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„Erschlagt die Armen“ – Warum Gespräche über Literatur so wertvoll und wichtig sind

„Erschlagt die Armen“ – Warum Gespräche über Literatur so wertvoll und wichtig sind

Claudia und ich haben uns vor ein paar Wochen auf dem Blog verabredet, Shumona Sinhas Roman gemeinsam zu lesen, darüber jeweils eine Besprechung zu veröffentlichen und über ein Interview miteinander ins Gespräch zu kommen.

Schon bei unseren Besprechungen ist deutlich geworden, dass wir ganz unterschiedlich auf den Roman geschaut haben, dass Claudias Beurteilung deutlich positiver ist.

Tatsächlich hatte ich grosse Schwierigkeiten mit dem Buch und ich habe das in meinem Text auch deutlich gemacht. Ja eigentlich wage ich meinen Text gar nicht Besprechung zu nennen, mir kam und kommt er eher vor, wie ein Desaster.

Auf jeden Fall hat Claudias Post, den Ihr hier lesen könnt, mir noch einiges über den Text erzählt, was mir ein bisschen mehr Orientierung gegeben hat.

Das alles zeigt, dass eine intensive Beschäftigung mit und ein reger Austausch über Literatur auf jeden Fall gewinnbringend ist.

Für mich heisst das, bei aller Kritik, die ich nach wie vor  an diesem Buch habe, dass ich es dennoch zur Lektüre empfehle, denn es birgt einen Tabu-Bruch, der so in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur meines Wissens noch nirgends verarbeitet wurde.

Nun folgt also unser Interview über das Buch bzw. unsere Texte, das wir auf beiden Blogs veröffentlichen – und Eure Kommentare sind uns herzlich willkommen, damit wir weiter intensiv über Literatur sprechen können.

 

Interview mit Caudia

Claudia: Lieber Kai, Du hast ja nun auch Shumona Sinhas Roman „Erschlagt die Armen“ gelesen. Mich hat der Roman unheimlich fasziniert, sodass ich ihn gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Doch trotz der nur wenig über 100 Seiten, hat die Lektüre schon seine Zeit gebraucht. Wie ist es Dir beim Lesen ergangen?

 

Kai: Liebe Claudia, inzwischen ist ja, durch den Post meines Besprechungsdesasters klar geworden, dass ich mit dem Buch deutlich grössere Schwierigkeiten hatte, als die meisten anderen Leser. Entsprechend hatte ich auch bei der Lektüre grosse Probleme. Erst einmal, überhaupt in den Roman reinzukommen, also zumindest ein bisschen Orientierung in und durch den Text zu bekommen. Und dann waren mir diese ganzen hochgelobten Bilder in Sinhas Sprache sehr schnell einfach zu viel, zu übertrieben, zu redundant. Ich habe also, um mit dem jungen W. zu sprechen, den Vogel mehrfach ratlos in die Ecke geschossen…

 

Claudia: Zunächst einmal ist mir die unglaublich dichte und komplexe Sprache aufgefallen. Da ist jeder Satz richtig, da hat jeder Satz eine Tiefe, das ist mir noch einmal bei dem Schreiben meiner Buchbesprechung aufgefallen. Konnte Dich die sprachliche Gestaltung auch so begeistern?

 

Kai: Nu, Du ahnst es schon, mir war das ganze vorsichtig ausgedrückt etwas zu barock angelegt. Aber das ist sicher reine Geschmacksache. Meine war es nicht – und ich habe durch diese Sprache keine Klarheit in der Geschichte gefunden.

 

Claudia: Beim Schreiben der Besprechung habe ich ja gleich mehrere ganz besondere Textstellen gefunden. Hast Du eine Textstelle, die Dich, aus welchen Gründen auch immer, besonders beeindruckt hat?

 

Kai: Da gibt es zwei Textstellen, die mir wichtig sind und die meine Sicht der Dinge ein wenig bestimmt haben.

Das erste Zitat:

“Lassen Sie uns zum Ausgangspunkt zurückkommen, dorthin, von wo sie geflohen sind”, sagte Herr K. gestern bei der ersten Befragung zu mir.
“Man kann niemals zum Ausgangspunkt zurück. Er ist nicht mehr da:”

“Wer ist nicht mehr da?”
“Der Ausgangspunkt natürlich.”
“Warum?”
” Der Raum hat sich mit der Zeit fortbewegt. Das ist die unmögliche Geometrie des Lebens.”
“…”

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen! S.34
Der Ausgangspunkt ist nicht mehr da – so, wie bei vielen der Verhörten übrigens auch – und so mäandert die Protagonistin zwischen Raum und Zeit durch dieses Buch auf der Suche nach sich selbst. 

