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THE GERMANS

Nein, ich gehe jetzt nicht unter die Nationalisten! Nicht einmal zu patriotischen Gefühlen kann ich mich allzu oft hinreissen – keine Ahnung, ob das gut oder schlecht ist. Eigentlich ist es mir wurscht, abgesehen davon, dass ich fanatische Nationalisten aller Art verabscheue.

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The Germans 1, Dez. 2012

Derart konditioniert traf mich im letzten Jahr bei einem meiner regelmässigen Besuche am Zeitungskiosk meines Vertrauens fast der Schlag, als ich eine neue Zeitschrift entdeckte, die den Titel THE GERMANS trug. Ok, eine deutsche Zeitschrift mit diesem irgendwie martialisch erscheinenden, aber eben englischen Titel. In GROSSBUCHSTABEN. Provokativ. Das hat mich dann doch interessiert – und erst recht das Titelbild (draufklicken, genau hinschauen), das war ungewöhnlich. Die, vorsichtig ausgedrückt ambitioniert klingende Bildunterschrift Aufbruch in eine neue Zeit tat ein übriges. Schon hielt ich das Ding in der Hand – und hatte mich schnell festgelesen. Denn das war seit der wunderbaren TRANSATLANTIK das spannendste Zeitschriftenprojekt seit langer Zeit. Seitdem lese ich THE GERMANS.

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Transatlantik 1, Okt. 1980

Klitzekleine  Abschweifung
Neben Büchern aller Art lese ich mit Leidenschaft alle möglichen interessanten, kulturellen, politischen, musikalischen und andere Zeitschriften und bin immer neugierig und auf der Suche nach guten neuen Titeln. Geweckt hat diese (fast) Sucht eine der intelligentesten Zeitschriften, die ich kenne. Sie hiess TRANSATLANTIK, wurde von Hans Magnus Enzensberger und Gaston Salvatore gegründet und erschien leider nur zwischen 1980-1991. Leider ist hier ein gutes Stichwort, denn leider finde ich, dass in den letzten 3 Jahrzehnten, in denen ich das verfolge, immer mehr geistiger Schrott an den Kiosken der Republik an den Zeitschriftenbäumen wächst- Dabei gehen die wunderbaren Pflänzchen, die es zwischendurch glücklicherweise doch immer wieder gibt, leicht verloren bzw. verschwinden schnell wieder. Immerhin, ein paar meiner anderen Lieblingszeitschriften, mare Die Zeitschrift der Meere, gibt es nun schon seit 1997 und auch brand eins (seit 1999) und enorm – das Magazin für nachhaltiges Wirtschaften und ethischen Konsum  (seit 2010) halten sich schon eine Zeit.
Ende der Abschweifung

Heute habe ich, als Teil unseres dritten Urlaubstages, den wir mehr oder weniger gezwungenermassen aber durchaus nicht ungern zuhause verbringen, das aktuelle Heft 5 am Kiosk meines Vertrauens bekommen. Ich finde wieder so viele interessante und besondere Texte darin, dass ich es hier einfach mal kurz vorstellen möchte, in der Hoffnung, dass die Eine oder der Andere angesteckt wird.
Das Heft kostet übrigens am Kiosk 4,80 €, hat in der Regel zwischen 90 und 100 Seiten, erscheint zweimonatlich und ist, wie mir scheint, leider nur an wenigen Kiosken der Republik präsent. Man muss also DANACH FRAGEN oder ABONNIEREN. Nicht, dass das Dinge auch bald wieder vom Markt verschwindet. Ich lass es mir vom Kiosk meines Vertrauens immer bestellen, denn ich will auf den Gang zum Kiosk nicht verzichten.
Inhaltlich findet man eine Mischung aus (sozio-)kulturellen, politischen und literarischen Themen, dazu gibt es häufig kleine literarische Originaltexte und zu Beginn eines jeden Heftes einige, teils recht kontrovers zu lesendeKommentare zu aktuellen und weniger aktuellen Themen, was auch den Geist der Zeitschrift ganz schön beschreibt: Vor Kontroversen hat man hier keine Angst.
Ach ja, die Zeitschrift erscheint im Zepterson Verlag in Berlin, die Chefredakteurin, die vermutlich auch die Herausgeberin ist (konnte das im Impressum nicht finden) heisst Nicole Zepter. Man kann also davon ausgehen, dass wir es mit einer persönlichen Herzenssache zu tun haben.

