und nun sollen die Bilder und die mit den Bildern damit verlinkten Videos sprechen, denn im oben genannten Moment des Durchzuckend habe ich sofort angefangen, mal wieder Patti Smith zu hören.

 

Patti Smith performing We are the Future |  Rock'n'Roll Nigger

Patti Smith performing
We are the Future | Rock’n’Roll Nigger
gefunden auf Youtube am 22. August 2014

LEIDENSCHAFT
Wenn Ihr auf dieses Bild klickt, kommt Ihr zum Video. – Rock’n’Roll Nigger ist eines meiner liebsten Stücke von Patti. Sie kombiniert es bei ihren Auftritten immer mit einem gesprochenen oder besser gesagt gerappten Text. Der geht dann umstandslos in den Song über. Zuerst hat sie den Song auf Ihrer 1978er LP Easter herausgebracht.  Da kombiniert sie den Song mit dem grandiosen Babelogue.

Patti Smith - Bücher

Die Bücher

LIEBE & BÜCHER
Das war also die Poetry-Slammerin und Rock’n’Rollerin. Jetzt kommen wir zur Autorin. Sie hat zwei Bände mit autobiographischer Prosa veröffentlicht, der eine heisst Traumsammlerin und ist eine Sammlung erzählter Kindheitserinnerungen. Keineswegs stringent, äusserst poetisch, und wenn man Patti Smiths‘ Songs kennt, dann gibt es einiges zu entdecken, aber natürlich lohnt sich der Band auch für alle anderen Leserinnen, die für eine ungewöhnliche und poetische Prosa offen sind. Nicht zufällig findet sich auch zu diesem Buch eine sehr schöne Besprechung von Mara bei buzzaldrins.

Der andere Band heisst Just Kids – Die Geschichte einer Freundschaft und erzählt von ihren ersten Jahren in New York, von ihrer Freundschaft und Liebe zu Robert Mapplethorpe – und es ist die Geschichte ihrer Künstlerwerdung. Ein tolles, zuweilen sehr zärtliches Buch und sicher einfacher zu lesen, als die Traumsammlerin. Wenn Ihr auf das Bild klickt, dann kommt Ihr zu einem Artikel von Verena Lueken aus der FAZ vom 17. März 2010.

Patti Smith reading from Just Kids and performing Because the Night

Patti Smith liest aus ‚Just Kids‘ und
singt a cappella ‚Because the Night‘
gefunden auf Youtube am 23. August 2014

Hier sieht man Frau Smith, wie sie aus Just Kids liest. Natürlich kann sie auch eine Lesung nicht gestalten, ohne, dass sie mal kurz zur Rock’n’Rollerin wird. Wenn Ihr auf dieses Bild klickt, dann könnt Ihr das Video von Ihrer Lesung/Performance sehen. Sie kommt zu einer Stelle, an der sie über den von ihr gecoverten Springsteen-Song Because the Night, ihrem einzigen wirklichen Hit, wie sie nicht zu erwähnen vergisst. Und dann fängt sie an zu singen. A capella. Es ist beeindrucken, zärtlich und rührend zugleich.

THAT WAS IT
Falls Ihr es bis hierher durchgehalten habt, ganz lieben Dank. Falls nicht, lest Ihr das hier ja eh nicht mehr. Und: Nein, ich kann einfach nicht kurz, nicht mal, bei so einem Spontan-Post wie diesem hier. Aber ich werde es immer wieder probieren, doch doch…

Im Grunde war das hier eine Art Tour de Force durch meinen armen Kopf, die ich da aufgeschrieben habe. So geht das immer, und da soll man dann eine Ordnung reinbringen. Andererseits: dieses Hölzchen-auf-Stöckchen-Ding, dieses ewige Assoziieren, dieses hin-und-her-Springen zwischen den Themen liegt einfach daran, dass Literatur gierig macht, neugierig und gierig aufs Leben. Und damit schliesst sich der Kreis und wir sind wieder am Anfang, bei Susan Sonntag’s Satz von viel weiter oben, den ich hier noch einmal ans Ende stelle:

Manche Leute halten Lesen bloss für eine Art von Flucht: eine Flucht aus der ‚wirklichen‘ Welt des Alltags in eine imaginäre Welt, die Welt der Bücher. Bücher sind viel mehr. Sie sind eine Art und Weise, ganz und gar Mensch zu sein.
in: The Doors und Dostojewski, S. 18 ff.

