Schlagwort-Archive: Lesefrüchtchen

Mark Twain – über die deutsche Sprache

Some German words are so long that they have a perspective.

Quelle: A Tramp Abroad, Appendix D, The Awful German Language

Petit Fours all in a row

Büchergilde Gutenberg – Edition Petits Fours

Notwendige Abschweifung 1
Vor einiger Zeit habe ich die kleine feine Reihe Petits Fours bei der Büchergilde Gutenberg entdeckt, aufmerksam gemacht durch Birgit vom Blog Sätze & Schätze. Birgit wiederum ist zu Ihrem Blog-Beitrag durch die Bücherliebhaberin und ihren sehr lesenswerten Aufsatz über verschiedene Editionen der Büchergilde auf glasperlenspiel13 angeregt worden. Auf glasperlenspiel13 gibt es übrigens noch einige weitere, sehr interessante Beiträge und Interviews, die anlässlich des diesjährigen 90. Geburtstages der Büchergilde erschienen sind. Hier findet ihr alle Büchergilde-Beiträge. – ALSO hier blogkreiselt es aber mal so richtig…
Ich habe mich jedenfalls sofort in diese kleinen feinen graphischen Liliput-Kostbarkeiten verliebt und habe, um die köstliche Dinger erwerben zu können, sogar meine alte Mitgliedschaft wieder aufleben lassen. In diesem Falle kann ich übrigens sagen, ich hab mich da letztlich gerne ‚zwingen‘ lassen,  meine Mitgliedschaft wieder aufleben zu lassen, denn es gibt derart viele tolle Sachen für Büchermenschen bei denen, dass so ein Jahr wegen mir auch 8 Quartale haben könnte. Insbesondere, was, wie im Falle der Petit Fours oder auch anderer Büchergilde-Editionen die Kombination von Text und Graphik betrifft, ist die Büchergilde eine grossartige Quelle.
Ende der Abschweifung

Joachim Ringelnatz - Reklame Gedicht

Joachim Ringelnatz – Reklame
Gedicht

Notwendige Abschweifung  2
Diese Abschweifung ist notwendig, weil ich an dieser Stelle unbedingt auf einen meiner neuen Lieblingblogs, die ringelnatzereien hinweisen möchte. Nicht ganz zufällig hat auch da Birgit von Sätze & Schätze ihre Hand im Spiel, denn sie, Matthias vom Blog  beatgeneration | beat and beyond (wer sich fürs Thema interessiert findet da eine super Quelle) und ein geheimnisvoller Super-Administrator führen diesen tollen Blog gemeinsam zu Ehren des grossen Joachim Ringelnatz. Man findet auf diesem Blog, eine ungeheure Menge an Hinweisen, Zitaten, Gedichten und Informationen von und über Ringelnatz und seine Zeitgenossen. Jedem, der diesen Dichter liebt oder ihn einfach auf unterhaltsame Art und Weise näher kennenlernen möchte, sei dieser Blog ans Herz gelegt. Ja, und was soll ich sagen? Auch auf diesem Blog findet sich eine Petits Fours-Besprechung, denn es gibt dieses ausgesprochen lustige und schön umgesetzte Petit Four zu Ringelnatzens Gedicht ‚Reklame‘, das ihr da oben abgebildet seht. Hier geht es zum Artikel darüber, sie haben ihn ‚ringelnatz und das männerleiden‘ genannt – und das komplette Gedicht könnt ihr dort auch lesen. Es geht in diesem Gedicht, das für die Petits Fours Edition von Katja Spitzer wunderschön illustriert wurde, übrigens um eine Reklame für ‚Prostalind‘. Hm, ich muss jetzt kurz mal Pause machen, muss mal grad irgendwo hin…
Ende der Abschweifung

Mark Twain - Sonntagsheiligung Edition Petits Fours

Mark Twain – Sonntagsheiligung
Edition Petits Fours

Mark Twain – Sonntagsheiligung
Ok, hatte ich fast vergessen über diese ganze Kulinarik mit den Natzereien… Darum geht es: Eines der Petit Fours heisst Mark Twain: Sonntagsheiligung in Deutschland , und wurde von Golden Cosmos (das ist ein Künstlerduo, bestehend aus Doris Freigifas und Daniel Dolz) illustriert und ist dem Buch Mit heiteren Augen. Geschichten von Mark Twain entnommen. Dieses Buch wiederum erschien erstmals 1924, im Gründungsjahr, bei der Büchergilde Gutenberg, war also eine der ersten Publikationen. So schliesst sich der Kreis zum 90-jährigen Jubiläum in diesem Jahr. Zufälle gibt’s…

Das Zitat
So, und wie komme ich jetzt auf das Zitat – in dem im Petits Fours wiedergegebenen Text kommt es selbstredend nicht vor? Ganz einfach, in der Notiz über Mark Twain, die sich ganz am Ende des Büchleins noch nach dem Impressum versteckt findet, steht es, als Beispiel für Mark Twains satirische Sichtweise auf die Welt und andere Dinge.

