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Rainer Kirsch – Sterbelager Preussisch

STERBELAGER PREUSSISCH

Merkbare Sätze, hör ich, sind vonnöten.
So daß, wenn du schon ahnst, daß du bald kippst,
Du immerhin vor Schluß die Zeichen übst,
Die ändern ohne dich an Auskunft böten,
Was die, trag lallend, eignen Blicks nicht finden:
Der Stumpfsinn ihre Brunst. So aber bleibt
Was Stachelndes, das sie zum Blinzeln treibt:
Die Mücken, doch noch, tanzen um die Linden,
Mittage wehn, Handwerker kaufen Schnaps,
Systeme blühn und reifen zum Kollaps,
In ferner Landschaft schießt man sich um Reis,
Der Tod hebt an im Mund, sein Färb ist weiß;
Und schneller drehn sich in der Welt die Dinge,
Um die es, ginge es um noch was, ginge.

aus dem Gedichtbandkunst
Rainer Kirsch: Kunst in Mark Brandenburg
Rostock.Hinstorff Verlag, 1988

 

Rainer Kirsch, geb. am 17.Juli 1934 in Döbeln/Sachsen, starb am 4. September 2015 in Berlin. In Westdeutschland ist er wenig bekannt, in der DDR war er ein bekannter Prosa- und Lyrik-Autor, Essayist, Kinderbuchautor und Übersetzer. Erwar Mitglied der sogenannten Sächsischen Dichterschule (zusammen mit Karl Mickel, Volker Braun, Sarah Kirsch, Heinz Czechowski, Adolf Endler, Bernd Jentzsch, Kito Lorenc u.a.). Er war in den 60er Jahren vier Jahre lang mit Sarah Kirsch verheiratet, mit der zusammen er auch einige Veröffentlichungen hatte. – Kirsch wurde mehrfach mit Publikationsverbot belegt, mehrmals aus der SED ausgeschlossen.

Mehr Informationen gibt es weiter unten bei den Links, unter anderem einen guten Nachruf in Spiegel online.

 

Erste und letzte notwendige Abschweifung

Warum Rainer Kirsch? Weil ich annehme, dass Kirsch nicht sooo bekannt ist in ‚Westdeutschland‘, er aber in meinen Augen ein bemerkenswerter Mensch und Dichter war. Einer, der sehr genau formulieren konnte, sowohl in Prosa als auch im Gedicht. Und weil er Rückgrat hatte. Eine nicht weit verbreitete Eigenschaft. Einfach Erinnerungswürdig. Und immerhin, es gibt eine Werkausgabe in 4 Bänden (Link s.u.) beim Eulenspiegel Verlag, man kann ihn also auch noch lesen.

Warum dies Gedicht? Weil es ein Abschiedsgedicht ist, eines über den Tod. Aber eben auch eines über die Welt, in der wir leben.Weil es zwar von 1988 ist, aber in Teilen eine fürchterliche Aktualität offenbart. Wegen dieser wunderbaren, klaren und gleichzeitig poetischen Sprache. Und natürlich wegen dieser drei letzten, ungeheuerlichen Zeilen:

Der Tod hebt an im Mund, sein Färb ist weiß;
Und schneller drehn sich in der Welt die Dinge,
Um die es, ginge es um noch was, ginge.

 

Die Links

Lyriker Rainer Kirsch ist tot. – kurzer zusammenfassender Nachruf in Spiegel online am Samstag, 05.September 2015      >>>

Zum Tod des Lyrikers Rainer Kirsch. – Ein Interview mit Peter Gosse, Freund und ebenfalls Mitglied der Sächsischen Dichterschule zum Tod von Rainer Kirsch, mdr Kulturradio, ca. 7 Min., 04. September 2015       >>>

Rainer Kirsch: Werke in vier Bänden, Eulenspiegel Verlag     >>>

Wikipedia über Rainer Kirsch     >>>

Wikipedia über die Sächsische Dichtersxhule     >>>

Wikipedia über Sarah Kirsch    >>>