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„Erschlagt die Armen“ – Warum Gespräche über Literatur so wertvoll und wichtig sind

„Erschlagt die Armen“ – Warum Gespräche über Literatur so wertvoll und wichtig sind

Claudia und ich haben uns vor ein paar Wochen auf dem Blog verabredet, Shumona Sinhas Roman gemeinsam zu lesen, darüber jeweils eine Besprechung zu veröffentlichen und über ein Interview miteinander ins Gespräch zu kommen.

Schon bei unseren Besprechungen ist deutlich geworden, dass wir ganz unterschiedlich auf den Roman geschaut haben, dass Claudias Beurteilung deutlich positiver ist.

Tatsächlich hatte ich grosse Schwierigkeiten mit dem Buch und ich habe das in meinem Text auch deutlich gemacht. Ja eigentlich wage ich meinen Text gar nicht Besprechung zu nennen, mir kam und kommt er eher vor, wie ein Desaster.

Auf jeden Fall hat Claudias Post, den Ihr hier lesen könnt, mir noch einiges über den Text erzählt, was mir ein bisschen mehr Orientierung gegeben hat.

Das alles zeigt, dass eine intensive Beschäftigung mit und ein reger Austausch über Literatur auf jeden Fall gewinnbringend ist.

Für mich heisst das, bei aller Kritik, die ich nach wie vor  an diesem Buch habe, dass ich es dennoch zur Lektüre empfehle, denn es birgt einen Tabu-Bruch, der so in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur meines Wissens noch nirgends verarbeitet wurde.

Nun folgt also unser Interview über das Buch bzw. unsere Texte, das wir auf beiden Blogs veröffentlichen – und Eure Kommentare sind uns herzlich willkommen, damit wir weiter intensiv über Literatur sprechen können.

 

Interview mit Caudia

Claudia: Lieber Kai, Du hast ja nun auch Shumona Sinhas Roman „Erschlagt die Armen“ gelesen. Mich hat der Roman unheimlich fasziniert, sodass ich ihn gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Doch trotz der nur wenig über 100 Seiten, hat die Lektüre schon seine Zeit gebraucht. Wie ist es Dir beim Lesen ergangen?

 

Kai: Liebe Claudia, inzwischen ist ja, durch den Post meines Besprechungsdesasters klar geworden, dass ich mit dem Buch deutlich grössere Schwierigkeiten hatte, als die meisten anderen Leser. Entsprechend hatte ich auch bei der Lektüre grosse Probleme. Erst einmal, überhaupt in den Roman reinzukommen, also zumindest ein bisschen Orientierung in und durch den Text zu bekommen. Und dann waren mir diese ganzen hochgelobten Bilder in Sinhas Sprache sehr schnell einfach zu viel, zu übertrieben, zu redundant. Ich habe also, um mit dem jungen W. zu sprechen, den Vogel mehrfach ratlos in die Ecke geschossen…

 

Claudia: Zunächst einmal ist mir die unglaublich dichte und komplexe Sprache aufgefallen. Da ist jeder Satz richtig, da hat jeder Satz eine Tiefe, das ist mir noch einmal bei dem Schreiben meiner Buchbesprechung aufgefallen. Konnte Dich die sprachliche Gestaltung auch so begeistern?

 

Kai: Nu, Du ahnst es schon, mir war das ganze vorsichtig ausgedrückt etwas zu barock angelegt. Aber das ist sicher reine Geschmacksache. Meine war es nicht – und ich habe durch diese Sprache keine Klarheit in der Geschichte gefunden.

 

Claudia: Beim Schreiben der Besprechung habe ich ja gleich mehrere ganz besondere Textstellen gefunden. Hast Du eine Textstelle, die Dich, aus welchen Gründen auch immer, besonders beeindruckt hat?

 

Kai: Da gibt es zwei Textstellen, die mir wichtig sind und die meine Sicht der Dinge ein wenig bestimmt haben.

Das erste Zitat:

“Lassen Sie uns zum Ausgangspunkt zurückkommen, dorthin, von wo sie geflohen sind”, sagte Herr K. gestern bei der ersten Befragung zu mir.
“Man kann niemals zum Ausgangspunkt zurück. Er ist nicht mehr da:”

“Wer ist nicht mehr da?”
“Der Ausgangspunkt natürlich.”
“Warum?”
” Der Raum hat sich mit der Zeit fortbewegt. Das ist die unmögliche Geometrie des Lebens.”
“…”

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen! S.34
Der Ausgangspunkt ist nicht mehr da – so, wie bei vielen der Verhörten übrigens auch – und so mäandert die Protagonistin zwischen Raum und Zeit durch dieses Buch auf der Suche nach sich selbst. 

