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Root Leeb | Die dicke Dame und andere kurze Geschichten

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Root Leeb : Die dicke Dame

Root Leeb : Die dicke Dame und andere kurze Geschichten
Cadolzburg, ars vivendi verlag, 1.Aufl. 2013, 144 S.

BiographieRoot Leeb, 1955 in Würzburg geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Sozialpädagogik. Sie arbeitete zwei Jahre als Deutschlehrerin für Ausländer, danach sechs Jahre als Straßenbahnfahrerin in München. Heute lebt sie als Autorin, Malerin und Zeichnerin in der Nähe von Mainz. Bei ars vivendi erschien 2001 „Mittwoch Frauensauna“, 2003 folgte »Tramfrau, Aufzeichnungen und Abenteuer der Straßenbahnfahrerin Roberta Laub« und 2012 ihr Roman „Hero. Impressionen einer Familie“.
Quelle bis hier: Verlagsinformation, Autorenwebsite ars vivendi verlag
2013 erschien, ebenfalls bei ars vivendi, „Die dicke Dame“ und ganz aktuell ist ebendort im September 2015 der Roman „Don Quijotes Schwester“ erschienen.


ERSTE NOTWENDIGHE ABSCHWEIFUNG
Warum Root Leeb und wer ist das überhaupt
Root Leeb kenne ich schon lange – und wusste das in meiner Ignoranz eine ganze Weile lang gar nicht. Ähnlich wird es vermutlich vielen anderen Leserinnen und Lesern gehen, die wie ich die Bücher von Rafik Schami schätzen. Denn Root Leeb macht all die schönen, farbenfrohen Umschlag-Illustrationen für Schamis Bücher – und natürlich noch für viele andere Titel, besonders im dtv, aber auch im Malik Verlag, bei Herder, ars vivendi, Hanser etc. (1).

Nachdem mir das endlich mal auffiel und mir auch klar wurde, daß Rafik Schami ihr Mann ist, habe ich mich näher für sie interessiert und eine hochinteressante, kreative Künstlerin mit einer veritablen Mehrfachbegabung kennengelernt. Neben der Malerin und Zeichnerin finden wir in ihr auch eine bildende Künstlerin und – und jetzt kommen wir endlich zur heutigen Sache – eine hochbegabte Autorin von kürzeren und längeren Texten. Und genau dabei, auf der Suche nach Kürzest-Geschichten bin ich auf Root Leeb gestossen.

Allen, die sich einen Eindruck von ihrem Schaffen machen möchten, sei ihre Homepage Atelier Root Leeb (2) wärmstens empfohlen.


ZWEITE NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG
W
ieso war ich üerhauptb auf der Suche nach Kürzest-Geschichten?
Weil Jutta Reichelt in der Diskussion über das Buch von Shumona Sinha, „Erschlagt die Armen“ eine Kürzestgeschichte von Reinhard Lettau aus dem Jahr 1968 mit dem Titel „Klage des Einwanderungsbeamten“ ins Spiel gebracht hat, die tatsächlich einen sehr verwirrenden Bezug zu Sinhas Roman zu haben scheint. Es gibt unten einen Link zu diesen Kommentaren (3), da kann man das nachvollziehen, wenn man möchte. Einen Link zu Jutta Reichelts lesenswertem Blog (4) gibt es dort auch, außerdem verlinkt findet Ihr unten die Geschichte von Reinhard Lettau (5), die man online im ZEIT-Archiv lesen kann.

Auf diese Diskussion und auf das Buch von Sinha möchte ich hier nicht mehr eingehen, man kann das ja alles nachlesen (6a+b),  aber plötzlich habe ich mich gefragt, wer eigentlich noch solche Kurz- und Kürzest-Geschichten schreibt. Also gut, Lettau natürlich, dann Peter Bichsel mit seinen Eisenbahn- und Kindergeschichten, Peter Altenberg natürlich (7) aber sonst. Naja, dann hab ich ein bisschen recherchiert und bin auf die Webseite  (2) von Root Leeb gekommen – und habe mir stante pede „Die dicke Dame und andere kurze Geschichten“ bestellt.