Das zweite Zitat:

Vater, meine kleine Mutter, ich liebe euch nicht, ich habe euch nie geliebt. Wenn meine Stimme heute liebevoll ist, dann nur, weil ich weiß, dass ich euch nicht lieben kann. Ich habe euch benutzt wie eine Rakete die Abschussrampe, ich habe die Beine zusammengepresst, euch einen Tritt versetzt und mich in die Leere katapultiert, die vor mir lag.
Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!  S.88
Kann sie überhaupt lieben, die Protagonistin? Benutzt sie auf ihrem Weg, auf ihrer Suche nach Geborgenheit und Liebe die Menschen (Männer) und lässt sie dann fallen? Befindet sie sich immer noch in dieser furchtbaren Leere, in die sie sich hineinkatapultiert hat? Meine Antworten kannst Du Dir denken – aber hier wären Ansatzpunkte zur Diskussion noch und nöcher..

 

Claudia: Schon im ersten Satz fällt auf, dass die Erzählerin auch kein Blatt vor den Mund nimmt. Als „Quallen“ bezeichnet sie die in Frankreich Angekommenen, das ist vielleicht ein Begriff, den sie den Franzosen abgelauscht hat. Aber auch sie selbst beschreibt die Migranten nicht wirklich mit Mitleid und Mitgefühl, entlarvt sie immer wieder, bleibt deutlich auf Distanz. Da transportiert ihre Sprache doch schon eine kritische Haltung zu den Asylbewerbern. Deutest Du die Sprache auch so?

 

Kai: Ich habe das anfangs sehr ambivalent gesehen. Um es simpel auszudrücken: sie war wohl anfangs nicht auf Seiten der Flüchtlinge, aber auch nicht auf der Gegenseite . Irgendwann, je mehr ‚Lügengeschichten‘ sie anhören musste, kippt das dann um in Hass und Wut. Ich  bin aber nicht sicher. ob das tatsächlich nur Hass und Wut auf die Flüchtlinge ist. Mir schien da unterschwellig durchaus eine gute Portion Selbsthass dabei zu sein. Ich bin ja der Meinung, dass dieses Buch auch und vor allem die Geschichte einer Selbstfindung – oder besser gesagt einer Suche nach sich selbst darstellt. Das drückt ihre Sprache aus. Ich würde diese hochemotionale Haltung, die sich durch ihre Sprache ausdrückt nicht als kritische, sondern eher als zunehmend ablehnende bezeichnen.

 

Claudia: Mir gefällt die Figur der Dolmetscherin als Kristallisationspunkt der verschiedenen Aspekte von Flucht, Asyl und Integration sehr gut. Sie ist selbst eingewandert, mit dem starken Willen zur Integration. Sie hat es ja auch geschafft, sie kann den „richtigen“ Eingang in die Einwanderungsbehörde nehmen. Und fühlt sich doch als Außenseiterin. Und dann ist sie den ganzen Tag mit dem Übersetzen der Lügengeschichten beschäftigt und auch konfrontiert mit dem Machismo der Männer, die da vor ihr sitzen und die aus ihrem Exil auch schon mal zur Fatwa aufrufen. Es sieht nicht aus, als ob die Erzählerin Hoffnung hat, dass das Zusammenleben gelingen könnte oder?

 

Kai: Liebe Claudia, das ist eine sehr interessante Frage! Nun ist ja die Autorin selber als Dolmetscherin tätig gewesen, bis sie aufgrund der Veröffentlichung des Romans  entlassen wurde – und man kann davon ausgehen, dass eine Menge autobiographisches in diesem Buch verarbeitet wird. Ein bisher übrigens noch kaum besprochener Aspekt, aber das nur nebenbei. Deshalb kann es also auch ein blosser Zufall sein. – Aber hierzu nochmal das bereits im Post verwendete Zitat aus einem Artikel von Freitag online:

Die Sozialfigur des Dolmetschers ist eigentlich eine großartige Chiffre für kommunikatives Handeln, für moderne Kompromissbereitschaft, für die Abwendung von Gewalt.
So beginnt Lukas Latz seine kluge Besprechung im Freitag, Nr. Nr. 40, 1.10.2015, unter der Überschrift: Heißes Wasser auf den Kopf; im 
Freitag online, gefunden am 21.10.2015

Ich habe dazu im Post geschrieben, dass ich nicht sehe, dass die Protagonistin in diesem Text wirklich kommuniziert. Wenn man das als Sinnbild nehmen will, dann stimme ich Deiner Schlussfolgerung zu, dass die Dolmetscherin keine Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben hat.