Und Warum?
Auch ganz einfach. Weil ich, im Gegensatz zu dem hochverehrten Mark Twain, die deutsche Sprache sehr gern mag – und das liegt nicht nur, aber auch, an den manchmal ellenlangen Wörtern, die in deutscher Sprache möglich sind. Mal ganz zu schweigen von den ellenlangen Sätzen, die ich, zum eventuellen Missvergnügen meiner geneigten Leserschaft so gerne bilde…
Und davon abgesehen, was kann es schöneres geben, als ein Wort mit Perspektive! Oder kann jemand einem hochpoetischen Wort wie  Schräg­len­kerdop­pel­ge­lenk­hin­ter­achse einfach so widerstehen? Na also. Was mögen sich da für grossartige Geschichten hinter verbergen, was da alles noch nachkommen kann…
Schade übrigens, dass das angeblich längste deutsche Wort aufgrund einer Gesetzesänderung im Jahre 2013 einfach so verschwunden ist. Es handelt sich um den herrliche Begriff Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Hier kann man sein Verschwinden betrauern.

Mein  Fazit
– Mark Twain ist ein Schriftsteller, den ich jetzt endlich mal, über Tom Sawyer hinausgehend, erkunden muss. Natürlich werde ich mit dem Buch über die Reise durch Deutschland beginnen, in dem sich auch der Aufsatz über ‚die schreckliche deutsche Sprache‘ befindet…
– Ich finde es klasse, dass es Wörter gibt, die eine Perspektive haben. Perspektive  bedeutet laut Duden online unter anderem Aussicht für die Zukunft. Wenn das nix ist.
– für Büchermenschen lohnt es sich, mal einen Blick auf das Programm der Büchergilde Gutenberg zu werfen.
– Bloglesen kann eine sehr inspirierende Sache sein (danke an Birgit und Bücherliebhaberin).
– man kann mit einem Zitat beginnen und ganz woanders ankommen
– Mark Twain hat eine ganze Liste von zitierenswerten Sätzen hinterlassen (s.a. hier)

Deshalb last not least
noch ein letztes Twain-Zitat, dass ich allen Lehrerinnen und Lehrern widmen möchte:

Zuerst schuf Gott die Idioten. Das war zur Übung. Dann schuf er die Schulverwaltung.

Quelle: Mark Twain –  Following the Equator, chapter LX!

Lesefrüchtchen – aus Oliver Sacks‘ Autobiografie ‚Onkel Wolfram‘

SacksWolfram

Photobooth macht ‚Spiegelbilder‘
und ich dachte, ich lass das jetzt mal so…

Das hier ist der Jarg schuld! Auf seinem wunderbaren Blog habe ich nämlich vor einiger Zeit die Besprechung von Oliver Sacks Autobiografie ‚Onkel Wolfram. Erinnerungen‘ (1) gelesen, und obwohl die Bücher von Sacks bisher nicht in meinem beschränkten geistigen Einzugsbereich lagen, hat mich die Besprechung so neugierig gemacht, dass ich mir das Taschenbuch gleich bestellt habe.

Und nun bin ich bei der Lektüre. Noch lange nicht fertig – und ich muss gestehen, ich habe etwas gebraucht, um reinzukommen. Auf den ersten 20 Seiten ging es nämlich gefühlt ausschliesslich darum, dass Sacks als Kind dieses und jenes und selles und nochmal ein anderes Metall irgendwie faszinierend fand – und ich dachte ehrlich gesagt schon ‚ach du s…..e‘, aber dann, so ab Seite 20, 21 habe ich mich irgendwie eingegrooved (schreibt man das so?) und das Buch ist richtig toll. Nicht nur für Menschen, die sich für naturwissenschaftliche Themen interessieren – obwohl es genau darum (auch) geht.

Eine Besprechung gibt es also hier ganz und gar nicht, da solltet Ihr lieber und unbedingt den Beitrag vom Jarg (2) lesen. Aber so ganz möchte ich meine Begeisterung doch nicht unterm Deckel halten. Deshalb hier also meine derzeitige Lieblingsstelle in einem längeren Zitat, und das ist dann auch endlich das Lesefrüchtchen.