Das zweite Zitat:

Vater, meine kleine Mutter, ich liebe euch nicht, ich habe euch nie geliebt. Wenn meine Stimme heute liebevoll ist, dann nur, weil ich weiß, dass ich euch nicht lieben kann. Ich habe euch benutzt wie eine Rakete die Abschussrampe, ich habe die Beine zusammengepresst, euch einen Tritt versetzt und mich in die Leere katapultiert, die vor mir lag.
Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!  S.88
Kann sie überhaupt lieben, die Protagonistin? Benutzt sie auf ihrem Weg, auf ihrer Suche nach Geborgenheit und Liebe die Menschen (Männer) und lässt sie dann fallen? Befindet sie sich immer noch in dieser furchtbaren Leere, in die sie sich hineinkatapultiert hat? Meine Antworten kannst Du Dir denken – aber hier wären Ansatzpunkte zur Diskussion noch und nöcher..

 

Claudia: Schon im ersten Satz fällt auf, dass die Erzählerin auch kein Blatt vor den Mund nimmt. Als „Quallen“ bezeichnet sie die in Frankreich Angekommenen, das ist vielleicht ein Begriff, den sie den Franzosen abgelauscht hat. Aber auch sie selbst beschreibt die Migranten nicht wirklich mit Mitleid und Mitgefühl, entlarvt sie immer wieder, bleibt deutlich auf Distanz. Da transportiert ihre Sprache doch schon eine kritische Haltung zu den Asylbewerbern. Deutest Du die Sprache auch so?

 

Kai: Ich habe das anfangs sehr ambivalent gesehen. Um es simpel auszudrücken: sie war wohl anfangs nicht auf Seiten der Flüchtlinge, aber auch nicht auf der Gegenseite . Irgendwann, je mehr ‚Lügengeschichten‘ sie anhören musste, kippt das dann um in Hass und Wut. Ich  bin aber nicht sicher. ob das tatsächlich nur Hass und Wut auf die Flüchtlinge ist. Mir schien da unterschwellig durchaus eine gute Portion Selbsthass dabei zu sein. Ich bin ja der Meinung, dass dieses Buch auch und vor allem die Geschichte einer Selbstfindung – oder besser gesagt einer Suche nach sich selbst darstellt. Das drückt ihre Sprache aus. Ich würde diese hochemotionale Haltung, die sich durch ihre Sprache ausdrückt nicht als kritische, sondern eher als zunehmend ablehnende bezeichnen.

 

Claudia: Mir gefällt die Figur der Dolmetscherin als Kristallisationspunkt der verschiedenen Aspekte von Flucht, Asyl und Integration sehr gut. Sie ist selbst eingewandert, mit dem starken Willen zur Integration. Sie hat es ja auch geschafft, sie kann den „richtigen“ Eingang in die Einwanderungsbehörde nehmen. Und fühlt sich doch als Außenseiterin. Und dann ist sie den ganzen Tag mit dem Übersetzen der Lügengeschichten beschäftigt und auch konfrontiert mit dem Machismo der Männer, die da vor ihr sitzen und die aus ihrem Exil auch schon mal zur Fatwa aufrufen. Es sieht nicht aus, als ob die Erzählerin Hoffnung hat, dass das Zusammenleben gelingen könnte oder?

 

Kai: Liebe Claudia, das ist eine sehr interessante Frage! Nun ist ja die Autorin selber als Dolmetscherin tätig gewesen, bis sie aufgrund der Veröffentlichung des Romans  entlassen wurde – und man kann davon ausgehen, dass eine Menge autobiographisches in diesem Buch verarbeitet wird. Ein bisher übrigens noch kaum besprochener Aspekt, aber das nur nebenbei. Deshalb kann es also auch ein blosser Zufall sein. – Aber hierzu nochmal das bereits im Post verwendete Zitat aus einem Artikel von Freitag online:

Die Sozialfigur des Dolmetschers ist eigentlich eine großartige Chiffre für kommunikatives Handeln, für moderne Kompromissbereitschaft, für die Abwendung von Gewalt.
So beginnt Lukas Latz seine kluge Besprechung im Freitag, Nr. Nr. 40, 1.10.2015, unter der Überschrift: Heißes Wasser auf den Kopf; im 
Freitag online, gefunden am 21.10.2015

Ich habe dazu im Post geschrieben, dass ich nicht sehe, dass die Protagonistin in diesem Text wirklich kommuniziert. Wenn man das als Sinnbild nehmen will, dann stimme ich Deiner Schlussfolgerung zu, dass die Dolmetscherin keine Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben hat.