 

WEITERE LESENSWERTE BESPRECHUNGEN

Buzzaldrins Bücher

Literaturen – ein Streifzug durch Literatur und Kultur

Herzpotenzial – Bücher sind zum Lesen da

 

Ein kleiner Mensch ist ein ganzer Mensch, genauso wie ein großer

ZelenrodaHans Stilett: Eulenrod ; Biographisches Mosaik.  München 2013, Antje Kunstmann Verlag

Ein kleiner Mensch ist ein ganzer Mensch, genauso wie ein großer.

Dieses Zitat stammt von Michel de Montaigne. Hans Stilett stellt es seinem Buch Eulenrod quasi als Motto  voran. Und tatsächlich handelt es sich hier um Erinnerungssplitter des Autors als ca. Achtjähriger, ja um ein biographisches Mosaik, wie es der Untertitel anzeigt.

Hans Stilett , 1922 im hessischen Witzenhausen als Hans Adolf Stiehl geboren, wuchs im thüringisch-vogtländischen Zeulenroda auf. Im Buch wird  aus Zeulenroda Eulenrod. Stilett hat einfach den ersten und den letzten Buchstaben weggelassen.

Nicht, dass ich das selber herausgefunden hätte, nein, nein, das kann man in der schönen Besprechung von Mara auf BuzzaldrinsBücher nachlesen. Durch ihre Besprechung bin ich auch erst auf diesen mir bisher unbekannten Autor und sein Buch gestoßen (danke Mara, der Tipp war großartig).

Der Autor jedenfalls hat von 1953 bis 1983 als Redakteur beim Bundespresseamt in Bonn gearbeitet und nach seiner Pensionierung an der Universität Bonn noch Philosophie, Komparatistik und Germanistik studiert und über Michel de Montaigne promoviert. Bekannt geworden ist er danach durch seine komplette Neuübersetzung der Essais von Montaigne, herausgegeben in einer wunderschönen Ausgabe bei der Anderen Bibliothek. Außerdem hat er mehrere Lyrikbände veröffentlicht.

Das Montaigne-Zitat ist insofern wichtig und wegweisend, als Stilett seine Erinnerungsschnipsel vom Achtjährigen in dessen damaliger, thüringisch-vogtländisch geprägten Sprache erzählen lässt.

Dadurch ergibt sich eine Art von poetischer Direktheit, die mich sehr an die Dubliners von James Joyce oder vielleicht noch mehr an die Prosa von William Carlos Williams erinnert hat. Im Englischen gibt es den Ausdruck ‚a short glimpse‘, also einen kurzen Eindruck bekommen, ein kurzes, helles Aufflackern von Situationen, Erinnerungen, Begebenheiten. Man könnte es auch Epiphanie nennen. Diese lieterarischen Stilmittel prägen diesen Text:

Die Großmutter läßt gern einen fahrn. Sitz ich in der Ecke und schau mir Bilderbücher an, meint sie, ich merke nichts; dann tut sie so, als hätt sie am Gaskocher zu tun, greift sich an den Hintern und zieht eine Backe weg, so daß der Furz nur leise rausfaucht. Ich laß meine lieber knalln. (S. 25)

Ein sehr schönes Beispiel, wie ich finde, sowohl was die kindlich-poetische Direktheit betrifft, als auch den lakonischen Ton, der hier durchweg angeschlagen wird und das Buch so lesbar macht.