Man sieht auch hier wieder ganz deutlich, wie anregend Literatur und die Diskussion darüber sind und noch einmal ganz neue Horizonte öffnen können. Womit wir endlich zum Buch selber kommen…

 

DAS BUCH
In diesem schmalen Band von 144 Seiten sind 72 Kurz- und Kürzest-Geschichten versammelt, unterteilt in die Kapitel Trotz, Eigensinn und kleine Spiele, Der Lauf der Dinge, So stark, Höhere Mächte und Tiere, mit und ohne Menschen.

Dazu gibt es ein fast programmatisch zu nennendes ‚Statt eines Vorworts‘, dessen letzten Abschnitt ich hier zitieren möchte, denn darin findet sich eine, mit einem Augenzwinkern vorgebrachte Leseanweisung, die gleichzeitig als Warnung zu verstehen ist. Nämlich als  Warnung, die Geschichten nicht bloß auf ihre Oberfläche zu reduzieren:

„… Deshalb gibt es an dieser Stelle, wie bei diversen Genussmitteln üblich geworden, einen kleinen, fettgedruckten Hinweis: Kürzestgeschichten sind eine Herausforderung, sie stellen höchste Ansprüche an Ihre (der Leser) Disziplin und Selbstbeherrschung.“
in: Root Leeb: Die dicke Dame, S. 8

Die Geschichten sind zwischen einer 1/3 und 7 Seiten kurz und sie sind verfasst in einer gut lesbaren, schnörkellos klaren, hochkonzentrierten und auf den Punkt kommenden Sprache, die es ihr erst ermöglicht, die Geschichten so kurz zu halten.

So erschafft die Autorin aus scheinbar ganz banalen Alltagsdingen eine ganze Welt. Und noch einmal eine Welt dahinter. Die letztlich die Tragödien und Komödien eines Lebens deutlich sichtbar werden lässt.

Leeb setzt dazu als literarisches Mittel bei fast allen Geschichten ans Ende eine Pointe. Und diese hat es meist in sich, denn so banal und flach manche dieser Pointen auch zunächst wirken mögen – ich glaube, das ist ihr Trick – so abgründig macht es die Geschichte hinter der Geschichte, wenn man sich auf Assoziationen einlässt, wenn man also die Herausforderung annimmt…

Viel mehr gibt es zu diesem lesenswerten Buch von Root Leeb aus meiner Sicht nicht sagen, man muss es lesen. Und man sollte die Lektüre, angesichts der geringen Seitenzahl, durchaus nicht angehen nach dem Motto: schnell mal weggelesen. Das wäre schade, man würde mindestens die Hälfte des Buches verpassen.

Am Ende möchte ich noch aus drei Texten zitieren, die mir beispielhaft scheinen und zeigen sollen, was ich meine.

GEIZ
Ein sehr mürrischer und sparsamer Mensch kaufte sich ein Lotterielos mit einer Laufzeit von vier Wochen. Gleich in der ersten Woche gewann er den Jackpot mit mehreren Millionen Euro. Als siene Frau ihm die Nachricht überbrachte, war seine erste Reaktion eine Frage: Ob er die restliche Laufzeit kündigen könne.
in: Root Leeb: Die dicke Dame, S. 42

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DIE ERSCHEINUNG
Ein älterer, für seine scharfsinnigen Vorträge bekannter Professor der Philosophie hielt eines Tages in einem überfüllten Hörsaal eine Vorlesung über Realität und Wahrnehmung. Nachdem er eine Weile temperamentvoll gesprochen hatte, hielt er plötzlich inne und verharrte schweigend mit gesenktem Kopf.
Die Studenten  begannen unruhig zu werde  … , da sah der Professor auf und gab mit belegter Stimme bekannt: „Meine geschätzten Hörerinnen und Hörer, ich hatte soeben eine Erscheinung.“
Er beendete die Vorlesung …
 
Später in der Bibliothek, als der Assistent ihm einige Bücher mit den eingelegten Kopien überreichte, fragte er vorsichtig: „Aber Herr Professor, was war das denn für eine Erscheinung?“
Der Professor sah ihn für einen kurzen Moment an und antwortete trocken: „Eine Alterserscheinung.“
in: ebda., S. 43

Beide Geschichten finden sich  in dem Kapitel ‚Der Lauf der Dinge‘.

