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Jesus in Amerika – Der Briefwechsel zwischen Paul Auster und John Maxwell Coetzee

Auster Coetzee Briefe

Paul Auster | J.M. Coetzee: Von Hier nach Da – Briefe 2008 – 2011

Grade lese ich den Briefwechsel zwischen Paul Auster und John Maxwell Coetzee. Der Band wurde 2013 unter dem Titel „Here and Now“ bei Viking/Penguin in den USA und bei Faber & Faber in Grossbritannien und in diesem Jahr in deutscher Übersetzung (Reinhild Böhnke/Werner Schmitz) bei Fischer unter dem Titel „Von Hier nach Da – Briefe 2008 – 2011“ veröffentlicht.

Ein Band von 286 Seiten, in dem diese beiden Grossschriftsteller sich über Gott und die Welt, über Sport, Ökonomie, Freundschaft, das Schreiben, Frauen und Männer und vieles andere mehr austauschen.

Erste notwendige Abschweifung
Es steht ja zu vermuten, dass sich die Autoren und die Originalverlage über den Titel den einen oder anderen Gedanken gemacht haben. Here and Now also. Ich lese das in diesem Falle als  Orts- und Zeitangabe und im übertragenen Sinne entnehme ich dem Titel eine Aussage über die Gültigkeit dessen, was geschrieben bzw. berichtet wird, nämlich gültig genau fürs Hier und Jetzt. Vielleicht auch noch: Mach draus, was Du möchtest, LeserIn.
Warum macht der Fischer Verlag daraus nun Von Hier nach Da? – Das liest sich, als führe jemand mit der Eisenbahn und berichtet über das dabei Erlebte. Ok, das mag eine Kleinigkeit sein und es ist ja ’nur‘ der Titel des Buches  aber er bedeutet im Deutschen eben etwas anderes, als das, was der englische Titel mit wenigen Worten auszusagen vermag. – Das ist etwas, was mir immer wieder auffällt. Übersetzte Titel werden, aus welchen Gründen auch immer, verfälscht, mit einer anderen Bedeutung belegt etc. Das mag manchmal sinnvoll sein, wenn ein fremdsprachiger Titel nicht gut oder gar nicht adäquat übersetzbar ist. Aber ich finde, in diesem Fall trifft das nicht zu.
Ende der ersten notwendigen Abschweifung

Weiter im Text
Anfangs fand ich das Ding ein bisschen sperrig, beide Autoren lassen es trotz aller betonten Herzlichkeit etwas spröde angehen – aber so ab Seite 25 haben sich die beiden in ihre Brieffreundschaft ‚eingeschrieben‘ und ich konnte mich dem Sog dieser Briefe nicht mehr entziehen.

Zweite notwendige Abschweifung
Ich glaube, ich sollte an dieser Stelle sagen, dass dies hier keine komplette Buchbesprechung sein soll, sondern eher ein Leseeindruck, der vielleicht auch ein kleines bisschen neugierig auf das Buch macht.
Eigentlicher Anlass dieses Beitrags war die Textstelle, die ich weiter unten dann endlich auch zitiere. Als ich sie las war das wie ein plötzlich aufleuchtendes ‚Ach, so ist das.‘ Nicht, dass man es nicht schon längst geahnt hat, aber so schön auf den Punkt gebracht kommt es doch noch einmal anders rüber ins ins Hier und Jetzt – und das wollte unbedingt zitiert werden.
Ende der zweiten notwendigen Abschweifung

Jetzt aber wieder weiter im Text
Es finden sich nicht nur interessante und teilweise auf den ersten Blick manchmal sogar recht abstruse Gedankengänge in den Briefen, sondern natürlich auch Hinweise auf die Werke der beiden Autoren – und immer wieder auch Sätze, Gedanken oder kleine Ereignisse, die man sofort irgendwo zitieren möchte (s.Zweite Abschweifung), weil sie so hellsichtig und gültig sind oder, wie in diesem Falle, ein grosses Rätsel mit ein paar schlichten Worten auf den Punkt und zur Lösung bringen.

