Die Wochengedichte

Die Wochengedichte sind Gedichte, die irgendwann mal für eine Woche (auch mal kürzer oder länger, aber irgendwie musste ich das Kind ja nennen) ganz oben im rechten Frame  auf der Startseite des Blogs standen.
Einige davon habe ich irgendwann mal selber verbrochen, andere habe ich gelesen und sie schienen mir schön, wichtig, interessant, anregend, irgendwie passend.
Passend für wen oder was? Vielleicht für meinen Blog,  für irgend ein aktuelles Ereignis,  zu meiner momentanen Stimmung – oder auch mal schlicht zum Wetter.
Ich liste sie jedenfalls alle chronologisch auf dieser Seite auf, die zuletzt zitierten sind oben.  Die eigenen haben keine Quelle, die ‚fremden‘, die doch durchs Lesen irgendwie die eigenen geworden sind, natürlich wohl. So, und hier geht’s los:

 

09. März 2016

NEO-THOMISTISCHES GEDICHT

der herr ist mein Hirte lang
halt ich’s bei ihm nicht aus

NEO-THOMIST POEM

The lord is my shepherd, I shall not
want him for long

Ernest Hemingway, in Alfred Andersch : empört euch der himmel ist blau. Gedichte und Nachdichtungen 1946-1977, S. 144-145
Zürich ; Diogenes 1977

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07.Januar 2016

VORMITTAG IM APRIL

Die Blumen- und
Gräserbeete über
Den Kabeln, entlang
Der Geleise:

Unsere Repiblik ist
Unser Garten,
Und die Metaphern sind
Die alten Männer

Michael Köhlmeier : Der Liebhaber bald nach dem Frühstück ; Gedichte, S. 60. München ; Hanser 2012 –  Edition Lyrik Kabinett Bei Hanser, 2012

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27. November 2015

DER BEDEUTUNGSTRÄGER

Der Adler ist sowohl
real als auch Symbol;
als letzteres bedeutet er
Gewalt und Geilheit, Macht und Ehr,
Durst, Hoffnung, Staat und Gnade.
Was? Geilheit nicht? Wie schade.

F.W. Bernstein : Lockruf der Liebe
Gedichte, S. 113
Haffmanns Verlag, Zürich, 1988

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5. Oktober 2015

DAS BEGRÄBNIS. ZEITLUPE

Trauer eines
Minuten=
Augen=
Blicks

Die Sonne scheint
Welt=
Sarg
hin=
ab
und zu.

Ernst Meister : Ausstellung, S. 49
Aachen, 1985, Rimbaud Presse

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21.07.2015

ABSCHIED

Ich könnte mir vorstelln,
mich so zu empfehlen:

Die Zeit. Ich will sie euch
nicht länger stehlen

Den Raum. Ich will ihn euch
nicht länger rauben.

Den Stuß. Ich will ihn euch
nicht länger glauben.

Das Ohr. Ich will es euch
nicht länger leihen.

Das Aug. Ich will es euch
nicht länger weihen.

Das Hirn. Ich will es euch
nicht länger mieten.

Die Stirn. Ich will sie euch
nicht länger bieten.

Das Herz. Ich will es euch
nicht länger borgen.

Den Rest? Den müsst ihr
schon selber entsorgen.

Robert Gernhardt: Später Spagat – Gedichte,
Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, 2006, S. 43

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23.06.2015

REFRAIN

Eine Küche von vor 10 Jahren
war vor 10 Jahren noch mustergültig.
Heute reicht sie höchstens noch zum Kochen aus
oder wer möchte darin essen?

Der Bauer sagt: Wenn das Korn drin ist,
ist auch schon der Mähdrescher aus der Mode
bald platzt mir der Kragen
dann mache ich alles von Hand.

Die Zahl derer die glauben daß die Bombe
endlich den Frieden erhält
wächst.