Zu guter Letzt, und weil mich diese Geschichte besonders beeindruckt hat, eine aus dem Kapitel ‚Tiere, mit und ohne Menschen:

DER AFFE
Als der Affe zum ersten Mal einen Menschen sah, war er neugierig. Und voller Mitleid. Das Tier, das ihm gegenüberstand, machte einen erbärmlichen Eindruck. Es gab unverständliche Laute von sich, litt offensichtlich unter einer Krankheit, die sein Fell zersetzte – nur oben auf dem Kopf gab es noch etwas, das diesen Namen verdient hätte – und hatte verkrüppelte Hände und Füße.
Er überlegte, es in seinen Clan aufzunehmen. Allein hätte das bedauernswerte Tier ja keine Überlebenschance.
Da sah ihm der Mensch in die Augen.
Und in diesem Blick erkannte der Affe, dass der Mensch sich niemals unterordnen würde, er sah die Gier, über andere zu herrschen, die vor nichts Halt machen würde, nicht einmal vor ihm, dem Führer und Beschützer seines Clans.
Da drehte sich der Affe um und lief davon.
in: ebda., S. 126

 

DIE LINKS

(1 )ArsVivendi Verlags-Homepage – Root Leeb Die dicke Dame –>

(2) Atelier Root Leeb –>

(3) Kommentare von Jutta Reichelt –>

(4) Jutta Reichelts Blog ‚Über das Schreiben von Geschichten‘ –>

(5) Reinhard Lettau: Klages des Enwanderungsbeamten –>

(6a) Shumona Sinha – Erschlagt die Armen | Ein Desaster  –>

(6b) „Erschlagt die Armen“ – Warum Gespräche über Literatur so wertvoll und wichtig sind  –>

(7) Peter Altenberg – Übers Schreiben, Beitrag auf diesem Blog –>

Johannes Bobrowski – zwei Gedichte, kein Geschwätz

Sarmatische Zeit - Schattenland Srtröme

Johannes Bobrowski: Sarmatische Zeit – Schattenland Ströme | Einband-Gestaltung unter Verwendung eines Aquarells von HAP Grieshaber

 

Der 70ste Jahrestag ist vorbei, die Reden sind gehalten. Ein paar sehr mutige Überlebende bekamen grosszügig für ein paar kurze Tage ein grosses Podium.

Und nun wieder Tagesordnung. Und nun streiten wir wieder über Griechenland und den Euro und überall taucht diese mediokre, blonde Schlagersängerin auf.

Derweil gehen die Kriege weiter, der Terror hört nicht auf, Katar wird Handball-Weltmeister, irgendwer glaubt, der ganz gemeine Stammtischbürgertreff wird sich auflösen und die immer gleichen Experten versammeln sich wieder in den Talkshows und wissen alles besser.

Mir hat es spätestens seit den Anschlägen  bei all der Gewalt und dem Geschwätz schlicht die Sprache verschlagen. Deshalb gab es hier auch eine ganze Weile schon keinen eigenen Beitrag von mir.

Am 29. Januar, dem Tag vor 70 Jahren, an dem die jüdischen und all die anderen Nazi-Opfer aus dem Terrorlager in Auschwitz befreit wurden, fielen mir dann die Gedichte von Johannes Bobrowski ein. Mehr Worte braucht es nicht.

 


HOLUNDERBLÜTE

Es kommt
Babel, Isaak,
Er sagt Bei dem Prgrom,
als ich Kind war,
meinr Taube
riß man den Kopf ab.

Häuser in hölzerner Straße.
mit Zäunen, darüber Holunder.
Weiß gescheuert die Schwelle,
die kleine Treppe hinab –
Damals, weißt du,
die Blutspur.

Leute, ihr redet: Vergessen –
Es kommen die jungen Menschen,
ihr Lachen wie Büsche Holunders.
Leute, es möcht der Holunder
sterben
an eurer Vergesslichkeit.

