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Albert Vigoleis Thelen | Der Bunterkunt

AVT-Horen

Albert Vigoleis Thelen | Der Bunterkunt

Ein Bunterkunt, um zu genesen
von seinem frei erfundnen Wesen,
begab sich einst mit viel Geschrei
zur Kunterfei.

Dieselbe, selber widerrechtlich
in fremder Haut, tat sehr bedächtlich
und sprach mit gramverzerrtem Mund
zu Bunterkunt:

Uns beide dürfte es nicht geben,
wir stehn so bodenlos im Leben –
doch wär ich lieber nich ein Hund
als Bunterkunt.

Und ich, sprach Bunterkunt gemein,
wär lieber noch ein Warzenschwein
und notfalls gar ein Spiegelei
als Kunterfei.

Worauf die zwei sich wieder mieden …
Und so bleibt ewig unentschieden,
was ärger sei:
ob Bunterkunt, ob Kunterfei.

Aus: Vigolotria, 1954

Der Text wurde der verdienstvollen Zeitschrift „die horen – Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, No 199, Schwerpunktheft Albert Vigoleis Thelen“, S. 250 entnommen.

 

DER VIGOLEIS
Die wenigen Glücklichen, die den Vigoleis vielleicht kennen, werden ihn wohl mit seinem Mallorca-Roman  Die Insel des zweiten Gesichts; aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis.“ verbinden. Ein in den 30er Jahren spielendes Meisterwerk deutscher Prosa, ein Werk volle Witz und Verzweiflung. Maarten t’Hart hat es  ‚das größte Buch dieses Jahrunderts genannt. Ob man das so sagen kann, weiß ich nicht, es ist jedenfalls eines der Bücher, die ich immer wieder lese. Obwohl es ein richtiges Brikkett ist (mehr als 900 Seiten).

Anyway, hier ein paar Fakten: Albert Thelen wurde am 28.September 1903 in Süchteln geboren. Das liegt am Nierderhein und mag so manches erklären. Er war als Autor und Übersetzer, vor allem aus dem portugiesischen unterwegs und starb am 9. April 1989 in Dülken, ebenfalls am Niederrhein gelegen.

Während seines Aufenthaltes auf Mallorca lernte er die Schriften des portugiesischen Mystikers Teixeira de Pascoaes kennen und schätzen.  Was zur Folge hatte, dass er diese Schriften später übersetzte, sich zeitnah aber brieflich mit ihm bekannt machte. Die Zuneigung scheint gegenseitig gewesen zu sein, jedenfalls lebten Vogoleis und seine Lebensgefährtin Beatrice von 1939 bis 1947 auf dem Weingut des portugiesischen Dichters – und überlebten auf diese Weise die Nazi-Zeit durchaus komfortabler, als andere Dichter der Zeit.

Es gibt ein paar wenige informative Seiten zu Albert Vigoleis Thelen, die ich wie immer unten aufführe und verlinke.

 

DAS GEDICHT
habe ich herausgesucht, weil es sehr schön den Humor und vor allem das Spielerische des Autors zeigt. Und ganz insgeheim kann man als Vigoleis-Leser hier schon mal lernen, dass nichts sicher ist.

Aber um noch einmal auf das Spielerische zurückzukommen: wenn man sich  einen Vers wie

Und ich, sprach Bunterkunt gemein,
wär lieber noch ein Warzenschwein
und notfalls gar ein Spiegelei
als Kunterfei.

hernimmt, dann kann man sich vorstellen, wie der Dichter hier große Schwierigkeiten hatte, diese wunderbare Blödelei abzustoppen und nicht noch zehn weitere Verse dieser Art rauszukloppen. Ich bin sicher, daß Gernhardt den Vigoleis kannte.

Ach ja der Vigoleis. Wieso eigentlich Vigoleis, wen man Albert Thelen heißt. Nun ja, genau deshalb. Weiteres könnt Ihr dem unten verlinkten Wikipedia-Eintrag entnehmen.

 

NOTWENDIGE ABSCHWEIFUNG ZUM SCHLUSS
Vielleicht ist es ja der Einen oder dem Anderen geneigten Leser aufgefallen: es gibt hier bisher keine Abschweifungen. Nun, ich habe gegrübelt und gegrübelt, wie das jetzt kommen konnte, und bin zu dem Schluß gekommen, daß der Vigoleis selbst einfach die größte aller Abschweifungen ist, die man sich denken kann.
Also: falls Ihr irgendwie an irgend eine Ausgabe seines Werkes kommen könnt, dann lest diesen wunderbaren Autor!

 

DIE LINKS
Albert Vigoleis Thelen >>>
sehr interessante Seite zum Stöbern. Die Seite wird ab und an aktualisiert, offensichtlich von Vigoleis-Fans

Wikipedia-Eintrag AVT >>>

die horen – Homepage der Literatur-Zeitschrift >>>

Autoren-Webseite des Verlages >>>

Wikipedia-Eintrag über Teixeira de Pascoaes >>>