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The Germans 5, Juni 2013

So, und  nun zum Heft! Auf dem Titel findet sich eine junge Mutter mit ihrem Kind und daneben steht: Ich liebe mein Kind. Ich hasse mein Leben. Das ist also schon mal der Aufmacher. Der Text, der sich dahinter verbirgt, beginnt im Heft mit diesem Anreisser:
Sobald ein Kind kommt, werden Paare unglücklich. Sie sind überfordert, depressiv, verzweifelt. Haben Eltern das Elternsein verlernt – oder einfach eine falsche Vorstellung von Glück?
Darum geht es. Was heisst Elternschaft und Mutterrolle in unserer angeblich aufgeklärten Zeit, in der die alten Rollenklischees doch längst nicht mehr gelten (sollten). Guter Text, die Argumentation wird durch praktische Beispiele und das Informationen aus verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen unterfüttert und liest sich absolut untrocken und vorurteilsfrei lehrreich. Die Autorin heisst Stefanie Lohaus.

IMG_5120Von Esther Göbel ist der Text mit dem Titel Wer deutsch bleiben will, muss pünktlich sein. Darin geht es um in Deutschland geborene Immigrantenkinder, die zwei Pässe haben und sich aua Bundesgesetz mit 18 für eine Staatsbürgerschaft und somit einen Pass entscheiden müssen, auch wenn sie sozusagen qua Geburt eindeutig nationale Zwitter sind. Die Schwierigkeiten und die Folgen dieser Politik für die Betroffenen Menschen und ihre Familien werden hier eindrücklich beschrieben. Am Ende der Geschichte fragt man sich, wie es kommt, dass unsere Politiker immer noch die Chuzpe haben können, den Nachwuchsmangel jeder Art (Kinder, Auszubildende, Studenten, Facharbeiter, ingenieure etc.) zu beklagen, dabei das sogenannte Demographieproblem noch immer ungestraft in den Mund zu nehmen und GLEICHZEITIG so eine ideologische Scheisse zu vertreten und zu verteidigen. Zum selben Thema gibt es im Heft übrigens noch einen lesenswerten Text von Daniel Tkatch und Karolina Golimpwska (Jetzt bin ich also deutsch), in dem das Problem aus einer etwas anderen Perspektive beleuchtet wird.

IMG_5122Ganz andere Baustelle: Unter der Überschrift Being Clemens Setz (Die Frequenzen, Söhne und Planeten, Indigo) berichtet ebendieser Autor lesenswert über ein New Yorker Literaturfestival. Im Trailer heisst es:
Im Februar war der österreichische Schriftsteller Clemens Seitz zusammen mit anderen deutschsprachigen Autoren beim Festival Neue Literatur in New York eingeladen. Wer nicht dabei war, hat jetzt die Gelegenheit, die Reise aus Setz‘ Augen noch einmal zu erleben. Es kann allerdings wehtun.
Na, wenn das kein Leseanreiz ist!