 

Claudia: Auf der anderen Seite habe ich auch noch nie so deutlich die Kritik an den Asylgesetzen Europas gelesen. Es gibt keine legale Einwanderungsmöglichkeit, keine Einwanderungsgesetz. Denjenigen, die in ihrer Heimat, und sei es aus Gründen des Überlebens, nicht leben können, bleibt ja tatsächlich nur die Lüge, politisch verfolgt zu sein. Und so sind sie geradezu zur Lüge gezwungen.

 

Kai: Absolut d’accord.

 

Claudia: Die Dolmetscherin kann ja in der U-Bahn ihre Ehre wieder herstellen, indem sie sich nun gegen den etwas übergriffigen Landsmann tatkräftig wehren kann. Eine Lösung für das grundsätzliche Problem der Einwanderung aber findet sich im Roman nicht. Oder hast Du eine entdeckt?

 

Kai: Nein, habe ich leider auch nicht. Das ganze Buch ist in meinen Augen  auch eher de- als konstruktiv angelegt. Nach dem Motto, so sehe ich die Welt, und so ist es eben. Man könnte hier auch wieder die bereits zitierte „unmögliche Geometrie des Lebens“ zitieren.

 

Claudia: In der deutschen Literatur gibt es außer den aktuellen Erpenbeck-Roman bisher noch keine literarische Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht, wenn wir mal von den Romanen absehen, die sich mit der Flucht nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen. Kannst Du Dir vorstellen, dass Shumona Sinhas Roman in der Form von einer deutschen Schriftstellerin – oder auch einer mit französischen Namen – erscheinen könnte? Und ohne dass sie zum intellektuellen Aushängeschild für rechtsradikale Kreise wird?

 

Kai: Zu Deiner ersten Frage: Im Moment sehe ich da keine/n jungen/n deutsche/n Autor/in – ich bin da aber, was junge deutschsprachige Autorinnen und Autoren betrifft auch nicht wirklich auf dem neuesten Stand . Friedrich Christian Delius würde ich das zutrauen, aber der ist ja eindeutig ein älteres Semester. Und Nicolas Born. Aber der ist schon tot.
Zu Deiner zweiten Frage: Na ja, intellektuelles Aushängeschild, dazu müsste es intellektuelle rechtsradikale Kreise geben. Die sehe ich grad nicht. Aber dass die Bachmanns dieser Welt so ein Buch dankbar vereinnahmen würden ,kann ich mir schon vorstellen. Aber man braucht nicht gar so weit gehen, Schon die CSU-Spezies würden sicher gerne auf den Zug aufspringen, ganz zu Schweigen von solchen Granaten wie Herrn Sarrazin. Aber ich denke, zumindest darin sind wir uns einig, das würde dem Buch, bzw. wird dem Buch von Sinha nicht im geringsten gerecht.

 

Claudia: Ist das nicht die Literatur, die wir so dringend brauchen? Politisch aktuell, gesellschaftlich relevant, ohne klare Zuschreibungen von Tätern und Opfer, Literatur also, die zum Nachdenken anstiftet und zur Diskussion?

 

Kai: Da gebe ich Dir recht, doch das grosse ABER kommt gleich nach. Ich finde, grade bei solchen sehr sensiblen Themen, würde es solchen Büchern gut tun, wenn ein halbwegs eindeutiger Standpunkt, eine Haltung erkennbar wäre. Bei Sinha habe ich das nicht gesehen.

 

Liebe Claudia, am Ende darf ich sagen: Es war für mich zwar eine teilweise sehr mühsame (die Lektüre des Buches betreffend), vor allem aber sehr fruchtbare Angelegenheit, dieser Austausch mit Dir. Ich danke Dir sehr dafür, durchaus in dem Wissen, daß ich deutlich mehr von Deinen Einlassungen in Bezug auf das Textverständnis profitiert habe, denn umgekehrt.

Nun hoffen wir mal, das sich noch einige andere unserer Blogleser über die Kommentarfunktionen einschalten und vielleicht wirklich eine rege Diskussion entwickelt.

Shumona Sinha – Erschlagt die Armen! | Ein Desaster

Shumona Sinha - Erschlagt die Armen!

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!
a. d. franz. übersetzt von Lena Müller. Hamburg, Edition Nautilus, 2015, 127 S.

Die Autorin Shumona Sinha wurde 1973 in Kalkutta geboren. Seit 2001 lebt sie in Paris und arbeitete als Dolmetscherin in einer Asylbehörde. Täglich übersetzt sie das Jammern und die Lügen der Asylbewerber, deren Elend der Behörde nicht reicht. Nach Veröffentlichung des Buches verlor sie ihren Übersetzerjob.

 

BEVOR ICH MT DIESEM TEXT BEGINNE
bedarf es einer Erklärung, einer Anmerkung und einer Handlungsanweisung.