Die Situation ist diese: Ende 1939, nach Ausbruch des 2. Weltkriegs wird die Tagesschule, die Oliver und sein älterer Bruder in London besuchen aus Sicherheitsgründen wegen der erwarteten und dann ja auch in fürchterlichster Weise gekommenen deutschen Fliegerangriffe auf London in eine ländliche Internatsschule im kleinen Ort Braefield verlegt. Dort, in dem kleinen Dorf in Mittelengland, entpuppt sich der Schulleiter als ein schrecklicher Schläger und die 4 Jahre, die die Brüder dort verbringen müssen erweisen sich als recht traumatische Zeit. Besuche von zu Hause gibt es sehr selten und selber dürfen die Jungs bloss einmal im Jahr, zu Weihnachten, nach Hause und ausserdem in den Sommerferien aufs Land zu ihrer Tante Len. Aus dieser Situation heraus sind die beiden Zitate zu verstehen:

Ich fand meine Zuflucht zunächst in den Zahlen. Mein Vater war ein Ass im Kopfrechnen, und auch ich konnte, obwohl erst sechs, schon rasch mit Zahlen jonglieren – mehr noch, ich hatte eine Leidenschaft für sie. Ich mochte Zahlen, weil sie zuverlässig und unabänderlich waren. Sie waren Fixpunkte in einer chaotischen Welt. s gab in den Zahlen und ihren Beziehungen etwas, was absolut sicher war, nicht infrage gestellt werden konnte und über jeden Zweifel erhaben blieb. (Quelle: Seite 33 unten, der rororo tb Ausgabe , 2. Aufl. 2009, Reinbek bei Hamburg, 2009, ISBN 978-3-499-61534-4)

Eine Seite weiter, Oliver ist jetzt n den Sommerferien bei seiner Tante Len, heisst es dann:

Tante Len bereitete mir immer die grösste Freude, indem sie mir alle möglichen botanischen und mathematischen Besonderheiten zeigte. Im Garten wies sie mich auf die Spiralmuster im Blütenkorb der Sonnenblumen hin und forderte mich auf, ihre Samen zu zählen. Dabei erklärte sie mir, dass sie entsprechend einer mathematischen Reihe angeordnet seien – 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 usw. – , wobei jede Zahl die Summer der beiden vorhergegangenen bildete. Und wenn man jede Zahl durch die nächstfolgende teilte (1/2, 2/3, 3/5, 5/8 usw.), näherte man sich dem Wert 0,618. Diese Zahlenreihe heisse Fibonacci-Reihe (3), nach einem italienischen Mathematiker, der vor Jahrhunderten gelebt habe. Der Quotient 0,618 werde auch als Wert des goldenen Schnittes bezeichnet, ein ideales geometrisches Verhältnis, das häufig von Architekten und Malern verwendet werde. (Quelle: s.o., S. 34/35)

Und schliesslich noch der nächste Abschnitt, an dem man schon sehr deutlich den  sacks’schen naturwissenschaftlichen Blick auf die Welt erkennt:

Tante Len unternahm lange botanische Wanderspaziergänge mit mir, zeigte mir, dass auch Kiefernzapfen spiralige Anordnungen nach dem goldenen Schnitt aufweisen, liess mich an einem Flussufer die festen, knorrig gegliederten Stiele von Schachtelhalmen befühlen und schlug mir vor, sie abzumessen und die Längen der aufeinanderfolgenden Segmente in einer Kurve darzustellen. Als ich es tat und sah, dass die Kurve sich abflachte, erklärte sie mir, die Zuwächse seien ‚exponentiell‘. Und das sei die Art und Weise, wie Wachstum generell stattfinde. Diese Quotienten oder geometrischen Verhältnisse seien überall in der Natur zu finden – durch Zahlen werde die Welt zusammengehalten. (Quelle: s.o., S. 35)

Ja, was soll ich sagen? Ich finde diese Erkenntnisse, die für mich als Unwissenden fast alle neu waren total faszinierend und ebenso erklärt und dargestellt. Und dazu kommt diese Verquickung von persönlicher und historischer Geschichte  – und was so ein Kind draus für Schlüsse für sich zieht.

Im übrigen haben mich diese Textstellen auch noch an ein wunderbares Buch von Hans Magnus Enzensberger erinnert, das ich demnächst unbedingt nochmal lesen muss, nämlich den ‚Zahlenteufel‘ (4).

So, das war es schon, vielleicht hat die eine oder der andere durch dieses Lesefrüchtchen ja jetzt auch Lust bekommen auf Onkel Wolfram!

Und wie immer hier die Links

(1) http://www.rowohlt.de/buch/Oliver_Sacks_Onkel_Wolfram.20567.html
(2) http://jargsblog.wordpress.com/2013/06/22/sacks-oliver-onkel-wolfram/
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Fibonacci-Reihe
(4) http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-18900-3