Johannes Bobrowski: Sarmatische Zeit | Schattenland Ströme . – Neuausgabe in einem Band, Stuttgart, DVA 1962, S. 69/70

 

Johannes Bobrowski geb. 1917 in Tilsit/Sowetsk, Russland, nahe der litauischen Grenze an der Memel gelegen, gest.  1965 in Ost-Berlin, Lyriker, Erzähler, und Romancier, hat ein relativ kleines aber umso beeindruckenderes lyrisches und erzählerisches Werk hinterlassen. Sein Thema hat er selbst so beschrieben:

Ich befasse mich, nach meiner Ansicht, mit dem Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarvölkern. Ich benenne also Verschuldungen – der Deutschen – und versuche, Neigung zu erwecken zu den Litauern, Russen, Polen usw.

Johannes Bobrowski: Benannte Schuld – gebannte Schuld? In: ders.: Die Erzählungen, Vermischte Prosa und Selbstzeugnisse. Hrsg. von Eberhard Haufe. Stuttgart 1999, S. 447.

Ich würde dem noch hinzufügen, dass es ihm auch und immer um das Erinnern ging, um das Nicht Vergessen.

 

DIE SPUR IM SAND

Der blasse Alte
im verschossenen Kaftan.
Die Schläfenlocke wie voreinst. Aaron,
da kannte ich dein Haus.
Du trägst die Asche
im Schuh davon.

Der Bruder trieb
dich von der Tür. Ich ging
dir nach. Wie wehte um den Fuß
der Rock! Es blieb mir eine Spur
im Sand.

Dann sah ich
manchmal abends
von der Schneise
dich kommen, flüsternd.
Mit den weißen Händen
warfst du die Schneesaat
übers Scheunendach.

Weil deiner Väter Gott
uns noch die Jahre
wird heller färben, Aaron,
liegt die Spur
im Staub der Straßen,
find ich dich.

Und gehe.
Und deine Ferne
trag ich, dein Erwarten
auf meiner Schulter.

Johannes Bobrowski: Sarmatische Zeit | Schattenland Ströme . – Neuausgabe in einem Band, Stuttgart, DVA 1962, S. 22/23 

Zwei Gedichtbände, ein Roman und zwei Bände mit Erzählungen hat Bobrowski zu Lebzeiten veröffentlichen können. Ausser dem grossen kleinen (149 Seiten) Roman Litauische Claviere  und einem Band mit ausgewählten Texten im Schrödel Verlag, einem Schulbuch-Verlag immerhin, ist von ihm nichts aktuell lieferbar. Man muss sich also antiquarisch auf die Suche machen.

Wer mehr über Johannes Bobrowski, sein Leben, seine Orte und sein schmales Werk wissen möchte, dem empfehle ich die verdienstvolle Homepage der Johannes-Bobrowski-Gesellschaft.

Ans Ende habe ich eine ausführliche Bibliographie angehängt. Es lohnt sich sehr, sich mit diesem Dichter zu beschäftigen, auch wenn seine wunderbare Sprache aufvden ersten Blick schwer zugänglich scheint. Ich habe ihn hier nicht umsonst Dichter genannt. Er ist ein grosser Sprachverdichter. Die Lesearbeit lohnt!

 

BIBLIOGRAPHIE

I. Einzelwerke – erschienen zu Lebzeiten

Sarmatische Zeit, Gedichte. 1961

Schattenland Ströme, Gedichte. 1962

Sarmatische Zeit | Schattenlamd Ströme, Gedichte, Doppelband, 1962

Levins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater, Roman. 1964

Boehlendorff und andere, Erzählungen. 1965

Mäusefest und andere Erzählungen. Berlin 1965

 

II. Einzelwerke – posthum erschienen

Litauische Claviere, Roman. 1966

Wetterzeichen, Gedichte. Berlin 1967

 

III. Aus dem Nachlass

Der Mahner, Erzählungen und andere Prosa aus dem Nachlaß. Berlin 1968.

Im Windgesträuch – Gedichte aus dem Nachlaß. Ausgewählt und hrsg. von Eberhard Haufe. Berlin 1970.

Bernd Jentzsch (Hrsg.): Poesiealbum 52, Gedichte. Berlin 1972.