Die ERKLÄRUNG braucht es, weil die Leserinnen und Leser wissen müssen, dass ich mit diesem Text keine klassische Buchbesprechung versuche, vielmehr werde ich versuchen, mein Leseerlebnis hier wiederzugeben und damit vielleicht eine Art Erwiderung auf die Besprechung von Claudia auf Ihrem Grauen Sofa. Und im Grunde auf fast alle unten per Link angeführten Besprechungen zu diesem Buch.

Die ANMERKUNG ist notwendig, weil die ursprüngliche Idee eigentlich eine etwas andere war: In Ihrem Post Leseschwerpunkt II: Flucht und Entwurzelung hat Claudia eben dieses Projekt vorgestellt. Dazu gab es dann eine kleine Diskussion in den Kommentaren und das Ende war, dass wir uns darauf geeinigt haben, jeder eine Besprechung des Buches von Shumona Sinha zu schreiben, auf den eigenen Blogs zu veröffentlichen und einen Link zur anderen Besprechung schalten – in der Hoffnung, dass sich dadurch eine kleine Diskussion entfachen liesse. Diese Hoffnung haben wir immer noch!

Das Ende vom Lied, Claudia war schneller mit Ihrem Post, ich habe ihn gelesen – und dann kam mir die Idee, meine Besprechung ein wenig als kontroverse Erwiderung anzulegen denn mein Leseerlebnis mit diesem Buch weicht offensichtlich  von den überwiegend positiven Reaktionen ab, und auch thematisch habe ich da einen anderen Fokus gesehen, als den offensichtlichen.  – Möglicherweise sorgt das für noch mehr Gesprächsstoff.

Weil es in meinen Augen redundant wäre, an dieser Stelle noch einmal den Inhalt des Buches zu repetieren – und weil Claudia das in einer chronologischen Art und Weise geordnet hat, wie ich es nie hinbekommen hätte, gibt es an dieser Stelle für alle Leserinnen und Leser, die sich auf dieses Abenteuer einlassen möchten, die HANDLUNGSANWEISUNG, vor meinem Text den von Claudia zu lesen (falls nicht schon geschehen). Das ist aus zwei Gründen wichtig: zum Verständnis, denn ich setze in meinem Text die Kenntnis des Inhalts voraus – und, damit man die unterschiedlichen Herangehensweisen im Kopf hat.

Wenn Ihr also jetzt noch dabei seid, lest bitte, bevor es hier losgeht den Text vom Grauen Sofa.

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LOS GEHT ES – UND ES ENDET MIT EINEM GESTÄNDNIS

Die Sozialfigur des Dolmetschers ist eigentlich eine großartige Chiffre für kommunikatives Handeln, für moderne Kompromissbereitschaft, für die Abwendung von Gewalt.
So beginnt Lukas Latz seine kluge Besprechung im Freitag, Nr. Nr. 40, 1.10.2015, unter der Überschrift: Heißes Wasser auf den Kopf; im Freitag online, gefunden am 21.10.2015

Die Protagonistin ist, wie wir wissen, Dolmetscherin. Als solche hatte sie einen Job  bei dem zuständigen Amt, in dem die Flüchtlinge, dem auch in Frankreich üblichen Befragungsverfahren unterzogen werden. Dabei soll festgestellt werden, ob sie aylberechtigt. Die Bedingungen sind klar formuliert:

Kein Gesetz erlaubte ihnen die Einreise in dieses Land Europas, wenn sie keine politischen oder religiösen Gründe vorbrachten, wenn sie keine sichtbaren Spuren einer Verfolgung an sich nachweisen konnten.
Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!  S. 9

Bezogen auf das erste Zitat: Ich habe nicht gesehen, dass die Dolmetscherin kommuniziert. An keiner Stelle der Geschichte. Und so hat auch das Buch leider nicht mit mir kommuniziert.

Das zweite Zitat stellt nicht nur die Rahmenbedingung klar, die erfüllt werden muss, um Asyl zu erhalten, sondern ist sozusagen die technische Begründung dafür, weshalb so viele Flüchtlinge Geschichten erzählen ‚müssen‘, erfinden müssen, denn auch wenn sie aus dem grössten Elend geflohen sind, werden sie im o.g. Sinne nicht verfolgt und haben so von vornherein keine Chance auf Asyl oder ein Bleiberecht.

An dieser Stelle nun endlich das GESTÄNDNIS
Lange habe ich diesen Text mit mir herumgetragen – (weshalb ich jetzt auch erst so verdammt spät damit herausrücke, ich hoffe, ihr und vor allem Claudia könnt mir das Nachsehen), immer wieder umformuliert, immer wieder im Buch gelesen – und wie es mit mit dem Buch selber ging, so ging es mir mit diesem Text: ich habe einfach keinen vernünftigen, stringenten Weg gefunden, ins Schreien hinein zu kommen. Und so muss ich an dieser Stelle das GESTÄNDNIS machen: Ich bin an diesem Buch GESCHEITERT!