 

Claudia: Auf der anderen Seite habe ich auch noch nie so deutlich die Kritik an den Asylgesetzen Europas gelesen. Es gibt keine legale Einwanderungsmöglichkeit, keine Einwanderungsgesetz. Denjenigen, die in ihrer Heimat, und sei es aus Gründen des Überlebens, nicht leben können, bleibt ja tatsächlich nur die Lüge, politisch verfolgt zu sein. Und so sind sie geradezu zur Lüge gezwungen.

 

Kai: Absolut d’accord.

 

Claudia: Die Dolmetscherin kann ja in der U-Bahn ihre Ehre wieder herstellen, indem sie sich nun gegen den etwas übergriffigen Landsmann tatkräftig wehren kann. Eine Lösung für das grundsätzliche Problem der Einwanderung aber findet sich im Roman nicht. Oder hast Du eine entdeckt?

 

Kai: Nein, habe ich leider auch nicht. Das ganze Buch ist in meinen Augen  auch eher de- als konstruktiv angelegt. Nach dem Motto, so sehe ich die Welt, und so ist es eben. Man könnte hier auch wieder die bereits zitierte „unmögliche Geometrie des Lebens“ zitieren.

 

Claudia: In der deutschen Literatur gibt es außer den aktuellen Erpenbeck-Roman bisher noch keine literarische Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht, wenn wir mal von den Romanen absehen, die sich mit der Flucht nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen. Kannst Du Dir vorstellen, dass Shumona Sinhas Roman in der Form von einer deutschen Schriftstellerin – oder auch einer mit französischen Namen – erscheinen könnte? Und ohne dass sie zum intellektuellen Aushängeschild für rechtsradikale Kreise wird?

 

Kai: Zu Deiner ersten Frage: Im Moment sehe ich da keine/n jungen/n deutsche/n Autor/in – ich bin da aber, was junge deutschsprachige Autorinnen und Autoren betrifft auch nicht wirklich auf dem neuesten Stand . Friedrich Christian Delius würde ich das zutrauen, aber der ist ja eindeutig ein älteres Semester. Und Nicolas Born. Aber der ist schon tot.
Zu Deiner zweiten Frage: Na ja, intellektuelles Aushängeschild, dazu müsste es intellektuelle rechtsradikale Kreise geben. Die sehe ich grad nicht. Aber dass die Bachmanns dieser Welt so ein Buch dankbar vereinnahmen würden ,kann ich mir schon vorstellen. Aber man braucht nicht gar so weit gehen, Schon die CSU-Spezies würden sicher gerne auf den Zug aufspringen, ganz zu Schweigen von solchen Granaten wie Herrn Sarrazin. Aber ich denke, zumindest darin sind wir uns einig, das würde dem Buch, bzw. wird dem Buch von Sinha nicht im geringsten gerecht.

 

Claudia: Ist das nicht die Literatur, die wir so dringend brauchen? Politisch aktuell, gesellschaftlich relevant, ohne klare Zuschreibungen von Tätern und Opfer, Literatur also, die zum Nachdenken anstiftet und zur Diskussion?

 

Kai: Da gebe ich Dir recht, doch das grosse ABER kommt gleich nach. Ich finde, grade bei solchen sehr sensiblen Themen, würde es solchen Büchern gut tun, wenn ein halbwegs eindeutiger Standpunkt, eine Haltung erkennbar wäre. Bei Sinha habe ich das nicht gesehen.

 

Liebe Claudia, am Ende darf ich sagen: Es war für mich zwar eine teilweise sehr mühsame (die Lektüre des Buches betreffend), vor allem aber sehr fruchtbare Angelegenheit, dieser Austausch mit Dir. Ich danke Dir sehr dafür, durchaus in dem Wissen, daß ich deutlich mehr von Deinen Einlassungen in Bezug auf das Textverständnis profitiert habe, denn umgekehrt.

Nun hoffen wir mal, das sich noch einige andere unserer Blogleser über die Kommentarfunktionen einschalten und vielleicht wirklich eine rege Diskussion entwickelt.