 

IV. Werkausgabe

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band I: Die Gedichte.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
396 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063540

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band II: Gedichte aus dem Nachlaß.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
424 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063559

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band III: Die Romane.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
334 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063567

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band IV: Die Erzählungen, vermischte Prosa und Selbstzeugnisse.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
526 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3421063575

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band V: Erläuterungen der Gedichte von Johannes Bobrowski.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
412 Seiten, 32,70 EUR.
ISBN-10: 3421051666

Johannes Bobrowski: Gesammelte Werke. Band VI: Erläuterungen der Romane, der Erzählungen, vermischte Prosa und Selbstzeugnisse von Holger Gehle.
Herausgegeben von Eberhard Haufe und Volker Gehle.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998.
598 Seiten, 32,70 EUR.
ISBN-10: 3421051739

 

V. Über Johannes Bobrowski

Gerhard Wolf: Beschreibung eines Zimmers- 15 Kapitel über Johannes Bobrowski, Berlin, 1981

Christoph Meckel: Erinnerung an Johannes Bobrowski, München/Berlin, 1981

 

Mark Twain – über die deutsche Sprache

Some German words are so long that they have a perspective.

Quelle: A Tramp Abroad, Appendix D, The Awful German Language

Petit Fours all in a row

Büchergilde Gutenberg – Edition Petits Fours

Notwendige Abschweifung 1
Vor einiger Zeit habe ich die kleine feine Reihe Petits Fours bei der Büchergilde Gutenberg entdeckt, aufmerksam gemacht durch Birgit vom Blog Sätze & Schätze. Birgit wiederum ist zu Ihrem Blog-Beitrag durch die Bücherliebhaberin und ihren sehr lesenswerten Aufsatz über verschiedene Editionen der Büchergilde auf glasperlenspiel13 angeregt worden. Auf glasperlenspiel13 gibt es übrigens noch einige weitere, sehr interessante Beiträge und Interviews, die anlässlich des diesjährigen 90. Geburtstages der Büchergilde erschienen sind. Hier findet ihr alle Büchergilde-Beiträge. – ALSO hier blogkreiselt es aber mal so richtig…
Ich habe mich jedenfalls sofort in diese kleinen feinen graphischen Liliput-Kostbarkeiten verliebt und habe, um die köstliche Dinger erwerben zu können, sogar meine alte Mitgliedschaft wieder aufleben lassen. In diesem Falle kann ich übrigens sagen, ich hab mich da letztlich gerne ‚zwingen‘ lassen,  meine Mitgliedschaft wieder aufleben zu lassen, denn es gibt derart viele tolle Sachen für Büchermenschen bei denen, dass so ein Jahr wegen mir auch 8 Quartale haben könnte. Insbesondere, was, wie im Falle der Petit Fours oder auch anderer Büchergilde-Editionen die Kombination von Text und Graphik betrifft, ist die Büchergilde eine grossartige Quelle.
Ende der Abschweifung

Joachim Ringelnatz - Reklame Gedicht

Joachim Ringelnatz – Reklame
Gedicht

Notwendige Abschweifung  2
Diese Abschweifung ist notwendig, weil ich an dieser Stelle unbedingt auf einen meiner neuen Lieblingblogs, die ringelnatzereien hinweisen möchte. Nicht ganz zufällig hat auch da Birgit von Sätze & Schätze ihre Hand im Spiel, denn sie, Matthias vom Blog  beatgeneration | beat and beyond (wer sich fürs Thema interessiert findet da eine super Quelle) und ein geheimnisvoller Super-Administrator führen diesen tollen Blog gemeinsam zu Ehren des grossen Joachim Ringelnatz. Man findet auf diesem Blog, eine ungeheure Menge an Hinweisen, Zitaten, Gedichten und Informationen von und über Ringelnatz und seine Zeitgenossen. Jedem, der diesen Dichter liebt oder ihn einfach auf unterhaltsame Art und Weise näher kennenlernen möchte, sei dieser Blog ans Herz gelegt. Ja, und was soll ich sagen? Auch auf diesem Blog findet sich eine Petits Fours-Besprechung, denn es gibt dieses ausgesprochen lustige und schön umgesetzte Petit Four zu Ringelnatzens Gedicht ‚Reklame‘, das ihr da oben abgebildet seht. Hier geht es zum Artikel darüber, sie haben ihn ‚ringelnatz und das männerleiden‘ genannt – und das komplette Gedicht könnt ihr dort auch lesen. Es geht in diesem Gedicht, das für die Petits Fours Edition von Katja Spitzer wunderschön illustriert wurde, übrigens um eine Reklame für ‚Prostalind‘. Hm, ich muss jetzt kurz mal Pause machen, muss mal grad irgendwo hin…
Ende der Abschweifung