Nicolas Born: Gedichte 1967 – 1978, Reinbek, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1981, S. 19.
ursprünglich veröffentlicht in:
Nicolas Born: Marktlage, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1967

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14.04.2015

TOUR DE FRANCE

Als die Spitzengruppe
von einem Zitronenfalter
überholt wurde
gaben viele Radfahrer das Rennen auf

Günter Grass: Ausgefragt – Gedichte und Zeichnungen, Luchterhand, 1967.
Hier zitiert aus: Band 1, Gedichte und Kurzprosa der Werkausgabe in 10 Bänden,
Büchergilde, 1987, S. 177

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17.01.2015

GEDICHT FÜR FRANK (Geerk)

Nicht nachlassen, nie.
weil alles nachlässt –
So viel Gelb in der Luft,
Gerede geduckt im Gestank.

Wir wollen Grün sprechen
wie der Baum, der Busch,
das Gras, einfach und
immer wiederkommend,
Jahr für Jahr.

aus dem Gedichtband:
Rainer Brambach: Heiterkeit im Garten – Das gesamte Werk, Diogenes, 1989, S. 137

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15.12.2014

MY SWEET OLD ETCETERA

my sweet old etcetera
aunt lucy during the recent

war could and what
is more did tell you just
what everybody was fighting

for,
my sister

isabel created hundreds
(and
hundreds)of socks not to
mention shirts fleaproof earwarmers

etcetera wristers etcetera, my
mother hoped that

i would die etcetera
bravely of course my father used
to become hoarse talking about how it was
a privilege and if only he
could meanwhile my

self etcetera lay quietly
in the deep mud et

cetera
(dreaming,
et

cetera, of
Your smile
eyes knees and of your Etcetera)

aus dem Gedichtband
E.E. Cummings : is 5, 1926

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26.11.2014

An den Bürger

Dass im Dunkel die dort leben,
so du selbst nur Sonne hast;
dass für Dich sie Lasten heben,
neben ihrer eignen Last;
dass du frei durch ihre Ketten
Tag erlangst durch ihre Nacht:
was wird von der Schuld dich retten,
dass du daran nie gedacht!

Karl Kraus: Ausgewählte Gedichte. Verlag Oprecht, Zürich/New York, 1939. S 116

Anmerkung: Zu diesem Gedicht gibt es hier auch einen Beitrag auf dem Blog

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30.10.2014

Die Ritze

Der Friedhof liegt etwas im Abend,
Und schläfrig geigt sein Wind
Von Dingen, die lange vergessen
Und seltsam zu sagen wohl sind.

Die Blätter der Bäume verflüstern
Geheimnis Grab zu Grab.
Und aus einer Ritze am Himmel
Fällt nächtens ein Goldstück herab.

Alfred Lichtenstein, 15.08.1910

zitiert nach:
Alfred Lichtenstein: Gesammelte Gedichte. Arche Verlag, Zürich 1962

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25.06.2014

Was wirklich zu schätzen ist:

die Unbegrenztheit
des Nichtwissens

Habe leider vergessen, von wem das ist.
Die Quelle wird nachgeliefert,
sobald es mir wieder einf

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17.05.2014

ich komm jetzt wieder in meine Zeit
ziemlich abgerissen inzwischen
voll Hoffnung und Angst
und auch wieder schmerzbereit

war schon zu lang in der fremden Zeit
in der andern Welt die sich nur hält
wenn sie aufs Tempo drückt
und keine Zeit mehr hat für die Zeit

meine Zeit soll jetzt wieder ein Zimmer sein
im Haus auf der Welt mit dem Meer davor
wo das Salz als Kristall noch zu sehen ist
und die Wände nicht Engnis doch Schutz

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18.04.2014

Dichters Dilemma

Betrachtend den Ostersee
sagt der Dichter:
„Ist es nicht furchtbar?
Beim Anblick des Sees
sag ich jedesmal das gleiche:
Er ist jedesmal anders.“

Robert Gernhardt
zitiert aus: Meer von Robert Gernhardt, 2002, S. 126

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29.03.2014

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
in allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis
veröffentlicht zuerst 1911 in
der Zeitschrift ‚Der Demokrat‘

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16.03.2014

The Road Not Taken

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that the passing there
Had worn them really about the same,

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads on to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I –
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

Robert Frost
Mountain Interval, 1920

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24.12.2013

Niemand immer niemals

niemand
hat seinen sichern Platz in dieser Welt

für manche
ist das Ausgangspunkt der Suche die nie enden darf

die andern
scheints, glauben den glücklichen
llusionen dieses Nichts


allen gemeinsam
ist am End der Platz egal und immer
richtig falsch

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16. Juli 2013

This is Just to Say

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold

William Carlos Williams
Collected Poems, 1949

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2. Juli 2013

BEIM ANBLICK DES FREGATTVOGELS

Den hat kein grübelnd Herz ersonnen,
der ist aus Stoff und Sturm geronnen
zu reinem Flug.