In diesem Falle ist es mein Unverständnis und auch Unbehagen, man könnte auch sagen meine fortwährende Verwunderung, über das Selbstbild der USA und offensichtlich der meisten ihrer Bewohner als grossartigste Nation der Welt, also als ‚GOD’s OWN COUNTRY‘, als Welterlöser  etc. etc. und den daraus folgenden Konsequenzen (Kriege, Wirtschaftskriege, TTIP etc.).

Im Brief von Auster am 11.Mai 2009 geht es erst um die Entstehung von Sportarten, um Geld und Profitgier. Wichtig zu wissen: in einem der Briefwechsel davor ging es um Sprache, Muttersprache, fremde Sprachen, Herkunft, Selbst- und Weltbild usw.  Und genau hier knüpft Paul Auster mitten aus der Sportdiskussion heraus unvermittelt an und erzählt diese kleine Geschichte:

Vor etwa zwanzig Jahren kam in den Abendnachrichten ein Bericht über eine Kleinstadt irgendwo im Süden, deren Schulbehörde – wegen Etatproblemen, glaube ich – beschlossen hatte, den Fremdsprachenunterricht einzustellen. Einwohner wurden vor der Kamera um eine Stellungnahme zu dieser Entwicklung gebeten, und ein Mann sagte – ich zitiere wörtlich; seine Worte haben sich unauslöschlich in mein Gehirn eingebrannt – : „Ich habe damit kein Problem, überhaupt kein Problem. Wenn Englisch gut genug für Jesus war, ist es auch gut genug für mich.“
Auster/Coetzee, Frankfurt/M., 2013, S.81/82

Ich finde, es fällt einem wie Schuppen aus den Augen und man hat endlich die Lösung. Ich verstehe zwar nach wie vor diese Art der Einfalt nicht, aber man wird in spätestens zwei Jahren mal wieder sehen, dass man damit sogar Präsident der Vereinigten Staaten werden kann…

Fazit einer Nicht-Besprechung
Dieser Briefwechsel ist ein sehr lesenswerter, nicht nur, was dieses Zitat betrifft, sondern auch, weil man tatsächlich noch einmal auf eine ganz andere Art in die Persönlichkeiten der beiden Briefeschreiber Einblick nehmen kann. Das Buch  sei allen an einem oder beiden der Autoren interessierten wärmstens ans Herz gelegt.

Für mich, der ich bisher von Coetzee peinlicher weise noch gar nichts gelesen habe, ist es vor allem noch einmal ein ganz anderer Zugang zu Paul Austers Werk, als die beiden in diesem und letzten Jahr erschienenen biographischen Werke Bericht aus dem Inneren und Winterjournal. Und natürlich eine schöne Anregung, sich auch einmal mit den Büchern Coetzees zu beschäftigen…

Bibliographische Angaben zum Buch:
J.M. Coetzee + Paul Auster: Von hier nach da. Briefe 2008 – 2011
a. d. Engl. von Reinhild Böhnke und Werner Schmitz
Frankfurt/M. : Fischer, 2013
ISBN: 978-3-596-19687-6, 14,99 €

LINKS zu lesenswerten BesprechungenDeutschlandfunk vom 4.11.2014 >>> herzlichen Dank an Petra vom Blog Elementares Lesen für diesen Hinweis in Deinem Kommentar!  >>> http://www.deutschlandfunk.de/brieffreundschaft-denkwuerdige-plauderei-ueber-die-modernen.700.de.html?dram:article_id=302265

Maras Blog Buzzaldrins Bücher vom 26.05.2014  >>> daher habe ich den Hinweis auf dieses Buch, danke nochmal, Mara! >>> http://buzzaldrins.de/2014/05/26/von-hier-nach-da-briefe-2008-2011-paul-auster-und-j-m-coetzee/

Vom Blog Fixpoetry vom 17.08.2014 >>> http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/paul-auster-jm-coetzee/von-hier-nach-da