Versuch, zu erklären, wie ich das meine
Das Buch, das in den Besprechungen, die ich gelesen habe, beschrieben wird habe ich nicht wiedergefunden. Oder richtiger formuliert, ich habe nur die offensichtliche Geschichte wiedergefunden – aber ich hatte stets das Gefühl, dass da noch etwas fehlt, dass das nur die eine Seite der Geschichte darstellt. Auf die allerdings quasi mit überdimensionalen Zaunpfählen hingewiesen wird. Zu den Zaunpfählen gehört natürlich der Titel, angelehnt an ein berühmtes Prosagedicht von  Charles Beaudelaire, das allerdings damit endet, dass die Armen sich zu wehren beginnen.
Und dazu gehört auch die Kafka-Ranschmeisse in den Verhörsituationen der Protagonistin mit dem zunächst unnahbaren Beamten Herrn K., der aus Kafkas unvollendeter Erzählung  „Der Prozeß“ stammen könnte. Aber natürlich könnte man die Verwendung von Herrm K. auch als Hinweis auf die Brecht’schen Keunergeschichten lesen. Das wäre dann ein  ganz anderer Blick auf die ‚Sache‘ des Hern K.

Kurz und gut oder schlecht: Ich meine, da steckt eigentlich noch eine ganz andere Geschichte drin, die als Vehikel die Geschichte der Flüchtlinge und ihr Verhalten und Verhältnis zu ihnen benutzt.

Noch einmal zu meinem Leseerlebnis
Von den oben geschilderten Eindrücken war mein Lesen dieses Roman genannten Textes bestimmt. Dazu kam: Immer, wenn ich glaubte, zu verstehen, was gerade wo passiert und wieso, wechselt die Ich-Erzählerin die Perspektive, die Erzählebene, die beschriebene Hölle. Ich habe  mich in diesem Roman meist vollkommen orientierungslos gefühlt.

Die Protagonistin erklärt diese ‚Methode‘ allerdings im Grunde an einer Stelle im Verhör mit dem Beamten K.: 

„Lassen Sie uns zum Ausgangspunkt zurückkommen, dorthin, von wo sie geflohen sind“, sagte Herr K. gestern bei der ersten Befragung zu mir.
„Man kann niemals zum Ausgangspunkt zurück. Er ist nicht mehr da:“

„Wer ist nicht mehr da?“
„Der Ausgangspunkt natürlich.“
„Warum?“
“ Der Raum hat sich mit der Zeit fortbewegt. Das ist die unmögliche Geometrie des Lebens.“
„…“

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen! S.34

Das beschreibt übrigens noch einmal sehr anschaulich, warum viele Flüchtlinge sich mit ihrer bzw. ihren Geschichten, die sie erzählen letztlich so schwer tun: der Ausgangspunkt ist einfach nicht mehr da, es gibt unglaublich viele Lücken in der eigenen Geschichte, in der erfundenen Geschichte, nichts schiebt sich mehr passend wie eine Schablone über das Erzählte, Zeit und Raum sind voneinander getrennt. So entstehen die sogenannten Lügengeschichten, die die Dolmetscherin mit der Zeit ebenso so hasst, wie die Menschen, die sie erzählen.

Absurder weise passiert der Protagonistin  in ihren Verhören mit Herrn K. dann genau dasselbe, denn natürlich sind auch in ihrer Geschichte Raum und Zeit auseinander gedriftet. Leider, finde ich, wird dieser Aspekt der Geschichte von der Autorin nicht seiner Wichtigkeit entsprechend vertieft.

Hilfe! Wo bleibt die Struktur in diesem Text?
Ich fürchte, die bleibt auf der Strecke – aber ich will doch, um wenigstens ein bisschen Struktur in diesen wirren und verwirrten Text reinzubringen, hier das aufzählen, worauf wir uns vermutlich einigen können, was wir haben und wissen.

Worauf wir uns einigen können
Hoffentlich darauf, dass

– die Geschichte der Dolmetscherin, ihr Hass auf die Befragten, ein bisher fast tabuisiertes Thema in unserem Lande ist – genau so, wie es das in Frankreich war, so stark, dass die Autorin, nach der Veröffentlichung mehr oder weniger als Rassistin gebrandmarkt wurde und Ihren Job als Dolmetscherin für Flüchtlinge umgehend verlor.

– gerade deshalb die Geschichte eine gesellschaftspolitisch sehr wichtige Funktion haben könnte.

