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Oma Berlin I – oder: Otto Lilienthal ist abgestürzt

Portrait of Otto Lilienthal

Otto Lilienthal

Im wunderbaren Blog TextWerk von Heike Pohl las ich gestern einen (und dann noch einen und noch einen) Erinnerungstext von Heike über Ihre Oma Duisburg. Die haben mich nicht nur sehr berührt, sondern – natürlich – auch an meine eigene Oma erinnert. Meine Oma wurde von meiner Schwester und mir Oma Berlin genannt. Deshalb der Titel des Posts. Angeregt durch Oma Duisburg habe ich also in eigenen Erinnerungen und in alten Texten gekramt und unter anderen diesen hier gefunden.

OTTO LILIENTHAL
Als sie noch 20 Pfennig kostete, da habe ich sie mittags nach der Schule immer für meine Oma vom Büdchen geholt. Die BILD-Zeitung.
Das war die Zeit, in der meine Oma bei uns lebte, weil sie sonst kein Zuhause mehr hatte. – Da hatte der Opa in Berlin die andere Frau und andere Kinder und das alte Haus mit der Gärtnerei dahinter war vermietet.
Ich hab das als Kind nie verstanden, schließlich habe ich in diesem Haus meinen ersten Nagel in meinen ersten Holzklotz eingeschlagen – zusammen mit dem Opa mit der dann anderen Frau, von der ich ja nichts genaues wußte und wohl auch nichts wissen sollte.

Die BILD-Zeitung fand meine Oma gut, weil die so schön schnell zu lesen war. Ich durfte immer die Sportseite lesen. Und habe natürlich auch diese Bilder vorne drauf angeschaut. Da hat meine Oma immer drüber geschimpft und gelacht, über die Bilder. Und dann war das für uns beide in Ordnung.

Sie las außer der einen Zeitung dann noch den STEGLITZER ANZEIGER. Der kam regelmäßig mit der Post. Dafür hat sie dann länger gebraucht, sich richtig rein verkrochen. Hat das Blättchen auch sicher genauer gelesen als damals, als sie da noch ein Zuhause hatte. – Sehr langweilig fand ich das, diese Zeitung. Dieses lokale Lokalblatt, Dorfblatt, mitten aus dem Berlin, das für mich nur dieser Holzklotz war. Wenn ich die Jahrgänge jetzt lesen würde, so `70 – `75 ungefähr, ob ich da was von meiner Oma wiederfinden würde? Todesanzeigen zum Beispiel, die sie bestimmt gelesen hat. Oder irgendwelche ihr bekannten Straßennamen. oder Anzeigen vom Metzger, den sie noch kannte.

Berlin-Lichterfelde hat sie gewohnt, in der Schütte-Lanz-Straße. Am Ende der Straße ist so eine Art Wende-Rondell für Busse, heute jedenfalls.
Als ich ankam mit dem Bus, in Steglitz, hatte ich keine Ahnung, wie weit man von da aus noch bis Lichterfelde laufen muss. Zumal wenn man sich nicht auskennt und auch ein bisschen Angst hat vorm Ankommen. – Und stand dann doch plötzlich vor diesem lächerlichen Hügel mit angelegtem Teich und Grünanlagen drumrum. Und oben drauf das Denkmal für Otto Lilienthal aus Anklam, der vermutlich an diesem Ort oder zumindest in der Nähe am 10.August 1896 – 64 Jahre und eine Woche vor meinem Geburtstag – bei seiner Beschäftigung mit dem Vogelflug ums Leben kam. Und zwar, obwohl er den Vorteil des gewölbten Flügels beim Bau seines Hängegleiters mit Sicherheit berücksichtigt hatte.
Auf den Hügel bin ich erst mal raufgestiegen, bevor ich mich in die Schütte-Lanz-Straße reingewagt habe. – Von oben hinunterschauend hätte ich, den Zierteich links liegen lassend, in die Straße hineinsehn können, wenn nicht die dichten grünen Laubbäume dazwischengestanden hätten. Haben sie aber.

Beim runterlaufen vom Denkmalshügel habe ich dann entdeckt, daß direkt hinter der Zierteich-Parkanlage eine Bushaltestelle ist. Ich hätte nicht laufen müssen, hätte gleich mit dem Bus in diese Straße, in eine Vergangenheit hineinfahren können. Ich bin dann langsam und mutig in die Straße hinein gegangen.

An der Stelle, an der die richtige Nummer war, steht ein neues Haus. Ein Mietshaus mit mehreren Wohnungen und einer Tiefgarage drunter. Nichtssagend, mir nichtssagend, ach ja, die Erben haben Haus und Grundstück verkauft, als der Opa tot war. Die Erben, also meine Oma, ihr Sohn und ihre Tochter, die die Oma meiner Tochter ist. Und die andere Frau und deren Opas Kinder. Mit Streit und Haß verkauft. Alles. Eine Gärtnerei habe ich nicht mehr gefunden. Gibt es nicht mehr.

Otto Lilienthal hatte sich vor 100 Jahren von seinem Bruder helfen lassen beim Bau seiner Fluggeräte, abgestürzt ist er allein. Bruder Gustav, ein Jahr jünger als Otto, beschäftigte sich danach mit Schlagflügelflugzeugen und starb am 1.Februar 1933, 83-jährig, gerade noch früh genug.