Der ist der Inbegriff des Schwebend,
des Höher-, Schneller-, Weiterlebens
und ich karieche

in: Robert Gernhardt: Körper in Cafés.
Haffmanns, 1987

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21. Juni 2013

all das Leben
aufgestapelt bis zum Hals
wer soll das ordnen
noch verstehn

all die Erinnrungen
in Kopf und Herz und Bauch
vor denen du wohl nie mehr
flüchten kannst

und all die Träume
über jeden Horizont
die du nicht mehr
lassen willst

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Gedicht vom 5. Juni 2013

HIMMEL

allein schon das Wort
und alle blauen Farben
so als wär das die einzige Wirklichkeit

wie er lügt wenn er strahlt
Raum und Zeit übereinander schiebt
und Wahrheit schlicht behauptet

muß was dahinter sein – ist nichts dahinter
seine Wirkung macht immer das Licht
graublau hellblau tiefblau schwarz

helldunkel ist die wahre Wirklichkeit
und dann orange und wieder blau
manchmal wie abgeschnitten der Horizont

da hinten an diesem unbekannten Punkt
kein Punkt

nirgends mehr hin und überall
das ist der Ort wo ich Halt such für dies Leben
„and the sky above – an old blue place“*

*Zitat aus: Allen Ginsberg; Kaddish And Other Poems 1958 – 1960

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Gedicht vom 30. Mai 2013

LAYTONS FRAGE

So oft ich ihm sage
was ich als Nächstes vorhabe
erkundigt er sich ernsthaft:
Leonard, bist du sicher
dass du das Falsche tust?

in: Leonard Cohen: Buch der Sehnsüchte.
München, Blumenbar Verlag, 2008, S. 91

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Gedicht vom 27. Mai 2013

SOMMER AM MEER – ein Lockversuch

da auf dem Deich gehn Leute hin und her
die Sonne scheint und ab und zu startet ein Drachen
der kommt von unten hoch scheints aus dem Meer
das Meer ist gut für solche Sachen

da auf dem Deich gehn Leute her und hin
und sie genießen Meer und Sonne
so heitre Wolken durch das blaue Oben ziehn
in diesem Bild zu leben pure Wonne

vom Deich herab sieht man
grad frißt das Meer den Strand
auch an dem Übergang der Elemente
der zerfließt gehn Leute

sie gehn und stehn
in Wind und Meer und Sand
und wissen ganz genau
so wie die Flut kommt auch die Ebbe heute

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Gedicht vom 20. Mai 2013

ZEIT

als Geruch vielleicht: Verwesung
und davon wollen alle
immer mehr

nach rückwärts gewandt
in Massen vorhanden
und so unendlich

nach vorne gesehen
unübersehbares Ende
daß niemand schauen will

letztlich eben: Verwesung
hinten ist vorn

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Gedicht vom 12. Mai 2013

3 FISCHE oder ERTRAG DER LYRIK

erster Fisch
wir leben in glücklichen Zeiten
die Lyrik die rechnet sich
wir wollen die lyrischen Zeiten preisen
für vier Verse schon gibt`s einen Fisch

zweiter Fisch
wenn wir jetzt noch zwei Verse finden
und dann sogar noch zwei dazu
stimmt irgendwas nicht mit Ihrem Befinden?
dann ham wir zwei Fische im Nu

dritter Fisch
so jetzt wird`s aber spannend auf daß
der dritte Fisch endlich zu Potte
kommt danken wir nun für die letzten zwei Verse
ganz herzlich dem lieben Herrn Gotte

3 Antworten zu “Die Wochengedichte

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