– die Sprache der Autorin sehr von starken (aus meiner Sicht auch negativ, weil sehr oft mir einfach aufdringlichen) Bildern geprägt ist

– die Sprache sowohl für die Autorin, als auch für die Protagonistin ein wichtiges Mittel zur Identitätsfindung ist. So versucht sich die Hauptfigur in ihrem neuen Land intensiv und schnell zu Integrieren, Ihre eigene Herkunftssprache will sie verdrängen, ebenso das Englisch der verhassten Kolonialmacht, das französische steht für sie für ein neues Leben unter komplett anderen Umständen.

Sprache für die Protagonistin also ein Mittel ist, Menschen und Umstände einzuschätzen. So gibt es für die Protagonistin
>>> die Sprache der verglasten Büros,
>>> die Illegalen-Sprache
>>> die flehende Sprache und
>>> die Ghetto-Sprache.

Über die Protagonistin wissen wir ansonsten eigentlich nicht viel. Der Leser muss immer wieder versuchen, aus ihren Andeutungen etwas über sie herauszufinden.

sicher ist:
– sie ist von Beruf Dolmetscherin
– sie ist aus ihrem Heimatland vor einiger Zeit nach Frankreich ausgewandert
– sie hat einem Migranten in der Metro mit ähnlicher Hautfarbe, wie der Ihren vor Wut eine Flasche über den Kopf gezogen und schwer verletzt
– sie ist ständig wütend und voller Hass

STOP AUFHÖREN!

Nein, so geht das nicht. Ich bekomme diesen Text einfach nicht auf die Reihe. Seit mehr als zwei Wochen brech ich mir hier einen ab. Mal schreib ich einen Satz am Tag, mal zehn – und am Ende lösch ich doch wieder die Hälfte. Herausgekommen ist dabei das, was Ihr da oben seht, nix halbes und nix ganzes. Ich habe das Gefühl, dass es keinen Sinn für mich macht, das so weiter zu treiben.

Also lass ich den ganzen Kram da oben stehen, denn trotz meiner Unfähigkeit, richtig auszudrücken, was ich meine, sind ja ein paar mir wichtige Gedanken drin versteckt.

Hier schreib ich einfach mal ungeschminkt und gänzlich unstrukturiert meine Gedanken zu der Anderen Geschichte hin, die mir in diesem Buch zu stecken scheint und die der offensichtlichen meiner Meinung nach ebenbürtig ist.

Von Anfang an schien mir dieses Buch eine Art emanzipatorisches und feministisches Dokument zu sein. Die Energie, der Hass und die Wut, mit dem dieses Buch geschrieben wurde geht vor allem gegen Männer. Ich habe das so aus den immer wieder auftauchenden Andeutungen auf Unterdrückung, und zwar vorwiegend männliche Unterdrückung herausgelesen. Es geht dabei zunächst einmal um die Stellung der Frau im indischen (hinduistischen) Kastenwesen. Wie ja inzwischen der letzte Nachrichten hörende West-Europäer wissen kann, werden Frauen auf dem Subkontinent verbreitet nicht sehr hoch geschätzt. Gruppenvergewaltigungen scheinen ein Hobby der männlichen (Land-) Bevölkerung zu sein, und im Widerspruch zur indischen Regierung und zu den indischen Gesetzen kommen die Täter allzu häufig gut davon, die Frauen aber sind ab sofort ihr Leben lang Outlaws, also noch weniger wert, als schon zuvor.

Aus Andeutungen könnte man herauslesen, dass die Protagonistin sehr darunter gelitten hat und vielleicht selbst betroffen war und vor allem deshalb aus ihrem Land nach Frankreich emigrierte. Übrigens weiss man bei der Protagonistin nie, ist sie nun auch ein (anerkannter) Flüchtling, oder ist sie einfach ‚umgezogen‘. Wie dem auch sei, es spricht aus all ihren Aussagen und Gedanken ein unbändiger Hass, eine unbändige Wut und Ziel dieser Wut und dieses Hasses sind Männer. Vorwiegend ihrer eigenen Provenienz. Das erklärt auch die Gewalttat, wegen derer sie am Ende ihren Job verliert und von Herrn K. verhört wird.

Andererseits hat sie ein unbändiges Verlangen nach Liebe und Geborgenheit, das sich auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die Stadt als sexuelles Verlangen ausdrückt. Sie sucht sich die nächstbesten Männer aus, nur weisse Männer, die am Ende für sie aber auch bloss Objekte ihres Hasses sind, die sie versucht, kleinzumachen, zumindest verbal und in ihren Nachtgedanken. Wahre Liebe sucht sie bei Frauen, ganz besonders bei einer bestimmten Frau, die sie bei den Verhören als Dolmetscherin kennen gelernt hat und die sie bewundert, verehrt, begehrt  und die doch am Ende nicht wirklich für sie erreichbar ist.