Mark Twain - Sonntagsheiligung Edition Petits Fours

Mark Twain – Sonntagsheiligung
Edition Petits Fours

Mark Twain – Sonntagsheiligung
Ok, hatte ich fast vergessen über diese ganze Kulinarik mit den Natzereien… Darum geht es: Eines der Petit Fours heisst Mark Twain: Sonntagsheiligung in Deutschland , und wurde von Golden Cosmos (das ist ein Künstlerduo, bestehend aus Doris Freigifas und Daniel Dolz) illustriert und ist dem Buch Mit heiteren Augen. Geschichten von Mark Twain entnommen. Dieses Buch wiederum erschien erstmals 1924, im Gründungsjahr, bei der Büchergilde Gutenberg, war also eine der ersten Publikationen. So schliesst sich der Kreis zum 90-jährigen Jubiläum in diesem Jahr. Zufälle gibt’s…

Das Zitat
So, und wie komme ich jetzt auf das Zitat – in dem im Petits Fours wiedergegebenen Text kommt es selbstredend nicht vor? Ganz einfach, in der Notiz über Mark Twain, die sich ganz am Ende des Büchleins noch nach dem Impressum versteckt findet, steht es, als Beispiel für Mark Twains satirische Sichtweise auf die Welt und andere Dinge.

Und Warum?
Auch ganz einfach. Weil ich, im Gegensatz zu dem hochverehrten Mark Twain, die deutsche Sprache sehr gern mag – und das liegt nicht nur, aber auch, an den manchmal ellenlangen Wörtern, die in deutscher Sprache möglich sind. Mal ganz zu schweigen von den ellenlangen Sätzen, die ich, zum eventuellen Missvergnügen meiner geneigten Leserschaft so gerne bilde…
Und davon abgesehen, was kann es schöneres geben, als ein Wort mit Perspektive! Oder kann jemand einem hochpoetischen Wort wie  Schräg­len­kerdop­pel­ge­lenk­hin­ter­achse einfach so widerstehen? Na also. Was mögen sich da für grossartige Geschichten hinter verbergen, was da alles noch nachkommen kann…
Schade übrigens, dass das angeblich längste deutsche Wort aufgrund einer Gesetzesänderung im Jahre 2013 einfach so verschwunden ist. Es handelt sich um den herrliche Begriff Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Hier kann man sein Verschwinden betrauern.

Mein  Fazit
– Mark Twain ist ein Schriftsteller, den ich jetzt endlich mal, über Tom Sawyer hinausgehend, erkunden muss. Natürlich werde ich mit dem Buch über die Reise durch Deutschland beginnen, in dem sich auch der Aufsatz über ‚die schreckliche deutsche Sprache‘ befindet…
– Ich finde es klasse, dass es Wörter gibt, die eine Perspektive haben. Perspektive  bedeutet laut Duden online unter anderem Aussicht für die Zukunft. Wenn das nix ist.
– für Büchermenschen lohnt es sich, mal einen Blick auf das Programm der Büchergilde Gutenberg zu werfen.
– Bloglesen kann eine sehr inspirierende Sache sein (danke an Birgit und Bücherliebhaberin).
– man kann mit einem Zitat beginnen und ganz woanders ankommen
– Mark Twain hat eine ganze Liste von zitierenswerten Sätzen hinterlassen (s.a. hier)

Deshalb last not least
noch ein letztes Twain-Zitat, dass ich allen Lehrerinnen und Lehrern widmen möchte:

Zuerst schuf Gott die Idioten. Das war zur Übung. Dann schuf er die Schulverwaltung.

Quelle: Mark Twain –  Following the Equator, chapter LX!