Hans Stilett erzählt aus der (seiner) Kindheit in einer Kleinstadt in den 20er Jahren. Er lebt zusammen mit seiner Mutter bei seinen Großeltern. Die Großmutter ist im Grunde seine wichtigste Bezugsperson, denn seine Mutter ist immer wieder abwesend um zu arbeiten. Sie wohnen in eher ärmlichen engen Verhältnissen, über die der Junge aber nicht lamentierend, sondern eher naiv-lakonisch berichtet:

Unsere Wohnung ist sehr klein, nur Stube und die Schlafkammer der Großeltern; dort passen grad zwei Betten nein, eins hinterm andern. Meine Mutter und ich schlafen in der Bodenkammer, mit Brettern abgeteilt. (15)

Das Zentrum der Wohnung ist

ein schwarzer Turmofen aus blankgewichstem Eisen, der bis zur Decke reicht; unten Dackelfüße. (S. 16)

Immer wieder wird denn auch davon berichtet, wie die Großmutter zusammen mit dem Enkel permanent nach Brennmaterial sucht, Fallholz im Wald sammelt oder auch schon mal verbotenerweise Fallholz ‚macht‘, indem sie Äste absägt, zerkleinert und so tut, als wär es Fallholz.

Aus diesem uns heutigen Lesern völlig fremden Leben berichtet Hans Stilett aus kindlich-naiver Sicht in einer Sprache, die einem erst eher befremdlich vorkommt – es wird nicht nur der lokale vogtländische Dialekt mit seinen häufig weggelassenen Vorsilben und Vokalen (nein statt hinein, fahrn statt fahren etc.) benutzt, sondern auch noch viele zeitgenössische, lokal geprägte Wörter, sowohl Verben als auch Substantive – in die man sich aber sehr schnell einliest.

Bei aller Armut und Einfachheit ist das Leben für den Jungen Hans aber auch stets und ständig ein großes Abenteuer, sehr naturgeprägt und der Leser bekommt durch die vielen kleinen Szenen einen wunderbaren, genauen Eindruck des zeitgenössischen Alltags mit allen Merkwürdigkeiten und Banalitäten. Es sind dann auch scheinbare Kleinigkeiten, die einen aus heutiger Sicht immer wieder staunen lassen:

Der Großvater ist zuckerkrank, Er darf nur Gurkensalat essen, sagt der Doktor, stets eine große Schüssel voll, Tag für Tag. Daß die Großmutter sich streng dran hält, ärgert ihn – oft spricht er den ganzen Abend kein Wort mehr. (S. 35)

Auch die ganz existenziellen Dinge des Lebens kommen vor. Wenn es um den Tod geht, dann kann das zum Beispiel so klingen:

Ich werd von der Großmutter in die Hohe Straße geschickt, wo man einen aufgebahrt hat. Da ich einen Brief hinbring , krieg ich Plätzchen; dann darf ich ins Dämmrige nein, das süßlich riecht: mit spitzer Nase liegt er da, die Augen zu, die Lippen weg, und will nichts mehr. (59/60)

Kurz und lakonisch-knackig, alles ist gesagt, die Situation perfekt eingefangen, das Existenzielle kann man kaum klarer ausdrücken – und will nichts mehr. Aus der selben Abteilung, mitten aus dem Leben in kindlich gnadenloser Direktheit:

Wir haben in der Klasse einen Neuen, der kommt aus Bayern. Er spielt, sagt er, am liebsten auf dem Fotzhobel, oft stundenlang. Das muß der Schwanz sein. (S. 90)

Man könnte noch viele wunderbare Textstellen zitieren, aber dafür ist das Buch zu kurz und das Urheberrecht zu gefährlich.

Was mir am Ende an diesem wirklich völlig aus der Zeit gefallenen Buch so sehr gefallen hat, ist die ungewöhnliche Sprache, mit der der Autor seinen kindlichen Protagonisten und Ich-Erzähler sprechen läßt. Dazu die ungewöhnliche, weil ungewöhnlich direkte Perspektive und natürlich auch das völlig fremde alltägliche Leben, daß sich da wie ein Mosaik am Ende zusammenfügt. Es sind nur 100 Seiten, die der Autor benötigt, um das Bild einer Kindheit in den 20er Jahren zu schaffen. 100 Seiten, die sich wirklich zu lesen lohnen.