Also: neben dem feministischen, wütend emanzipatorischen Anteil, ist es auch die Geschichte einer ganz persönlichen Suche nach Geborgenheit und Liebe, die die Protagonistin in ihrem bisherigen Leben nicht finden konnte.

Und her kommt nich ein weiterer, ganz wichtiger Aspekt hinein, den ich ebenfalls bei allen Besprechungen, bei der ganzen Rezeption dieses Buches vermisse, nämlich die dringliche Suche nach sich selbst. Dies ist das Buch einer total einsamen Frau und ihrer verzweifelten Selbstfindung. Im hinteren zweiten Drittel des Buches gibt es ein kleines Kapitel mit dem Titel ‚Lieben heißt verraten‘ (S. 83 ff.).  Darin schildert sie einen geradezu gespenstisch anmutenden Besuch bei ihren Eltern. Die Schlusssätze dieses kleinen, für mich zentralen Kapitels lauten

Vater, meine kleine Mutter, ich liebe euch nicht, ich habe euch nie geliebt. Wenn meine Stimme heute liebevoll ist, dann nur, weil ich weiß, dass ich euch nicht lieben kann. Ich habe euch benutzt wie eine Rakete die Abschussrampe, ich habe die Beine zusammengepresst, euch einen Tritt versetzt und mich in die Leere katapultiert, die vor mir lag.
Shumona Sinha: Erschlagt die Armen!  S.88

Und eine Seite zuvor heisst es da:

Wenn lieben verstehen heißt, wird Unverständnis zu Hass. Der Hass, den ich in ihren Augen erahne, ist mein eigener. Meine trotzige Ablehnung ihrer Wahrheit.
ebda, S. 87

Nun könnte ich noch hiervon ausgehend noch ein bisschen über das Thema Wahrheit schwadronieren, das ja u.a. auch wieder zu den Verhören mit den Flüchtlingen führt und so zwischen den Geschichten eine Verbindung schafft. Tu ich aber nicht. Ich lass hier meine abenteuerlich erscheinenden mögenden Gedanken über die eigentliche Geschichte des Buches stehen. Sehr gerne zur Diskussion – wenn denn nach so langer Zeit nach Claudias Post noch jemand Interesse daran haben sollte.

Bei Claudia vom Grauen Sofa möchte ich mich noch einmal für die ellenlange Verzögerung entschuldigen und für ihre ebenso ellenlange Geduld danken!

 

MEIN FAZIT
Und zwar mein ganz persönliches und subjektives!

Für mich ist das eine Geschichte um eine sehr einsame, sehr wütende, ja, geradezu hasserfüllte und sich verletzt fühlende Frau (der Grund der Verletzung wird bis zum Ende nicht offenbar, Männer und Unterdrückung spielen eine Rolle). Zur Liebe scheinbar unfähig, aber doch eben  nach Liebe und Geborgenheit suchend. Eine Frau, die sich in einem verzweifelten Sebstfindungsprozess befindet

Und es ist eine Geschichte von einer Frau, die als Dolmetscherin in einer französischen Ausländer/Flüchtlings/Asylbehörde arbeitet und die Aussagen der Asylsuchenden übersetzt und dabei zwischen allen Stühlen, nämlich zwischen der Erwartungshaltung der Verhörenden, der Erwartungshaltung der Anwälte und den wirren Geschichten der Asylsuchenden festhängt bei der Frage, nach der wirklichen Wahrheit.
Anfänglich scheint sie auf der Seite des Asylsuchenden zu sein, nach all den immer wieder gleichen Geschichten, die sich allzuoft als ‚Lügengeschichten‘ herausstellen kippt das aber und sie wechselt die Seiten. Zumal ihr vor allem in den männlichen Flüchtlingen immer wieder auch die männlichen Unterdrücker aufscheinen, die ihre Wut und ihren Hass forcieren.

Es sind für mich zwei Geschichten, die sich ‚irgendwie‘ miteinander verschränken – und doch sind es zwei sehr unterschiedliche Geschichten und mir ist immer noch nicht klar, in welche Richtung das Ganze gehen soll.

Ganz am Ende des Buches steht unvermittelt  der Satz der Protagonistin: „Es wird Zeit, nach Hause zu gehen.“ Wohin? Was ist zu Hause? Nichts ist klar.