IMG_5125Ebenfalls ein Literaturthema: Der Artikel Wiedergelesen – Rainald Goetz von der Autorin Julia Zange (Die Anstalt der besseren Mädchen). Rainald Goetz wurde mit seinem Rasierklingen-Auftritt beim Klagenfurter Literaturfestival im Jahre 1983 bekannt. Er las dabei einen für sein weiteres Werk wenn man so will typischen Wut-, Hass- und Beschmpfungstext, dessen Gegenstand im Grunde das ganze Leben, insbesondere aber der Literaturbetrieb war. Er erhielt zwar keinen Preis, dafür aber die allergrösste Aufmerksamkeit und es war ein fulminanter Start für seine überaus erfolgreiche Teilnahme am selben Literaturbetrieb, den er so heftig kritisierte und kritisiert.
HIER (ab Min. 0:54, ab Min. 4:18 dann die Jury, beginnend mit einem ebenso fulminanten Plädoyer von MRR FÜR den Text) kann man seinen Auftritt von 1983 verfolgen und man kann das finden, wie man will, aber es war eine grossartige Performance. Ich bin mir nicht sicher, ob er aus dem Manuskript seines im selben Jahr erschienenen ersten Romans Irre gelesen hat. Um diesen Roman geht es jedenfalls in Julia Zanges Text. Als Erinnerung um was es in Goetz‘ Buch geht hier ein kurzer, aber zutreffender Trailer von der Verlagswebsite:
Rainald Goetz schreibt in seinem ersten Roman über die Psychiatrie und einen Helden unserer Tage. Wie weh tut der Irrsinn den Irren? Wie schlimm ist das Arbeiten als Arzt in einer psychiatrischen Klinik? Wie, bitteschön, geht das Leben? Muß das wirklich so zerrissen und zerfetzt sein?
Julia Zanges Wiederlesen-Text empfand ich nach zweimaligem Lesen als ein wirklich geniales Stück Literatur. Da ist sozusagen ein Text im Text. Indem die Autorin über den Text schreibt, gleicht sie ihn mit ihrem eigenen Leben oder zumindest mit dem eines ihrer möglichen Ichs ab. Ein kurzes, nur zwei Seiten langes Kabinettstück der Literatur als Selbstreflexion.

So, das waren nur ein paar Beispiele aus diesem Heft, an denen ich zeigen wollte, warum ich diese Zeitschrift so besonders lesenswert finde.

Es gibt darüber hinaus noch viele weitere spannende Texte,  erwähnt sei noch der von Navid Kermani. Er heisst Sonntagsausflügler und ist ein Abdruck eines Kapitels über die ‚Flüchtlingsinsel‘ Lampedusa aus seinem aktuellen und empfehlenswerten Buches Ausnahmezustand: Reisen in eine beunruhigte Welt. (C.H.Beck, 2013). Darin versammelt sind Reportagen des Autors über seine Reisen an die Orte, wo die Flüchtlinge herkommen, die übers Mittelmeer als sogenannte Bootsflüchtlinge versuchen, nach Europa zu kommen – und dann als erstes auf Lampedusa im Flüchtlingslager landen. Nachrichten aus einer Welt, die nicht in den Nachrichten vorkommt.

Literarisch geht es dann noch mal am Ende des Heftes zu – mit einem Text von Anja Kampmann über den grossen,  leider vergessenen Wortkünstler, Dadaisten und  Verfasser von Lautgedichten (lange vor Ernst Jandl) Hugo Ball.

Am Ende ist die Zeitschrift, um die es hier geht (remember: THE GERMANS) für mich einfach eine, die aus der Masse heraussticht, sehr eigenständig, mit einer eigenen Ästhetik. Durchaus  textlastig – manchmal muss man im besten Sinne Lesearbeit leisten, die aber immer fruchtbar ist. THE GERMANS ist mit einigen guten, häufig schwarz-weissen Bildern und Bildstrecken versehen, wobei selbst die farbigen Bilder oft wirken, wie ihre schwarz-weissen Brüder und Schwestern. Das alles, ohne, dass das Heft trist wirken würde. Für alle, die sich für die Welt in der wir leben interessieren und mal eine andere Perspektive möchten, die Literatur, Kultur, Politik, Leben eben, nicht in einzelne Schubladen packen, für die ist diese Zeitschrift eine echte Option – und deshalb von mir wärmstens empfohlen.

Allerletzte klitzekleine Abschweifung
Eigentlich wollte ich nur mal ‚ganz kurz‘ anhand des aktuellen Heftes diese tolle Zeitschrift vorstellen und möglicherweise Appetit aufs Lesen derselben machen. Nun ist der Text im Grunde mal wieder eine einzige, ellenlange Abschweifung geworden. Ich hoffe, es hat trotzdem nicht allzu sehr gelangweilt – und die, die es gelangweilt hat und trotzdem bis zum Ende durchgehalten haben, bitte ich um Entschuldigung. Seid versichert: es wird wieder vorkommen…
Das Ende vom Lied