Noch kurz zur Sprache, der so herrlich bilderreichen: Mich haben sie eher erschlagen, die Bilder, ich fand sie oftmals einfach übertrieben schwülstig und grundsätzlich zu gehäuft. Aber das ist sicher Geschmackssache

Das Provokante an diesem Buch, nämlich die Möglichkeit, dass sich da jemand scheinbar gegen nach Hilfe suchende Flüchtlinge exponiert, sehe ich auch. Auch, dass man uch als fremdenfeindlich zu brandmarken – wenn man nicht genau hinliest. UNd ganz klar ist: Das genaue Hinschauen und das nicht Wegsehen bei realen Problemen, wie dem der möglichen Unterdrückung z.B. muslimischer Frauen durch muslimische Männer und die sich daraus ergebenden Probleme ist ein wichtiges Thema, das enttabuisiert werden muss.

Alles in allem für mich: zwei Geschichten in einem Buch, denen die Autorin in meinen Augen beiden nicht gerecht wird. Es fehlt mir bei aller Bildmächtigkeit an analysierender Tiefe.

Ein Buch der vergebenen Chancen – ich finde es dennoch lesenswert für Menschen, die sich für die Flüchtlingsthematik interessieren und/oder gerne der ‚versteckten‘ Geschichte nachgehen möchten.

 

Unbedingt notwendige nachträgliche Abschweifung – I
Mit Veröffentlichung ihres Posts zu Shumona Sinhas Buch hatte Claudia mir einige Fragen zugesandt. Ich wollte antworten und unser gemeinsames Ziel war, dass sich daraus nicht nur ein Dialog, sondern vielleicht auch eine offene Diskussion ergeben könnte. – Claudias Fragen werde ich nun, soweit es geht, in den nächsten Tagen beantworten und Fragen und Antworten hier einstellen. Vielleicht ergibt sich ja etwas daraus. Wir würden uns nach wie vor freuen.

 

Unbedingt notwendige nachträgliche Abschweifung – II
Direkt nach der Lektüre des Textes von Shumona Sinha habe ich das Buch von Wolfgang Bauer gelesen. Es heisst ‚Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa ; Eine Reportage‘. Erschienen in der edition suhrkamp, 2014. Darin schildert Wolfgang Bauer genauestens und aus eigenem Miterleben, wie so eine Flucht übers Meer ablaufen – und wie sich die ‚Fronten‘ zwischen Gut und Böse fast unbemerkt verschieben. Ich kann es, sagen wir, als Ergänzung zu Sinha, nur empfehlen. Man kann das Buch im Bild oben unter dem von Sinha erkennen. Ebenfalls auf dem Bild sieht man nicht umsonst eine Ausgabe der Wochenzeitung  ‚Der Freitag‚. Da findet sich in der Ausgabe 40/2015 nicht nur eine Besprechung des Sinha-Buches, sondern seit einigen Monaten schon, regelmässig sehr differenzierte, kluge Artikel über die Flüchtlingsproblematik, die oft einen anderen als den von den ÖR Medien gewohnten Blickwinkel einnehmen. Der Freitag sei also ebenfalls, nicht nur wegen der Berichterstattung über die Flüchtlingsströme, zur gelegentlichen Lektüre empfohlen.

 

DIESES DESASTER ENDET HIER

 

 

D I E    L I N K S

Claudias Besprechung des Buches auf dem Grauen Sofa:    https://dasgrauesofa.wordpress.com/2015/10/02/shumona-sinha-erschlagt-die-armen/

Tobias Lindemanns Besprechung des Buches auf Libroskop: https://libroskop.wordpress.com/2015/09/11/shumona-sinha-erschlagt-die-armen/

Charles Beaudelaires Originaltext ‚Assommons les pauvres‘ : http://baudelaire.litteratura.com/pop/texte/187-assommons-les-pauvres.html#.VhMCYRPtmko

Besprechung in der Berliner Zeitung von Sabine Rohlf, online am 13.09.2015:  http://www.berliner-zeitung.de/literatur/skandalbuch-von-shumona-sinha-ein-zorniger-roman-ueber-asylsuchende,10809200,31786746.html

Besprechung des Buches auf Jorinde Reznikoff – Der Graue Blog: http://www.jorinde-reznikoff.de/shumona-sinha-erschlagt-die-armen-assommons-les-pauvres/

Frauen leiden, Männer lügen, Beitrag von Claudia Kramatschek, online am 24.08.2015: http://www.deutschlandradiokultur.de/shumona-sinha-erschlagt-die-armen-frauen-leiden-maenner.1270.de.html?dram:article_id=329111

Lukas Latz im Freitag Nr. 40, 1.10.2015, S.18, Lukas Latz, Heißes Wasser auf den Kopf, Besprechung Shumona Sinha, Erschlagt die Armen!, Freitag online, gefunden am 21.10.2015
https://www.freitag.de/autoren/lukaslatz/heisses-wasser-auf-den-kopf